Hamburgs vergessene Chinatown Opium und Pils vom Fass

Hamburgs vergessene Chinatown: Opium und Pils vom Fass Fotos

Drogenhöhlen, Spielhöllen, geheime Tunnel: Im Hamburger Hafenviertel existierte bis in die dreißiger Jahre Deutschlands einzige Chinatown - dann machte die "Chinesenaktion" der Nazis dem fernöstlichen Treiben ein Ende. Geblieben ist nur die "Hong Kong Bar" von Chong Tin Lam. Von Hanna Huhtasaari

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Die Schmuckstraße in Hamburg-St. Pauli in den zwanziger Jahren: Chinesische Chop-Suey-Lokale, Gemüsehändler und Kneipen reihen sich aneinander. Es riecht nach Ingwer, Soja, grünem Tee und exotischen Gewürzen. Schubkarren drängen sich durch die Straßen. Kisten mit fremden Schriftzeichen stapeln sich vor den Kellereingängen. Willkommen in Deutschlands einziger Chinatown. Was viele nicht wissen: Nicht nur San Francisco oder London, auch Deutschlands größte Hafenstadt hatte einst ein Chinesenviertel, gelegen direkt an der Sündenmeile Reeperbahn, zwischen Talstraße und Großer Freiheit.

Heute sind auch die letzten Spuren des einstigen Chinesenviertels in St. Pauli verschwunden. Fast. Denn am Hamburger Berg, einer Seitenstraße der Reeperbahn, gibt es noch ein letztes, unscheinbares Relikt: die "Hong Kong Bar". Ihr Gründer und langjähriger Inhaber Chong Tin Lam war einer von geschätzten 2000 bis 3000 Chinesen, die in den zwanziger Jahren nach Hamburg strömten.

Mit 19 Jahren verließ Chong seine Heimatstadt Kanton in der südchinesischen Provinz Guangdong und gelangte auf einem europäischen Dampfschiff nach Hamburg. Zu dieser Zeit, kurz nach dem Ersten Weltkrieg, boomte die Handelsschifffahrt in Europa. Reedereien wie die Hapag aus Hamburg und Norddeutscher Lloyd aus Bremen suchten Personal und beschäftigten zunehmend Arbeiter aus China - vor allem als Heizer und Kohlensschlepper, denn die Männer aus Fernost galten als besonders "hitzebeständig".

Drogengangster und geheime Tunnelsysteme

Nach seiner Ankunft 1926 half Chong zunächst bei seinem Onkel aus. Bald aber eröffnete er seine eigene Gaststätte am Hamburger Berg - die heute noch existierende "Hong Kong Bar". Das Lokal wurde schnell zum Treffpunkt chinesischer Seeleute auf Landgang, aber auch für ortsansässige Chinesen aus der Nachbarschaft. "Mein Vater war sehr gutmütig, er gab Bedürftigen schon mal ein Essen aus", erinnert sich Chongs Tochter Marietta, die heute hinter dem Tresen der "Hong Kong Bar" steht. "Im Viertel war er ein angesehener Geschäftsmann. Glückspiel und Opium duldete er in seiner Gaststätte nicht."

Vielen Europäern galten die Fremden aus Fernost als opiumrauchende Glückspieler und zwielichtige Geschäftemacher - Vorurteile, die durch gelegentliche Drogenfunde beflügelt wurden und Gerüchte über angebliche Opiumhöhlen und ein von chinesischen Banden angelegtes, geheimes Tunnelsystem nährten. Viele Hamburger befürchteten ernsthaft, St. Pauli könne in die Hände von chinesischen Gangstern fallen. Unaufgeklärte Mordfälle an Chinesen in den Jahren 1921 und 1925 verstärkten die Furcht vor den unheimlichen Fremden noch. Die rechtskonservative "Deutsche Zeitung" schrieb 1925 sogar von der "gelben Gefahr".

Dass die meisten Hamburger Chinesen ein ganz normales Alltagsleben führten, wurde übersehen. Dabei lebten nicht wenige sogar in festen Partnerschaften mit deutschen Frauen - obwohl Mädchen, die sich mit einem Asiaten einließen, auch schon vor der Machtübernahme der Nazis Probleme bekamen.

Ein Kind mitten im Krieg

Auch Chong Tin Lam lebte mit einer deutsch-polnischen Partnerin zusammen. Es gab zwar kein Heiratsverbot zwischen Chinesen und Deutschen, dennoch lehnten die Standesämter eine Heirat in der Regel unter formalen Vorwänden ab. Ab 1933 kam es dann vor, dass chinesische Männer, die mit deutschen Frauen in wilder Ehe lebten, von der Gestapo ausgewiesen wurden.

