Zum Tod von Hans Mommsen Der Entzauberer

Streitbar, unbequem und unendlich klug: Hans Mommsen war der bedeutendste deutsche Zeithistoriker. Er schreckte nie davor zurück, den Deutschen die Leviten zu lesen.

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Die Deutschen hatten es sich in der Nachkriegszeit bequem gemacht. "Hitler war's", lautete die Formel, auf die sich Politik, Gesellschaft und letztlich auch große Teile der Geschichtswissenschaft geeinigt hatten. Der "Führer" und seine Lakaien hatten Europa mit Krieg überzogen, Hitler trug die Verantwortung für die Auslöschung Millionen jüdischer Leben.

Da provozierte ein junger Historiker namens Hans Mommsen die Zunft. Hitler sei ein "schwacher Diktator" gewesen, behauptete Mommsen 1971 - und rief Empörung hervor.

Wenn nicht Zustimmung, so erntete er zumindest Aufmerksamkeit. Dabei wollte Mommsen den Mann an der Spitze des "Dritten Reiches" weder verteidigen noch seine Rolle relativieren. Auf Provokation hatte er es angelegt. Für den Geschichtswissenschaftler war es schlichtweg undenkbar, NS-Diktatur, Krieg und Judenvernichtung allein aus der Person Hitler heraus erklären zu wollen.

Familie verpflichtet

In dem Begriff "kumulative Radikalisierung" fasste Mommsen seine These zusammen. Es gab demnach nicht den einen Befehl, der den Massenmord in Gang gesetzt habe. Vielmehr hätten allerorts bereitwillige Funktionäre "dem Führer entgegengearbeitet" - und so die Vernichtung der Juden in Gang gesetzt.

Nachdem diese These in der Welt war, wurde es unbequem für die damals Beteiligten. Plötzlich mussten sie sich Fragen gefallen lassen, welche Rolle sie im Nationalsozialismus gespielt hatten.

Um die heftigen Debatten durchzustehen, die Mommsen mit ausgelöst hatte, war er genau der richtige Mann. Streitbar, unbequem und klug vertrat er seine Position. Genau wie sein berühmter Urgroßvater, der Althistoriker Theodor Mommsen, der 1902 den Literaturnobelpreis gewonnen hatte und eine Dynastie von Historikern begründet hatte.

Echter Ordinarius

Auch Hans' Vater Wilhelm Mommsen war Geschichtswissenschaftler von Beruf, der allerdings anders als viele seiner Kollegen, die sich weitaus tiefer im braunen Sumpf verstrickt hatten, nicht seine Professur an der Universität Marburg zurück erhielt. Zusammen mit seinem Zwillingsbruder Wolfgang lernte Hans daher materielle Not kennen. Um die Familie zu unterhalten, verkaufte der Vater Porzellan und Bücher aus der Bibliothek.

Hans Mommsen 2008 in Berlin.
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Hans Mommsen 2008 in Berlin.

Trotzdem konnten die beiden Brüder ein Studium aufnehmen. Der eine, Hans, wollte eigentlich Germanistik studieren, der andere, Wolfgang, Physik. Am Ende siegte doch die Familientradition. 1968 übernahm Hans Mommsen eine Professur an der frisch gegründeten Ruhr-Universität in Bochum, sein Bruder erhielt einen Lehrstuhl in Düsseldorf. In Bochum war Hans Mommsen genau an der richtigen Stelle, hatte er sich schon lange der Sozialdemokratie verbunden gefühlt. 1959 war er mit der Arbeit "Die Sozialdemokratie und die Nationalitätenfrage im Habsburger Vielvölkerstaat 1867-1907" promoviert worden.

Um sich nicht in die Quere zu kommen, hatten sich der um eine halbe Stunde jüngere Hans und sein Bruder die Historie aufgeteilt. Hans Mommsen forschte zu Weimarer Republik, Arbeiterbewegung, Reichstagsbrand, Nationalsozialismus und Widerstand, seinen Bruder beschäftigte das 19. Jahrhundert.

