Frankreichs algerische Hilfssoldaten Gefoltert, ermordet, vergessen

Frankreichs algerische Hilfssoldaten: Gefoltert, ermordet, vergessen Fotos
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Mit der Befreiung begann das Blutbad: 1962 entließ Frankreich seine Kolonie Algerien in die Unabhängigkeit. Es war der Auftakt für eine gnadenlose Jagd auf all jene Algerier, die in der Armee der Besatzer gedient hatten. Zehntausende wurden getötet - während die französische Regierung tatenlos zusah. Von

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Seit drei Tagen war seine Heimat Algerien endgültig frei, offiziell entlassen aus den Klauen der Kolonialmacht Frankreich, nach 132 Jahren der Unterdrückung und Ausbeutung. Doch Serge Carel hatte an diesem 8. Juli 1962 keine Zeit, sich über diese historische Wende zu freuen.

Stattdessen rannte er um sein Leben. Weg von den vier Männern mit den Maschinenpistolen. "Schieß, schieß!", hörte er einen von ihnen noch rufen, doch die Schüsse blieben aus, weil Carel es rechtzeitig schaffte, sich im Zentrum der nordalgerischen Stadt Tizi Ouzou unter die Passanten zu mischen.

In Sicherheit war er damit nicht. Seine Verfolger hatten die Straßen aus der Stadt absperren lassen. In Panik versuchte Carel mit einem Taxis zu entkommen. Den ersten Kontrollposten passierte er. Am zweiten wurde er geschnappt, gefesselt und kurz danach gefoltert.

Die Rache der Sieger

Man traktierte ihn mit Stromstößen, schnitt ihm ein Stück der Zunge ab und ließ ihn öffentlich vorführen. "Jeden Morgen wurde ich der Bevölkerung präsentiert", erzählte er später einem TV-Journalisten. "Sie kamen von überall her, um mir ins Gesicht zu spucken, mich zu schlagen, mir Erde in die Augen oder Steine an den Kopf zu werfen." In der Menge sah er viele bekannte Gesichter. Menschen, die ihn früher gemocht hatten.

Doch die Zeiten hatten sich radikal geändert. Algerien war frei, die Front de Libération Nationale (FLN) hatte mit Morden, Bombenattentaten und Dauerterror ihr Ziel erreicht, und Serge Carel stand eindeutig auf der Verliererseite der Geschichte: Denn er war ein Harki. So heißen, abgeleitet aus dem Arabischen, all jene Algerier, die sich auf die Seite der französischen Armee geschlagen hatten. Und diese Hilfstruppen galten den Anhängern der FLN, die jahrelang für die Unabhängigkeit gekämpft hatten, nun als Landesverräter.

Das neue, noch über seine Unabhängigkeit jubelnde Algerien versank in Blut, als Anhänger der FLN die Harkis verstümmelten, folterten, massakrierten. Nach fast acht Jahren Krieg hatte die französische Armee sich 1962 überraschend schnell zurückgezogen, ihre algerischen Hilfssoldaten entwaffnet und dann schutzlos ihrem Schicksal überlassen. Damit begann einer der größten Massenmorde der Nachkriegszeit - und Frankreich schaute tatenlos zu, wie seine einstigen Waffenbrüder zu Zehntausenden niedergemetzelt wurden.

Ein verharmloster Krieg

"Niemals", sagt Brahim Sadouni 50 Jahre später mit fester Stimme, "niemals werde ich meinem Land verzeihen, dass es uns so verraten und im Stich gelassen hat." Er habe, so sieht er es, diesen Krieg nie gewollt und nie etwas Schlechtes getan. Sein Leben geriet dennoch völlig aus der Bahn - und die Schuld dafür trage Frankreich.

