Kerkelings Kindheit und Komiker-Karriere Wo ist Hape?

Und dann war er weg. Vor vier Jahren verkündete Hape Kerkeling seinen Show-Rückzug und wird seitdem sehr vermisst. Eine Spurensuche von seiner beklemmenden Kindheit bis in die selbst gewählte Stille.

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    einestages-Autor Tim Pröse spürt für sein neues Buch "Samstagabendhelden" dem Gefühl ganzer Generationen nach und porträtiert Heroen aus glücklichen Fernsehzeiten: Udo Lindenberg, Götz George, Pierre Brice, Thomas Gottschalk, Hape Kerkeling, Barbara Schöneberger, Jan Fedder und viele andere. Dieser Text ist ein gekürzter Auszug.

Er hatte uns ja gewarnt. Mit seinem 50. Geburtstag, so hatte er es immer angekündigt, wollte er Schluss machen mit den Shows und Auftritten im Fernsehen. Genau das hat Hape Kerkeling leider tatsächlich getan. Seit dem 9. Dezember 2014 ist er dann mal weg und hat sich bis zu seinem 54. Geburtstag am Sonntag kaum öffentlich blicken lassen.

Wo ist Hape geblieben? Eine Spurensuche mit Anfängen im Ruhrgebiet, in Recklinghausen. Ich freute mich über ein paar alte Fotos, die alte Schulfreunde mir gaben. Der kleine Hans-Peter gelbstichig und pausbäckig - auf den vergilbten Bildern sieht man sein Jungengesicht, das dem auf den Brandt-Zwiebacktüten ähnelte. Bis heute scheint es von allem Schicksal, allen Scheinheiligkeiten des Showbusiness verschont. Irgendwie war dieser Hape heil geblieben in "dieser oft kaputten Branche", wie er sie selbst nennt. Sonst hätte er irgendwann ausgesehen wie Horst Schlämmer.

Der Junge war kaum ein Jahr alt, als er zu sprechen begann. Die Verwandten beugten sich über ihn und staunten, was das dicke Kind alles brabbelte. Bereitete sich dieser Moppel bereits auf seine großen Rollen vor?

Früh schaffte er es, alle zum Lachen zu bringen. Manchmal, an Festtagen, band die Oma dem Kind eine Fliege um den Hals, die ihn immer etwas würgte. Er wirkte von Natur aus komisch, trug eine Hornbrille mit Panzergläsern und bunte Pullunder, so zeigt es auch die Verfilmung seines Buches "Der Junge muss an die frische Luft" (ab Weihnachten im Kino).

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Kerkelings Karriere: Hape, Hannilein, Horst - Hurz!

Dabei war seine Kindheit eigentlich zerstört, als er erst acht Jahre alt war. Denn da sah er mit an, wie der Sarg mit seiner Mutter in den Boden gesenkt wurde. "Wenn die Mutter so früh stirbt", sagte er später, "hat man als Kind zwei Möglichkeiten: Entweder man stirbt mit. Oder man wird zum unverbesserlichen Optimisten."

Eine Sandkastenfreundin erinnert sich, wie "Hans-Peter damals schon etwas Komisches hatte". Täglich lachte sie von Herzen, spätestens wenn er Kermit, den Frosch, perfekt imitierte: "Applaus, Applaus, Applaus!" Trotzdem machte sie sich Sorgen um den Halbwaisen in der Klasse, wollte ihn bemuttern.

Cäsar? "Du machst lieber die komische Rolle"

Kerkelings frühere Musik- und Literaturlehrerin am Recklinghäuser Marie-Curie-Gymnasium erinnert sich an seine erste Bühnenerfahrung in der Schulaula. Wie er unbedingt für die Cäsar-Rolle vorsprechen will vor der Theater-AG, aus seinem gespielten Ernst aber so viel Witz dringt, dass alle losprusten, und die Lehrerin ruft: "Hans-Peter, lass mal gut sein, du machst lieber die komische Rolle."

Seine ersten Berater wollten ihm Künstlernamen verpassen: Stefan Sonnenschein oder Alexander von Hirseland. Man einigt sich auf die Abkürzung H.P. Menschen, die ihn aus dieser Zeit kennen, betonen seinen Namen bis heute auf der letzten Silbe und sagen "Ha-Pé", nicht Hape.

Schauspielerin Isabel Varell, in den Achtzigern Kerkelings Sketchpartnerin, ist bis heute eine seiner besten Freundinnen. "Ich war sofort in ihn verknallt", sagt sie. "Er hat etwas Einzigartiges als Mann." Und er trage eine "alte Seele" in sich. Der kam er auf die Spur, als er ein Reinkarnationsseminar besuchte und die Umrisse eines früheren Lebens vor sich wähnte. Obwohl er nicht an Wiedergeburt glaubte, sah er sich als Mönch in einem Kloster zur Nazizeit. Und imaginierte, dass er als Ordensbruder Juden half und von der SS erschossen wurde.

