Hannah Pick-Goslar Anne Franks ewige beste Freundin

Sie waren beste Freundinnen, spielten zusammen, quatschten über Jungs: Hannah Goslar und Anne Frank. Nach ihrer Deportation trafen sie im KZ Bergen-Belsen ein letztes Mal aufeinander - wenige Tage vor Annes Tod. Heute trägt Hannah ihre Geschichte in die Welt.

Anne Frank Haus Amsterdam/Anne Frank Fond

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Berlin - Das Ende hat Hannah verschlafen. Sie lag an ihrem angestammten Platz im Viehwaggon, zehn Tage schon dauerte die Irrfahrt durch Deutschland. Durch die Ritzen im Holz hatten sie Lüneburg erkannt und die Umrisse des völlig zerstörten Berlins. Immer wenn die Bomben fielen, hielt der Zug, dann konnten sie kurz aussteigen, bewacht von der SS. Am 23. April 1945, bei Kilometer 101,6, bleibt der Zug stehen. Die Elsterbrücke war gesprengt, ein Weiterkommen unmöglich. Doch Hannah schlief. Sie war in einen Dämmerzustand gefallen, irgendwo zwischen Leben und Tod.

Truppen der Roten Armee fanden an jenem Montag den letzten der drei Todestransporte aus dem KZ Bergen-Belsen und seine erbärmliche Fracht.

"Da hätte man mich doch wecken sollen, nicht wahr?", sagt die patente alte Dame mit dem dunkel gefärbten Haar, den leuchtenden Augen und dem schwarzen Hut, während sie über den Dächern Berlins in einem Restaurant sitzt und einen Kaffee mit Süßstoff trinkt. Immerhin war das der Moment, in dem Hannah Goslar wusste, dass sie die Nazis und das KZ überlebt hatte, dass sie es mit ihren 16 Jahren geschafft hatte, sich und ihre zwölf Jahre jüngere Schwester durchzubringen. Durch das Lager Westerbork in den Niederlanden und durch Bergen-Belsen.

Die erste Nacht in Freiheit - aber unter dem Hakenkreuz

Die erste Nacht in Freiheit verbrachten die beiden Mädchen im Haus des früheren Bürgermeisters von Schilda, einem Dorf in Brandenburg. In dem leer stehenden Gebäude fanden Hannah und Gabi ein Schlafzimmer mit einem sauberen Bett und einer grünen Tapete. Auf sie hatten die früheren Bewohner große, dunkelgrüne Hakenkreuze gemalt. "So viel Gefolgschaft haben noch nicht mal die Nazis verlangt", sagt Hannah und schüttelt leicht den Kopf. Immerhin war es ein Bett. Und immerhin waren sie frei. "Wir haben uns umgedreht und einfach die Augen zu gemacht."

Die Fahrt im Verlorenen Zug sei das Schlimmste an der jahrelangen KZ-Haft gewesen, sagt Hannah. Was dort passierte, ist so fürchterlich, dass sie es kaum erzählen mag. Die Menschen waren zusammengepfercht - Alte, Frauen, Kranke. Neben Hannah und ihrer Schwester lag ein Ungar, Herr Mermelstein. Der war todkrank, litt an schweren Durchfällen. Die Pfanne wollte er während der Fahrt leeren, doch er schaffte es nicht. Der Inhalt landete auf Hannah und ihrer Schwester, die vor der Öffnung kauerten. Wasser, um sich zu waschen, gab es nicht. "Da bin ich hysterisch geworden, habe geschrieen und getobt. Dabei war der Mann ja krank."

"Manchmal träume ich schlecht"

Wenn Hannah Pick-Goslar mit ihren 78 Jahren über ihre Kindheit im Exil in Amsterdam und die Jugend im KZ spricht, klingt das nüchtern, fast etwas abgeklärt. Emotionen zeigt sie kaum, so hat sie es gelernt. Wenn man sie fragt, was es mit ihr macht, immer und immer wieder ihre Geschichte zu erzählen, dann sagt sie leise: "Na ja, wissen Sie, manchmal träume ich schlecht."

Hannah kommt fast jährlich nach Deutschland und Holland, um zu erzählen, was ihr widerfahren ist. Ihre Geschichte, das ist die Geschichte ihrer Freundschaft zu Anne Frank, deren Tagebuch eines der meistgelesenen Bücher der Welt ist. Aber es ist vor allem auch die Geschichte einer Jugend, die geprägt war durch die Repressalien der Nazis, durch das Leben im KZ - aber auch durch Mut und den festen Willen, die schwere Zeit zu überstehen.

