Hang zu Hannover 96 - die erste große Liebe

Altkanzler Schröder betont es immer wieder. Die Scorpions könnten bestimmt ein Lied darüber pfeifen. Wer mal da war, wird Marcel Amruschkewitz zustimmen, wenn er sagt: Hannover wird unterschätzt. Und auch der Hannoversche Sportverein von 1896 ist alles andere als eine graue Maus.

DPA

Von Marcel Amruschkewitz


Eines vorweg: Ich bin schon lange mit einer schwarz-gelben Borussia verheiratet. Doch meine erste große Liebe trug rote Trikots. Ich bin ein Spätentwickler. Als Elfjähriger sehe ich 1992 im Niedersachsenstadion mein erstes Fußballspiel. Es ist das Pokal-Halbfinale: Hannover gegen Bremen. Die Kulisse von 55.000 Zuschauern berührt mich wenig, Tennis ist mein Hobby. 120 Minuten später knallt Torwart Jörg Sievers den Ball zum 7:6 rein und hält gegen Werder-Stürmer Marco Bode den entscheidenden Elfer. Warum gerade Sievers, fragen Journalisten später Michael Lorkowski. "Er hatte den kürzesten Anlauf zum Ball", antwortet der 96-Trainer. Improvisation! So wie den ganzen Abend schon. Kein großer Fußball, echte Hingabe. Ich habe mich verliebt.

Haste, Landkreis Schaumburg, Sportwerbewoche, Mai 1992: Zwischen Bierwagen und Bratwurstbude haben sie für das Pokalfinale gegen Gladbach einen Fernseher aufgebaut. Mit einem Kribbeln im Bauch gebe ich ein bisschen Hingabe zurück, indem ich wie ein Bekloppter die alte 96-Fahne meines Onkels schwenke. Nach 120 Minuten steht es 0:0 - wieder Elfmeterschießen. Sievers pariert gegen Fach und Pflipsen. Schjönberg verwandelt im Anschluss. Pokalsieg!

Danach geht alles den Bach runter. In der folgenden Saison darf Hannover als Zweitligist im Europapokal ran. Doch statt gegen Madrid oder Liverpool spielen sie in der ersten Runde gegen Titelverteidiger Werder Bremen und scheiden aus. Es folgen mäßige Jahre im Niemandsland der zweiten Liga. Bei den Roten und mir kehrt Alltag ein. 1996, pünktlich zum 100-jährigen Jubiläum, steigt Hannover in die Regionalliga ab. 96 und ich stecken in der Krise.

Im Jahr darauf gelingt beinahe der Wiederaufstieg. Von Trennung kann keine Rede mehr sein. Als überragende Mannschaft der Regionalliga Nord spielt Hannover in der Relegation gegen Cottbus. Nach einem 0:0 zu Hause fährt das junge Team zum Rückspiel in den Osten. Energies Abwehrspieler holzen was das Zeug hält, anders wissen sie sich gegen den brillanten 96-Angriff mit Addo und Asamoah nicht zu helfen. Als das Flutlicht ausfällt, steht es 1:1. Das würde für den Aufstieg reichen. Doch als Energie das Licht wieder anknipst, knipst uns ein Spieler namens Irrgang aus der zweiten Liga.

Existenzangst und Morddrohungen

Zu Beginn der Spielzeit 1997/1998 gibt es erstmal ordentlich Theater. Hannover steht kurz vor der Pleite. Existenzangst schweißt uns zusammen. Sanierer Utz Claassen soll den Laden retten. Der kommt aus der Wirtschaft, hat von Fußball aber keine Ahnung. Einen Tag vor der Erstrunden-Pokalpartie gegen Gladbach feuert er Manager Franz Gerber. Außerdem kürzt er die Siegprämien der Mannschaft und kündigt an, die halbe Truppe verkaufen zu wollen. Damit bringt er die halbe Stadt gegen sich auf. Am Tag des Spiels erhält Claassen Morddrohungen. Nur mit Polizeischutz traut er sich ins Stadion. In der Kabine spricht Ex-Manager Gerber der jungen Mannschaft Mut zu. 33.000 Zuschauer schreien 96 zu einer neuerlichen Pokalsensation gegen den Bundesligisten. Der 18-jährige Fabian Ernst spielt eine sensationelle Partie als Abwehrchef, Jens Rasiejewski nimmt Effenberg aus dem Spiel. Elfer-Killer Sievers besorgt den Rest.

Nach dem Abpfiff tragen die Pokalhelden Gerber auf Schultern durchs Stadion. Nicht nur die Roten in der Kurve, auch die Zuschauer auf der Haupttribüne demonstrieren für den ehemaligen Manager und feinden Clubboss Claassen offen an. Auf der Pressekonferenz tragen die Spieler T-Shirts mit Gerbers Namen und skandieren seinen Namen. Sie drohen sogar mit Streik in der nächsten Regionalliga-Partie. Als ein ehemaliges Verwaltungsratsmitglied die Lage beruhigen will, stürzt sich Trainer Reinhold Fanz auf ihn und entreißt ihm das Mikrofon. Revolution! Wenig später tritt Claassen zurück. Neuer Boss wird Hörgeräte-Hersteller Martin Kind. Mit ihm kehrt zunächst Ruhe ein. Seine erste Amtshandlung: Er setzt Gerber wieder als Manager ein. Im selben Jahr gelingt der Aufstieg in die zweite Liga.

2002 geht es dann mit Trainer Ralf Rangnick noch eine Etage höher - zehn Jahre nach dem Pokaltriumph gegen Gladbach ist 96 wieder erstklassig. Fühlt sich an wie ein zweiter Frühling. Alte Liebe rostet nicht. Die Mannschaft spielt klasse Offensivfußball und stellt mit Jan Simak den aufregendsten Spieler der Saison. Der Tscheche macht im Aufstiegsjahr 18 Tore, fährt besoffen durch die Innenstadt, prügelt sich durch Kneipen und verdrückt sich heimlich von der Aufstiegsfeier. Angesichts seiner Eskapaden und der stolzen sieben Millionen Euro, die Leverkusen zahlt, ist es nachvollziehbar, dass Hannover die Mittelfeld-Diva gehen lässt. Trotzdem blutet mir das Herz, denn 96 verliert den vielleicht talentiertesten Spieler, den wir jemals hatten.

Und dieses Jahr? Seit Dieter Hecking aus Aachen kam, weht ein Hauch von Aufbruch durch die Eilenriede. Der neue Coach hat um erfahrene Spieler wie Tarnat und Lala eine schlagkräftige Truppe aufgebaut. Unter ihm haben sich junge Spieler zu Leistungsträgern gemausert. Torwart Enke hat mit seiner Vertragsverlängerung gezeigt, dass es sich zu bleiben lohnt in Hannover. Aber: Für die neue Saison muss ein Knipser her. Wie wäre es mit einem alten Bekannten aus Tschechien? Bei Sparta Prag soll ein gereifter Jan Simak wieder zur alten Stärke gefunden haben. Mein Herz sagt: Ein Versuch wäre es wert.

Erschienen auf SPIEGEL ONLINE am 15.05.2007



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