Trickfilmpionier Hans Fischerkoesen Hitlers Disney

Trickfilmpionier Hans Fischerkoesen: Hitlers Disney Fotos
DER SPIEGEL

Bei ihm machten Skelette Schnapsreklame und Muster wurden zu irren Trips: Die schrägen Werbespots des Trickfilmers Hans Fischerkoesen sind legendär. Seine größten Werke schuf er allerdings im Dritten Reich - für die Disney-Fans Hitler und Goebbels. Von

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Bleich scheint der Vollmond, während sich die Schlafende in ihrem Traum hin und her wälzt. Düstere Streicherklänge branden auf. Durch dunkle Nebelschwaden fällt sie in die Tiefe, ein Messer umschwirrt ihren Kopf, rote Teufelsklauen greifen nach ihrem Hals. Sie will einen Schrei ausstoßen, doch kein Ton kommt über ihre Lippen. Ihr Kopf verformt sich zu einem Totenschädel, aus dem Mäuse hervorquellen. Plötzlich beginnt ein Orchester von Skeletten, Geige zu spielen, und geisterhafte Gestalten tanzen dazu, bis ein roter Blitz sie niederstreckt. Dann endlich erlöst das Morgenlicht die Schlafende von ihrem Alptraum. Sie richtet sich auf, und zu einem Tusch erscheint in der strahlenden Sonne... eine Flasche Underberg. Eine Stimme aus dem Off erklärt: "Underberg bannt Unwohlsein und beruhigt!"

Der ungewöhnliche Trickfilm "Durch Nacht zum Licht", mit dem im Deutschland der fünfziger Jahre für Underberg-Kräuterschnaps geworben wurde, war nur eine von Hunderten stilprägenden Arbeiten des wohl einflussreichsten deutschen Trickfilmers überhaupt: Hans Fischerkoesen. 1919 brachte der "deutsche Walt Disney", wie er später getauft wurde, den ersten langen Animationsfilm in deutsche Kinos und schrieb damit Geschichte.

Selbstgebastelter Film-Meilenstein

Der 1896 im sächsischen Bad Kösen geborene Hans Fischer (er verbindet erst später seinen Namen mit dem seines Geburtsortes zu dem Künstlernamen Fischerkoesen) findet früh zur Kunst: Durch schweres Asthma ans Bett gefesselt, beginnt er bereits als Kind, leidenschaftlich zu zeichnen.

Als junger Mann entgeht er durch seine chronische Krankheit dem Einsatz an der Front im Ersten Weltkrieg. Er nutzt die Zeit während seines Dienstes als Funker, um eifrig Skizzen für seinen ersten Film anzufertigen. Sofort nach Kriegsende macht er sich mit Hilfe einer notdürftig selbst zusammengezimmerten Ausrüstung an die Verwirklichung seiner Vision - und schafft das Unglaubliche: Als "Das Loch im Westen", eine bittere Abrechnung mit jenen, die im Nachkriegsdeutschland vom Leid der Bevölkerung profitieren, 1919 Premiere feiert, geht er in die Filmgeschichte ein: als der erste in Deutschland produzierte lange Zeichentrickfilm. Heute weiß kaum noch jemand, wie der Film aussah - denn eine Kopie ist nicht mehr erhalten.

Zwei Jahre später setzt Fischerkoesen mit dem "Bummel-Petrus", einem Werbefilm für Schuhe, den Startschuss für seine überaus erfolgreiche Werbelaufbahn. Sein lebendiger Zeichenstil und sein freundlicher, nie verletzender Humor begeistern Publikum wie Werbekunden und verhelfen ihm schnell zu Wohlstand. Mit seinen selig lächelnden Strichmännchen, sprechenden Tieren und tanzenden Gebrauchsgegenständen - von der Glühlampe bis zur Zapfsäule - zeichnet sich Fischerkoesen geradewegs in die Herzen der Bevölkerung.

Unterhaltung für die Unterworfenen

Mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs nimmt Fischerkoesens Karriere eine neue Wendung: Die Waren, für die er jahrelang so effektvoll die Werbetrommel gerührt hat, werden zunehmend zu seltenen Luxusgütern. Die Karriere des erfolgsverwöhnten Zeichners scheint vor dem Aus zu stehen. Doch da nimmt seine Laufbahn eine ungeahnte Wendung: Hitler ist ein großer Bewunderer Walt Disneys und träumt davon, eine deutsche Trickfilmindustrie von Weltrang aufzubauen. Und so erhält Fischerkoesen von Propagandaminister Goebbels den Auftrag, Zeichentrickfilme herzustellen, die es in technischer Hinsicht mit denen Disneys aufnehmen können.

