Hamburger Architektur Auf Brücken gebaut

Hamburger Architektur: Auf Brücken gebaut Fotos
Museum der Arbeit

Bei einem großen Brand Mitte des 19. Jahrhunderts wurde ein Drittel von Hamburg zerstört. Danach rüstete die Hansestadt auf - vor allem mit tausenden Brücken. Heute hat Hamburg mehr Brücken als Venedig und Amsterdam zusammen. Eine Ausstellung huldigt nun den stillen Schönheiten aus Stein und Stahl. Von

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Hamburg stand in Flammen. Gefräßig verschlang das Feuer alles, was ihm in den Weg kam: 1110 Häuser, 102 Speicher, zwölf Brücken, sieben Kirchen und zwei Synagogen wurden zerstört. Fast ein Drittel der Stadt verwandelte sich beim Großen Brand in Hamburg 1842 in Schutt und Asche. Für den Wiederaufbau war nun das Können der Hamburger Ingenieure und Baumeister gefragt, unter ihnen Johann Hermann Maack. Der Bauinspektor war der Brückenbaumeister Hamburgs.

Das Feuer hatte einige für die Hansestadt besonders wichtige Übergänge über Seitenarme und Kanäle zerstört. Dies lag vor allem daran, dass die meisten Brücken bis dato aus Holz errichtet waren. Es galt Hamburg neue und vor allem solide Brücken zu konstruieren. Maack betreute dieses Unternehmen und entwarf einige der Brücken selber. Freilich konnte er dennoch kaum ahnen, dass seine Bauwerke - wie die Lombardsbrücke, die Adolphsbrücke und die Reesendammbrücke - noch über 150 Jahre später das Stadtbild prägen und den Verkehr am Fließen halten würden.

Hamburgs Brücken sind solide und zweckmäßig, manche sogar schön. Doch vor allem sind sie weitgehend unbeachtet von Touristen und Einheimischen. Eigentlich erstaunlich. Schließlich hat die Hansestadt mit fast 2500 Brücken mehr als Venedig und Amsterdam zusammen. Vielleicht liegt es schlicht und einfach daran, dass sie ihren Dienst hervorragend tun.

Geduldige Stützen

Brückenkatastrophen wie den urplötzlichen Einsturz der Reichsbrücke in Wien, die 1977 ohne Vorwarnung in sich zusammen fiel und Autos in die Donau stürzen ließ, kennt Hamburg nicht. Seine Brücken haben auch nicht das Zeug zum weltbekannten Wahrzeichen wie die legendäre Golden Gate Bridge in San Francisco oder die Brooklyn Bridge in New York. Hamburgs Brücken stehen geduldig da und tragen alle Lasten. Dabei haben sie mehr Aufmerksamkeit verdient, denn in Wahrheit waren sie die Stützen in der Entwicklung der Stadt.

Genau 82 Brücken hatte Hamburg 1839, drei Jahre vor dem großen Brand. Schon damals brauchte die Stadt dringend mehr Brücken. Die vielen Gewässer - Elbe, Alster, Bille und unzählige Fleete und Kanäle, die sich als Adern durch ganz Hamburg ziehen, waren schwer überwindbare Hindernisse. Die Elbe mit Ihren vielen Nebenarmen eine gewaltige natürliche Barriere.

Tatsächlich war Hamburg deshalb bis Mitte des 19. Jahrhunderts von Süden her schwer zu erreichen, weil der breite Elbstrom nur per Schiff überquert werden konnte. Bevor "die lang ersehnte Brücke" gebaut wurde, schrieb Robert Geissler 1861 im "Führer durch die Stadt und Umgebung", dauerte die Fahrt von Hamburg bis ins wenige Kilometer entfernte Harburg bis zu zwei Stunden. Die Hamburger Gewässer hatten den gesamten Personen- und Warenverkehr gewaltig verlangsamt.

Eine neue Ära im Brückenbau

Der Große Brand markierte eine Zäsur in der Stadtgeschichte. Die großflächige Zerstörung gab Anlass für einen Neubeginn: Hamburg und seine Infrastruktur konnten nach modernen Maßstäben neu angelegt werden. Breitere Straßen, eine zentrale Trinkwasserversorgung, eine unterirdische Kanalisation, ein hochmoderner Welthafen und ein verflochtenes Eisenbahnnetz gingen daraus hervor - besonders für Letzteres musste einiges überbrückt werden.

Der Bau der Eisenbahnen nach dem Großen Brand leitete eine neue Ära im Brückenbau ein. So wurden in einem Jahrzehnt mehr Brücken gebaut als vorher in einem ganzen Jahrhundert. Unter anderen im Jahr 1851 eine zunächst noch aus Holz gebaute 750 Meter lange Elbbrücke und die 1868 fertig gestellte Lombardsbrücke aus Stein als Verbindungsbahn über die Alster.

Von Johann Hermann Maack stammte der Entwurf für dieses aufwendig geschmückte Bauwerk, das mit seinen drei grazilen Bögen noch heute die Silhouette des Alsterpanoramas prägt. Doch war die Lombardsbrücke längst nicht Maacks einzige: Ganze 37 Brücken aus Stein, Eisen oder Holz gestaltete und konstruierte er in seiner 30-jährigen Tätigkeit als Hamburger Brückenfachmann. Doch sein früher Tod im Alter von 58 Jahren beendete seine Karriere abrupt. Die Einweihung seiner Lombardsbrücke gut zwei Monate nach seinem Tod konnte er nicht mehr erleben.

Heute brettern täglich 67.000 Autos und 1000 Züge über den Rücken der Hamburger Lombardsbrücke, die allen Erschütterungen standhält. Maacks Konstruktion trägt noch immer, zu großem Nachruhm hat er es dennoch nicht gebracht. Dabei hat er mehr zur Stadtentwicklung beigetragen als so mancher Stararchitekt: Auf seinen Bauwerken raste Hamburg in die Zukunft. Doch der Baumeister ist in Vergessenheit geraten.

Vergessen wurde auch eine Brücke - und zwar buchstäblich: Ein gut 150 Meter langer Brückenstrang auf dem ehemaligen Rangierbahnhof Rothenburgsort blieb über Jahrzehnte liegen, weil die Verantwortlichen das Bauwerk schlichtweg nicht mehr in Erinnerung hatten. Als Kuriosum der besonderen Art liegt die Brücke - Baujahr um 1903 - moosbedeckt und von Bäumen bewachsen noch immer dort.

Die Ausstellung "Hamburg und seine Brücken. Baukunst - Technik - Geschichte bis 1945" ist noch bis zum 3. Januar 2010 im Museum der Arbeit in Hamburg zu sehen.

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Lukas Pieplow 26.07.2009
Die Beschriftung zum Foto Kuhmühlenbrücke ist falsch. U-Bahnhof Uhlandstraße ist dort nicht in der Nähe. Nichts für Ungut. Ein schönes Projekt.
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