Dass sie überlebt hat und Anne als junges Mädchen im KZ sterben musste, versteht Hannah als Verpflichtung, dafür zu sorgen, dass die Geschichte von Anne Frank weiterlebt. Sie selbst, meint Hannah, sei nichts Besonderes.

"Anne und ich waren das Gegenteil von anständig"

Rückschau: Eine Woche leben die Goslars in Amsterdam, als Hannah und ihre Mutter Ruth beim Gemüsehändler das erste Mal Anne und deren Mutter treffen. Wie sich herausstellt, wohnen beide Familien im Merwedeplein, die Fenster der Wohnungen liegen übereinander. Manchmal spielen die Mädchen in der Fabrik von Herrn Frank, telefonieren von Büro zu Büro oder bespritzen Fußgänger vom Fenster aus mit Wasser.

"Anne und ich", erzählt Hannah, "waren das Gegenteil von anständig." Die beiden Mädchen sind wilder, frecher, forscher als Annes ältere Schwester Margot. Anne genießt es, im Mittelpunkt zu stehen. Mit allen denkbaren Mitteln. Manchmal kugelt sie ihre Schulter aus, um alle Blicke auf sich zu ziehen. Ihre Gedanken drehen sich vor allem um eins: Jungs. "Anne war ein kleines, vorlautes Mädchen." Hannahs Mutter habe immer gesagt: "Gott weiß alles - und Anne weiß alles besser."

Am 7. Juli 1942 scheint nach einem Regentag die Sonne in Amsterdam. Hannah trägt ein Sommerkleid und will Anne zum Spielen abholen, es sind Sommerferien. Alles ist so, wie es immer ist. Nur Anne ist nicht mehr da. Die Familie sei in die Schweiz emigriert, behauptet der frühere Untermieter, Herr Goudsmit. In der Wohnung stehen noch Schüsseln mit Essen auf dem Tisch. Annes Bett ist abgezogen, aber ihr Schwimmabzeichen und Moortje, die Katze, sind noch da. Hannah weint - kein Wort hatte Anne zuvor erwähnt.

"Ich war nicht so dick, das war auch ganz nett"

Am 20. Juni 1943 werden die Goslars bei einer Razzia von den Nazis festgenommen. Sie haben 20 Minuten Zeit, um 20 Kilo Gepäck zusammenzusuchen. Man bringt sie in das holländische Lager Westerbork. Das Leben dort sei "nicht üppig" gewesen, aber man habe genug zu Essen gehabt, sagt Hannah. "Ich war nicht so dick, wie ich heute bin, das war auch ganz nett." Im Lager putzt sie freiwillig die Toiletten im Kinderheim - um ab und zu ihren Vater zu sehen. "Das war kein Vergnügen bei 150 bis 200 Kindern, können Sie sich vorstellen."

Am Abend des 14. Februar 1944 werden Hannah, ihre Schwester und ihr Vater in das Konzentrationslager Bergen-Belsen deportiert. Der Alltag dort ist vor allem durch eines gekennzeichnet: ewiges Warten. Das Leben im Lager hat keinen Inhalt - aber umso mehr Ordnung. Die Nazis sind besessen, alles in Listen zu vermerken, die Juden wieder und wieder zu zählen. Stunden verbringt Hannah in Kälte und bei Regen auf dem Appellhof und lässt die endlose Prozedur über sich ergehen.

Tagein, tagaus gibt es Kohlsuppe zu essen. Die, die das Essen austeilten, schöpfen nur die Brühe ab - das wenige, sattmachende Gemüse bewahren sie für sich auf. Bis heute isst Hannah deshalb keinen Kohlrabi - "auch wenn der vielleicht gar nicht so schlecht schmeckt". Morgens gibt es Kaffee, "ein dunkelbraunes, warmes Gesöff". Mit ihm waschen sich die Frauen die Haare - "warmes Wasser gab es nicht."

"Meine Schwester und ich haben uns gegenseitig gerettet"

Die Mauern, Zäune und Wachleute schirmen das Kriegsgeschehen ab. Nur selten dringen Informationen in das Lager. Ab und zu hört man die Flugzeuge und die Sirenen. "Sie haben nie, nie etwas verraten." Wie es um den Krieg steht, können die Juden an der Stimmung der SS-Leute ablesen: "Hatten die Nazis gute Laune, dann war das schlecht für uns. Hatten sie schlechte Laune, dann war das gut für uns."

