Halifax-Katastrophe Die Mutter aller Explosionen

Es war die bis dahin größte von Menschen verursachte Katastrophe: 1917 zerstörte eine Detonation die Stadt Halifax in Kanada. Die Überlebenden fürchteten: "Jetzt greifen die Deutschen an!"

Nova Scotia Archives

Kaye Chapman war sich immer sicher: Die Bibel und das Gesangsbuch haben ihr das Leben gerettet. Mit beiden Büchern in der Hand hat die Fünfjährige am Morgen des 6. Dezember 1917 begonnen, mit ihren Puppen Bibelschule zu spielen, als sie die Druckwelle einer gigantischen Explosion von ihren Füßen reißt und an die Wohnzimmerwand schleudert.

Ein Regen aus Glasscherben, Möbelteilen und Mauerputz geht auf Kaye und ihre Mutter nieder, erzählt sie später der kanadischen Zeitung "The Globe and Mail". Wie durch ein Wunder sind beide unverletzt. Als sie auf die Straße treten, bedeckt Kayes Mutter die Augen ihrer Tochter. Sie soll das Grauen nicht sehen.

Menschen irren blutverschmiert durch die Straßen der kanadischen Hafenstadt Halifax, aus Fenstern hängen enthauptete Nachbarn. Dutzende Erblindete pressen ihre Hände vor die Gesichter, Verstümmelte brüllen vor Schmerz. Menschliche Gliedmaßen baumeln an den wenigen blattlosen Bäumen, die noch stehen.

Die meisten Häuser sind dem Erdboden gleichgemacht. Später, in der Leichenhalle, werden Zettel an den sterblichen Überresten hängen: "Männliche Person, ohne Kopf. Identität unklar", oder "Teile von drei, vielleicht auch sechs Körpern, angeliefert in einem Wäschekorb." Die Überlebenden fragen sich: Was ist geschehen?

Im vierten Kriegsjahr des Ersten Weltkrieges ist die 60.000-Einwohner-Stadt Halifax einer der wichtigsten Nachschubhäfen des britischen Empires. Die Angst vor den Deutschen ist groß - wie wichtig Halifax für den Nachschub ist, wissen auch die Generäle des Kaisers. Um den Hafen vor deutschen U-Boot-Angriffen zu schützen, ist der Zugang durch Unterwassernetze geschützt.

Nur eine kleine Passage wird bei Tageslicht geöffnet, um die Ein- und Ausfahrt der von Kriegsschiffen begleiteten Frachtkonvois zu ermöglichen. Am Morgen des 6. Dezember 1917 ankert der französische Munitionsfrachter "Mont Blanc" außen vor den Netzen, er ist am Abend zuvor zu spät gekommen, um noch in den Hafen zu fahren. Die "Mont Blanc" - auf dem Weg von New York nach Bordeaux - will sich einem Geleitzug über den Atlantik anschließen.

Der marode 100-Meter-Frachter transportiert in seinen Laderäumen 2300 Tonnen Pikrinsäure, 200 Tonnen TNT und zehn Tonnen Schießbaumwolle. 35 Tonnen Benzol lagern in Metallfässern auf dem Deck - eine schwimmende Bombe.

Um 7.30 Uhr setzt sich die "Mont Blanc" in Bewegung, an Bord ist neben dem Kapitän Aimé Le Médec und 41 Mann Besatzung auch der Hafenlotse Francis Mackey. Die "Mont Blanc" muss durch eine Engstelle, etwa 500 Meter breit und zwei Kilometer lang. Er fährt vorschriftsgemäß rechts.

"Habe Vorfahrt, fahre rechts"

Plötzlich erblickt Mackey im leichten Morgennebel ein großes Schiff, gerade mal einen Kilometer entfernt, das direkt auf die "Mont Blanc" zusteuert. Es ist die "Imo", ein 130 Meter langes norwegisches Versorgungsschiff, auf dem Weg nach New York, wo sie Hilfsgüter für die belgische Bevölkerung laden will.

