Afroamerikaner im Ersten Weltkrieg Harlems Höllentrupp

Afroamerikaner im Ersten Weltkrieg: Harlems Höllentrupp Fotos
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Sie wurden als "minderwertig" verhöhnt, doch sie besiegten die Truppen des deutschen Kaiserreichs: 1917 schickten die USA erstmals afroamerikanische Soldaten an die Front. Die Missachtung der Rassentrennung empörte Amerika. Aber am Ende zollte sogar der Kriegsgegner den "Harlem Hellfighters" Respekt. Von Peter Maxwill

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Der Weltkrieg war schon vier Jahre alt, als aus Sergeant William Butler ein Nationalheld wurde. Eine Gruppe deutscher Soldaten war in jener Sommernacht durch die amerikanische Front in der Champagne vorgestoßen, hatte sechs US-Soldaten gefangengenommen und lief nun zurück zu den eigenen Linien, direkt an Sergeant Butler vorbei. Statt sich vor dem schwerbewaffneten Feind zu verstecken, machte Butler das denkbar Verrückteste - und zog sein Gewehr. Zehn Deutsche soll Butler innerhalb kürzester Zeit getötet haben. Über seinen Angriff hat er angeblich später einmal gesagt: "Ich muss Amok gelaufen sein." Die amerikanischen Gefangenen überlebten und kehrten mit ihrem Retter hinter die Kampflinie zurück.

Am nächsten Tag, dem 13. August 1918, war Butler in den ganzen USA bekannt: Zeitungen rühmten seinen mutigen Einsatz, wenig später wurde der Soldat für sein "außergewöhnliches Heldentum" mit dem Distinguished Service Cross geehrt, seine Heimatstadt empfing Butler laut "New York Tribune" später unter dem Jubel von 5000 Menschen. Dabei war das Erstaunlichste an William Butler aus Sicht vieler Amerikaner nicht seine Tapferkeit - sondern seine Hautfarbe.

Butler war einer von rund 370.000 Schwarzen, die der US-Armee während des Ersten Weltkriegs dienten, und Mitglied der wohl berühmtesten afroamerikanischen Einheit dieser Zeit: dem 369. Infanterieregiment aus New York, das aufgrund seiner tödlichen Präzision vor allem unter dem Spitznamen "Harlem Hellfighters" Ruhm erlangte.

Dabei war der Begründer des Erfolgstrupps ein weißer US-Colonel namens William Hayward. Am 29. Juni 1916 trommelte Hayward etwa 200 Afroamerikaner aus dem New Yorker Stadtviertel Harlem zusammen, um aus ihnen das 15. Regiment der New Yorker Nationalgarde zu formen. Der Freiwilligentrupp umfasste bereits vier Monate später zehn Kompanien zu je 65 Männern, im April 1917 hatte Hayward eine komplette Einheit für den Kriegseinsatz beisammen.

Da in der Armee damals die Rassentrennung strikt eingehalten wurde, bestand das Regiment fast ausschließlich aus Schwarzen - nur die leitenden Offiziere waren größtenteils weiß. "Es gibt kein besseres Soldatenmaterial auf der Welt", sagte Hayward einmal über seine afroamerikanische Einheit. "Diese Männer werden jedem beliebigen Soldaten weltweit ebenbürtig sein." Er sollte recht behalten.

Beschwerde gegen die Stationierung afroamerikanischer Truppen

Im Lafayette-Theater im Herzen von Harlem, an der Ecke der 132. Straße und der Seventh Avenue, probten die Kämpfer den Ernstfall. Weil in dem Theater jedoch der Platz nicht für alle Soldaten ausreichte, mussten einige Kampfeinheiten nachts auf New Yorks Straßen trainieren. Im Oktober 1917 wurde das 15. Regiment schließlich verlegt - ins Camp Wadsworth bei Spartanburg im US-Bundesstaat South Carolina.

