Erdbeben in Haiti "Hört auf zu schreien, wir brauchen die Luft!"

Erdbeben in Haiti: "Hört auf zu schreien, wir brauchen die Luft!" Fotos
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In der Hölle von Haiti: Als im Januar 2010 ein Erdbeben den Inselstaat erschütterte, kämpften auch Freunde von Uwe-Jens Schumann um ihr Leben. Nicht alle konnten sich retten. Nun rekapituliert der Journalist ihre Tage im Chaos. Eine Geschichte von schweren Schicksalsschlägen - und großen Wundern. Von

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Als am 12. Januar 2010 auf Haiti die Erde bebt, ist Uwe-Jens Schumann geschockt. Es sind Freunde und Bekannte von ihm auf der Insel im Hotel Montana. Nicht alle werden es schaffen.

Monate nach der Katastrophe beschloss der Journalist und Buchautor, die Erinnerungen seiner Freunde und Bekannten aufzuschreiben. Als Abschied von den Verstorbenen.

Dies ist die Geschichte von Krista, Meriadeg und Olivia, von Nadine, Jaelle, Reinhard und Silvan, von Nora, von der vollkommenen Zerstörung des Hotels Montana - und von einem neuen Anfang.

Port-au-Prince

Das Bild, das die Stadt am 12. Januar 2010 bot, ist unauslöschbar: Trümmer, Lazarette, Zeltcamps überall, Berge von Leichen. Vor der ehemals weißen Mauer des zusammengekrachten Präsidentenpalasts parkt ein bauchiger Tanklaster, der Trinkwasser ins Zentrum von Port-au-Prince bringt. In schreiend rot-gelben Buchstaben steht über Roststellen auf den Lkw geschrieben: "Wait for God".

Olivia

8. Januar 2010. Vier Tage bis zur Katastrophe.

Olivia-Elisa Bouillé, 26, schönes Gesicht, gerahmt von pechschwarzem Haar - findet ihr Dasein derzeit wunderbar. Sie hat in München, wo sie daheim ist, an der Mode-Akademie gerade ihr Examen zur Designerin geschafft. Note 1,6. Die Eltern haben sie über Weihnachten und Silvester zum gemeinsamen Fünf-Sterne-Urlaub in Haiti eingeladen. Ihr Leben ist nun total entschleunigt. Die gegenwärtigen Programmpunkte: Gelassenheit gewinnen. Faulenzen. Genießen. Abhängen.

Von Haiti, dem ärmsten Land der westlichen Hemisphäre, korrupt, hochkriminell, kaputt, bekommt die Münchnerin nur wenig mit. Das noble Montana, "The Place to be", wie die Werbung verspricht, schaut über fünf Stockwerke oben vom dschungelgrünen Hang nach Pétionville herab auf Port-au-Prince. Auch in der Nachbarschaft wohnt niemand, der sich wie die da unten im Tal nach harter Tagesarbeit mit einem Lohn von nicht mal einem Dollar begnügen muss. Ganz oben am Hügel thronen die gut gesicherten Botschaften von Frankreich und den USA, Haitis einstigen "Schutzmächten".

Tagsüber hört man aus dem Tal ein paar entfernte Rara-Klänge, voll aufgedrehte Straßenmusik. Nachts verschaffen Voodoo-Laute und Trommeln den "Blancs", den zahlungskräftigen Fremden im Montana, den schönen Schauer des Mystischen. Runter ins brodelnde Port-au-Prince trauen sich die Gäste auch am helllichten Mittag nur in der gepanzerten Hotellimousine.

Ein Schlüssel zum Verständnis, warum Olivia Haiti als Ferienziel gewählt hat, ist Nadine Cardoso, 62. Sie ist mit ihrer Schwester Garthe Besitzerin der 145-Zimmer-Herberge Montana. Die Haitianerin ist Olivias Patentante. Mehr noch: Nadines Power hat auf Oliv, wie Freunde sie nennen, immer schon große Faszination ausgeübt. Genau so wie Nadine möchte sie eines Tages sein.

Olivia ist in Brasilien geboren. Als von der leiblichen Mutter ungewolltes Baby wurde sie vom österreichisch-französischen Ehepaar Bouillé nach München geholt. Oder wie Mutter Krista gern sagt: "Sie hat uns adoptiert."

