RTL-Moderator Hans Meiser "Wir hatten keine Ahnung, wie man Fernsehen macht"

Er brachte mit RTL den Daily Talk nach Deutschland: Zu seinem 70. Geburtstag spricht Hans Meiser über die Anfänge des Privatfernsehens - und verrät, welche Sendung ihm Albträume bescherte.

RTL

Ein Interview von


einestages: Herr Meiser, 1992 brachten Sie Daily Talk nach Deutschland. Vorher diskutierten Promi-Runden das Weltgeschehen. Bei Ihnen redeten Durchschnittsbürger über Themen wie "Verliebt in einen Star" oder "Das erste Mal" und entblößten dabei Persönlichstes. Hatten Sie nie Mitleid mit den Gästen?

Meiser: Na ja, ich entblöße mich ja jetzt auch vor Ihnen. Aber ja, es gab einen Fall - in einer Sendung über Alkoholismus. Da hatte ich eine feine ältere Dame als Gast, deren Sohn Alkoholiker war. Sie erzählte: "Mein Sohn lag im Rinnstein, im eigenen Urin und Exkrement, und wachte klar auf. Das war seine Chance." Da dachte ich: Wow - die Frau fährt jetzt in ihren Villenvorort zurück, und wenn die morgen mit ihrem Pudel einkaufen geht, wird sie garantiert darauf angesprochen.

einestages: Wie hat das Publikum auf Ihre Sendung reagiert, in der so intime Dinge ausgeplaudert wurden?

Meiser: Es gab viel Gegenwind. Sechs Wochen war unsere Quote gar nicht messbar. Wir waren das schwarze Loch im Fernsehuniversum. Als ich bei einem Paar zum Grillen war, polterte sie: "Du lädst den Abschaum der Gesellschaft ein, das sind doch Untermenschen!" Ich hab ihr gesagt, dass mir solche Formulierungen zuwider sind. Aber später hörte ich, wie sie mit einer Freundin en detail eine Sendung von mir durchdiskutierte - obwohl sie vorher beteuert hatte, sie würde sich diesen "Schwachsinn" nicht angucken.

einestages: Bis heute wird RTL als "Unterschichtenfernsehen" beschimpft.

Meiser: Solche Ausdrücke sind stilistisch wie aus dem "Völkischen Beobachter". Jeder kriegt das Programm, das er verdient hat - auch wenn das ein blöder Spruch ist. Es gibt sicher einen Unterschied zwischen RTL und 3sat. Aber auch zwischen SPIEGEL und "Frau im Spiegel". Zielgruppen gehen eben auseinander. Vieles, was zumindest damals an RTL belächelt wurde, war auch einfach aus der Not geboren.

einestages: Inwiefern?

Meiser: Als Radio Luxemburg 1984 RTLplus startete, hatten wir schlicht kein Geld. Aber Helmut Thoma hatte das Geschick, 15 absolut wahnsinnige Leute um sich zu versammeln - einer davon war ich - und mit ihnen Sachen auszuprobieren. Wir hatten keine Ahnung, wie man Fernsehen macht. Doch man kann ja auch mit Lebensmitteln, die schon 14 Tage abgelaufen sind, noch was Leckeres kochen.

Hans Meiser in den Räumen seiner 1992 gegründeten Produktionsfirma CreaTV
ullstein bild

Hans Meiser in den Räumen seiner 1992 gegründeten Produktionsfirma CreaTV

einestages: Wie haben die Öffentlich-Rechtlichen reagiert, wenn Sie mit Ihrer Truppe der Ahnungslosen auftauchten?

Meiser: Die nahmen uns nicht ernst. Zum Beispiel 1985 bei den Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen. Da wollten wir mit den großen Hunden pinkeln, aber bekamen das Bein nicht so hoch. Wir waren nur deshalb der erste Sender, der über Satellit gesendet hat, weil alle Leitungen ausgebucht waren. Da hat die Post eine Satellitenantenne aufgestellt, sodass wir aus unserem kleinen Studio im Ständehaus Düsseldorf senden konnten. Eines Morgens stolzierte ein Mann in den Raum, grüne Cordjacke mit Lederflicken, die Hände tief in den Taschen seiner zerbeulten Cordhose, drehte eine Runde und sagte: "Ach, das sind die Kollegen aus dem Ausland, die uns zeigen wollen, wie man Fernsehen macht? Hahahaha!" Und ging wieder raus. Der Mann war WDR-Fernsehchefredakteur Gerd Ruge.

einestages: Überheblichkeit oder Angst?