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Halifax-Katastrophe: Ein Siebtel der Wucht von Hiroshima

Mackey sendet ein Pfeifsignal aus: "Habe Vorfahrt, fahre rechts". Zurück kommen zwei scharfe Pfiffe: "Kursänderung auf Backbord!" Die "Imo" hält direkt auf die "Mont Blanc" zu. Hektisch signalisieren die "Mont Blanc" und die "Imo" hin und her, mit jeder Sekunde verringert sich der Abstand - die "Imo" verändert ihren Kurs nicht.

Jetzt unternehmen Mackey und Le Médoc einen letzten waghalsigen Rettungsversuch, wie aus Unterlagen des "Maritime Museum of the Atlantic" hervorgeht: Sie steuern nach links, in die Mitte der Fahrrinne, da sie Gefahr laufen, ihr Schiff auf Grund zu setzen, wenn sie weiter nach rechts steuern. Drei Pfiffe von der "Imo" signalisieren: "Volle Kraft zurück" - doch es ist zu spät. Das norwegische Schiff rammt die Steuerbordseite der "Mont Blanc", bevor es zurücksetzen kann.

Es ist 8.45 Uhr, als sich die "Imo" drei Meter tief in den Rumpf der "Mont Blanc" bohrt. Benzolfässer auf Deck platzen, das Benzol rinnt in den Laderaum. Als sich die "Imo" zurückbewegt, schleift Metall an Metall, Funken sprühen und entzünden Benzoldämpfe. Binnen weniger Minuten hüllt schwarzer Rauch den vorderen Teil des Schiffes ein.

"Goodbye, boys!"

Die vielen hundert Gaffer, die das Schauspiel des brennenden Schiffs vom Ufer verfolgten, ahnten nichts von der Gefahr, die immer näherkam. Kinder unterbrachen ihren Schulweg, andere eilten an die Fenster, auf die Dächer ihrer Häuser. Erste Löschtrupps trafen ein, als das Schiff am Ufer anlandete. Die Männer in den Rettungsbooten der "Mont Blanc" versuchten schreiend vor der Ladung des Schiffes zu warnen - doch niemand hörte sie.

Im Bahnvorsteherbüro, 200 Meer von Pier 6 entfernt, hatte Telegrafist Vincent Coleman davon erfahren, dass es ein Munitionsschiff war, das da brennend am Ufer lag. Er flüchtete mit den anderen Bahnangestellten. Dann erinnerte er sich daran, dass ein vollbesetzter Zug in wenigen Minuten am Hafen ankommen sollte.

Coleman rannte zurück und morste: "Munitionsschiff brennt. Treibt auf Pier 6 zu. Goodbye, boys!" Es war das letzte Lebenszeichen von Coleman. Um 9:04:35 - ein Seismograf hielt den genauen Zeitpunkt fest - zerriss eine gewaltige Detonation die brennende "Mont Blanc".

Es war die größte nichtnukleare Explosion aller Zeiten - die zu diesem Zeitpunkt größte von Menschenhand herbeigeführte Katastrophe. Die Sprengkraft betrug etwa 2960 Tonnen TNT-Äquivalent, ein Siebtel der Atombombe von Hiroshima.

"Imo" einen halben Kilometer weit geschleudert

In einem 300 Meter hohen Feuerball verglühte ein Großteil des Schiffes. Der Ankerschaft, eine halbe Tonne schwer, wurde mehr als drei Kilometer vom Explosionsort gefunden, ein Bordgeschütz flog 5,5 Kilometer nach Norden. Die Druckwelle und der folgende Tsunami mit 18 Meter hohen Wellen schleuderten das 5000-Tonnen-Schiff "Imo" einen halben Kilometer weit ans andere Ufer des Hafens.

