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Haftalltag in der DDR Haarwasser statt Alkohol

Haftalltag in der DDR: Haarwasser statt Alkohol Fotos
dpa

Zigaretten als Gefängniswährung, Kuchenlieferungen frei Haus und private Momente unterm Zellenbett: Als Uwe Pries 1982 nach einem gescheiterten Fluchtversuch inhaftiert wurde, lernte er die Besonderheiten des DDR-Haftalltags kennen - und die Verzweiflung eines Mithäftlings, der dort wirklich nicht hingehörte.

Die Fahrt nahm kein Ende. Der Häflingszug brauchte für die gerade mal 39 Kilometer aus dem Untersuchungsgefängnis Halle/Saale in die Haftanstalt in Naumburg geschlagene drei Tage. Das macht einen halben Kilometer pro Stunde. Kreuz und quer muss der Zug durch die DDR gefahren sein. Als wir endlich in Naumburg ankamen, waren wir übermüdet. Trotzdem wurden wir sofort untersucht. Genitalien und Anus wurden wegen Schmuggelgefahr eingehend inspiziert. Eine Demütigung angesichts meines ungepflegten Körpers.

Die Zelle, in die man mich steckte, wurde von einem ungefähr 40-jährigen Mann bewohnt. In meiner Fantasie hatte ich mir die düstersten Dinge vorgestellt: Vergewaltigung, Unterwerfung, Zwangstätowierungen. Was ich vorfand, war ein Irrer, der Mitten in der Zelle auf der Toilette saß und gerade sein Geschäft verrichtete. Es roch übel, aber er rief ein fröhliches "Hallo", griff zum Lappen, als er fertig war, wienerte die Klobrille und wischte anschließend mit demselben Lappen die Brotkrümel vom Tisch. Als wollte er mir zeigen, dass er sehr häuslich und ein guter Zellengenosse war. Als ich feststellte, dass er auf Papier Maschinenpistolen konstruierte wurde mir mulmig. Nach ein paar Stunden wurde ich zu meiner Beruhigung in eine andere Zelle verlegt. Ich fragte mich, was dieser Mensch im Strafvollzug zu suchen hatte. Er schien eine andere Art der Behandlung nötig zu haben.

Monate später klärte mich ein rechtskundiger Mitgefangener auf: Der Paragraph 249 des Strafgesetzbuchs der DDR sah für "asoziales Verhalten" bis zu zwei Jahre Haft vor. Genau definiert war der Tatbestand nicht. So konnten Unangepasste diszipliniert und sozial auffällige Menschen, die eigentlich therapiebedürftig waren, einfach weggesperrt werden. Sogar Ausreiseantragsteller wurden mithilfe dieses Paragraphen kriminalisiert und manch' Kleinkrimineller trotz eines nur geringfügigen Delikts zusätzlich zu einer empfindlichen Haftstrafe verurteilt. Wir Insassen kannten die Paragrafen der DDR-Gesetzgebung gut. Auf die Frage "Was bist Du denn für einer?" antwortete ich: "213er" - das stand für "Republikflucht".

Kuchen für den Knast

Meine Maxime für die Zeit in Haft war es, aus allem das Beste zu machen. Zu meiner eigenen Überraschung schaffte ich es, nicht zu rauchen. Wenn man bei vierzehn stark rauchenden Mithäftlingen in der vielleicht 35 Quadratmeter großen Zelle von Nichtrauchen sprechen kann. Die Motivation war dabei nicht unwesentlich: Der Durchschnittsverdienst lag im Gefängnis bei circa 70 Mark im Monat, und Zigaretten konnten als Tauschware den Lebensstandard in der Haft erheblich erhöhen. Die Pakete, die man uns ins Gefängnis schickte, durften zwei Kilo schwer sein, und Zigaretten waren wertvoll und leicht. Als der Offizier bei der Paketübergabe zu seiner Überraschung vier Stangen Camel - feinstes Kraut aus dem Feindesland - und nicht etwa zwei oder drei Schachteln Club oder Karo aus meinem Paket holte, war angeblich nur eine Stange erlaubt. Unter vier Augen rang ich dem Uniformierten einen Kompromiss ab: Eine Stange bekam er, eine ich und die zwei übrigen würde er mir in den Folgemonaten aushändigen.

Ein Großteil meiner Zigarettenwährung floss in die Wäschekammer. Wie alle Neuen trug ich alte, geflickt und gestopfte Kleidung. Trotz körperlicher Arbeit konnte man normalerweise nur zweimal in der Woche Unterwäsche und Socken wechseln. Dank der Zigaretten war ich aber für Haftverhältnisse bald fein rausgeputzt. Die Tauschaktionen mit dem Wäschereikommando waren unkompliziert, denn mein erster Zellendienst war der des Wäschefritzen. Die verschwitzten Socken anderer Leute einzusammeln fand ich aber auf Dauer nicht gut. Ich übertrug diese Tätigkeit recht schnell einem Neuankömmling. Danach fand ich den idealen Dienst.

