Hamburger Dynastien Die nicht so ehrbaren Kaffeehändler vom Sandtorkai

Der Sandtorkai im Hamburger Freihafen war bis Mitte des 20. Jahrhunderts Europas größter Kaffeemarkt. Dort herrschten meist patriarchalisch geführte Familienunternehmen mit Geschäftssinn, Dünkel und Ausbeutung.


Codewörter schwirren durch den Saal, sie klingen wie eine Geheimsprache. "Zwei franko Geld", ruft ein Mann im Gehrock, Melone auf dem Kopf. "Santos Geld! Zwei Geld Superior!", bietet ein anderer, der einen Zylinder trägt. Hektisch geben die elegant gekleideten Herren ihre Gebote ab, Zigarrenqualm erfüllt den Raum. Mittendrin, auf einem viereckigen, durch ein hölzernes Geländer abgegrenzten Podest, stehen die Makler. Einer erteilt den Zuschlag: "Von Ihnen an Sie!" 500 Sack Rohkaffee zu je 60 Kilo wechseln den Eigentümer.

Die Ware aus Lateinamerika, vornehmlich aus Brasilien und Guatemala, ist noch nicht geerntet, geschweige denn verschifft; geliefert und bezahlt wird erst Monate später, zu einem vereinbarten Termin, aber zu dem jetzt festgelegten Preis für eine bestimmte Qualität. Die Importeure spekulieren auf steigende Preise: Wenn sie den Kaffee teurer an die Röster weiterverkaufen können als zum Zeitpunkt des Vertragsabschlusses, erzielen sie einen zusätzlichen Gewinn.

An jedem Werktag zwischen 10 und 12.30 Uhr spielten sich turbulente Szenen in der Hamburger Kaffeeterminbörse ab, die sich 1887 im Freihafen am Sandtorkai 14 etabliert hatte. In diesem Gebäude hatte auch der im Jahr zuvor gegründete "Verein der am Caffeehandel betheiligten Firmen" seinen Sitz, mit Räumen für Vorstand, Sekretariat und Schiedsgericht. In unmittelbarer Nähe richteten sich die Rohkaffeehändler ein. Vom Ende des 19. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts zählte der Verein durchgängig mindestens 200 Mitglieder. Der Sandtorquai, wie die Straße damals geschrieben wurde, entwickelte sich zu Europas größtem Kaffeemarkt.

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Handel im Hamburger Freihafen: Europas größter Kaffeemarkt

1881 war die Hansestadt Hamburg dem Zollgebiet des Deutschen Reiches beigetreten. Für die im Freihafen umgeschlagenen und weiter verarbeiteten Waren musste jedoch weiterhin kein Zoll bezahlt werden. Ein ganzes Wohnviertel war abgerissen worden, mehr als 17.000 Menschen hatte man umgesiedelt, damit die neue Speicherstadt mit mehrstöckigen Lagerhäusern errichtet werden konnte.

Im Sandtorhafenbecken legten die mit Kaffeesäcken beladenen Schuten an. Der Kaffee wurde zunächst in Kaischuppen zwischengelagert und von dort in die Speicher gebracht. "Quartiermeister" kontrollierten durch sogenanntes Probestechen die Qualität der gelieferten Ware.

Eherne Standesregeln

Die Kontore der Händler befanden sich meist in den Erdgeschossen der Speichergebäude. Die räumliche Nähe brachte es mit sich, dass die Kaufleute ihren Konkurrenten direkt in die Büros schauen konnten. Sie beobachteten, welche Geschäftspartner kamen, wie lange sie blieben, wie sie miteinander umgingen.

Den meisten Firmen reichten drei Kontorräume, die sich der Eigentümer mit einem Prokuristen, einem Handlungsgehilfen, einer Schreibkraft und einem Lehrling teilte. Die Hamburger Handelsfirmen waren meist patriarchalisch geführte Familienunternehmen. Man witzelte, dass 60-jährige Söhne als Juniorpartner kuschen mussten, während die wahren Chefs noch mit 90 Jahren täglich im Kontor erschienen.

