Hanns Dieter Hüsch Der Mann, der den Jazz in Worte fasste

Hanns Dieter Hüsch: Der Mann, der den Jazz in Worte fasste Fotos
Rainer W. Sauer/Hüsch Sammlung Jena, Privatsammlung Hüsch/Windeck-Werfen

Als "schwarzes Schaf vom Niederrhein" ist er bekannt - aber kaum jemand weiß, dass der Kabarettist Hanns Dieter Hüsch nicht nur ein Wort-Künstler, sondern auch ein großer Jazzer war. Hören Sie mal hin!

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Hanns Dieter Hüschs Leben hat mit Musik begonnen und endete mit Musik. Als er am 6. Mai 1925 das Licht der Welt erblickte, kam sein Onkel Hein mit zwei Freunden zu Besuch und die drei sangen dem neugeborenen Knaben zu Ehren Schubert-Lieder. Und am Tag von Hüschs Beisetzung im Dezember 2005 erklang jazzig angehauchte Orgelmusik und ein Chor sang Kirchenlieder - von Hüsch selbst gedichtet.

Der Volksphilosoph vom Niederrhein war zeitlebens nicht nur ein Mann des Wortes, sondern immer auch mit Musik eng verbunden. Was er zu Beginn seiner Karriere als Kabarettist am Klavier und zwanzig Jahre später dann auf seiner legendären Philicorda-Orgel spielte, konnte man eher dem Jazz zuordnen als anderen Musikrichtungen. Das lag wohl auch daran, dass seine Lieblings-Akkorde Dm7, G7, Cmajor7 und A7 "mit einer kleinen None" (wie Hüsch sein Publikum aufklärte) alterierte Jazz-Akkorde sind. Den Jazz übernahm Hüsch schnell auch in seine Texte ... aber alles der Reihe nach.

Musikalische Erziehung am Radio

Als Kind genoss Hanns Dieter bereits die Opernbesuche mit seinem Onkel. Als Jugendlicher hörte er natürlich Radio, immer mit einem Ohr am Lautsprecher, egal was gerade lief. Jeden Tag um 16 Uhr war das zum Beispiel das Große Musikkonzert. "Ich lernte, dass Musik in der Lage ist, noch mehr als die Sprache, alle Träume und Sehnsüchte auszudrücken", verriet er einst Bernd Schroeder für dessen Buch "Hanns Dieter Hüsch hat jetzt zugegeben". Die Klassiker der Moderne waren es, die Hüsch damals aufwühlten: Orff, Tschaikowski, Rimski-Korsakow, Borodin, Hindemith, Schönberg, aber auch Jazz-Opern wie "Johnny spielt auf" oder Aufnahmen mit stilprägenden Pianisten wie Peter Igelhoff und Peter Kreuder.

Der 15-Jährige improvisierte, meist samstags, wenn der Rest der Familie auf den Friedhof ging, auf dem Reißnagelklavier Akkorde und versuchte dabei die merkwürdigen Klänge hinzubekommen, die er in der "Donkey Serenade" von Rudolf Friml gehört hatte. Sein Freund Gerd Lisken erinnerte sich später an den jungen Hüsch des Jahres 1940: "Er spielt ohne Noten, eine rhythmische, harte, ostinate Musik mit metallischem Klang, der vor allem durch die linke Hand angeheizt wird. Stravinsky und Jazz klingen an - aber es ist seine eigene Musik."

Karrierebeginn als B(r)ettel-Student

Als junger Erwachsener zog es Hüsch über Gießen nach Mainz, wo er im Frühjahr 1948 zum ersten Mal als "B(r)ettl-Student" im Kabarett auftrat. Schnell baute man ihn in Programme ein, auch weil er ganz passabel Klavier spielen konnte. "Chansons, Gedichte und Geschichten" nannte er sein erstes eigenes Programm, und schon bald kamen auch Gastspiele hinzu, die ihn ins Umfeld von Mainz und sogar bis nach Frankfurt am Main führten.

