Hai-Hysterie 1916 Menschenfresser von New Jersey

Diese Geschichte wurde zum Vorbild für den Spielberg-Film "Der Weiße Hai": Im Juli 1916 fielen fünf Schwimmer vor der Küste der USA tödlichen Bissattacken zum Opfer. Großwildjäger suchten nach dem Tier - die landesweite Hysterie steckte sogar den Präsidenten an.

CORBIS

Von Linus Geschke


Der Sommer 1916 war einer der heißesten, an die man sich an der amerikanischen Ostküste erinnern konnte. Wie ein feuchtwarmes Bettlaken lag die Hitze über den Großstädten, viele Amerikaner litten an Polio und wer es sich leisten konnte, schickte seine Familie in die sogenannte Sommerfrische, wo man ausgiebig einer neuen Freizeitbeschäftigung nachging: dem Baden im offenen Meer.

Auch der kleine Küstenort Beach Haven platzte am 1. Juli 1916 aus allen Nähten. Frauen mit kunstvoll aufgetürmten Hochsteckfrisuren flanierten unter Sonnenschirmen die Promenade entlang, Kinder spielten am Strand und Männer in schwarzen Badeanzügen stürzten sich wagemutig in die Fluten. So wie der 25-jährige Charles Epting Vansant, Spross einer angesehenen Ostküsten-Familie, der gemeinsam mit seinem Hund am späten Nachmittag in den Fluten nach Abkühlung suchte.

Es war eine unbeschwerte Zeit, der Höhepunkt eines goldenen Zeitalters. Die europäischen Kriegsschauplätze waren weit entfernt, technische Neuerungen wie elektrisches Licht und Telefon bestimmten immer stärker den Alltag und den Glauben daran, dass die Natur ihre Schrecken verloren hätte. Alte Legenden, die früher Angst vor blutrünstigen Seeungeheuern verbreiteten? Nur Seemannsgarn, über das man in den Lobbys der viktorianisch anmutenden Ferienhotels herzhaft lachen konnte.

Zur selben Zeit zog ein Hai vor Beach Haven seine Bahnen. Er war weder ein Ungeheuer noch blutrünstig. Vielleicht hungrig, vielleicht verwirrt. Und auch die Menschen am Strand wussten nichts von ihm; die meisten hatten ohnehin nicht mal eine Vorstellung davon, wie ein Hai überhaupt aussah. Haie galten als Tiere der Tropen, für die die Gewässer New Jerseys viel zu kalt waren. Und es war noch nicht lange her, dass Herrmann Oelrichs, einer der reichsten Amerikaner und Herausgeber der "New York Sun", öffentlich eine Belohnung für denjenigen ausgesetzt hatte, der ihm bewies, dass "jemals ein feiger Haifisch irgendwo einen Menschen gefressen hätte".

Als Charles Vansants Schreie über den Strand schallten, war er nur wenige Meter vom Ufer entfernt. Um ihn herum färbte sich das Wasser rot. Der Rettungsschwimmer Alexander Ott war als Erster bei Vansant und sah dabei einen Fisch, den er später als rund drei Meter lang und um die 500 Pfund schwer bezeichnete - einen Hai. Vansants Wunden waren fürchterlich, große Teile des Oberschenkels fehlten. Er verblutete eine Stunde, nachdem man ihn an Land gebracht hatte. Aufgrund von Otts Beschreibung trug der herbeigerufene Gerichtsmediziner zum ersten Mal in der Geschichte der USA "Haibiss" als Todesursache in eine Sterbeurkunde ein.

Keine Panik - bis zum zweiten Opfer

Trotz des Todes von Charles Vansant blieb eine Panik an der Südküste New Jerseys zunächst aus. Die Zeitungen berichteten nur in kleiner Aufmachung. Experten stritten, ob nicht eher ein großer Thunfisch oder gar eine Meeresschildkröte für den Angriff verantwortlich sei. Dazu stand der 4. Juli vor der Tür, Amerikas Unabhängigkeitstag, und kein Badeort New Jerseys hatte ein Interesse daran, die Strände an diesem Tag sperren zu lassen. Auch nicht Spring Lake, gut 70 Kilometer nördlich von Beach Haven gelegen.

