Hakenkreuze in der Bundesrepublik Die Stunde der Schmierfinken

Sie beschmierten eine Synagoge mit Hakenkreuzen und fanden Hunderte Nachahmer. 1959 entsetzte eine rechtsradikale Vandalismuswelle in Deutschland ganz Europa. Kanzler Adenauer forderte "eine Tracht Prügel" für die "Lümmel".

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Auf Sorgfalt kam es den beiden Männern nicht an. "Deutsche fordern Juden raus" schmierten sie mit weißer Farbe hastig auf die Außenmauer der Kölner Synagoge, die der Bundeskanzler erst wenige Monate zuvor eingeweiht hatte. Dann hinterließ das Duo noch ein paar knallrote Hakenkreuze und goss schwarze Farbe über ein Denkmal für NS-Opfer in der Nähe. Und schon waren die Schmierfinken wieder verschwunden.

Die Aktion des Bäckergesellen Arnold Strunk und seines Kumpels Paul Schönen am Heiligabend 1959 war nach drei Stunden beendet, löste aber ein politisches Erdbeben aus. 14 Jahre nach Kriegsende standen wieder antisemitische Hetzparolen an deutschen Synagogen. Und nicht nur das: Die Rechtsextremisten hatten sogar die Frechheit besessen, ausgerechnet in der Weihnachtsnacht zuzuschlagen.

Der Zeitpunkt ihrer Tat sicherte Strunk und Schönen große Aufmerksamkeit - und Hunderte Nachahmer: Binnen einem Monat registrierten westdeutsche Behörden fast 500 ähnliche Anschläge, auch in anderen Ländern schändeten Unbekannte jüdische Gräber und Gotteshäuser. Große Teile der ausländischen Presse und Zehntausende Demonstranten auf der ganzen Welt waren sich schnell einig: Deutschland, das waren noch immer die Nazis.

Damit war das Kalkül Strunks und Schönens aufgegangen, die sich von ihrem Farbanschlag laut "FAZ" vor allem Öffentlichkeitswirksamkeit erhofft hatten. Schönen wollte so gegen die "Selbstbesudelung des deutschen Volkes" protestieren, sagte er später im Polizeiverhör - schließlich würden NS-Mahnmale die "im Dritten Reich vorhandenen positiven Seiten" ignorieren. Und Strunk tönte, er habe "unmissverständlich auf die Judenfrage hinweisen wollen."

"Nieder mit den Juden! In die Gaskammer!"

Die Polizei war den beiden 25-Jährigen, die der Deutschen Reichspartei (DRP) angehörten, rasch auf die Schliche gekommen: Der DRP-Kreisverbandsvorsitzende Ernst Custodis hatte sie verraten, weil er wegen der antisemitischen Schmierereien ein Verbot seiner rechtsextremen Gruppierung fürchtete. Das Landgericht Köln verurteilte die Schmierfinken daraufhin im Februar 1960 zu zehn und 14 Monaten Haft. Doch andere wirkten in ihrem Sinne weiter.

In den Wochen nach Heiligabend übersäten Nachahmer das gesamte Bundesgebiet mit Hetze und Hass: Der Schreiner Ludwig Vogel aus dem fränkischen Kitzingen etwa warf am 27. Dezember ein mit Hakenkreuzen gespicktes Plakat in das Café eines jüdischen Inhabers. Darauf stand: "Nieder mit den Juden! In die Gaskammer!" Am 4. Januar 1960 schmierte der 23-jährige Rolf Wollny die Parole "Juden raus" an das Haus eines jüdischen Ehepaars in Berlin. Und in Böblingen bei Stuttgart hängte der Bundeswehrsoldat Winfried Zelder zwei Tage später Plakate mit SS-Runen und antisemitischen Sprüchen in einer Kaserne auf. Sie alle mussten für mehrere Monate ins Gefängnis.