Nach den Vorstellungen traf sich Hüsch oft in Musikkneipen und Jazz-Lokalen mit anderen Kabarettisten oder Schauspielern wie Günter Pfitzmann und Mario Adorf. Auf diesem Wege verbreitete sich nach und nach Hüschs Ruf als "Künstler mit dem literarischen Klavier".

1952 dann bestellte ihn Guy Walter zum Vorspielen nach Baden-Baden und in der Folge kam es zu Hüschs ersten Tonaufnahmen für den Rundfunk, die, angefangen bei Stücken mit Rolf-Hans Müller und der SWF Rhythmusband bis hin zum Hörstück "Carmina Urana", nunmehr ausgeprägte Jazzelemente enthielten. Hüsch machte zwischen 1956 und 1976 Aufnahmen mit Heinz Weiss, Gerd Dudek, Volker Kriegel, Eberhard Weber und Bill Ramsey und überraschte auf seinem Album "Abendlieder" mit einem von Kai Rautenberg arrangierten Big-Band-Sound.

Verjazztes Kabarett

Hüschs Genius, sein Ansehen und Erfolg beim Publikum bestand jedoch darin, dass er von Beginn an seinen Texten eine besondere, auf Gefühl bezogene Rhythmik und eine intensive, teils spontane Interaktion gab, also all die Elemente, welche man auch in der Jazzmusik spürt. Er grenzte sich und sein Werk damit schon früh von anderen Kabarettisten ab und konnte diesen eigenen Stil in der Folge weiterentwickeln. Die Programme des "Solisten tiefgründigen Humors", wie ihn einmal die Süddeutsche Zeitung nannte, enthielten mit fortschreitender Lebensklugheit Hüschs immer weniger tagespolitische Elemente und wurden dadurch zeitlos. Dies eröffnete Hüsch den nächsten Schritt: er brachte, nachdem ihn seine Schauspielkollegin Ingeburg Kanstein (bekannt aus der Serie "Goldener Sonntag") für den US-amerikanischen Komponisten Steve Reich begeistern konnte, die Elemente der "Minimal Music" in seine Texte ein.

Reichs "Music For Six Pianos" war die Hintergrundmusik beim Schreiben der ersten Hagenbuch-Geschichten und mit ein Grund, warum Hüsch 1978 dem damals als Komponisten noch kaum bekannten Konstantin Wecker den Auftrag gab, ganz im Stile Steve Reichs eine eigene Musik für die erste Hagenbuch-LP zu entwickeln.

Hüsch und Thomas Bernhard

Den Geschichten lehnte Hanns Dieter Hüsch dann stets als eine Text-Fuge an, inspiriert von Thomas Bernhards Erzählung "Gehen". Hüsch versuchte übrigens drei Mal vergebens, den scheuen österreichischen Schriftsteller persönlich zu treffen.

Als Hanns Dieter Hüsch zwischen 1979 und 1983 mit der Band von Lars Reichow und den Hagenbuch-Geschichten im Gepäck auf große Tournee ging, hatte er endgültig seinen Ruf als "Jazzer unter den Kabarettisten" weg. Als 1990 Gerd Lisken seinen Moerser Jugendfreund noch einmal traf, diesmal in Düsseldorf auf der Bühne des Kom(m)ödchens, fiel ihm dieser besondere Umgang mit Musik sofort auf. "Insoweit Hüsch Kabarettist ist", schrieb Lisken über Hüschs Auftritt, "mag es nicht überraschen, dass er auch mit der Musik operiert, ohne die Kabarett ja nicht denkbar ist. Er ist sein eigener Texter, Komponist, Sänger und Pianist. Aber was noch interessanter ist: Er geht über die bekannten Formen hinaus, erweitert sie, sprengt sie bis in die Bereiche des Experiments mit Klängen der Moderne und Techniken der Collage."

Ohne Frage: Hanns Dieter Hüsch war ein Jazzer. Keiner auf den ersten Blick, dafür einer mit Weitblick, einer der Kabarett und Jazz vereinte, indem er beide nach seiner Manier jeweils zu ihrem Recht kommen ließ.

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