Charles Bruder war ein geübter Schwimmer, einer, der sich weit ins Meer hinaus traute und dabei die bewundernden Blicke der Damen genoss. In Kalifornien hatte er bereits Kontakt mit Haien gehabt, war aber überzeugt davon, dass diese vor einem Schwimmer flüchten würden. Am 6. Juli war er etwa hundert Meter vom Ufer entfernt, als der Hai ihn attackierte - deutlich wuchtiger als bei Charles Vansant. Bruder verstarb noch im Rettungsboot, sein Anblick war schockierend: Teile des Unterleibes fehlten, die Beine wurden in Kniehöhe abgerissen, reihenweise fielen die Frauen am Strand in Ohnmacht.

Jetzt gab es keine Ostküstenzeitung mehr, die nicht auf der Titelseite von der "Bestie New Jerseys" berichtete. Die Strände wurden gesperrt, jeder Schatten im Wasser löste Panik aus, weitere Experten wurden hinzugezogen. Einer von ihnen, der anerkannte Ichthyologe John Nichols, hatte bereits mehr als tausend Fachartikel veröffentlicht - an einen Hai glauben wollte er aber nicht: Er hielt diese Art schlichtweg nicht für stark genug, um einem erwachsenen Menschen beide Beine auf einmal abzubeißen und legte sich daher auf einen Schwertwal als Täter fest.

Während an der Küste die Coast Guard für Sicherheit sorgen sollte, US-Präsident Woodrow Wilson wegen den Attacken eine Kabinettssitzung einberief, und Großwildjäger in Booten mit Gewehren bewaffnet auf die Jagd gingen, zog der Hai weiter gen Norden. Das nächste Mal sollte er an einer Stelle zuschlagen, mit der niemand rechnen konnte.

Rätsel am Matawan Creek

Der Matawan Creek ist ein von den Gezeiten bestimmter Flusslauf, der fast schon in Sichtweite von Staten Island, New York, beginnt. Rund 15 Kilometer von der Küste entfernt planschte der zwölfjährige Lester Stillwell am 16. Juli mit seinen Freunden im Fluss und ließ sich vom kühlen Nass tragen, als sich zwei mächtige Kiefer um ihn schlossen und ihn unter Wasser rissen. Seine Freunde liefen panisch davon und holten Hilfe, unter anderem den 24-jährigen Stanley Fisher. Als Fisher den Fluss erreichte, war Stillwell verschwunden. Eine halbe Stunde lang tauchte Fisher immer wieder zum Grund des Flusses hinab und als er mit Stillwells Leiche in den Armen nach oben kam, attackierte der Fisch erneut - diesmal Fisher, den Helfer. Der im Ort angesehene Schneidermeister erlitt Verletzungen an Hüfte und Oberschenkel und erlag diesen kurz darauf im Krankenhaus.

Das letzte Opfer des Hais sollte das einzige sein, das den Angriff überlebte. Keine 40 Minuten war die Attacke auf Fisher her und Stillwell erst eine gute Stunde tot, als der Hai seine Zähne in den Oberschenkel des 14-jährigen Joseph Dunn bohrte. Nur dem beherzten Eingreifen zweier Männer, die die Badenden vor dem Hai warnen wollten, verdankte er sein Leben. Innerhalb der nächsten Stunde glich der sonst so friedliche Matawan Creek einem Kriegsgebiet: Menschen feuerten mit Gewehren wild ins Wasser, warfen Dynamitstangen. Jeder, der ein Boot hatte, suchte den Flusslauf ab. Der Hai jedoch blieb verschwunden.