Meiser: Die Öffentlich-Rechtlichen ärgerte, dass wir anders waren. Bei Hitze saßen wir zum Beispiel auch mal ohne Krawatte da - das hatte es vorher nicht gegeben. Genau wie unseren Umgang mit Prominenten: Bei einem Interview sagte mir ein Politiker, ich glaube Norbert Blüm, mehrfach: "Ihre Frage ist falsch!" Ich sagte nur: "Dann stellen Sie sie doch richtig und beantworten sie bitte!" Dafür bekam ich dann Prügel: So gehe man nicht mit Politikern um. Hannelore Kohl hat mich einmal nach einem Interview mit ihrem Mann furchtbar fertiggemacht, weil sie fand, ich habe ihn in die Enge gedrängt: "Eine Unverschämtheit, wie Sie mit dem Bundeskanzler umgehen!" Vorher war man huldvoller aufgetreten. Wir waren die ansteckende Krankheit aus Luxemburg. Damit wollte man nichts zu tun haben.

einestages: Über welche Sendungen ärgern Sie sich selbst heute so, wie man sich damals über Ihre ärgerte?

Meiser: Viele - zum Beispiel die ewigen Militärdokus auf N24. Muss ich wirklich das 40-Gang-Getriebe des neuesten russischen Panzers sehen? Spielfilme? Ich lach mich tot! RTL hat damals angefangen mit diesen "Welturaufführungen" - und heute wirbt man noch: "Weltpremiere! Die Rosen vom Dingsbumssee." Klar, das interessiert Japaner natürlich brennend! Mich macht es nervös, dass ich sieben Tage die Woche "Tatort" gucken kann. Die Kraft, Neues zu schaffen, ist weg. Neulich habe ich "Ninja Warrior" auf RTL gesehen: rumklettern, springen und sich einen abhecheln. Zumindest diese Sendung hatte eine katastrophale Quote. Es funktioniert halt nicht alles hier, nur weil es in Japan oder den USA läuft.

Hans Meiser 1998 in seiner Talkshow, die den Daily-Talk-Boom in Deutschland einläutete
imago

Hans Meiser 1998 in seiner Talkshow, die den Daily-Talk-Boom in Deutschland einläutete

einestages: Auch zu Ihren Zeiten bei RTL ist es üblich gewesen, Formate aus dem Ausland einzukaufen.

Meiser: Ja, ich habe das selbst erlebt, wenn ich Formate entwickelte. Als Erstes hieß es: "Gibt's das schon irgendwo erfolgreich?" Andererseits hat Thoma damals bei RTL auch viel ausprobiert.

einestages: ...etwa Hütchenspiele, Tortenschlachten, Strip-Shows...

Meiser: Manches funktionierte, anderes nicht. Manches war billig - für "Tutti Frutti" hat er fast nichts bezahlt - anderes teurer. Etwa, als er Wimbledon eingekauft hat. Ein großer Coup, schließlich waren Boris und Steffi auch Kinder von RTL. Fernsehen war ein Event, auf das man sich freute. Heute ist es ein Gebrauchsartikel wie Küchenpapier. Man reißt ein Stück ab und wirft es weg.

einestages: Dieser Event-Charakter hatte auch Schattenseiten. Als 1988 beim Geiseldrama von Gladbeck Reporter die Bankräuber Degowski und Rösner live begleiteten, wurden die zu Stars eines Medienspektakels. Sie gerieten damals in die Kritik, weil Sie direkt in der Deutschen Bank anriefen, wo sich die Verbrecher verschanzt hatten.

Meiser: Das war nur der Versuch, an Informationen zu kommen. Ich dachte: "Die Bank ist so groß, die können unmöglich alle Räume bewachen. Lass uns eine Nebenstelle anrufen, vielleicht erwischen wir eine Geisel, die sagen kann, wie es ihnen geht." Dann hatte ich plötzlich Degowski dran. Unser Gespräch war vielleicht 14 Sekunden lang, dann hat er aufgelegt. Man kann an meiner Stimme hören, wie aufgeregt ich war.

einestages: Hat Sie je die Frage verfolgt, ob die Geiseln durch Sie in Gefahr kamen und Sie da besser nicht angerufen hätten?

Meiser: Natürlich. Da schlagen zwei Herzen in meiner Brust. Einerseits denke ich: Ein schlechter Journalist ist, wer nicht auf die Idee kommt, sowas zu machen. Aber ein schlechter Journalist ist auch, wer sowas nachher tatsächlich sendet - zumal nichts Interessantes gesagt wurde. Hätte ich vorher gewusst, dass der Verbrecher da rangeht, hätte ich nicht angerufen. Ich finde, dass diese Leute kein Rederecht über ihre Taten im Fernsehen haben. Aber es ist geschehen, ich kann es nicht rückgängig machen. Vielleicht war die Idee einfach blöd, ich weiß es nicht.

einestages: Gab es andere Auftritte, die Sie im Nachhinein lieber gelassen hätten?