Wie ein echter Ordinarius führte Hans Mommsen in Bochum das Regiment. Doktoranden und Mitarbeiter hatten sich damit zu arrangieren - dafür bemühte er sich stets, Anstellungen für seine Schüler aufzutun. Ebenso provozierte er immer wieder Fachkollegen und Öffentlichkeit mit seinen Thesen. Die Verschwörer des 20. Juli? Im Prinzip ungeeignet als politische Vorbilder für die demokratische Bundesrepublik. Antisemitische Einstellungen und antidemokratisches Denken würden sie disqualifizieren.

Hansdampf in allen Gassen

Auseinandersetzungen ging der Zeithistoriker grundsätzlich nicht aus dem Weg. Als der Historiker Ernst Nolte in den Achtzigerjahren die Frage "War nicht der 'Archipel Gulag' ursprünglicher als 'Auschwitz'?" stellte und damit die Verbrechen des sowjetischen Regimes und der Schoah in Zusammenhang brachte, widersprach Mommsen im sogenannten Historikerstreit vehement.

Als der Amerikaner Daniel Jonah Goldhagen 1996 die Deutschen als "Hitlers willige Vollstrecker" bezeichnete, konterte er ebenso. Goldhagens Behauptung von einem "eliminatorischen Antisemitismus" der Deutschen widersprach Mommsens These von der "kumulativen Radikalisierung", wonach das NS-System keineswegs von Beginn an die Auslöschung der Juden geplant habe.

Eine große Schlacht innerhalb der historischen Zunft war allerdings Ende der Neunzigerjahre immer noch nicht geschlagen. Auf dem 42. Historikertag 1998 stellte sich die Geschichtswissenschaft ihrer eigenen Verstrickung in den Nationalsozialismus. Säulenheilige wie Werner Conze, der während der zwölf Jahre des NS-Regimes über "Entjudung" sinniert hatte, oder Theodor Schieder standen plötzlich mit ihrer braunen Vergangenheit im Mittelpunkt.

Relativierende Einwände, die Beschuldigten hätten eine Affinität zum Nationalsozialismus besessen, wischte Hans Mommsen am Rednerpult hinweg: "Das ist der Nationalsozialismus!" Allesamt sollten sich die versammelten Geschichtswissenschaftler klarmachen, dass sie "Vordenker der Vernichtung im eigenen Lager gehabt" hätten, stellte Mommsen klar, wie die "Süddeutsche Zeitung" berichtete.

Zu diesem Zeitpunkt war Mommsen bereits seit zwei Jahren emeritiert, aber kein bisschen leiser geworden. Am 5. November 2015 starb der große Historiker. An seinem Geburtstag. Beim Baden in der Ostsee war sein Bruder Wolfgang bereits 2004 umgekommen.

Wie kein anderer hatte Hans Mommsen den Deutschen immer wieder die Leviten gelesen. Laut, um gehört zu werden, provokativ, aus Spaß an der Provokation, aber stets mit Sachverstand.

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insgesamt 3 Beiträge
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Otto Rühle, 06.11.2015
1. Historisch korrekt statt politisch korrekt!
Das ist, was von Mommsen zu lernen war. Wie tief ist das Moralisieren, der Bekenner- und Erinnerungskult in der gegenwärtigen Geschichtspublizistik doch gesunken.
Werner Mannsch, 06.11.2015
2. Ein wahrer Historiker
ist er gewesen. Mit Mut und unbequem. Möge er in Friede ruhen. Er war ein ganz Großer seiner Zunft. Leider ist die Geschichtsaufarbeitung in der jüngsten Gegenwart fast ausschließlich ein politisches, einseitig gefärbtes Thema geworden. Das zeigt der Umgang mit der Geschichte der ehemaligen DDR, deren Menschen und die versuchte Auslöschung dieser Zeit in der Geschichtsschreibung bzw. -vermittlung. Daher ist der Verlust solcher Persönlichkeiten vom Stile Mommsens besonders groß.
Thomas Meyer, 06.11.2015
3. Ein wahrhaft großer Historiker
Ich habe seine Vorlesungen an der Ruhr-Uni immer mit Spannung verfolgt. Das war eine richtige Koryphäe, die sich nicht zu schade war, für ihre Überzeugungen auch einzustehen. Alles weit entfernt von der Stromlinienförmigkeit, die man heutzutage versucht den jungen Leuten einzubleuen, damit sie möglichst schnell in die Arbeitswelt gelangen..
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