Tag-für-Tag-Protokoll Hier war Hitler

20 Jahre lang spürte Harald Sandner Adolf Hitler nach. Privat und auf eigene Kosten. Jetzt veröffentlicht der Geschichtsforscher auf 2400 Seiten, wo sich der Diktator an jedem einzelnen Lebenstag aufgehalten hat.

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Zur Person
  • Harald Sandner, Jahrgang 1960, ist gelernter Kaufmann. Über 20 Jahre ermittelte der private Geschichtsforscher jeden Aufenthaltsort im Leben Adolf Hitlers. Daneben veröffentlichte er unter anderem eine Chronik seiner Heimatstadt Coburg. 2011 erschien die Biografie "Hitlers Herzog" über Carl Eduard Herzog von Sachsen-Coburg und Gotha.

"Das ist es, das rote!" Harald Sandner zeigt auf eine Villa in der Bayreuther Lisztstraße. "Hier hat er 14 Tage im ersten Stock gewohnt". Er? Gemeint ist Adolf Hitler. Maler, Politiker, Massenmörder.

Seit 20 Jahren ist Sandner dem "Führer" auf der Spur. "Wenn Sie wollen, klingeln Sie doch mal", sagt Sandner grinsend. Und meint, dass die jetzigen Eigentümer mit Sicherheit nichts von ihrem Vormieter wissen.

Harald Sandner will das ändern - mit 2400 Seiten. "Hitler. Das Itinerar" heißt das vierbändige Buch, das Ende April 2016 herauskommt. In Form von Itineraren dokumentieren Historiker in der Regel die Reisewege mittelalterlicher Herrscher. Sandner hat diese Anstrengung nun für Hitler unternommen. Einen Diktator, einen Kriegsverbrecher, für viele Menschen schlicht der Teufel in Menschengestalt. Warum?

"Man muss doch die Vergangenheit aufzeichnen, damit sie nicht verloren geht", erklärt Sandner. "Simon Wiesenthal hat einmal gesagt: 'Aufklärung ist Abwehr'". 56 Jahre und zehn Tage hat Hitler gelebt, mehr als 4000 Tage hat er das Deutsche Reich regiert. Für jeden Tag im Leben Hitlers hat Sandner die Aufenthaltsorte ermittelt.

Schluss mit Nachkriegslegenden

"Das Interesse für Geschichte fing mit meinem 13. Lebensjahr an", erzählt der gebürtige Coburger bei Maultaschen und Bier im Hotel Goldener Anker in Bayreuths Opernstraße. Damals kaufte er sich die Hitler-Biografie von Joachim C. Fest. Später stieß Sandner auf Ungereimtheiten in Coburgs Stadtgeschichte. Die lästige NS-Vergangenheit? Wurde, wie vielerorts, auch hier lange beschwiegen und verdrängt.

"Dabei war Coburg die erste nationalsozialistische Stadt in Deutschland", sagt Sandner. Der Ärger ist ihm anzusehen. "Dort gab es den ersten NS-Oberbürgermeister, dort gab es die ersten Judenverfolgungen. Ganz schlimm, auf offener Straße, am helllichten Tag." Sandner nimmt einen Schluck Bier. "Ich war vor 15 Jahren der Erste, der das veröffentlicht hat."


Hitler-Forscher Harald Sandner in Bayreuth

SPIEGEL ONLINE

Fehler und Ungereimtheiten in kleinen und großen Hitler-Darstellungen bringen Sandner in Rage. Nur dreimal habe sich Hitler im fränkischen Coburg aufgehalten, lautete nach Sandner eine Legende. Tatsächlich waren es 17 Besuche. Eine andere Legende besagt, der Tyrann habe Hamburg nach Möglichkeit gemieden, weil ihm die Hansestadt zu kosmopolitisch war. Von wegen: 75 Tage hielt sich der Diktator von 1926 bis 1939 dort auf.

"Ich habe mit Herrn Paeschke vom ZDF telefoniert, der eine Dokumentation über das Hotel Adlon in Berlin gemacht hat", sagt Sandner. "Darin wird kolportiert, Hitler wäre nie im Adlon gewesen. Wegen des internationalen Flairs. Es gibt aber in der Bayerischen Staatsbibliothek in München zwei Fotos: Eines zeigt Hitler im Adlon und eines, wie er gerade reingeht."

Der Geschichtsforscher ist weder Journalist noch Historiker. Statt Geschichte zu studieren, lernte Sandner Kaufmann. Heute ist er in der Datenverarbeitung bei einem großen Logistikunternehmen tätig.

Per du mit Hitler

Die Fähigkeit, große Datenmengen zu verarbeiten, war für seine Hitler-Forschung unabdingbar. Kaum eine Stadt oder Gemeinde, in der Hitler keine Spuren hinterlassen hat. Das Hotel Goldener Anker, in dem Sandner von seinem Mammutunterfangen erzählt, hat er natürlich nicht ohne Grund ausgewählt. Er kramt in seiner Tasche. Zum Vorschein kommt ein Foto: Es zeigt eine Parade vor dem Hotelgebäude, oben im Fenster ein Mann mit Zweifingerbart. Richtig, Hitler hat hier übernachtet im Jahr 1923.

Überhaupt Bayreuth. Immer wieder zog es Hitler dorthin, wo sein Idol, der Komponist und Antisemit Richard Wagner, gelebt hatte. Der "Führer" berauschte sich an Opernzyklen wie "Der Ring des Nibelungen" und rückte im Laufe der Jahre immer näher an den Wagner-Clan heran. Winifred, Wagners Schwiegertochter und Leiterin der Festspiele, duzte sich mit Hitler, für ihre Kinder war er "Onkel Wolf". Seit 1936 nächtigte der Despot im Siegfriedhaus, nur ein paar Schritte entfernt von der Villa Wahnfried, dem Sitz der Familie Wagner.