Meiser: Nie ganz wohl gefühlt habe ich mich bei Rudi Carrells "7 Tage - 7 Köpfe". Ich sagte ihm gleich: "Ich kann das nicht!" "Doch, du kannst das. Ich brauche einen seriösen Journalisten." Also machte ich mit. Während nun Mike Krüger und Co. die ganze Woche hatten, sich zu überlegen, wie sie witzig auf Tagesaktuelles reagieren, produzierte ich "Notruf", hatte meine Talkshow, politische Sondersendungen et cetera - und sollte dann freitagabends auch noch hier mitmischen. Manchmal klappte das, viel öfter nicht. Als der Vertrag für die zweite Staffel kam, sagte ich: "Rudi, ich mach das nicht." Da schrie er mich an: "Du machst das, wenn ich das will!" Letztlich habe ich mich breitschlagen lassen. Ich musste mich so verbiegen! Erst als ich Albträume davon bekam, gab er nach, und ich durfte gehen.

einestages: Ähnlich traumatisch verlief Ihre Trennung von RTL. Kürzlich sagten Sie, der Sender habe Sie "abgeschossen wie eine Wildsau in der Morgensonne". Was ist passiert?

Meiser: 26 Jahre war ich dort, eines Tages kam einfach kein Anschlussvertrag, ohne Begründung. Das hat mich schon verletzt. Mein Wildsau-Spruch hat wohl für Stirnrunzeln gesorgt bei RTL. Kürzlich soll eine Produktionsfirma dem Sender eine Show angeboten haben, für die sie mich angeblich wollten. Der Produktionsfirma wurde nur ein hartes "Der nicht!" entgegengerufen. Die werden mich nie wieder buchen - dachte ich.

einestages: Aber?

Meiser: Vor Tagen schrieb mir eine RTL-Kollegin, sie hätten mich gerne für eine Show, "Die 10 tollsten...", ich weiß gar nicht genau was. Ich rufe sie also an: "Du willst doch deinen Job behalten, oder?" "Klar." "Dann solltest du mich nicht anschreiben." Ich riet ihr dringend, zu klären, ob sie mich besetzen darf. Sie will sich melden.

Das Telefon klingelt, Meiser unterbricht.

Meiser: Sie werden es nicht glauben. Die wollen das tatsächlich machen!

einestages: Woher der Sinneswandel?

Meiser: Die sagte nur: "Sie haben ja immer so gute Sprüche!"



insgesamt 26 Beiträge
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Seite 1
Manfred Wolff, 20.08.2016
1. Unverantwortlich während des Irak-Krieges
Journalisten wird ja hier und da vorgeworfen, Dinge hochzuschaukeln, damit es einen berichtenswerten Content gibt. Hans Meiser hat da den m.E. lächerlichsten Tiefpunkt gesetzt. Während Israel unter laufendem Rakenbeschuß stand und fast täglich Menschen dort starben, war die Panik eher bei vielen deutschen Bundesbürgern, die Nahrungsmittel horteten und dachten, die Welt ginge für sie morgen unter. Dabei war Deutschland weit vom Geschehen entfernt und Israel trotz dieser Anschläge und Angriffe (gewohnt) gelassen. Da kam dann Hans Meiser mit einer Abmoderation, um noch mehr Öl ins Feuer der unangebrachten deutschen Panik zu gießen und eigenes Drama aufzubauen: "Wir sehen uns morgen wieder - HOFFENTLICH". Diesen aus meiner Sicht groben und unverantwortlichen Schwachsinn werde ich ihm nie vergessen.
barlog, 20.08.2016
2.
Unsymphatischer Typ, der aber seine Verdienste an der Erschaffung eines damals fehlenden Trivialfernsehens für Menschen unter 60 hat. Heute scheint mir diese Art von Fernsehen nur noch für bildungsschwache Menschen um die 30 interessant zu sein, die jüngeren starren auf andere Inhalte.
Stefan Martens, 20.08.2016
3. Es gibt beim Fernsehen
nette Menschen und Egomanen. Beide koennen sehr erfolgreich werden. Meiser ist einer der schlimmsten Kandidaten der Egomanen. Neben Ullrich oder Schreinemakers damals oder dem Typen von Glücksrad. Eine weitere Kandidatin dieser Egomanen haben wir ja gerade im Dschungelcamp kennen gelernt :-)
Ralf Wagner, 20.08.2016
4. Das Bildungsfernsehen aus Köln?
Ganz einfach: unerträglich!!
Klausi Fuchs, 20.08.2016
5. Das Tragische:
Damals, als sie "noch nicht wussten wie man Fernsehen macht", war RTL um Grössenordnungen besser als es heute ist... Kein gutes Zeugnis für die Verantwortlichen heute.
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