Sadouni war 17, als er Harki wurde. Nicht aus Überzeugung, wie er beteuert, sondern weil er keine Wahl hatte. Sein Vater arbeitete seit Jahren in Frankreich, seine Mutter war Analphabetin, die ganze Familie bitterarm. Sadouni machte eine Ausbildung zum Mechaniker. "Allein mit deinem Schraubenschlüssel hast du keine Chance im Krieg", sagte ihm 1960 ein französischer Offizier. "Du brauchst ein Gewehr." Die Armee versprach ihm Sicherheit und ein geringes, aber festes Einkommen.

Seit sechs Jahren tobte damals schon der Algerien-Krieg, den Frankreich trotz seiner gewaltigen Streitkräfte nicht in den Griff bekam. Ein unerklärter Krieg, den Paris als "Maßnahme zur Wahrung der öffentlichen Sicherheit" verharmloste, weil es Algerien als Teil des Mutterlands betrachtete. Und ein ungeheuer brutaler Konflikt, mit systematischer Folter auf beiden Seiten. Die FLN-Kämpfer schossen zudem nicht nur auf französische Soldaten und Siedler, sondern schnitten auch all jenen algerischen Zivilisten die Kehle durch, die sie für politische Gegner hielten.

"Wir waren Kanonenfutter"

Für Neutralität, sagt Brahim Sadouni, war da kein Platz. Entweder Harki oder FLN. In seinem Heimatdorf Arris im Aurès-Gebirge standen die meisten Einwohner auf der Seite der Franzosen. Ein Algerien ohne Frankreich konnte er sich schlicht nicht vorstellen, er war in eine französische Schule gegangen, täglich wurde die französische Flagge gehisst. Also wurde auch er ein Harki. Heute fühlt er sich betrogen: "Wie kommt die Armee auf die Idee, Minderjährige einzuziehen? Das ist ein Verbrechen, wir waren Kanonenfutter, wir hatten doch keine Ahnung von diesem Krieg."

Wie ihm ging es vielen. Manche Algerier schlossen sich zwar aus Überzeugung den Franzosen an, etwa weil ihre Angehörigen von der FLN ermordet worden waren. Doch die meisten Harkis machten einfach das, was ihr Clan machte. Viele konnten weder lesen noch schreiben; unter die Verträge, die sie zu Hilfstruppen werden ließen, kritzelten sie einfach irgendwo ein X. Sie taten das auch, weil sie sicher waren, auf der Seite der Sieger zu stehen. Einen Rückzug der Franzosen konnte sich niemand vorstellen.

Was für ein Schock, als am 19. März 1962 auf einmal bekannt wurde, dass Staatspräsident Charles de Gaulle in Évian mit der FLN einen Waffenstillstand ausgehandelt hatte. Eine Volksbefragung sollte im Juli 1962 endgültig über die Unabhängigkeit entscheiden. Sofort begannen die französischen Offiziere, ihre Harkis zu entwaffnen.

Zerplatzte Hoffnung

"Ich war völlig durcheinander", erinnert sich Sadouni an den plötzlichen Moment des Kriegsendes. "Traurig, erleichtert, verängstigt, alles gleichzeitig." Sadouni hatte in seinen zwei Jahren als Harki Glück gehabt; nur einmal musste er an einer militärischen Operation teilnehmen. Ansonsten hatte er Militärfahrzeuge repariert und war in einer Verwaltungseinheit Mädchen für alles gewesen. Andere Harkis waren nicht so naiv wie er. Sie wussten, was ihnen blühen sollte. Und brachten sich lieber um, als in die Hände ihrer Feinde zu fallen.

Auch de Gaulle sah die Rache der Sieger voraus. Wenn sich die französische Armee zurückziehe, werde es ein Blutbad geben, sagte er schon 1959. Nach dem Waffenstillstand verbot er dennoch seinen Offizieren zu intervenieren, um den brüchigen Frieden nicht zu gefährden. Zudem wollte de Gaulle auf keinen Fall, dass die Harkis nach Frankreich kämen; zu sehr sah er sein Land schon mit dem Ansturm der 900.000 französischstämmigen Siedler beschäftigt, die nun aus Algerien flüchteten.

