Genscher auf dem Prager Balkon "...dass heute Ihre Ausreise möglich geworden ist"

Diese legendäre Szene machte Hans-Dietrich Genscher zum Helden: Vom Balkon der Prager Botschaft beendete er im September 1989 ein Fluchtdrama und entließ 4000 DDR-Bürger in die Freiheit. Der Rest ist Geschichte.

DPA

"Der Genscher ist da. Mensch der Genscher!" Eigentlich hatte Hermann Huber, der bundesdeutsche Botschafter in Prag, den Besuch von Außenminister Hans-Dietrich Genscher so lange wie möglich geheim halten wollen. Die Lage im herrschaftlichen Lobkowitz-Palais hatte sich in den Tagen zuvor dramatisch zugespitzt. 4000 DDR-Flüchtlinge drängten sich am Abend dieses 30. September 1989 auf dem Botschaftsgelände. Sie hockten, lagen, standen dicht gedrängt auf Treppenstufen, auf Fensterbänken und im Garten.

Einige hatten schon Tage in dieser Enge ausgeharrt - in der Hoffnung, den Westen zu erreichen, irgendwie, irgendwann. Ihre Nerven lagen blank. "Es sollte kein Chaos entstehen", erinnert sich Huber. Also beschloss er, Genscher heimlich durch einen kleinen Seiteneingang in die Botschaft zu schleusen.

Doch der berühmte Gast blieb nicht lange unbemerkt. "Der Fahrstuhl war versperrt. Wir mussten die Treppen nehmen und über etliche Flüchtlinge hinweg steigen", erzählt Huber. Es dauerte nicht lange, bis einer flüsterte: "Der Außenminister ist da." Auch in der DDR kannte jeder das Gesicht des FDP-Politikers, des seit 15 Jahren amtierenden Politdinosauriers. Rasant machte die Nachricht die Runde. "Genscher, Genscher, Genscher!", schallte es bald hoffnungsvoll aus dem Botschaftsgarten, wo sich der Großteil der Flüchtlinge aufhielt. Warum war er gekommen? Sollte sich ihr mutiger Widerstand doch gelohnt haben?


Genscher in Prag: "Wir sind gekommen, um Ihnen mitzuteilen..."


Es war bereits dunkel, als Genscher gemeinsam mit Rudolf Seiters, Chef des Bundeskanzleramts, auf dem Balkon erschien. Nur ein kleiner Scheinwerfer neben der Tür spendete Licht, als Genscher jenen berühmten Satz sagte, der auf halber Strecke im Jubel ertrank: "Wir sind gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise möglich geworden ist."

Mit nüchternen Worten verkündete Genscher das, was niemand je für möglich gehalten hatte: Ost-Berlin entließ die abtrünnigen DDR-Bürger in den verhassten Westen. Keiner konnte richtig erkennen, welche Konsequenzen all das haben würde. Heute ist klar: Die Balkonszene war der Anfang vom Ende der DDR und der wohl ergreifendste Moment des Fluchtsommers 1989 - mit Hans-Dietrich Genscher, Hausherr der Prager Botschaft, in der Hauptrolle.

Der Welt stockte der Atem

Nur einem Kameramann war es gelungen, von einem Nachbarhaus aus Genschers denkwürdigen Auftritt zu filmen. Bewusst hatte Huber alle Kameras aus der Botschaft verbannt - in Ost-Berlin sollte auf keinen Fall der Verdacht aufkommen, dass Bonn daraus eine Propagandaveranstaltung machen könne. Zu groß war die Sorge, dass einer der Hardliner in letzter Sekunde die Reise in die Freiheit verhindern könnte.

Als die leicht verwackelten und dunklen Bilder wenige Stunden später im Fernsehen ausgestrahlt wurden, stockte der Welt der Atem. Nichts würde im Ostblock mehr so sein, wie es einmal war. Die DDR-Bürger hatten sich ihre Freiheit erkämpft. Die ersten Züge Richtung BRD rollten bereits. Der Held der Stunde hieß Hans-Dietrich Genscher.