Die Nachfolge konnten nur Söhne antreten, nie Töchter. Falls es keinen Sohn gab oder dieser in den Augen des Vaters zur Führung der Firma ungeeignet war, konnte auch ein adoptierter männlicher Verwandter das Erbe antreten. Eine Tradition, die bis in die Gegenwart reicht. Der kinderlose Arthur Darboven adoptierte 1953 Albert Hopusch, den Neffen seiner Frau, der den Namen Darboven annahm und seit 1966 das Rösterei-Imperium führt. Da sich der inzwischen 82-jährige Albert Darboven seit Langem mit seinem 1964 geborenen Sohn Arthur Ernesto aus seiner ersten Ehe mit einer "Kaffeeprinzessin" aus El Salvador überworfen hat, will er seine Nachfolge ebenfalls per Adoption regeln: Die Leitung des Unternehmens soll Andreas Jacobs, Spross einer ehemaligen Bremer Kaffee-Dynastie, übernehmen; dessen Vater Klaus war ebenfalls von seinem Onkel adoptiert worden.

Zu den ehernen Standesregeln der Hamburger Kaffeehändler gehörte es seit jeher, dass nur Vereinsmitglieder zollfrei handeln durften, und Mitglied konnte nur werden, wer mindestens zwei Fürsprecher aufbieten konnte. Die Rohkaffeehändler, konstatiert Dorothee Wierling, ehemalige Vizedirektorin der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg, fühlten sich "als exklusive Gruppe mit einem ausgeprägten Standesbewusstsein"; die Historikerin hat jetzt eine Chronik des Hamburger Kaffeehandels veröffentlicht.

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Die Importeure kauften den Rohkaffee, die aus der dunkelroten, kirschenähnlichen Frucht gelösten, gereinigten und getrockneten Kerne, stets durch Vermittlung von Agenten, niemals direkt von den überseeischen Plantagenbesitzern oder Exporteuren, den sogenannten Abladern. Der Weiterverkauf an die Röster erfolgte wiederum ausschließlich über Makler. Die ständische Ordnung sicherte jedem Berufszweig den Profit.

Suche nach "Stinkern"

Der Verein unterhielt, wie Ludwig Deutschmann, Teilhaber einer Importfirma, 1918 berichtete, "unter Aufwendung großer Kosten einen ausgebreiteten telegraphischen Nachrichtendienst" und machte "die von allen bedeutenden Kaffeemärkten der Welt einlaufenden Nachrichten im Börsensaal bekannt". Sie informierten unter anderem über "Preise, Verschiffungen, Vorräte und die täglichen Zufuhren in Rio und Santos" sowie "über die Wetterverhältnisse in Brasilien, die zur Beurteilung der Ernteaussichten sehr wichtig" waren.

Die Firmen wurden ausschließlich von Männern geführt, nur für schlecht bezahlte Hilfsarbeiten brauchte man weibliche Arbeitskräfte. Hunderte von "Miedjes", wie die Kaffeeverleserinnen genannt wurden, saßen in den obersten Böden der Speicherhäuser an langen Tischen, auf denen die Kaffeebohnen ausgeschüttet wurden. Im Akkord durchwühlten sie die Ware nach "Stinkern" - Bohnen, die zu lange dem üblichen Gärungsprozess ausgesetzt und dadurch überfermentiert waren. Sie entfernten Beimengungen, die nicht zuvor maschinell ausgesondert worden waren und sortierten die Bohnen nach Farbe und Größe. Otto von Bismarck nannte die Verleserinnen, als er 1895, fünf Jahre nach dem Ende seiner Kanzlerschaft, den Hamburger Hafen besuchte, die "Aschenbrödel des Kaffeehandels".

Der Theatermacher, Autor und Lichtkünstler Michael Batz, bekannt durch seinen in der Speicherstadt inszenierten "Hamburger Jedermann", erzählt in einem prächtig gestalteten Bildband Geschichten von dünkelhaften Kaffeehändlern und ausgebeuteten Arbeitssklavinnen.