Gut 1600 Menschen starben sofort. Der Druck ließ bei den Zuschauern im Hafen innere Organe zerplatzen, andere verbrannten, wurden durch die Luft geschleudert oder fanden den Tod unter zusammenstürzenden Wänden und Dächern. Der Feuerball versengte Holzhäuser in Sekundenschnelle; zersplitterte Fensterscheiben wurden zu todbringenden Geschossen. Im Stadtteil Richmond stand auf einer Fläche von 2,5 Quadratkilometern kein einziges Haus mehr - sogar im 100 Kilometer entfernten Ort Truro zerbrachen Fenster.

Der Schiffsoffizier Charles Mayers fand sich nach der Explosion laut Autorin Janet Kitz einen Kilometer von seinem Schiff auf einem Grashügel wieder: "Da bin ich wieder runtergekommen. Ich war pitschnass und hatte keine Kleider am Leib, außer meine Stiefel."

Angst vor deutscher Aggression

Unter den Überlebenden brach Panik aus. Sie starrten in den Himmel, wo sie deutsche Zeppeline erwarteten oder suchten am Horizont nach feindlichen Schlachtschiffen: "Jetzt greifen die Deutschen an!" Soldaten eilten auf ihre Gefechtsstationen und aus den Kasernen, um den Hafen zu verteidigen. Erst nach einigen Stunden sprach sich die wahre Ursache der Explosion herum.

Nachdem klar war, dass die Deutschen nicht hinter der Katastrophe steckten, richtete sich die Wut der Bürger von Halifax gegen die Überlebenden der "Mont Blanc": Bereits nach sechs Tagen begann der Prozess gegen Kapitän Le Médec und den Lotsen Mackey.

Doch es wurde rasch offensichtlich, dass die Ursache für die Kollision der beiden Schiffe wohl nie herausgefunden werden würde - Kapitän, Lotse und die meisten Besatzungsmitglieder der "Imo" waren tot. So war das Gericht allein auf Mackeys und Le Médecs Aussagen angewiesen.

Schuld zweier Sturköpfe?

Warum die "Imo" ihren Kurs nicht geändert hatte, würde für immer ein Rätsel bleiben. Hatte es eine andere Abfolge von Pfeifsignalen gegeben, wie einige Zeugen meinten? Waren es Verständnis- oder Kommunikationsfehler? Oder waren einfach zwei Sturköpfe aufeinandergeprallt, beide im Glauben, dass der andere schon ausweichen würde?

Die Verfahren wurden schließlich eingestellt - aus Mangel an Beweisen. Le Médec kehrte nach Frankreich zurück und befehligte weiter Schiffe, Mackey blieb in Halifax und arbeitete bis an sein Lebensende weiterhin als Lotse.

Kaye Chapman, das Mädchen, das überzeugt war, dass die Bibel und das Gesangsbuch ihr das Leben gerettet hatten, war die letzte lebende Augenzeugin der Katastrophe. Sie starb vor sechs Wochen, am 21. Oktober 2017. Sie wurde 105 Jahre alt.

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insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
Bjoerne Baks, 06.12.2017
1.
Das stimmt nicht. Vorher, am 1. Juli 1916, war unter den deutschen Stellung in La Boisselle an der Somme 600 t britischer Sprengstoff hochgegangen und hatte ca. 10.000 deutsche Soldaten getötet.
Stefan Baldar, 07.12.2017
2. @ Vorposter
Bei der Explosion im ersten Weltkrieg sind tatsächlich mehr Menschen ums leben gekommen, als bei der Explosion in Halifax, aber das war ja auch deren Zweck. Die Explosion in Halifax war ein Unfall. Die Sprengkraft in Tonnen TNT-Äquivalent, war bei in Halifax aber insgesamt zehnmal größer als die im ersten Weltkrieg. Die Sprengkraft der Explosion im WWI war vergleichbar rund 200 t TNT, während die in Halifax knapp 3.000 t TNT hatte. Das ist schon die Sprengkraft eines kleinen taktischen Atomsprengkopfes. Zum Vergleich: die Atombombe auf Hiroshima hatte eine Sprengkraft von ca. 15.000 t TNT.
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