Hakeburg Kleinmachnow Hochburg zweier Diktaturen

Hakeburg Kleinmachnow: Hochburg zweier Diktaturen Fotos

Jahrzehntelang war die Neue Hakeburg verbotenes Land. Zu Nazi-Zeiten wurde dort für den "Endsieg" geforscht, in der DDR die politische Elite ausgebildet - aber das kam erst nach der Wende heraus. Noch immer sind nicht alle Geheimnisse gelüftet. Von

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Wilhelm Ohnesorge war voll in seinem Element. Kaum hatte der Reichspostminister die Neue Hakeburg im Januar 1937 erworben, riegelte er das gesamte Gelände hermetisch ab. Am Ufer des direkt angrenzenden Klein Machnower Sees zog er einen martialischen Stacheldrahtzaun hoch, um "Unbefugte und Wassersportler" fernzuhalten. Den Rest des insgesamt 50 Hektar großen Geländes ließ er mit einem 2,20 Meter hohen Lattenzaun umfrieden, obwohl der Landrat kräftig dagegen protestierte.

Ohnesorge kümmerte das wenig. Was künftig rund um das zwischen 1906 und 1908 erbaute Neo-Renaissance-Schlösschen geschah, sollte der Öffentlichkeit verborgen bleiben. Seine Abschottungsgelüste hatten schon fast paranoide Züge. Am Pförtnerhaus stationierte er eine zehn Mann starke Wache bestehend aus Postmitarbeitern, die das gesamte Gelände zu beaufsichtigen hatten. Zusätzlich heuerte er die Berliner Wach- und Schließgesellschaft an, die nachts Kontrollgänge machte. Die Botschaft war klar: Das hier ist verbotenes Land!

Über Jahrzehnte sollte die Hakeburg diesen Nimbus nicht mehr loswerden, wie Hubert Faensen in einer umfassenden Studie feststellte. Als nämlich die SED 1947 das Gelände übernahm, riegelte sie es ähnlich hermetisch ab wie Ohnesorge. Bretterzaun und Stacheldrahtzaun blieben. Die Volkspolizei war rund um die Uhr im Einsatz. Die roten Bonzen taten letztlich genauso geheimnisvoll wie die braunen und verschanzten sich demonstrativ hinter den Mauern. Die Hakeburg blieb unantastbar. Es sollten noch Jahrzehnte vergehen, bis die geheimnisvolle Geschichte der Festung öffentlich wurde.

Postminister Ohnesorge war in den Dreißigern während der Suche nach einer Immobilie für die ihm unterstellte Reichspostforschungsanstalt auf die Hakeburg gestoßen. Er fand sofort Gefallen an dem Gemäuer und kaufte es dem wegen seines überbordenden Lebensstils in Geldnot geratenen Besitzer Dietloff von Hake kurzentschlossen ab. Die Reichspostforschungsanstalt (RFP) war Anfang Januar 1937 gegründet worden und sollte die "Nachrichten- und Fernsehtechnik militärisch weiterentwickeln". Dass UKW-geleitete Panzerverbände 1939 den Krieg in Polen eröffneten, ist den RFP-Forschern zuzuschreiben.

Der Standort Hakeburg schien für das Forschungsinstitut ideal zu sein: Das Areal bot den Wissenschaftlern die Möglichkeit, ungestört und fernab der Öffentlichkeit an ihren hochgeheimen Projekten zu arbeiten. Es fehlte nur an der nötigen Infrastruktur. Ohnesorge gab daher eine Reihe von Neubauten in Auftrag: Auf dem Gelände sollten sieben Gebäude – sechs sogenannte Institutsgebäude und ein Techniktrakt - mit jeweils mehr als 1000 Quadratmetern Fläche entstehen, um die verschiedenen Arbeitsbereiche der RFP unterzubringen. Die Gebäude wurden behutsam in die Natur eingepasst. Sie sollten weder von oben noch von unten zu sehen sein. Das bot Schutz vor Fliegerangriffen und Spionen.

Burg im Nazi-Schick

Der Reichspostminister gefiel sich als neuer Burgherr. Noch bevor die eigentlichen Bauarbeiten an der Forschungsanstalt begannen, ließ er sich die Hakeburg zu einer protzenden Ministerresidenz im Nazi-Schick umbauen. Das Postministerium machte 400.000 Reichsmark locker, "um die Hakeburg [...] einer Reichsbehörde würdig zu gestalten". Vor allem im Erdgeschoss ließ Ohnesorge kräftig Hand anlegen: Hakenkreuze im Parkett, Zitate aus "Mein Kampf" in der Wandvertäfelung, Szenen aus dem Nibelungenlied – NS-Ideologie, wohin man schaute.