Eine kurze Zeit nach dem Waffenstillstand von Évian blieb alles ruhig. Würde die FLN den Vertrag einhalten, der jegliche Gewalt an ihren alten Feinden strikt verbot? Könnten Sieger und Besiegte tatsächlich friedlich zusammenleben? Es dauerte bis Ende Juli 1962. Dann zerstörten Nachrichten über Massaker diese Hoffnung.

Gequält und massakriert

Es waren grauenhafte Berichte, besonders aus den entlegenen Regionen im Süden. Von Harkis, die an Türpfosten genagelt wurden. Die ihre Militärmedaillen herunterschlucken mussten. Die lebendig begraben oder mit kochendem Öl überschüttet wurden. Denen ihre Peiniger erst die Genitalien abschnitten, um sie ihnen nach dem Tod in den Mund zu stopfen.

Nicht alles ist eindeutig belegt. Doch es gibt Zeitzeugenaussagen und Fotos. Historiker halten die Exzesse für glaubwürdig. Bis zu 150.000 Harkis, vermuten einige, sollen nach 1962 umgebracht worden sein. Die Zahl ist umstritten, weil weder Frankreich noch Algerien ein Interesse daran hatte, die Massaker offiziell aufzuarbeiten. Vorsichtigere Schätzungen gehen von 40.000 Toten aus.

In Arris, Brahim Sadounis Heimatdorf, blieb es bis Oktober 1962 ruhig. Dann besuchte Ahmed Ben Bella, FLN-Gründer und erster Staatspräsident Algeriens, das Dorf. "Ben Bella hielt eine sehr aggressive Rede und beschimpfte alle Harkis als Verräter", erinnert sich Sadouni. "Kurz danach begannen die Festnahmen, die Übergriffe, die Vergewaltigungen."

Riss durch die Familie

Nicht nur Ben Bella sprach so. Sadounis Vater kehrte in dieser Zeit aus Frankreich zurück. Das erste Familientreffen seit neun Jahren endete in einem Eklat, als der Vater erfuhr, dass sein Sohn ein Harki war - und der Sohn, dass sein Vater die FLN unterstützt hatte. "Mein eigener Vater hat mich einen Verräter genannt", erzählt Sadouni. Für ihn war es zu viel. Er kaufte sich einen Strick, um sich aufzuhängen. Erst in letzter Minute konnten ihn Freunde von dem Selbstmord abbringen.

Seine Harki-Vergangenheit machte ihm das Leben weiter zur Qual. Der junge Algerier wurde angespuckt, geschlagen, hatte keine Chance auf einen Job. Verbittert verließ er 1964 seine Heimat Richtung Frankreich.

Aber auch dort waren die Harkis nicht willkommen. Nach den Massakern hatte sich Frankreich zwar dazu durchgerungen, seine ehemaligen Hilfssöldner aufzunehmen, behandelte sie aber wie Bürger zweiter Klasse. Stellte ihnen, die sich stets als Franzosen verstanden hatten, nur zögernd Papiere aus. Steckte sie in von Stacheldraht umzäunte Auffanglager, die sie abends nicht verlassen durften. "Konzentrationslager", schimpften die Harkis.

Für immer Verräter

Manche blieben aus Armut Jahrzehnte in den Lagern und kleineren Waldcamps. Selbstmorde häuften sich, die Arbeitslosigkeit lag bei bis zu 80 Prozent. Noch 1975 versuchten die Harkis, mit Aufständen auf ihr Schicksal aufmerksam zu machen. Doch wieder vergaß Frankreich sie. Erst 2012 sprachen Nicolas Sarkozy und François Hollande von der Verantwortung, die ihr Land trage, weil es die Massaker nicht verhindert habe. Aber das war eher dem Wahlkampf geschuldet.