Hannah erkrankt an Gelbsucht - dabei muss sie doch für Gabi sorgen. Ans Aufgeben habe sie deshalb nie denken können, erzählt sie heute. "Gott hat damals geholfen", sagt die 78-Jährige. Eine Frau aus dem Lager, Mutter von fünf Töchtern und zwei Söhnen, sorgt einen ganzen Monat für die kleine Schwester. "Dein Vater hat auch immer allen geholfen", sagt sie.

"Meine Schwester und ich haben uns gegenseitig gerettet", meint Hannah. Insgesamt sei es den Juden in Bergen-Belsen besser ergangen als in vielen anderen Lagern. Sie schiebt ihre hellblau gemusterte Bluse hoch und zeigt ihren Arm - "ich hab keine Nummer".

Gegen Ende des Krieges "evakuieren" die Nazis die Konzentrationslager im Osten. Tausende kommen mit dem Zug nach Bergen-Belsen - die meisten mehr tot als lebendig. "Die Menschen sind gestorben wie die Fliegen." Mit den anderen Häftlingen kommen Läuse und Krankheiten. Die Bedingungen werden unerträglich. Nachts laufen Ratten über den Barackenboden und die Liegen. Der Winter ist eisig: Kälte und Feuchtigkeit ziehen durch die Lager-Ritzen.

Deutschland hat den Krieg längst verloren, da trifft Hannah Anne zum letzten Mal. In der Hölle des KZs Bergen-Belsen.

"Sie war ein gebrochenes Mädchen"

Unter den Juden spricht sich herum, dass auch Niederländer aus Auschwitz in das Lager gebracht worden sind. Eine Bekannte erzählt Hannah von Anne. Zwischen den Baracken haben die Nazis eine Grenze durch das Lager gezogen: einen mit Stroh gefüllten Stacheldrahtzaun, Tag und Nacht von der SS und ihren Scheinwerfern bewacht. In diesem Umfeld setzen Anne und Hannah ihr Leben aufs Spiel, um wenigstens noch einmal miteinander zu sprechen. Zu verlieren haben sie ohnehin nicht mehr viel.

"Ich hab niemanden mehr", sagt die schwache Stimme auf der anderen Seite des Zaunes. Anne ist der festen Überzeugung, ihr Vater sei von den Nazis umgebracht worden - weil er älter als 55 Jahre war, als man ihn deportierte. "Wenn sie damals gewusst hätte, dass er noch lebt, hätte sie vielleicht genug Kraft gehabt, die letzten Wochen zu überstehen." Diesen Satz sagt Hannah immer wieder. Aber Anne wusste es nicht. Frau Frank hatte Auschwitz nicht überlebt, Annes Schwester Margot lag in Bergen-Belsen im Sterben. Wie konnte sie ahnen, dass ihr Vater noch lebt?

"Mir ist so kalt und ich habe solchen Hunger", klagt Anne. Hannah sammelt, was sie finden kann. Im Teil des Lagers, in dem sie lebt, erhalten die Häftlinge Hilfspakete vom Roten Kreuz. "Die Päckchen waren so groß wie ein Din-A-4-Blatt. Drinnen waren Cracker, Trockenpflaumen, Zuckerstückchen."

Zum vereinbarten Zeitpunkt schleicht Hannah sich aus der Baracke und durch die Scheinwerferkegel an den Zaun. Die beiden Mädchen flüstern. Als Hannah sicher ist, dass ihre Freundin da ist, wirft sie das Bündel mit all ihrer Kraft. Dann hört sie Schritte. Jemand bückt sich - und läuft davon. Anne schreit. Und weint. "Eine Frau hat das Päckchen gefangen. Sie will es mir nicht geben." Hannah verspricht, erneut zu sammeln. Diesmal kann sie sogar einen löchrigen Socken auftreiben. In jener Nacht fängt Anne.

"Sie war ein gebrochenes Mädchen", sagt Hannah stockend. "Das war nicht mehr die Anne, die ich kannte." Zu einem weiteren Treffen kommt es nicht. Hannahs Vater stirbt, sie selbst erkrankt an Typhus, kann nicht zum Zaun gehen. Von Anne hört sie nie wieder.

In der Nacht zum 11. April 1945 werden Hannah und ihre Schwester mit 2500 anderen Häftlingen in Viehwaggons verladen. Fünf Tage, bevor die Briten Bergen-Belsen erreichen und das Lager befreien, setzt sich der Verlorene Zug in Bewegung. Die Irrfahrt wird zehn Tage dauern und weitere 198 Menschenleben kosten. Sie endet an Kilometer 106,1. Während Hannah schläft.



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