Im ersten Stock ließ er sich eine Privatwohnung einrichten. Offiziell handelte es sich um einen Dienstsitz. Tatsächlich verbrachte er hier aber viel Zeit mit seiner Frau und seinen Kindern. Am See ließ er zusätzlich ein üppiges Badehaus für die Sommermonate bauen. Es war die perfekte feudale Idylle. Abgeschirmt von der Öffentlichkeit feierte hier die braune Elite so manches rauschende Fest.

Die Bauarbeiten an den Institutsgebäuden begannen indes erst 1939 und dauerten insgesamt vier Jahre. Währenddessen drängten sich die Wissenschaftler der Forschungsanstalt in eher provisorischen Büros in Tempelhof. Im Verlauf des Kriegs wurde das Forschungsprogramm immer weiter ausgebaut und den Bedürfnissen der operativen Kriegsführung angepasst. Im Fokus standen die Arbeiten an der fernsehgestützten Steuerung für Raketen, Nachtjägerleitverfahren, Infrarot-Nachtsichtgeräte, Abhörtechniken und die Ver- und Entschlüsselungen von Geheimcodes.

Forschen für den "Endsieg"

Stolz präsentierte Ohnesorge Hitler regelmäßig die Ergebnisse: Ende Mai 1940 stellte er dem Diktator einen Fernseh-Torpedo vor. An der Spitze war eine kleine Kamera angebracht, die ein Fernsehbild übertrug, mit dessen Hilfe die Torpedos ferngesteuert werden sollten. Von den "sehenden Bomben" versprachen sich die Ingenieure chirurgische Präzision. Doch die nötige Reife für einen serienmäßigen Einsatz erreichten die Bomben nicht mehr. Zwei Jahre später konnte Ohnesorge Hitler einen weiteren Erfolg melden: Seine Leute hatten den Geheimcode des Funkverkehrs zwischen Washington und London geknackt. Hitler erhielt fortan die Protokolle der Telefongespräche zwischen Premierminister Winston Churchill und Präsident Franklin D. Roosevelt.

Erst 1943 konnten Ohnesorges Forscher nach Kleinmachnow übersiedeln, mussten dann aber wegen der massiven Luftangriffe relativ zügig in verschiedene Quartiere nach Süddeutschland ausweichen. Insofern ist es heute nur schwer nachzuvollziehen, welche Abteilungen tatsächlich längerfristig rund um die Hakeburg untergebracht waren. Zu Hochzeiten im Winter 1943/44 waren aber immerhin rund 900 der insgesamt rund 1200 RPF-Forscher in Kleinmachnow im Einsatz.

Im Sicherheitswahn

Zwei Jahre nach dem Krieg übernahm die SED die Hakeburg und scherte sich dabei wenig um die ruhmlose Vergangenheit der Festung: Die Parteiführung gab sich pragmatisch. Der Gebäudekomplex eignete sich ideal als Standort für die neu gegründete Parteihochschule Karl-Marx. Zwei Millionen Reichsmark ließ sich das Zentralsekretariat – der Vorläufer des Politbüros – die Umgestaltung der Innenräume kosten. Die Spuren der Nazi-Vergangenheit sollten möglichst schnell vernichtet werden.

Die Schule genoss einen exzellenten Ruf und rangierte als Elite-Institut auf Rang zwei gleich hinter der Parteihochschule der KPdSU in Moskau. In Klein Machnow bildete die SED fortan die politische Elite der DDR aus. Und die wurde konsequent von der Außenwelt abgeschirmt. Vor allem wollte man sie vor westlichen Agenten, Spionen und Saboteuren schützen. Die Angst war nicht unbegründet, schließlich war beispielsweise Carola Stern, Ende der vierziger Jahre in Kleinmachnow als Dozentin tätig, von der US Army als Doppelagentin angeworben worden. 1951 musste sie nach West-Berlin fliehen, weil sie aufgeflogen war. Rund um die Uhr bewachte die Volkspolizei das Gelände.

Ideologische Weichenstellung

1955 zog die Parteihochschule nach Berlin zurück. Stattdessen ließ sich nun die weniger elitäre Bezirksparteischule in der Hakeburg nieder, die aber demselben Sicherheitswahn verfiel. Wie absurd die Abriegelung der Parteieleven war, zeigt ein verbitterter Beschwerdebrief, den der Ehemann einer Schülerin 1960 an die SED-Kreisleitung in Luckenwalde schrieb: Er habe seine Frau zum 29. Geburtstag besuchen wollen, sei aber vom Posten daran gehindert worden, das Gelände zu betreten. Einer der Posten habe gesagt, die Genehmigung müsse schon der "Kaiser von China" erteilen. Tatsächlich, so der Ehemann, habe die Situation an die Chinesische Mauer erinnert.