Brahim Sadouni hingegen gelang in Rouen ein Neuanfang. Zweimal versuchte er, nach Algerien zu reisen. Jedes Mal bekam er kein Visum, weil er ein Harki war, die bis heute mit Nazi-Kollaborateuren gleichgesetzt werden. Einen dritten Versuch will er nicht starten. "Ich möchte meine Würde bewahren", sagt er. Und erzählt dann von seinem Bruder, der gerade in Algerien im Sterben liegt. Er wird ihn nicht wiedersehen.

Zum Weiterlesen: Isabelle Clarke/Daniel Costelle: La blessure. La tragédie des harkis, Acropole 2010.

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1.
Mathias Völlinger, 03.07.2012
Indochina, Algerien. In beiden Ländern wurde die "nichtsozialistische" Bevölkerung schmählich im Stich gelassen. Vietminh, FLN, Vietcong, Khmer Rouges... Und die Anführer dieser "Weltverbesserer" hatten fast alle in Paris studiert, mit späterem "Aufbaustudium" in Moskau oder Peking. Ho Ho Ho Chi Minh, Pol Pot et.al. Und Ben Bella musste dann ja auch ins komfortable Exil nach Paris, weil dieser "Dracula" Boumedienne sich in Algerien an die Macht putschte. Die "kleinen" Leute wollten in ihrer Mehrheit nur ihre Ruhe haben... Ich empfehle diese beiden "Klassiker" der neueren Geschichtsschreibung mal zu lesen: 1. "Der Tod im Reisfeld" 2. "Allah ist mit den Standhaften" Beide geschrieben von dem so oft besserwisserisch verpönten Journalisten Peter Scholl-Latour Nichts hat sich verändert, bis heute, weder in Libyen oder in Syrien
2.
Siegfried Wittenburg, 03.07.2012
"Könnten Sieger und Besiegte tatsächlich friedlich zusammenleben?" Durch das menschliche Dasein zieht sich seit Urzeiten eine Blutspur aus körperlichen und seelischen Wunden. Sieger können Besiegte eventuell noch verzeihen, doch umgekehrt ist es mit unseren menschlichen Fähigkeiten wohl nicht möglich. Damit stößt jeder "Weltverbesserer" an die naturgegebenen Grenzen. "Die `kleinen´ Leute wollten in ihrer Mehrheit nur ihre Ruhe haben..." So ist es bis heute.
3.
Michael Schnickers, 03.07.2012
Über die Massaker und Verbrechen der westlichen Armeen in den Kolonialgebieten wurde schon viel berichtet, dass aber für große Teile der dortigen Bevölkerung die wahre Hölle oft erst nach der "Befreiung" losbrach, das wird gerne unter den Tisch gekehrt. Wieviel zehntausende Vietnamesen vom Vietcong während und nach dem Krieg umgebracht, gefoltert, eingesperrt und "umerzogen" wurden, das interessierte die "Ho-Ho-Ho-Chi-Minh"- Rufer hier und anderswo überhaupt nicht...
4.
Helge Fünderich, 03.07.2012
Ein ähnliches Drama könnten wir auch in Afghanistan erleben. So lästig den Deutschen das komplette Thema geworden ist, so wenig werden sie sich um das scheren, was nach der Verteidigung am Hindukusch mit denen passiert, die die Soldaten unterstützt haben. einestages nimmt vorweg, dass es bei den anderen Partnernationen nicht anders sein wird... http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-86109210.html Need I say more...?
5.
Stefan Wogawa, 03.07.2012
Die Art und Weise, wie sich Frankreich in seinen Kolonien benommen hat, ist sicher kein Ruhmesblatt für eine Gesellschaft, die sich selbst als "Grande Nation" sieht. Im Fall von Algerien sollte man dabei u.a. an französische Kernwaffentests denken, an den von Armee und Fremdenlegion äußerst brutal geführten Algerienkrieg und an Verbrechen wie das "Massaker von Paris" (1961). Dass dann algerische Kollaborateure nach dem Waffenstillstand noch derart im Stich gelassen wurden, passt ins Bild.
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