Gepflanzte NS-Symbole Das Hakenkreuz im Wald

Gepflanzte NS-Symbole: Das Hakenkreuz im Wald Fotos
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Volksverhetzung auf botanisch: Als 1992 in der Uckermark ein gigantisches NS-Symbol aus Bäumen entdeckt wurde, zog das internationale Verstimmungen nach sich. Dabei war das gepflanzte Hakenkreuz längst nicht das einzige seiner Art. Von

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Schuld an dem ganzen Aufruhr waren die Lärchen. Der Brandenburger Günter Reschke, so rekonstruierte es 2002 "Süddeutsche Zeitung"-Reporter Birk Meinhardt, war der Erste, dem sie aufgefallen waren. Das heißt - genau genommen hatte der neue Praktikant in Reschkes Landschaftsbauunternehmen Ökoland Dederow Anfang 1992 die Bäume entdeckt, als er gerade eine typisch undankbare Praktikantenaufgabe erledigte: Luftaufnahmen nach Bewässerungslinien absuchen.

Dass ihm die kleine Gruppe von 140 Lärchen dabei ins Auge stach, war insofern bemerkenswert, als sie mitten in einem Wald stand, umringt von Hunderten anderer Bäume. Doch die hatten einen entscheidenden Unterschied: Es waren Kiefern. Und anders als diese verfärbten sich die Lärchen im Herbst erst gelb, dann braun, und im Frühling hellgrün. Dann waren sie für eine kurze Zeit, aus einer ganz bestimmten Höhe betrachtet, deutlich zu erkennen - mitsamt der Form, die sie bildeten. Und die war wirklich mehr als auffällig.

Plötzlich hielt der Praktikant inne. Er starrte entgeistert auf das Bild in seiner Hand, eine Luftaufnahme der Kutzerower Heide bei Zernikow - Foto Nr. 106/88. Dann hielt er es Reschke hin: "Sehen Sie, was das ist?" Der erkannte nun auch, was sich da scharfkantig auf einer Fläche von rund 60 mal 60 Metern aus dem Wald abhob. "Das kann nicht sein", entgegnete er. "Doch", bestätigte der Praktikant, "ein Hakenkreuz."

Eigentlich rühmt sich Reschkes Heimat, die Uckermark, mit ihren sanft geschwungenen Hügeln, Seen und Wäldchen als "Toskana des Nordens". Aber das, was die beiden Männer 1992 auf einer Luftaufnahme entdeckt hatten, sollte eben dieses Naturidyll zum Zentrum eines Skandals machen.

Ein Hakenkreuz als Geburtstagsgeschenk?

Reschke charterte ein Flugzeug, um die Stelle zu überfliegen, und tatsächlich: Ein sauber abgetrenntes Hakenkreuz war deutlich zu erkennen. Der örtliche Förster, Klaus Göricke, machte sich auf die Suche nach der verfänglichen Lärchenpflanzung und stellte fest, dass die Bäume schon sehr lange hier standen. Seinen Messungen zufolge waren sie bereits Ende der dreißiger Jahre gepflanzt worden. Jahrzehnte hatte also jedes Frühjahr und jeden Herbst ein riesiges Hakenkreuz in der Kutzerower Heide bunt geleuchtet, die russischen Besatzer, die DDR und den Mauerfall überdauert - und niemandem war es je aufgefallen.

Dass das so war, lag wahrscheinlich nicht nur daran, dass das NS-Symbol jedes Jahr nur für kurze Zeit sichtbar war. Zudem war es nur aus einer ganz bestimmten Höhe erkennbar. Und die Airlines, die seit der Wende von Berlin nach Norden über den Wald hinwegrauschten, flogen viel zu hoch, als dass jemand das Wald-Hakenkreuz hätte sehen können. Hinzu kam, dass die Zivilfliegerei in DDR-Zeiten verboten gewesen war.

Bald sprossen die Gerüchte, wie das Hakenkreuz in den Wald gekommen war: Ein Bauer erklärte, er habe die Bäume als Kind gepflanzt - für den Förster, der ihm für jeden Sprössling ein paar Pfennig gezahlt habe. Andere berichteten, das Hakenkreuz sei als Zeichen der Linientreue gepflanzt worden, nachdem ein Ortsbewohner ins KZ Sachsenhausen geschafft worden sei, weil er heimlich BBC gehört habe. Eine andere Version lautete, der Kreisleiter der NSDAP habe die Pflanzung des Hakenkreuzwaldes zu Ehren von Hitlers Geburtstag angeordnet. Und die "Berliner Zeitung" berichtete, das Symbol sei als Danksagung für den NS-Arbeitsdienst angelegt worden, nachdem der die Dorfstraße gebaut hatte.

Die Presse tobt

Welche der Geschichten auch immer stimmte - allmählich begannen sie alle, über die Lokalpresse hinaus Interesse zu wecken. Französische Reporter tauchten in Zernikow auf, auch sie charterten ein Flugzeug, um die Kutzerower Heide in Augenschein zu nehmen. Die Tageszeitung "Le Figaro" brachte einen Artikel, und wenig später, so heißt es, nahm François Mitterand wegen des Hakenkreuzwaldes Kontakt mit Roman Herzog auf. Der setzte daraufhin das Forstamt unter Druck, dem politisch unkorrekten Gehölz den Garaus zu machen.