Während Europa in Schutt und Asche gelegt wird, erhält Fischerkoesen genug Geld, um seine drei wichtigsten und aufwendigsten Filme zu realisieren. "Die verwitterte Melodie" (1942) zeigt eine Wespe, die auf einer Wiese einen alten Plattenspieler entdeckt und ihn mit ihrem Stachel wieder zum Laufen bringt. In "Der Schneemann" (1943) beschließt der Titelheld, in einem Gefrierschrank auszuharren, bis es Sommer geworden ist - nur um im Juli überglücklich dahinzuschmelzen. Und in "Das dumme Gänslein" (1944) hat eine eitle Gans, die sich in die weite Welt jenseits des Bauernhofs hinauswagt, ein ernüchterndes Rendezvous mit einem Fuchs. Alle drei Filme müssen ganz ohne gesprochene Dialoge auskommen, da sie auch in den besetzten Gebieten in Osteuropa gezeigt werden sollen, um dort die Stimmung zu heben.

Dennoch handelte es sich nicht um typische Propagandafilme. Der amerikanische Filmhistoriker William Moritz will in der eigentlich verbotenen Swing-Musik von "Die verwitterte Melodie", dem Warten des Schneemanns auf bessere Zeiten und dem aufmüpfigen Gebaren des Gänsleins sogar subversive Signale erkannt haben. Fischerkoesens Sohn bleibt jedoch skeptisch: "Man kann das sicherlich so sehen", sagt er. "Mein Vater war jedoch ein vollkommen unpolitischer Mensch, der nach dem Krieg nie über diese Zeit gesprochen hat." Theorien, nach denen sein Vater sich mit anderen Künstlern zu einer antifaschistischen Gruppe zusammengeschlossen habe, hält Hans M. Fischerkoesen für haltlos: "Es ist bekannt, dass mein Vater kein Mitglied der NSDAP war - aber er war mit Sicherheit auch kein Untergrundkämpfer."

Ein neuer Anfang

Als der Zweite Weltkrieg endet, wird Fischerkoesen in das russische Internierungslager Sachsenhausen gesperrt. "Mein Vater hat die Gefangenschaft wohl nur überlebt, weil er die sowjetischen Lagerleiter porträtiert hat, die ihm dafür hin und wieder ein Stück Brot zugeworfen haben", sagt sein Sohn. Selbst im zermürbenden Alltag des Lagerlebens scheint seine überbordende Phantasie nicht zu bändigen: Im Keller der Lagerküche fertigt er Wandzeichnungen von badenden Kartoffeln und anderem vermenschlichten Gemüse an, die noch heute in der Gedenkstätte Sachsenhausen zu sehen sind.

Nach seiner Entlassung im Juli 1948 flüchtet er mit seiner Frau und seinen zwei Kindern aus der Ostzone in den französisch besetzten Teil Deutschlands. Einmal mehr fällt der umtriebige Zeichner auf die Füße: In Mehlem bei Bonn gründet er die neuen Fischerkoesen-Studios und kann in den Jahren des Wirtschaftswunders schnell an seine früheren Erfolge anknüpfen. Mit Werbefilmen für namhafte Marken wie Aral, Afri-Cola oder Haribo erreicht er ein Millionenpublikum. Auf Festivals werden seine Filme mit Preisen überschüttet.

Die Angst vor dem leeren Kopf

Doch der Erfolg macht Fischerkoesen nicht behäbig - immer bleibt er offen für neue Experimente. Eine Werbung für Linde’s Kaffee etwa lässt er als abstraktes Formenspiel beginnen, das von dessen blau gepunkteter Verpackung inspiriert ist. Für einen Film, der die Zuschauer von Autoral-Benzin überzeugen soll, kombiniert er Stop-Motion-Animation, die ein Auto in Bewegung versetzt, mit herkömmlichem Zeichentrick, um das Innenleben des Motors zu veranschaulichen.

Bis zu 70 Stunden pro Woche verbringt Fischerkoesen im Studio, verfasst eigenhändig jedes Drehbuch, dichtet jeden Liedtext selbst, kontrolliert jede Zeichnung. Eine extreme Arbeitswut, unter der das Familienleben zwangsweise leidet: Die Kinder kriegen ihren Vater nur sonntags zu sehen, und selbst dann sitzt Fischerkoesen oftmals mit einem Skizzenblock im Liegestuhl und arbeitet an Entwürfen für seinen nächsten Film. "Einmal habe ich ihn gefragt, was er sich zum Geburtstag wünscht", erinnert sich sein Sohn. Die Antwort des Vaters: "Ich kann nur eines gebrauchen: einen neuen Kopp, denn der hier ist bald leer."