Hitler in Bayreuth
Quelle: Harald Sandner: "Hitler – Das Itinerar. Aufenthaltsorte und Reisen von 1889 bis 1945", Berlin 2016

"Gehen wir doch kurz ins Esszimmer", sagt Harald Sandner beim Besuch des Siegfriedhauses. "Hier haben Winnie und Wolf miteinander gespeist. Da hinten war der Raum, in dem die Künstlerempfänge stattfanden. Hitler saß dort im Sessel." Während Hitler mit den Wagners per du war, bewunderten Sandners Großeltern ihn aus der Ferne. Und bejubelten seine Entscheidungen wie Millionen andere Deutsche.

"Meine Vorfahren waren normale Menschen, liebevolle Menschen. Aber im Endeffekt waren das Nazis. Die waren zwar nicht in der Partei, aber auf Linie bis zum Schluss", erklärt Sandner. Bis heute kann er nicht verstehen, warum. Vieles hat seine Familie durch Hitlers Politik verloren. Als Vertriebener aus dem Sudetenland musste sich Sandners Großmutter nach dem Kriegsende eine neue Existenz aufbauen. Und verlor trotzdem nie ein böses Wort über den Diktator. "Ich bin der erste Demokrat in meiner Familie", sagt Sandner.

Geschichte als Sucht

Seine jahrzehntelange Beschäftigung mit Hitler ist demnach auch Beschäftigung mit der eigenen Familiengeschichte. Sander will verstehen. Und anderen beim Verstehen helfen. Darum wälzte der Geschichtsforscher Bücher, Akten, Zeitungen und Zeitzeugenerinnerungen. Korrespondierte mit Archiven, Historikern und Heimatforschern. Prüfte und verwarf Fundstellen aus der Fachliteratur. Bisweilen halfen ihm banalste Details weiter, zum Beispiel eine Quittung aus dem Bundesarchiv. Am 17. September 1931 kaufte Hitler in der Großhandlung Michael Dichtl & Söhne in der Schleißheimer Straße 26 in München Autoreifen. Und zahlte erst nach einer Mahnung.

Die Aufenthaltsorte Adolf Hitlers vom 19.-22.09.1939
Weitere Informationen
Durchfahrt /
Routen*: Schwarz (Aktueller Tag), Grau (Vortage)
*Die Routen zeigen nicht die exakte Fahrtstrecke. Die Karten zeigen die heutigen Grenzen.
Quelle: Harald Sandner: "Hitler – Das Itinerar. Aufenthaltsorte und Reisen von 1889 bis 1945", Berlin 2016

"So kommt ein Puzzlestein zum anderen", sagt Sandner. "Wissen Sie, irgendwie wird es dann einfach zur Sucht." Deswegen verzichtete er auf vieles. Statt im Urlaub zu entspannen, studierte er Akten. Statt zu schlafen, arbeitete Sandner bis Mitternacht an seinem Itinerar. Zigtausende Euros investierte er privat in Reisen auf den Spuren Hitlers. Ist das normal? "Mit Sicherheit nicht", sagt der Hitler-Forscher. "Aber ich hatte den Ehrgeiz, das zu Ende zu bringen."

In einem Nebeneingang der Villa Siegfried zückt Sandner ein weiteres Foto. Es zeigt Hitler, wie er mit Winifred Wagner das Gebäude in Richtung des Festspielhauses verlässt. Die Aufnahme verdeutlicht, warum Sandners Buch für die weitere Forschung zum Nationalsozialismus wichtig ist. "Wo Hitler war, war die Macht", erklärt er. Als Diktator traf Hitler unterwegs an beliebigen Orten Entscheidungen. Ähnlich wie die mittelalterlichen Herrscher des Heiligen Römischen Reichs. Daher ist es von großer Bedeutung, wann und in wessen Gesellschaft er Entschlüsse fällte. Auch die Familie Wagner beeinflusste Hitler in ihrem Sinne: Er wendete den drohenden Bankrott der Festspiele ab.

Exakt hat Sandner deshalb alle Aufenthaltsorte, Reiserouten und Tagesabläufe Hitlers bis hin zu genutzten Verkehrsmittel ermittelt - so weit sie heute noch rekonstruierbar sind. Seine Akribie hält er für gerechtfertigt. "Natürlich kann man sagen, dass es egal sei, ob Hitler um 15 Uhr oder später durch irgendeinen Ort gefahren ist. Für diejenigen, die aber an Lokalgeschichte interessiert sind, ist es äußerst spannend." Sein "Hitler. Das Itinerar" schließt als Nachschlagewerk für Wissenschaftler, Heimatforscher und Geschichtsinteressierte eine bedeutende Lücke in der Forschung über den Diktator.

Am 23. Juli 1940 besuchte Hitler übrigens seine letzte Oper in Bayreuth. "Götterdämmerung", erklärt Harald Sandner. "Das passt ja."

    Am 25. April 2016 um 18.30 Uhr stellt Harald Sandner im Berlin Story Bunker sein Buch "Hitler - Das Itinerar" im Gespräch mit Dr. Axel Drecoll, dem Leiter des Dokumentationszentrums Obersalzberg, vor. Die Moderation übernimmt Sven Felix Kellerhoff, Leitender Redakteur für Kultur- und Zeitgeschichte der WeltN24-Gruppe.

    Eintritt frei, Anmeldung erforderlich bis zum 18. April 2016 unter: anmeldung@berlinstory-verlag.de

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