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Antisemitismus: Hakenkreuze und Hitlergruß

470 solcher Fälle zählten die Behörden binnen vier Wochen, bundesweit verschandelten Nachahmungstäter Gräber und Hauswände, beschimpften jüdische Mitbürger oder plakatierten nazistische Aufrufe. Zu ähnlichen Vorfällen kam es in London, Tel Aviv, Paris und New York. "Wenn man die Meldungen aneinanderreiht, könnte man meinen, eine weit verstreute Brigade des Teufels habe Urlaub genommen und sei auf uns losgelassen worden", erklärte Berlins Bürgermeister Willy Brandt: "Wir haben alle miteinander Grund, uns zu schämen."

So sah es auch der Kanzler.

Konrad Adenauer wandte sich am 16. Januar 1960 in einer Rundfunkansprache an alle Bundesbürger: "Wenn ihr irgendwo einen Lümmel erwischt, vollzieht die Strafe auf der Stelle und gebt ihm eine Tracht Prügel", sagte er und fügte an: "Das ist die Strafe, die er verdient." Bundespräsident Heinrich Lübke ging in einer Rede am 3. Februar noch weiter: "Ich kann mir gar nicht vorstellen", sagte er, "dass solche Menschen, die in aller Heimlichkeit im Dunkel der Nacht ihre Schmutzereien anbringen an Gebäuden und Denkmalen, die anderen heilig sind, normal sein können."

20.000 Demonstranten in London

Dass alle "Schmierwellen"-Täter schlicht "unnormal" gewesen sein sollen, ließ sich nicht belegen. Die Bundesregierung erklärte in einem eilig herausgegebenen "Weißbuch", dass fast die Hälfte der überführten Täter "unpolitische Rowdy- und Rauschtaten" begangen habe, ein weiteres Viertel sei bei den Taten betrunken gewesen. Die deutschen Gerichte aber gingen mit demonstrativer Härte gehen die Delinquenten vor: Die meisten wurden zu mehrmonatigen Gefängnisstrafen verurteilt, fast alle ohne Bewährung.

Trotz des strengen Vorgehens der westdeutschen Justiz war im Ausland die Ansicht verbreitet, die "Schmierwelle" sei ein Beleg für ein Aufleben des Judenhasses in Deutschland. Nicht nur Moskau und die DDR-Führung kritisierten die Bundesrepublik scharf - auch im Westen gab es Proteste: In London gingen 20.000 jüdische Kriegsveteranen auf die Straße, eine wütende Menge versammelte sich auch vor dem Generalkonsulat der Bundesrepublik in New York. Schließlich schlossen sich jüdische Organisationen und die israelische Regierung dem Protest an. Im Londoner Unterhaus hieß es, die Bundesdeutschen seien das "gleiche arrogante Herrenvolk wie unter Hitler" - einige britische Firmen sollen deswegen sogar deutsche Waren boykottiert haben.

Die Regierung in Bonn brauchte dringend einen Schuldigen, und schon am ersten Weihnachtstag war er gefunden: NRW-Innenminister Josef Hermann Dufhues leitete Ermittlungen gegen die rechtsextreme DRP ein, der die beiden Kölner Hakenkreuz-Maler angehörten. Noch weiter wollte Innenminister Gerhard Schröder gehen: "Es wird geprüft, ob der politische Hintergrund der Täter nunmehr insgesamt und endgültig als verfassungsfeindlich abgestempelt und als verbotsreif erwiesen ist", sagte er am 30. Dezember in der "Tagesschau" - und fügte an: "Die Bundesregierung wird das Material gegen die DRP nach diesem Vorfall erneut einer Bewertung unterziehen."

Ein Parteiverbot als Strafmaßnahme?

Dabei waren für die "Schmierwelle" nicht Altnazis verantwortlich, im Gegenteil: Dem Verfassungsschutz zufolge waren etwa drei Viertel der überführten Täter höchstens 30 Jahre alt, mehr als jeder Zweite war nicht einmal volljährig - kaum ein Beschuldigter war bei Kriegsende also älter als 15 gewesen. Hatte womöglich die SED-Führung in der DDR an westdeutschen Synagogenmauern mitgepinselt, wie Adenauer und sein Verteidigungsminister Franz Josef Strauß glaubten? Beweise dafür gibt es nicht.