Ich befragte meine Zellengefährten nach ihren Kuchenwünschen für das Wochenende und sammelte das Geld ein. Ich wurde Kuchenbeauftragter! Quarktorte für sechs Mark? Obstblechkuchen für die Geburtstagsparty? Notiert und kassiert. Jeden Samstagmorgen fuhr der Lieferwagen einer Bäckerei in den Innenhof und übergab riesige vorsortierte Kuchenberge an mich und die anderen Kuchenbeauftragten. Individuell bestellte, einzelne Kuchenstücke! Und das in der DDR, wo nie etwas richtig funktionierte. Außer Flüchtlinge einzufangen, einzusperren und irgendwann gegen Devisen zu verkaufen. Samstagnachmittags trafen wir uns bei geöffneten Zellentüren zu Tee, Kuchen, Tanz und Kartenspielen.

Freigang unterm Bett

Am schlimmsten war die Enge und die Unmöglichkeit, allein zu sein. In der Haftanstalt gab es ein Aquarium, und manchmal beobachtete ich neidisch die beiden Guppys, die in unendlich viel Wasser schwammen. Möglichkeiten zur inneren Einkehr gab es kaum. Nachts aufzustehen und in die separate Toilette zu gehen, war die einzige. Aber meistens saß da schon einer.

Irgendwann fand ich heraus, dass bei der nachmittäglichen Freistunde im Hof nicht gezählt wurde. Der Schließer kam gegen 16 Uhr und schickte die komplette Stockwerksbesatzung - ungefähr 75 Personen - in den Hof. Ich versteckte mich unter einem in der Ecke stehenden Bett. Mir wird noch heute mulmig, wenn ich an die blank gewienerten Stiefel des Schließers denke, die den Raum machtvoll und kontrollierend durchschritten: "Was, wenn der sich bückt?" Aber dazu kam es nie.

Nur einmal bekam ich es mit der Angst zu tun: Als unsere Zelle - während ich gerade unter dem Bett schlummerte und von besseren Zeiten träumte - gefilzt wurde. Vier Wärter rissen uns die Bettdecken herunter, kippten die Schränke aus, wühlten sich durch unsere Habseligkeiten. Ich sah mich schon für längere Zeit in Isolierhaft. Aber ich hatte Glück, und meinen Zellengefährten stand bei ihrer Rückkehr und meinem Anblick der Mund offen.

"Ihr Schweine!"

Das Schicksal eines Mitgefangenen lässt mich noch immer nicht los. Er war älter als ich, vielleicht Dreißig, ein hoffnungsloser "249er". Ich glaube, er hieß Peter, und er war eigentlich ein sympathischer, humorvoller Mecklenburger. Aber er war auch Alkoholiker. Peter wurde nie besucht und bekam keine Post. Er war ein bedauernswerter Mensch ohne Zukunft. Das erste Mal nahm ich ihn in der Werkshalle wahr, als ich ihn beim Gewindeschneiden beobachtete. Man musste auf Zack sein, um diese Arbeit zu machen. Links stand die Kiste mit Rohlingen, die man mit der linken Hand in die Führung schob, während man mit der rechten den Gewindebohrer bediente. Die Normen waren astronomisch hoch, mehrere tausend Werkstücke mussten während einer Schicht angefertigt werden. Der Leistungsdruck war Wahnsinn. Man musste sich schnell einarbeiten.

Peter zitterten die Hände. Ein erbarmungswürdiger Anblick. Die Teile fielen ihm immer wieder aus der Hand. Er hatte Probleme, den Gewindeschneider in das vorgebohrte Loch zu führen. Er bohrte vielleicht 200 bis 300 Mal pro Schicht. Das war nur ein Bruchteil des Plansolls. Zuerst untersagte man Peter zur Strafe den Empfang von Besuch und Post. Aber das störte ihn natürlich nicht. Außerdem hatte er andere Sorgen: Er brauchte Alkohol. Eines Tages stand in der Nasszelle neben mir und beäugte gierig mein 200-Milliliter-Fläschchen mit Birkenhaarwasser. Er sagte: "Lass mich doch mal einen Schluck trinken, einen kleinen nur, Du. Ich blase Dir auch einen dafür!"

Ohne Gegenleistung überließ ich ihm den Flascheninhalt. In fünf Sekunden war die Parfümflasche leergesaugt und Peter lächelte glückselig. Er hätte niemals in einem Gefängnis sein dürfen. Er hatte Hilfe nötig, und keine Haft. Aber alle verschlossen die Augen, sowohl Personal als auch Mitgefangene. Irgendwann griffen bei Peter wegen der Nichterfüllung der Norm die strengeren Strafen. Man steckte ihn in den sogenannten Bunker. Zuletzt bäumte sich Peter in der Isolierhaft noch einmal gegen seine Unterdrücker auf und protestierte auf die einzige Art, die ihm übrig geblieben war: Mit seinen eigenen Exkrementen schrieb er "Ihr Schweine!" an die Zellenwand. Danach wurde er in das Leipziger Haftkrankenhaus Meusdorf verlegt - und kam nicht wieder zurück.

Ich wurde nach einem Jahr Haft 1983 direkt in die BRD entlassen und habe Peter nie ganz vergessen.

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