Etwas lockerer ging es rund um den Kleinmachnower See erst zu, als 1962 der Joliot-Curie-Club in die Hakeburg einzog. Während die Parteischule in den alten Nazi-Gebäuden weiterbestand, trafen sich dort nun Berliner Intellektuelle, um miteinander zu diskutieren. Aus Sicht des Politbüros entgleisten die Veranstaltungen aber bald. Wolf Biermann beispielsweise wagte es, mit aufmüpfigen Liedern aufzutreten. Hier und da fanden sich politische Spitzen im Gästebuch. Irgendwann wurde es dem Politbüro zu bunt. Der Club wurde nach Berlin umgesiedelt, die Hakeburg zum Gästehaus für hochrangigen Besuch umfunktioniert, der besonders abgeschirmt werden musste. Michail Gorbatschow, Fidel Castro, Nikita Chruschtschow und Yassir Arafat logierten unter anderem hier.

Erst nach der Wende wurde die Hakeburg wieder in ein ziviles Leben zurückgeführt. Erst zog hier ein Hotel ein, das aber wenig später pleiteging. Seitdem steht die Hakeburg leer und sucht einen Käufer. Schritt für Schritt kommt nun ihre Vergangenheit ans Licht. Allerdings sind noch nicht alle Geheimnisse gelüftet. Was das alte Gemäuer alles gesehen hat, wird sich erst klären, wenn die National Security Agenca in Fort G. Meade die letzten Geheimunterlagen aus der Kriegszeit freigibt.

Zum Weiterlesen:

Hubert Faensen: "Hightech für Hitler. Die Hakeburg - Vom Forschungszentrum zur Kaderschmiede". Ch. Links Verlag, Berlin 2001, 200 Seiten.

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1.
Volker Altmann 27.10.2012
Und wieder die Hakeburg. Diesmal ist der Bericht mit etwas mehr Hintergrundinformationen gespickt. Aber auch hier finden sich so seltsame Anmerkungen wie ?Zwei Jahre nach dem Krieg übernahm die SED die Hakeburg und scherte sich dabei wenig um die ruhmlose Vergangenheit der Festung?. Stört sich das Bundesfinanzministerium daran, dass es im Gebäude des ehemaligen Reichsluftfahrtministeriums untergebracht ist? Wir haben viele Gebäude in Deutschland, die eine bewegte Vergangenheit hinter sich haben. Und versucht man als Zivilist auf dem Kasernengelände einer Bundeswehrakademie flanieren zu gehen, wird wohl spätestens am Schlagbaum zum Kaserneneingang das Flanieren ein Ende haben. Ist das auch ein Abschottungsgedanke mit paranoiden Zügen? Die von Hakes scheinen zu den Zeiten, als ihnen die Burg noch gehörte, ein recht offenes Völkchen gewesen zu sein. Dies ist nun schon der zweite Bericht, der von Aussperrung der Öffentlichkeit zu Zeiten eines Reichspostministers, bzw. zu Zeiten der DDR-Kaderschule erzählt. Wie war das, als der Adel noch Eigentümer war? Kam es da auf dem Gelände zu einem fröhlichen Stelldichein der Landbevölkerung?
2.
Freimut Kahrs 28.10.2012
Man könnte die Hakeburg in ein Museum verwandeln. Sie ist nicht so weit entfernt wie Peenemünde, das jährlich 200.000 Besucher anzieht.
3.
ross trappe 28.10.2012
Nazi-Schick lässt sich aber auf keinem der Bilder erkennen. Im Gegenteil, eher eine bis in die 60er reichende Moderne! Zwar vom Interieur nicht gerade Bauhaus, aber sonst doch ok. Sehr grosszügig und Geschmackvoll (Geschmackssache). Auch die auf dem Modell abgebildeten Neubauten haben nichts von deutschtümelnder Blut u. Boden Ästhetik wie Gibeln etc., rein sachliche Moderne. Dazu muss man auch sagen, dass ohne Hakenkreuze und anderer Symbole, dieser "Schick" über die Grenzen hinaus verbreitet war. Bis in die 60er Jahre. Leider ist viel zu wenig von der Architektur der 30er u. 40er übriggeblieben, ja, auch der der Nazis, dank dem dummen Krieg gegen die Steine. Wahrscheinlich falschverstandene "Entschuldigung". Für eine gesunde Identität und architektonisch/geschichtlich sowieso, zu unserem Nachteil.
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