Zwar ebbte die "Schmierwelle" Anfang Februar 1960 ab, sie veränderte die Bundesrepublik jedoch nachhaltig: Rund ein Jahr nach dem spektakulären Ulmer Einsatzgruppenprozess und kurz vor der Entführung des später in Israel hingerichteten Holocaust-Organisators Adolf Eichmann bildete sie den Wendepunkt im Umgang mit der NS-Vergangenheit. Innenminister Schröder stellte öffentlich die Frage, "ob wir den nach 1945, insbesondere seit der Bildung der Bundesrepublik 1949, eingeschlagenen Weg ohne Beeinträchtigung fortsetzen können."

Es folgte ein Umbruch: Wenige Monate nach den Anschlägen verabschiedete der Bundestag ein Gesetz, das Volksverhetzung unter Strafe stellte. Zudem überarbeiteten die Landesregierungen den Schulunterricht und gründeten NS-Forschungseinrichtungen, hinzu kamen Austauschprogramme mit israelischen Schulen.

Zu spüren bekam die Auswirkungen der "Schmierwelle" vor allem aber die Partei der Kölner Synagogenschänder: Zwar hatte sich die DRP umgehend von Strunk und Schönen distanziert und sogar ihren Kölner Kreisverband aufgelöst, zudem setzte Innenminister Schröder seine Forderung nach einer Zwangsauflösung der Partei nicht durch. Doch deren Ende war längt besiegelt: Im Januar verbot Rheinland-Pfalz den DRP-Landesverband als Nachfolgeorganisation der illegalen "Sozialistischen Reichspartei" - und 1965 löste sich der Rest der DRP freiwillig auf. Im Gedächtnis bleiben sollte sie als die Partei der antisemitischen Schmierfinken aus Köln.



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St. Graul, 09.12.2014
1. Originell, aber auch angemessen ?
Diese Frage stellt sich bei mir bei der Überschrift. Man sollte sich fragen, ob solche Titel nicht einen verniedlichenden Charakter haben, der eigentlich der Sache nicht angemessen ist.
Bruno Helfer-Schillinger, 09.12.2014
2. auch heute noch - in Behörden
.....Doch andere wirkten in ihrem Sinne weiter...... stimmt und wer diese Schandzeichen selbst entfernt bekommt die ganze Härte des Gesetzes zu spüren, durch dieselben Behörden die die Entfernung nicht durchführen. Realer Irrsinn: Der Hakenkreuzjäger von Limburg extra 3 - 03.12.2014 23:00 Uhr Autor/in: Tom Fugmann Rechtsradikale Symbole sind in Deutschland verboten. Was keiner weiß: Das Entfernen von rechtsradikalen Symbolen unter Umständen auch. Zumindest in Limburg. http://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/extra_3/Realer-Irrsinn-Der-Hakenkreuzjaeger-von-Limburg-,extra8614.html
Thomas Walberer, 09.12.2014
3. Historisch Falsch
Ich bin ziemlich überrasch über diese Passage: "Hatte womöglich die SED-Führung in der DDR an westdeutschen Synagogenmauern mitgepinselt, wie Adenauer und sein Verteidigungsminister Franz Josef Strauß glaubten? Beweise dafür gibt es nicht." Es ist schon seit 20 Jahren erwiesen, dass diese Aktion im SED-Politbüro geplant und von dort gesteuert wurde. Nachweise und Belege finden sich in dem Buch "Die Deutschland-Akte" von Michael Wolffsohn. Unter anderem hatte schon der Spiegel 1995 darüber berichtet. http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-9221729.html
Wolf Richy, 09.12.2014
4. MfS
Es ist erwiesen, dass in vielen Fällen die Stasi unter dem Decknamen "Vergissmeinicht" dafür verantwortlich war um Westdeutschland in ein schlechtes Licht zu rücken....
Jens Habermann, 09.12.2014
5. Glaubwürdigkeit
Herrn Adenauer nehme ich diese Aufregung nicht ab. M. E. nach war dieser Mann nur um die polit. "Außenwirkung" bemüht, persönlich war er ganz sicher nicht betroffen: Wer den Mitverfasser der Nürnberger Rassegesetze zum Kanzleramtsminister beruft, hat bei mir in dieser Frage jegliche Glaubwürdigkeit verspielt.
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