Chong durfte bleiben, aber seine Lage verschärfte sich, als 1942, schon mitten im Krieg, Tochter Marietta geboren wurde. Ein uneheliches, "nicht-arisches" Kind auf Hamburg St. Pauli mitten im Bombenhagel erschien Chong zu riskant - die Eltern entschlossen sich, Marietta zu Bekannten in Heidelberg zu geben. "Mein Vater sagte mir immer, Kinder haben auf St. Pauli nichts zu suchen", erinnert sie sich heute - wobei Bombenkrieg und Nazi-Diktatur für ihren Vater wohl nicht weniger gewichtige Gründe waren, als St. Paulis Ruf als wenig kindgerechter Sündenpfuhl.

Showdown in St. Pauli

Denn mit der einsetzenden Rassenverfolgung durch die Nazis gerieten auch die zugewanderten Chinesen endgültig in das Visier der Sicherheitsbehörden. Ab 1936/37 gehörten Razzien im Hamburger Chinesenviertel zur Tagesordnung. Mit der Kriegserklärung Chinas an Deutschland 1941 wurde die Situation für die Chinesen endgültig prekär.

Am 13. Mai 1944 kam es in St. Pauli zum Showdown. 200 Polizisten und Gestapo-Leute überfielen im Rahmen der "Chinesenaktion" Treffpunkte, Lokale und Wohnungen der chinesischen Gemeinde, unter dem Vorwurf der "Feindbegünstigung" wurden 130 Chinesen verhaftet. Zwischen 60 und 80 von ihnen wurden in das "Arbeitserziehungslager Langer Morgen" in Hamburg-Wilhelmsburg verschleppt, von wo aus sie in den umliegenden Industriegebieten Zwangsarbeit leisten mussten.

Auch Chong Tin Lams Lokal wurde an diesem Abend heimgesucht. Lebensmittelvorräte und Schmuck wurden aus seiner Gaststätte gestohlen, noch in dieser Nacht wurde er festgenommen. Der Vorwurf lautete auf Spionage und "Feindbegünstigung". Außerdem wurde er beschuldigt, antinationalsozialistische Versammlungen abgehalten zu haben.

Odyssee durch Arbeitslager

Für Chong Tin Lam folgte eine Odyssee durch mehrere NS-Arbeitslager, ohne dass ein Gerichtsverfahren gegen ihn eröffnet wurde. Vom Untersuchungsgefängnis am Hamburger Holstenglacis ging es in das Lager Stendal, dann nach einer erneuten Zwischenstation in der Haftanstalt Hamburg-Fuhlsbüttel wurde Chong am 11. April 1945 in das "Arbeitserziehungslager" Kiel-Hassee überstellt. Kurz bevor die Briten Schleswig-Holstein befreiten, wurde er dort am 18. April 1945 entlassen.

20 der im Zuge der "Chinesenaktion" verhafteten Männer überlebten nicht. Chong hatte mehr Glück, allerdings hinterließ die Haftzeit tiefe Spuren. "Er war sehr schweigsam und sprach nie über seine Haftzeit", erzählt seine Tochter heute. "Ich denke, er wollte mich nicht belasten. Aber ich habe gespürt, dass er sich verändert hatte und stiller war."

Chong Tin Lam kämpfte nach dem Krieg um eine Entschädigung für seine Haftzeit und für die von den Gestapo-Beamten entwendeten Wertsachen - vergeblich. Das Wiedergutmachungsamt urteilte, die Verfolgung sei nicht rassistisch motiviert gewesen. Die Gerichte gaben der Behörde recht: Bei der "Chinesenaktion" habe es sich um einen "gewöhnlichen polizeilichen Vorgang" gehandelt.

Pils vom Fass statt Wan-Tan-Suppe

Für den kleinen fernöstlichen Mikrokosmos auf dem Hamburger Kiez bedeutete die "Chinesenaktion" der Nazis das Ende. Nach dem Krieg blieben nur wenige der Überlebenden in Hamburg, die Mehrheit verließ die Hansestadt und kehrte in ihre alte Heimat zurück. Chong Tin Lam hingegen blieb und feierte bald nach dem Krieg die Wiedereröffnung seiner Gaststätte. Bis zu seinem Tod 1981 führte Chong die "Hong Kong bar", insgesamt über ein halbes Jahrhundert lang.

Seither steht Tochter Marietta hinter dem Tresen. Statt Wan-Tan-Suppe, Frühlingsrollen oder gebackener Ente nach Kanton-Art verlangen die Gäste heute aber eher Pils vom Fass oder Hochprozentiges. Besonders bekannt ist die "Hong Kong Bar" für ihre "Mexikaner", eine Mischung aus Wodka und Tabasco.

Sie sollen die besten auf St. Pauli sein.

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Wolfgang Marx, 04.09.2011
Ganz neu sind diese Erkenntnisse nicht, wer mehr wissen will, sollte folgendes sehr lesenswerte Buch lesen: Fremde - Hafen - Stadt. Chinesische Migration und ihre Wahrnehmung in Hamburg 1897-1972 von Lars Amenda (Autor), Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg (Hg.), erschienen im Dölling und Galitz Verlag; Auflage: 1., Aufl. (1. Mai 2006). ISBN: 978-3937904360
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