Hässlicher Koloss in Puerto Rico Die Freiheitsstatue, die keiner wollte (außer Trump)

Ein neues Wahrzeichen Amerikas sollte sie 1992 werden - und endete als bizarre Lachnummer. Nach langer Odyssee wurde die größte Statue der USA inzwischen errichtet. Und kaum einer hat's gemerkt.

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Weithin kann man den Koloss aus Stahl und Bronze sehen. Er sprengt alle Proportionen: Selbst sein stolzes Schiff, das sich durch einen Turm aus Wellen pflügt, wirkt wie ein Spielzeug unter seinen Füßen. Dahinter ragt der Mast mit drei Segeln und flatternder Fahne in den Himmel, während der Riese entschlossen in die Ferne blickt, das Steuer in der linken Hand, die rechte in die Höhe gereckt.

Die größte Statue der USA ist keineswegs - wie alle denken - Lady Liberty in New York, ohne Sockel 46 Meter hoch. Sie wirkt fast zwergenhaft neben dem 126 Meter hohen Kolumbus-Denkmal "Birth of the New World" des georgisch-russischen Bildhauers Surab Zereteli. Auch das sollte eigentlich in New York stehen - wäre es nach Donald Trump gegangen.

Chris Kong in Disneyland

Es war die Ära der Ost-West-Annäherung, als Zereteli Ende der Achtzigerjahre eine Idee hatte: Zum 500. Jahrestag der Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus wollte er 1992 in den USA ein Denkmal errichten. In seiner Heimat war Zereteli umstritten - im Laufe seiner Karriere schimpften Kritiker ihn ein "Kitsch-Genie", bezeichneten ihn als "provozierend talentfrei" oder als das, was passieren würde, "wenn Disneyland Macht-PR machen müsste".

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Hässlicher Gigant: Die Freiheitsstatue, die keiner wollte (außer Trump)

US-Präsident George Bush jedoch fand Gefallen an Zeretelis Arbeit, als er ihn 1990 in Moskau besuchte. Aus drei Entwürfen für die Statue wählte Bush seinen Favoriten. Zereteli machte sich an die Arbeit: 2750 Einzelteile mit einem Gewicht von 544 Tonnen ließ er anfertigen. Erst vor Ort sollten sie zusammengesetzt werden.

Nur - an welchem Ort eigentlich?

Der war nämlich noch gar nicht abschließend vereinbart worden. Für Zereteli war der Fall klar: Natürlich musste der Entdecker in Columbus im US-Bundesstaat Ohio stehen. Er schickte schon mal den Kopf.

Kolumbophobia

Die Begeisterung in Columbus hielt sich in Grenzen. Vor allem angesichts der Kosten: 25 Millionen Dollar allein für Transport und Aufbau. Bürger protestierten gegen das "hässliche und lächerliche" Denkmal. Bald war "Birth of the New World" hier als "Chris Kong" bekannt. Die Stadt weigerte sich zu zahlen. Zereteli stoppte die weitere Verschiffung.

In Geldsorgen stürzte ihn die Verzögerung wohl nicht: Seine Gattin Inessa Andronikaschwili gehört einer georgischen Adelsfamilie an, er pflegte Verbindungen zu russischen Politikern und wurde regelmäßig mit lukrativen öffentlichen Aufträgen bedacht. Zu Presseterminen fuhr Zereteli im Rolls-Royce vor. Er wollte einfach seine Arbeit zu Ende bringen - selbst ohne Honorar.

Dazu musste er Klinken putzen: New York scheute sich, mit dem Denkmal die Skyline zu verschandeln. Fort Lauderdale und Miami lehnten dankend ab. In Baltimore beschimpfte man es immerhin nicht als "Chris Kong" - dafür als "From Russia with Ugh". Und auch Cleveland und Boston hatten eher keinen Bedarf.