Eine Befürchtung, die bald Wahrheit zu werden scheint: Ab Mitte der sechziger Jahre hat Fischerkoesen Schwierigkeiten, Anschluss zu finden. Kinospots werden kürzer und kürzer, und auch das Fernsehen verlangt nach knappen, schnellen Botschaften. Für Fischerkoesens bis zu fünf Minuten dauernde Zeichentrick-Erzählungen ist bald kein Platz mehr.

Schnüffelndes Erbstück

"Mein Vater hat einmal scherzhaft gesagt: 'Man muss mit der Zeit gehen, sonst muss man mit der Zeit gehen'", erinnert sich Hans M. Fischerkoesen. 1969 scheint ihm diese Zeit gekommen - er übergibt die Trickfilmstudios an seinen Sohn.

Doch selbst im Trickfilmer-Ruhestand scheint Hans Fischerkoesen einfach nicht zur Ruhe zu kommen: Er hat die Vision, eine völlig neue Form des Puppentheaters ins Fernsehen zu bringen und gründet hierzu die Firma Telematik. Anstatt wie die Marionetten der Augsburger Puppenkiste an Fäden zu hängen, sollen die Telematik-Figuren ihre Gliedmaßen und Gesichtszüge per Fernsteuerung bewegen. Zu einer Umsetzung dieser Idee kommt es jedoch nicht mehr. Am 25. April 1973 stirbt Hans Fischerkoesen im Alter von 76 Jahren an einem Herzinfarkt.

Eine Weile führt sein Sohn das Erbe des Vaters fort - mit einigem Erfolg: Er spezialisiert sich auf Lehrfilme für die Pharmaindustrie und wird einer der Pioniere der 3-D-Computeranimation in Deutschland. Und dennoch: 2000 schließen die Fischerkoesen-Studios ihre Tore.

Eine Erfindung Hans Fischerkoesens jedoch überlebt seinen Schöpfer: 1958 hatte er für den Hessischen Rundfunk einen putzigen Fernsehhund als Maskottchen kreiert. "Onkel Otto", wie die Zuschauer "ihren" Hund über die Jahre liebevoll tauften, ist noch heute im hessischen Fernsehprogramm zu sehen - und erinnert an eines der größten Genies, die der deutsche Trickfilm hervorgebracht hat.

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    Seite 1    
1.
Wilfried Huthmacher 29.04.2013
Der Titel des Beitragers ist unter jeder Kanaone von Navarone. Da hat also jemand zu Hitlers Kriegszeiten, sein Geld damit verdient, gerade mal drei Trickfilme herzustellen. Aber das reicht, um aus ihm und seinen restlichen 70 Lebensjahren in denen er Werbefilmchen gemacht hat - zu Hitlers Walt Disney bzw. einem seiner Helfer mutieren zu lassen. Wann kommt endlich der Beitag zu dem Schneider, der Hitler jahrelang seine Angora-Unterhosen zurechtschneiderte? Hat Hitler sicher auch geholfen es untenrum mmer schön warm zu haben.
2.
Wolfgang Weber 29.04.2013
Bitte sofort Guido Knopp anrufen, der dann einen Beitrag dreht und dem Durchschnittszuschauer erzählt wieviele Helfer Adi noch hatte. Gibt's nichts Wichtigeres?
3.
Zoltan Tanczik 29.04.2013
Zur Zeit ist in Dresden eine ausführliche und objektive Ausstellung zum deutschen Animationsfilm dieser Zeit zu sehen. Ein Besuch lohnt sich! http://www.tsd.de/traumschmelze_-der-deutsche-zeichenanimationsfilm-1930-bis-1950
4.
H. Lorenz 29.04.2013
"Der 1896 im sächsischen Bad Kösen geborene Hans Fischer ..." Bitte richtig abschreiben! Bad Kösen liegt noch immer in Sachsen-Anhalt. "... 1948 flüchtet er mit seiner Frau und seinen zwei Kindern aus der Ostzone in den französisch besetzten Teil Deutschlands." Entweder schreiben Sie "... flüchtet er ... aus der Ostzone" in die Trizone. Oder Sie schreiben "... flüchtet er ... aus der" SBZ (Sowjetische Besatzungszone) in die Französische Besatzungszone. Auch als "Leitmedium" sollte man korrekt bleiben.
5.
Gregor Seipel 29.04.2013
Wichtig ist vor allem, immer ein "Hitler" in der Überschrift einzubauen! Herr Knopp hat einmal dieses Stöckchen hingehalten, und alle anderen hüpfen fröhlich drüber.
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