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Batz berichtet auch von Tätlichkeiten und schweren Beleidigungen. Legendär ist die Ohrfeige, die der Makler Paul E. Fischer, genannt "Gamaschen-Paul", dem Importeur Dabelow versetzte. Die Herren, die sich als Creme der "ehrbaren Kaufleute" betrachteten, konnten zudem ganz schön vulgär sein. Kolportiert wurde, dass der Importeur Johannes Nottebohm dem Makler Josef Königsberger eine Musterdose in die Hand drückte und ihm befahl: "Klappern Sie den Markt ab, die Partie muss weg!" Der Makler kam unverrichteter Dinge zurück. "Waren Sie auch bei Lassally?", fragte Nottebohm, und Königsberger bejahte. Was Lassally gesagt habe, wollte der Händler wissen. "Nottebohm soll mich am Arsch lecken." Trocken gab dieser zurück: "Und wenn ich es tue, nimmt er dann die Partie?"

"Die konservativste Branche der Welt"

Im "Dritten Reich" verloren jüdische Vereinsmitglieder erst ihre Posten, dann ihre Firmen, am Ende ihr Leben. Josef Königsberger verzichtete schon im Februar 1933, zwei Wochen nach Adolf Hitlers "Machtergreifung", auf seine Wiederwahl in den Vereinsvorstand. 1935 machte der jüdische Importeur Heinrich Mayer seinen "arischen" Prokuristen zum Teilhaber, um seine Firma Tomkins, Hildesheim & Co. nicht sofort aufgeben zu müssen; Mayer wurde 1942 in Theresienstadt ermordet. Der 85-jährige Eduard Lassally ertränkte sich 1939 in der Außenalster.

Die Kaffeebörse am Sandtorkai wurde im Sommer 1943 durch einen Bombenangriff zerstört. Nach dem Zweiten Weltkrieg zerfiel der Verein. Noch immer verstanden sich die Rohkaffeehändler, wie der letzte noch lebende Agent Otto Heinrich Steinmeier dem Buchautor Batz erzählte, als "exquisite Elite, sozusagen die höchste Steigerung unternehmerischen Hamburger Esprits". Der SPIEGEL beschrieb den Berufszweig in einer Titelgeschichte (Nr. 27/1950) als "die konservativste Branche der Welt, die noch heute ihre eigene Gerichtsbarkeit besitzt - was den Kaffee betrifft - und deren Kontore aussehen, als hätte sie Holbein gemalt".

Doch der steigende Kaffeekonsum in Deutschland führte zu einem verschärften Konkurrenzkampf. Führende Großröster wie Jacobs und Tchibo schalteten die Zwischenhändler aus und importierten den von ihnen verarbeiteten Rohkaffee selbst.

Zwar eröffnete 1956 am Pickhuben 3 eine neue Kaffeebörse, aber sie kümmerte vor sich hin und diente zuletzt nur noch als Lesesaal, wo Zeitungen auslagen. "Wir hatten einfach keine Kulisse mehr", sagte Agent Steinmeier. Der "Verein der am Caffeehandel betheiligten Firmen" ging 1969, mit den Berufsverbänden der Röster und Makler, im Deutschen Kaffeeverband auf.

insgesamt 2 Beiträge
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Dirk Sondermann, 11.07.2018
1. Kapitalismus ohne strikteste Regulierung
Was sonst soll dabei herauskommen? Eine verkommene aber stinkreiche Elite und Mengen von Menschen, die ausgebeutet werden. Immer das selbe Lied.
Oliver Ermert, 13.07.2018
2. Sonderling Sondermann
Lieber Herr Sondermanm, schön, daß Sie Ihre Kapitalismuskritik unterbringen können. Daß jemand verkommen war, kann ich dem Artikel nicht entnehmen. Daß jemand stinkreich war, auch nicht. Die Einkommens- und Vermögensverhältnisse werden nicht dargelegt. Daß jemand ausgebeutet wurde, kann ich dem Artikel auch nicht entnehmen. Die Löhne der Mitarbeiter werden nicht beziffert und nicht in Relation zu anderen Branchen gesetzt. Regulierung scheint es dagegen gegeben zu haben. Wenn ich den Artikel richtig verstehe, konnte man früher seinen Rohkaffee nicht selbst importieren sondern mußte Makler einschalten. Also: Was meinen Sie?
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