An diesem Nachmittag sitzt Oliv in ihrem Zimmer im vierten Stock des Montana und skyped mit Aida, einer ihrer Freundinnen in München: "Wir sind so schön jung, Kusinchen." Olivia, Einzelkind, nennt alle in ihrem Alter, die sie mag, Kusinchen. "Wir müssen deswegen jetzt besonders glücklich sein." Aida widerspricht nicht. Sie sagt heute: "Vielleicht hat die Maus ja geahnt, was mit ihr passiert."

Krista

Drei Tage bis zur Katastrophe.

Die Dame im Fond der Montana-Limousine schaut entsetzt zur Seite. Gerade noch hat sie sich bei der Fahrt entlang der Front des Marché de Fer am Bild der Marktstände und Menschen erfreut. Doch die Farben machen Armut und Elend nur an der Oberfläche weniger trist.

Krista Bouillé, Heilpraktikerin für Psychotherapie, sieht eine Frau. Sie sitzt mit den Stümpfen ihrer Beine in der Mitte eines aus Latten und kleinen runden Scheiben zusammengezimmerten Holzwägelchens. Ihre Hände stecken in Gummiwülsten aus Überresten von Reifen. Mit schnellem Abstoßen auf dem Pflaster bewegt sich die Frau von Stand zu Stand. "Das darf doch nicht sein", stöhnt Krista laut auf. "Mein Gott, wie kann man so etwas zulassen?"

Jean-Armand, der Hotelchauffeur, verfolgt die Reaktionen seiner Passagierin durch den Rückspiegel. "Madame", sagt Jean-Armand in kreolisch eingefärbtem Französisch, "so lange wir zu Essen und abends ein Dach über dem Kopf haben, Madame, so lange sind wir Haitianer glücklich." Krista ist schockiert. Doch auf sie warten weitere Urlaubstage mit ihrem Mann Meriadeg und Freunden aus Paris am Strand von Las Terrenas in der benachbarten Dominikanischen Republik. Da lässt es sich leichter verschmerzen, dass es Tochter Olivia vorgezogen hat, bei ihrer jugendlichen Clique im Hotel Montana zu bleiben.

Olivia hat beim Abschied vor der weit geschwungenen Hotelfront noch ein paar Kusshände in die Luft geworfen. In einer Woche wird sie den Eltern nach Santo Domingo hinterherfliegen.

Nadine und Nora

Zwei Tage bis zur Katastrophe.

Die Hotelchefin Nadine Cardoso findet zwischen zwei Terminen kurz Zeit, mit ihrer Freundin Nora auf der Hotelterrasse Tee zu trinken. Ihre stille Übereinkunft: Kein Wort mehr über das, was Nadine hat hinter sich bringen müssen. 2004 war sie von Kidnappern entführt worden. Zwei Wochen musste Nadine an eine Wasserleitung gefesselt in Ungewissheit über ihr Schicksal zubringen, nach Zahlung eines Lösegelds wurde sie dann von ihren Peinigern auf einer nächtlichen Straße vor Port-au-Prince aus dem Auto geworfen.

Nadine und Nora sprechen lieber über Unverfängliches: Wie oft hat Nora schon das Montana besucht? Siebenmal? Achtmal? Egal. Der gegenwärtige Aufenthalt im Montana, das in erster Linie von Managern, Diplomaten und Politikern bis hin zum Ex-Präsidenten der USA, Bill Clinton, und Stars wie Angelina Jolie gebucht wird, gehört zweifellos zu den schönsten. Man ist überaus entspannt. Derzeit die größte Sorge, die die Hotel-Leute umtreibt: Die Auffahrt muss erweitert werden, nicht genügend Platz für den Gala-Empfang manch illustrer Staatsgäste Haitis.

Mit Nadine Cardoso verbindet Nora - Markenzeichen: feuerrote Haare, La Rouge, wie das Hotelpersonal sagt - eine Lebensfreundschaft. Sie lernten sich während der Olympischen Spiele 1972 in München im Dolmetscher-Pool kennen. Es war Sympathie auf den ersten Blick. "Wilde Zeiten", wie Nora heute sagt. Vor zwei Jahren dann starb ihr Ehemann - der Beginn von Noras regelmäßigen Fluchten zur Herzensfreundin.

Es gibt nun wieder einen Mann im Leben der Nora Junker. Ein Jugendfreund, Tony, heute Bibelforscher im Mittelwesten der USA. Er hat ihr für die Reise nach Haiti eine Psalm-Botschaft geschickt: "Ich sende dir einen Engel und der breitet die Flügel über dir aus."

Der angekündigte Engel trifft mit größter Pünktlichkeit bei Nora im Montana ein. Keine Sekunde zu spät.

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