Vergessen waren alle Gerüchte um seinen Rücktritt, die noch wenige Wochen zuvor kursierten. "Wann kommt die Zeit nach Genscher?", hatte der Bonner SPIEGEL-Korrespondent Richard Kiessler im Juli 1989 in einem mehrseitigen Artikel gefragt. Genscher sei gesundheitlich schwer angeschlagen und denke darüber nach, das Handtuch zu werfen, schrieb er. Auch der FDP-Nachwuchs fordere einen Generationswechsel.

Trotz Herzinfarkt auf Betriebstemperatur

Tatsächlich war Genscher gesundheitlich nicht auf der Höhe. Im Frühjahr hatte er sich einer schweren Harnwegsoperation unterziehen müssen und erlitt am 20. Juli einen Herzinfarkt. Möglicherweise hatte er vom Krankenlager aus etwas zu laut über einen Rücktritt nachgedacht. Doch angesichts der historischen Aufgabe, die sich anbahnte, verwarf er seine Zweifel und lief zur gewohnten Betriebstemperatur auf.

100.000 Menschen hatten in den ersten sechs Monaten des Jahres 1989 bereits die DDR verlassen. Zehntausende warteten auf ihre legale Ausreise oder hatten Zuflucht gesucht in den Botschaften in Warschau, Prag, Budapest sowie in der ständigen Vertretung in Ost-Berlin. Jeden Tag aufs Neue stimmten die DDR-Bürger mit den Füßen ab - so vehement, dass Ungarn am 11. September die Grenzen in den Westen öffnete.

Ost-Berlin ließ in einer hilflos anmutenden Aktion die Grenzen nach Ungarn schließen. Die Fluchtwilligen scherte das wenig: Sie fuhren nach Prag und überfluteten dort die Botschaft, die an jenem 30. September überfüllt war, weil die Tschechoslowakei eine ungarische Lösung ablehnte. In seinen Erinnerungen schrieb Genscher, auf dem Flug nach Prag sei ihm endgültig klar geworden: "Die DDR ist am Ende. Das Ende der Mauer rückt in Sichtweite."

An Genschers Seite arbeitete Rudolf Seiters, offiziell für innerdeutsche Fragen und Verhandlungen zuständig, unter Hochdruck an einer Lösung des Flüchtlingsproblems. Doch er hatte bei seinen Ansprechpartnern in Ost-Berlin wenig Erfolg. Die SED-Führung bestand darauf, dass die Abtrünnigen in die DDR zurückkehrten. Als Gegenleistung sicherte sie ihnen eine Ausreisegarantie innerhalb von sechs Monaten zu.

Flugplan: New York - Bonn - Prag

Doch darauf ließ sich kaum noch jemand ein. "Zu lang und zu ungewiss", sagte einer der Flüchtlingssprecher damals dem SPIEGEL. Erst als Genscher am Rande der Uno-Generalversammlung Ende September 1989 Gespräche mit DDR-Außenminister Oskar Fischer und dem sowjetischen Außenminister Eduard Schewardnadse führte, der Genscher angesichts der dramatischen Situation in der Prager Botschaft sofort seine Unterstützung zusicherte, kam Bewegung in die fest gefahrene Situation.

Im Laufe der Gespräche begriff Genscher: Ost-Berlin ging es vor allem darum, die Souveränität der DDR zu wahren. Also machte er DDR-Außenminister Fischer, der seine Hilf- und Ratlosigkeit kaum zu verbergen vermochte, zwei Vorschläge: Erstens könnten DDR-Konsularleute in die Prager Botschaft kommen und dort die Pässe abstempeln; die Flüchtlinge würden dann direkt von Prag nach Bayern gebracht. Zweitens könnten die Züge durch die DDR in die Bundesrepublik fahren.