Erst als Michael Schleisser, ein Dompteur und Großwildjäger, zwei Tage später in der in unmittelbarer Nähe zum Mündungsgebiet des Matawan Creek gelegenen Raritan Bay einen weiblichen Weißen Hai erlegte, war der Schrecken vorbei. Bei der Untersuchung fand man in dem Magen des 2,30 Meter langen Tieres menschliche Überreste, die allerdings keiner konkreten Person zugeordnet werden konnten. Es konnte sich auch um die Leichen von Ertrunkenen handeln, die das Tier gefressen hatte.

Fünf Menschen sterben jährlich in Hai-Attacken

Bis heute sind sich die Experten uneinig, welcher Hai für die Angriffe verantwortlich war - oder ob es gar mehrere Individuen waren. Die menschlichen Überreste im Magen und die Tatsache, dass es fortan keine Angriffe mehr gab, sprachen für den erlegten Weißen Hai. Andere sahen in einem Bullenhai den Täter: Eine ebenfalls potentiell gefährliche Art, die sich öfter auch in Süß- und Brackwasser vorwagt - ein Gebiet, in dem Weiße Haie bis heute nie gesehen wurden.

1974 veröffentlichte der Autor Peter Benchley, inspiriert durch die Vorfälle in New Jersey, seinen größten Erfolg: "Jaws", also "Kiefer" - eine Geschichte, in der ein Weißer Hai einen imaginären Küstenort bedroht. Der Stoff wurde ein Jahr später von Steven Spielberg verfilmt und kam als "Der Weiße Hai" auch in die deutschen Kinos, womit er das Bild des Tieres in der Öffentlichkeit entscheidend prägte.

Dabei wurde vergessen, dass der Hai im Film mit dem realen Verhalten eines Weißen Hais in etwa so viel zu tun hatte wie "King Kong" mit dem Leben eines Gorillas. Würden Haie Menschen generell als Beute ansehen, gäbe es pro Jahr weltweit Tausende von Toten. Tatsächlich sterben aber durchschnittlich nur fünf Personen an den Folgen einer Attacke - weniger als bei Angriffen von Bienen oder Wasserbüffeln.

Für den Weißen Hai kommen solche Erkenntnisse womöglich zu spät: Knapp hundert Jahre nach den Vorfällen in New Jersey ist das Tier akut vom Aussterben bedroht.



insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
Herr Pries, 10.10.2012
1.
Interessanter Artikel, aber der Vergleich mit den Opfern durch Bienenstiche hinkt: sollte man nicht die Zahl der Opfer vergleichen, die überhaupt als solche in Frage kommen? Ich selbst schwimme sehr selten in Gewässern, in denen Haie wahrscheinlich vorkommen Bienen und Wespen sehe ich aber jeden Tag und ich denke, dass ein recht großer Teil der Weltbevölkerung Regionen lebt, in denen Bienen vorkommen. Trotzdem: der Grundaussage, dass um ein überschaubares Risiko herum herum eine große Wolke wohligen Schauers gebaut wird, kann ich zustimmen.
silent hunter, 10.10.2012
2.
LEider fehtl hier gänzlich der Hinweis uaf folgenden Film: 12 Days of Terror http://de.wikipedia.org/wiki/12_Days_of_Terror Hätte man auch mal empfehlen können....
Herr Pries, 10.10.2012
3.
Kleine Ergänzung: gemeint war natürlich der Vergleich möglicher Opfer ... Opfer die als solche nicht Frage kommen gibt es eher selten :-)
Bernhard Aufleger, 12.12.2013
4.
In Peter Benchleys Buch "Jaws" geht es mehr um den Konflikt zwischen dem Bürgermeister und dem Polizeichef, will heißen den Gegensatz: Profit - Verantwortung gegenüber Menschen. Der Hai spielt darin eine Nebenrolle. Von daher ist das Buch brandaktuell. Spielbergs Film verschiebt die Gewichtung etwas - anders hätte es wohl kaum ein Kassenschlager werden können.
Torsten Schlegel, 31.05.2015
5. Buchempfehlung
Das Buch "Der Hai" von Michael Capuzzo beschreibt den Vorfall nebst guter Einordnung in damaligen gesellschaftlichen Verhältnise.
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