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Eine seiner Schulfreundinnen kann sich einen Reim auf diese Visionen machen. Sie hat in der Teestube der Penne einen Hape jenseits aller Fröhlichkeit schätzen gelernt. "Er stammt aus einer antifaschistischen Familie", sagt Dorothea Moesch aus Recklinghausen. Kerkeling erzählte ihr auch die traurige Geschichte von seinem Großvater, der als Widerständler im KZ Buchenwald überlebte. Viel reden konnte der Opa darüber nicht mit seinem Enkel, der ihn immer wieder fragte. "Die Nazis haben es bedauerlicherweise geschafft, meinen Opa mundtot zu machen", sagt Hape heute. Und doch ist er für den Enkel ein Vorbild in Sachen Haltung und Überlebenskunst.

Susann Welk, eine andere Mitschülerin, erzählt von ersten Auftritten vor der Klasse: "Man konnte die Bücher zuschlagen, wenn das Spektakel begann. Er verwandelte den Raum in eine Bühne, jeden in sein Publikum!" Er "fegte herein und sprach vermeintliches Holländisch oder andere imaginäre Fremdsprachen".

Loriot als Vorbild: "Zickezacke, Hühnerkacke"

Damals riss Hans-Peter aus seinem Matheheft eine Seite und kritzelte darauf eine Bewerbung für Radio Bremen. Bei seiner "Omma" hatte er gerade den neuen Loriot-Sketch gesehen: "Weihnachten bei Hoppenstedts" - mit dem Kind "Dicki" ("Zickezacke, Hühnerkacke"). Das kann ich besser, glaubte er und schrieb an Loriots Haussender: "Ich bin 13 Jahre alt und habe schon einige eigene Sketche. Meine Freunde sagen, dass ich ein richtiger Komiker bin... Und Loriot ist mein großes Vorbild. Bitte melden Sie sich bei mir!" Redakteurin Birgit Reckmeyer dachte sich nichts weiter und antwortete mit einer Standardabsage, man nehme ihn aber in die Künstlerkartei auf - was "gelogen war", wie Reckmeyer heute sagt.

Hape aber glaubte es. Erst viele Jahre später erinnerte sich Birgit Reckmeyer an das Talent, das ihr damals schrieb: Sie wurde seine Fernsehredakteurin und war auch ganz nah dabei, als ihr Hape berühmt wurde. Reckmeyer versteckte sich auf dem Boden hinter den Sitzen der Mercedes-Limousine, in der er sich vor das Schloss Bellevue chauffieren ließ, und flüsterte ihm Tipps zu - für seine legendäre Königin-Beatrix-Parodie.

Acht Jahre zuvor hatte "seine Omma" ihm ein Zugticket nach Passau geschenkt. Denn Hape wollte unbedingt zum renommierten Kabarettistenwettbewerb "Scharfrichterbeil". Dort türmte sich ein gewisser Ottfried Fischer in der Jury vor ihm auf und trommelte dann vor Begeisterung mit den Fäusten auf den Tisch. Hape gewann 1983 den Preis. Sein Meisterstück.

Genau an diesem Otti Fischer lag es drei Jahrzehnte später, dass Hape aus seinem freiwilligen Exil hervorkam. Für einen Fünfminuten-Auftritt bloß. Beim Deutschen Comedypreis 2017 überreichte er die Lebenswerk-Trophäe an Fischer, der im Rollstuhl auf die Bühne geschoben wurde. Und der schwer durch seine Parkinson-Krankheit gebeugte, schon fast versteinerte Mann zeigte seine Rührung. In diesem Moment stand ihm sein ganzes Gefühl wieder ins Gesicht geschrieben. Als hätte Hape ihn zurückverwandelt, blitzte der alte Ottfried Fischer auf - sein Lächeln, sein Augenzwinkern, sein Witz. Kann es ein schöneres Dankeschön geben für jemanden, der einen vor Urzeiten entdeckt hatte?

Show-Abschied ohne Wehmut

Dann aber war Hape wieder weg. Er lebt nicht mehr in Berlin, sondern mit seinem neuen Partner, den er auch heiratete, in Bonn und auch in Italien auf dem Land. In seiner ganz privaten, selbst gewählten Stille.

Heute wird Hape am liebsten nur noch privat künstlerisch kreativ. Für den Hausgebrauch: Wenn er mal Langeweile hat, kauft er Fimo-Knetmasse und modelliert daraus Katzenköpfe, sagen Freunde. Die getrockneten Kunstwerke schenkt er seinen Liebsten zum Geburtstag - was einiges erzählt über diesen Mann, der auf eine so wundersame Weise ein Kind geblieben ist.

Kerkeling als Kanzlerkandidat: Schlämmer geht's nimmer

Vor ein paar Jahren sagte er mir in einem seiner letzten Interviews: "Ich mache keine großen Shows mehr, weil ich sie nicht mehr machen möchte. Punkt. Aus. Ich verabschiede mich davon ohne jede große Wehmut."