Das zeigte Wirkung: 1995 rückten Forstarbeiter dem Lärchen-Hakenkreuz mit Kettensägen zu Leibe. Sie fällten 40 der Bäume, und der Förster berichtete den Behörden, das Symbol sei endlich erfolgreich unkenntlich gemacht worden. Die Aufregung um die Kutzerower Heide verebbte. Dabei hatte der Förster sich gründlich geirrt.

Es dauerte ein wenig, bis dieser Irrtum aufflog: Doch im Jahr 2000 veröffentlichte die Bildagentur Reuters schließlich die Luftaufnahme eines an den Rändern zwar etwas ausgefransten, aber immer noch klar erkennbaren, knallgelben Hakenkreuzes im Wald von Zernikow. Das Echo in den internationalen Medien war entsprechend, sogar die "Chicago Tribune" schrieb, so ein Hakenkreuzwald sei nun wirklich "wenig hilfreich für eine Region, die oft mit rassistischer Gewalt Schlagzeilen macht".

"Sicherstellen, dass dieses Symbol verschwindet"

Tatsächlich wuchs die Sorge, dass der Ort zu einem Pilgerziel für Neonazis werden könnte. Das Landwirtschaftsministerium plante drastische Maßnahmen: "Wir wollten alle Bäume fällen", erklärte Ministeriumssprecher Jens-Uwe Schade CNN. Doch die Bundeseigene Bodenverwertungs- und Verwaltungsgesellschaft (BVVG), der ein Teil des Waldes gehörte, verhinderte die Abholzung - aus wirtschaftlichen Gründen: "Ein Kahlschlag hätte offenbar den Wert des Waldes gemindert", so Schade.

Nur ein Teil des Schandflecks durfte gerodet werden: Am Morgen des 4. Dezember 2000 fällten Forstmitarbeiter 25 der 100 verbliebenen Lärchen. Diese Bäume mussten so geschickt gewählt werden, dass das Kreuz auf keinen Fall mehr zu erkennen war - und der Schnitt musste nur wenige Zentimeter über dem Boden ansetzen, damit die Stümpfe aus der Luft nicht mehr sichtbar waren.

"Eine Mode unter Förstern"

Der Hakenkreuzwald in der Uckermark war allerdings kein Einzelfall. Das Pflanzen solcher Symbole, so hatte Jens-Uwe Schade schon 2000 erklärt, sei während der NS-Zeit geradezu "eine Mode unter nationalsozialistischen Förstern gewesen".

Bereits Anfang der sechziger Jahre beschwerten sich etwa US-Soldaten bei der hessischen Landesregierung, als sie am Südhang eines Fichtenwaldes bei Asterode nicht nur ein riesiges Hakenkreuz, sondern auch den mit Lärchen gepflanzten Schriftzug "1933" entdeckt hatten. Ein ähnliches Symbol soll auch im nordhessischen Jesberg Ende der achtziger Jahre für Aufregung gesorgt haben. Und in Wiesbaden entdeckte 2000 ein Volkskundeprofessor ein Douglasien-Hakenkreuz in einem Laubwald - allerdings mit verkehrt herum gepflanzten Haken. Ob Thüringen, Nordrhein-Westfalen oder Berliner Umland: Berichte über riesige Baum-Swastikas gibt es aus ganz Deutschland. Und nicht nur von hier.

Im September 2006 berichtete die "New York Times" gar von einem kompletten Wald an einem Berghang gegenüber dem entlegenen kirgisischen Dorf Tash-Bashat, der ein Hakenkreuz mit 200 Metern Kantenlänge bilde. Auch hier war der Ursprung unklar: Ein Dorfbewohner behauptete, ein deutschstämmiger Förster habe den Wald in den vierziger Jahren anlegen lassen. Ein anderer berichtete von einem geheimnisvollen "Professor", der die Bäume in den sechziger Jahren gepflanzt habe und dann vom KGB entführt worden sei. Ein örtlicher Fremdenführer hingegen hielt sie einfach für ein Zeichen der deutsch-sowjetischen Völkerfreundschaft. "New York Times"-Reporter C.J. Chivers folgerte, nachdem es nicht gelungen war, das Rätsel zu lüften, der Hakenkreuzwald sei wohl vor allem eines: "Der vermutlich einzige Scherz, den sich das 'Dritte Reich' je erlaubt hat".

Offenbar war er nie in Zernikow gewesen.

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1.
Martin Schappert 03.07.2013
49.995539,8.211717 bei Maps suchen. Reinzoomen. Der Garten der Müllers: http://de.wikipedia.org/wiki/Ursula_und_Curt_Müller
2.
Gerhard Schneider 03.07.2013
Sollen die Gegner der Swastikas mal nach Indien gehen, da können sie sich so richtig austoben.
3.
Joachim Größer 03.07.2013
Hallo, hat sich schon mal jemand die Kleiderständer von Kik von oben angeschaut?
4.
Robert Bauer 03.07.2013
Auch Kleiderständer in Modegeschäften haben auch heute oft noch Hakenkreuzform.
5.
Ralf Bülow 03.07.2013
Naja, wer unbedingt ein Hakenkreuz sehen will, kann das über Kanada tun, siehe http://goo.gl/maps/dHCfa
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