Es werde eine Lösung geben, ließ Fischer am Morgen des 29. September Genscher in New York wissen. Die Einzelheiten werde er in Bonn am nächsten Tag erfahren. Erleichtert stieg Genscher noch am selben Tag ins Flugzeug. Offensichtlich hatte Schewardnadse Druck auf Ost-Berlin ausgeübt - auch wenn das die SED-Führung heftig bestritt. Sie hatte sich für die zweite Lösung entschieden: Züge durch die DDR rollen zu lassen. Seiters, Genscher und Horst Neubauer, der ständige Vertreter der DDR in Bonn, trafen sich am 30. September im Bundeskanzleramt, um die Details zu verhandeln. Nur Stunden später flogen Seiters und Genscher nach Prag, um dort das Ergebnis zu verkünden.

Angestrengt dachte Genscher im Flugzeug darüber nach, wie er den Flüchtlingen erklären konnte, dass sie über DDR-Gebiet fahren müssen. Die anfängliche Zusage, dass Genscher und Seiters die Züge begleiten dürften, um Vertrauen zu schaffen, hatte die DDR-Führung in letzter Sekunde zurückgenommen. Genscher war sich sicher, dass es dagegen heftigen Widerstand geben würde.

"Ich übernehme die persönliche Bürgschaft"

Tatsächlich hagelte es Buhrufe, als er die Katze aus dem Sack ließ. Am Ende entschied Genscher sich für klare Worte: "Ich übernehme die persönliche Bürgschaft, dass Ihnen nichts geschehen wird", rief er vom Balkon. Und die Menschen vertrauten ihm. Keine zwei Stunden nach seiner Ansprache rollten die ersten Züge Richtung BRD.

Wie angeschlagen Genscher in seiner politischen Sternstunde noch war, wussten die wenigsten. Wegen des Herzinfarkts hatten die Ärzte ihm Schonung verschrieben, doch nun verlangte er seinem Körper alles ab. New York, Bonn, Prag - binnen 24 Stunden. Die Lage erforderte das, sagte er damals wie später. Er habe ja zwei Ärzte dabei gehabt.

Doch auf dem Balkon plagten ihn schwere Herzrhythmusstörungen. Hätte die Brüstung seinen Körper nicht gestützt, wäre er möglicherweise zusammengebrochen. Doch er war ein Meister des Kaschierens. "Wir haben ihm nichts angemerkt. Erst als er meine Frau nach einem ruhigen Ort fragte, wo er sich einmal kurz hinsetzen dürfe, wurde mir klar, wie angegriffen er war", sagt Huber.

In seinen Erinnerungen bekennt Genscher gleich im ersten Satz: "Die Stunden in der Botschaft in Prag am 30. September 1989 gehören zu den bewegendsten meines Lebens." 15 Jahre lang war der Ost-West-Konflikt sein Alltagsgeschäft gewesen. Vom Aufbau der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit (KSZE) über den Nato-Doppelbeschluss bis zur doppelten Nulllösung - überall hatte er mitgemischt. Später war Genscher federführend bei den Zwei-plus-Vier-Gesprächen dabei und erlebte den Jugoslawien- und ersten Golfkrieg hautnah mit.

Doch dieser Moment in Prag stellte alles in den Schatten: Als er seinen Landsleuten - wie er als gebürtiger Hallenser, der erst 1952 die DDR verlassen hatte, immer wieder betonte - verkünden durfte, dass sie endlich frei seien.

Genscher wurde oft als "schlitzohriger Taktiker" und "Meister der Unschärfe" beschrieben, der sich ungern festlegte und in politischen Fragen nur selten Farbe bekannte. In diesen Tagen war davon nichts zu spüren. Er erkannte die einmalige Chance und griff zu.

Im Grunde fiel die Mauer dank Genschers und Seiters Verhandlungsgeschick schon vor dem 9. November. Und zwar in Prag. Denn am 4. Oktober 1989 reiste bereits der nächste Schwung DDR-Flüchtlinge aus der Prager Botschaft über die DDR aus. Und ab dem 3. November konnten alle DDR-Bürger ganz legal mit ihrem Ausweis die deutsch-tschechische Grenze passieren. Wer die DDR verlassen wollte, musste nur noch den Umweg über Prag nehmen.

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