Leid war er vor allem die ihm eigentlich immer fremd gebliebene, viel zu großkotzige und oberflächliche Showbranche. "Ich habe alles gern getan, habe es geliebt, während ich es gemacht hatte. Aber es ist auch gut." Beim Gespräch im eigens für ihn reservierten kleinen VIP-Saal des Frankfurter Hofs lachte er sein Hape-Lachen, das niemals angestrengt wirkt. Selbst im tiefsten Ernst nicht.

Er erinnert sich, wie seine Mutter auf diesem Holzstuhl in der Küche vor ihm sitzt, verloren aus dem Fenster starrt. Bei einer Operation der Kiefer- und Nebenhöhlen hat sie ihren Geruchs- und Geschmackssinn verloren. Es treibt sie in die Depression.

Sendeschluss

Vergeblich versucht er lange, seine Mutter aus den Schatten herauszureißen. Sie sitzt da auf ihrem Schemel, ringt mit ihren Dämonen. Und ihr Sohn spielt ihr die ersten Sketche seines Lebens vor. Erzählt ihr Witze. Singt für sie Schlager von Cindy & Bert. Alles bloß, um sie aufzuheitern. Irgendwann aber erreicht er sie nicht mehr. Seine Mutter Margret verschwindet in ihrer Dunkelheit.

Er erinnert sich, wie sie eines Nachts, als der Vater arbeiten muss, zu ihm sagt: "Du darfst heute fernsehen, so lange wie du willst. Ich lege mich jetzt schlafen." Das tut er. Immer wieder stellt er den Ton des Fernsehers ab und horcht besorgt ins Schlafzimmer. Dann erscheint das Wort "Sendeschluss" auf dem Bildschirm. Ausgerechnet Sendeschluss. Und der Junge schleicht sich ins Bett der Mutter, legt seinen Arm um sie.

Irgendwann in der Nacht reißen ihn unheimliche Laute der Mutter aus dem Schlaf. Vor Angst um sie versteinert er neben ihr, betet - erst laut, dann leise - immer wieder das Vaterunser.

Er findet neben ihr ein Glas mit einem Rest Holundersaft und aufgelösten Schlaftabletten. Und einen Abschiedsbrief. Die Notärzte in der Klinik holen Hapes Mutter noch einmal kurz zurück ins Leben. Doch ihr Junge wird sie nie mehr wiedersehen. Sie stirbt im Krankenhaus an einer Lungenentzündung.

Als Achtjähriger ist er mutterseelenallein.

Als er vor dem Grab steht, ist dem Jungen, als würde er "von innen auf seltsame Weise angenehm leuchten und dabei gleichzeitig rettungslos verbrennen". Zerrissen ist er.

Friedhof, Gräber, letzte Worte. Er spürt in diesem Augenblick: Seine Kindheit ist zu Ende. Aber er kann auch mitten in der Trauer, die ihn lähmt, klar empfinden: Das Schlimmste liegt nun hinter ihm. Und er beschließt, dass sein weiteres Leben "ein großes Fest" werden soll.

insgesamt 25 Beiträge
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Seite 1
Roland Jenniges, 07.12.2018
1. Ein Mann mit Tiefgang..
leider gibt es viel zu wenige seines Kalibers in der deutschen Showbranche. Ich wünsche ihm alles Gute auf seinem weiteren Weg. .
Andreas Steinegger, 07.12.2018
2. Da hat mal einer alles richtig gemacht.
Chapeau Herr Kerkeling, Chapeau.
Werner Lipke, 07.12.2018
3. Chapeau Herr Pröse,
wer, wie ich, schon immer ein Verehrer Hapes war, kommt ihm mit diesem Artikel noch ein ordentliches Stück näher. Auch wenn er fehlt, sein Entschluß ist nachvollziehbar. Gut, wenn jemand weiß, wann gut ist.
Hannnelore Ahrens, 07.12.2018
4. Danke Hape!
So ein Talent gibt es nicht wieder. Das liegt daran, dass er durch seinen Lebenslauf fähig zu tiefen Emotionen ist und außerdem noch außerordentlich intelligent - was der heutigen Kategorie Komiker leider fehlt: sind alles nur Selbst-Darstellungs-Künstler ohne Tiefgang - für mich ohne Niveau! Ich habe seine beiden Bücher mit Begeisterung gelesen und werde mir auch den Film ansehen. Genieße Dein Leben, lieber Hape, Du hast es verdient, weil Du so viele Menschen glücklich gemacht hast.
Karin Holler, 07.12.2018
5. Den vermisst keiner!
Sein Hannilein-Humor war mal 2 Wochen lang aktuell und witzig. Spätestens dann war er abgenutzt. Und was dann folgte grenzt für mich hart ans Unerträgliche!
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