Spott blieb nicht aus: Ein Landrat juxte, aus der Statue könne man doch ein tolles künstliches Riff machen, wenn man sie im Meer versenke. Ein anderer schlug vor, einfach den Kopf auszustellen - und sich mit dem Rest nicht rumzuärgern.

Das Jubiläumsjahr 1992 verstrich. Aber Zereteli gab nicht auf: 1994 traf er US-Präsident Bill Clinton und brachte aus Moskau jenes Modell mit, das Bush ausgewählt hatte. Doch auch Clinton verhalf ihm nicht zum Deal.

Zero Tolerance für "Zeretelisierung"

Und doch wurde ein Entwurf von Zereteli gebaut...

Weithin kann man den Koloss aus Stahl und Bronze sehen. Er sprengt alle Proportionen: Selbst sein stolzes Schiff, das sich durch einen Turm aus Wellen pflügt, wirkt wie ein Spielzeug unter seinen Füßen. Dahinter ragt der Mast mit drei Segeln und flatternder Fahne in den Himmel, während der Riese entschlossen in die Ferne blickt, das Steuer in der linken Hand, die rechte in die Höhe gereckt.

Dieser Gigant steht seit 1997 in Moskau. Ist die Statue dort nicht mehr als eine Kopie des Denkmals, das die USA nicht wollten? Zereteli wies 1997 alle Gerüchte von sich, er habe Kolumbus einfach den Kopf von Peter dem Großen aufgesetzt, als sein neues Denkmal zum 300. Jubiläum der russischen Marine aufgestellt wurde.

Auch in Moskau wollte eine Initiative bis zuletzt den Bau stoppen. Das Ungetüm sei eine "Beleidigung der Stadt", so Natalia Samover, Vertreterin einer Architekturschutzgruppe. Ex-Präsident Boris Jelzin fand das Werk schlicht "hässlich". Aktivisten befestigten sogar Sprengsätze daran - brachen aber in letzter Sekunde ab, aus Furcht, Passanten zu verletzen.

Nur Donald Trump pries den Künstler

Indes hielt ein Amerikaner fest zu Zereteli und seiner "großartigen Arbeit". Er verfolgte noch immer den Traum, "Birth of the New World" nach New York zu holen. Ein 30 Stockwerke hoher Kolumbus würde sich prima einfügen in sein Bauprojekt am Hudson-Ufer - den "Trump Place".

"Ein Großer und echt cool" sei Zereteli, so Donald Trump 1997 im "New Yorker". Doch Bürgermeister Rudolph Giuliani stellte sich quer. Er werde eine "Zeretelisierung" New Yorks verhindern. Und wieder kein Deal.

Aus einem Außengebiet der USA kam endlich die Rettung: Puerto Rico nahm das Geschenk 1998 an. Der Ferienort Cataño wollte Kolumbus an der Bucht von San Juan aufstellen.

Doch sogleich protestierten Bewohner, die für den Bau umgesiedelt werden sollten. Und Kritiker insistierten, man dürfe Kolumbus kein Denkmal errichten - da er für den Beginn des Genozids an Amerikas Ureinwohnern stehe. Die Hafenbehörde verweigerte die Baugenehmigung, und die Luftfahrtbehörde erklärte, das Bauwerk würde eine Einflugschneise behindern.

Geschenkt ist noch zu teuer

Schließlich zog Puerto Ricos Regierung ihre Unterstützung zurück. Für Jahre rosteten die Teile in einem Erholungspark vor sich hin.

Bis ein Investor 2008 beschloss, die Statue in Mayagüez an Puerto Ricos Westküste aufzustellen - als Attraktion der Central American and Caribbean Games 2010, einer Art olympischer Spiele Mittel- und Südamerikas. Und vielleicht wäre der Plan auch aufgegangen, dort mit dem Denkmal Geld zu machen. Hätte man nicht den Zeitplan gerissen.

Die Spiele kamen und gingen, Kolumbus blieb ein unvollendetes Puzzle aus Stahl. Zuletzt beschloss Bürgermeister Lemuel Soto 2011, das Denkmal nach Arecibo, ebenfalls in Puerto Rico, zu holen - als Zentrum eines Öko-Erlebnisparks.

Auch wenn US-Medien das Denkmal inzwischen nur noch als "kolossalen Witz" belächelten, geschah am 14. Juni 2016 das Unfassbare: "Birth of the New World" wurde in Arecibo eingeweiht. Ein wenig rostrot angelaufen vielleicht, aber vollendet. Schon bald soll das "Terra Vista Parkland" mit einem Hotel, Bars und Ballontouren Besucher anlocken.

Mittlerweile hatte sich das Örtchen Cataño, der erste puerto-ricanische Interessent, eigentlich gut in ein Leben ohne Kolumbus eingefunden. Aber dann kam ein verspäteter Abschiedsgruß: Das Finanzministerium erinnerte, man habe da doch mal diese Statue eingeführt. Dafür stünden allerdings noch Steuern an: drei Millionen Dollar.

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reinhard breuell, 15.02.2017
1. Mega Kitsch
was hat das jetzt mit Trump zu tun ? Geschmack ist schon eigenartig, gleich neben dem Monster ist die Seejungfrau ohne Kopf abgebildet, na ja, verschönert den Felsen nicht unbedingt, dann kommt noch die Schaukel für die Skater in Berlin. Auch son Monster. Nicht alles was gross ist, muss ja Kunst sein. Da gabe es mal 3 Container in Hamburg.
Roman Triebelhorn, 15.02.2017
2. Kleingeist in Groß
Zareteli ist sehr kunstvoll darin die Nähe zu den Lenkern dieser Welt zu finden. Seine "Kunst" entspricht genau deren Mentalität – bigger is not big enough. Schade, dass keine echten Künstler einen Zugang zu solchen Projekten finden. "Kunstkenner" wie Bush sind wohl mental mit einem "Künstler" wie Zareteli auf einer Wellenlänge, Kurzwellen nehme ich an...
Heinz Bartenschlager, 15.02.2017
3. Dieser Zereteli sollte schon mal einen Entwurf zu einer Trump-Statue beibringen, die mindestens die Größe seiner Kolumbus-Statue erreichen sollte
Die Puerto-Ricaner müssen irgendwie schlechte Karten gehabt haben, um das Errichten dieser monströsen Statue von Kolumbus in Arecibo zur Verschandelung der Gegend verhindern zu können. Touristen, die meinen sich diese Statue aus der Nähe anschauen zu müssen, sind zweifellos bemüht, an der Ehrung eines historischen Spektakels teilhaben zu dürfen und vielleicht teilen sie damit den monumentalen Kunstsachverstand eines Trumps, der dieses gigantische Monstrum zu seinem Leidwesen nicht New York als alternatives Denkmal zur Freiheitsstatue verpassen konnte. Dies würde gewiss zu seinem "Make America Great Again" wie die Faust aufs Auge gepasst haben und würde ihm als Urheber dieser Skyline-Verschandelung großes Ansehen bereitet haben dank einer solch großartigen überdimensionalen Verirrung, really terrific.
Emanuel Gold, 15.02.2017
4.
Es ist hinlänglich bekannt, dass Diktatoren zu Kolossal- und Monumentalbauten neigen. Insofern wundert mich auch Trumps Bewunderung nicht im mindesten.
Stefan Fricke, 15.02.2017
5. Passt doch
Die Kolumbus-Glorifizierung in den USA ist nicht nachvollziehbar. Kolumbus hatte keinen Fuß aufv den nordamerikanischen Kontinent gesetzt. Die Insel Puerto Rico ist dasc einzige heutige US-Territorium, das er jemals betreten hat. Daher steht das Monument dort schon richtig. Auch mal Mahnmal gegen den Kolonialismus und seine Folgen.
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