In den Südstaaten waren Ressentiments gegen Schwarze noch weiter verbreitet als im Norden. Allein die Idee vom Training einer dunkelhäutigen Kampfeinheit in South Carolina löste damals Proteststürme aus: Die Handelskammer in Spartanburg sandte Beschwerdebriefe an die verantwortliche Staatsregierung in New York. Die Bürgerschaft drohte gar mit "äußerst tragischen Konsequenzen", würden "New Yorker Schwarze mit ihren Ideen aus dem Norden ins gesellschaftliche Leben von Spartanburg" eindringen, wie der Journalist und Regierungsberater Emmett J. Scott berichtete.


SPIEGEL-Geschichte Heft 5/2013

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Als die Einheit trotzdem nach South Carolina kam, verweigerten Geschäfte ihnen demonstrativ die Bedienung, es gab wilde Beschimpfungen und Schlägereien zwischen weißen Bürgern und schwarzen Soldaten. Bald kam die Idee auf, die Afroamerikaner unter französischer Flagge kämpfen zu lassen - doch auch davor warnten Teile der US-Armee den Bündnispartner Frankreich: Schwarze seien gegenüber Weißen "minderwertig", schrieb zum Beispiel der US-General John Pershing 1917 an die französische Militärführung. Ihnen mangele es schlichtweg an "staatsbürgerlichem und professionellem Gewissen".

Schwarze im Krieg? Nur als Franzosen!

Noch demütigender sollte der Abschied der schwarzen Kämpfer aus New York werden: An der offiziellen Parade ihrer Armeeeinheit, der sogenannten Regenbogen-Division, durften dunkelhäutige Soldaten nicht teilnehmen. Offizielle Begründung: "Schwarz ist keine Farbe des Regenbogens."

Dennoch fuhr das 15. Regiment der New Yorker Nationalgarde kurze Zeit später nach Europa in den Krieg.

Als die Einheit am 27. Dezember 1917 im französischen Brest an Land ging, waren die schwarzen Soldaten nur noch wenige hundert Kilometer vom Weltkriegsgeschehen entfernt. Doch statt in die Schlacht zogen die Infanteristen aus Harlem erst einmal an die malerische Loire-Mündung: In der Hafenstadt Saint-Nazaire bauten sie Straßen, verlegten Bahngleise und entluden Kriegsmaterial von Schiffen. Der Direktor der Kriegsplan-Division hatte es so befohlen, weil Schwarze aus seiner Sicht "ungebildet", "dumm" und "von minderwertigem körperlichen Durchhaltevermögen" waren.

Die Hellfighters verloren keine einzige Schlacht

Erst nach einigen Wochen reisten die Männer in das Dorf Givry-en-Argonne in der Champagne, wo im März 1918 aus dem 15. Regiment der New Yorker Nationalgarde das Régiment d'Infanterie Etats Unis mit der Nummer 369 wurde: eine US-Einheit, die für die Zeit ihres Kriegseinsatzes der französischen Armee zugeordnet war - mit französischen Helmen, französischen Gewehren, aber amerikanischen Uniformen.

Der Grund für die ungewöhnliche Soldatenleihgabe war einfach: Die Franzosen brauchten jeden Mann. Und da Frankreichs Armee bereits gute Erfahrungen mit Afrikanern aus ihren Kolonien gemacht hatte, kamen ihnen die schwarzen Soldaten aus Harlem sehr gelegen.

Zur Bewährungsprobe kam es für das 369. Infanterieregiment bereits im Mai 1918: In der Champagne waren die Afroamerikaner für einen eigenen Sektor zuständig, wo die Neulinge im Juli einen hart umkämpften Frontabschnitt verteidigten. Die Truppe, die mittlerweile mehrere tausend Mann stark war, wehrte Attacken ab, brach mit eigenen Angriffen bis in die deutschen Stellungen ein, errang spektakuläre Siege - und das alles in einer überaus brenzligen Kriegsphase. Gerade hatten die Deutschen mit Russland Frieden geschlossen und rannten nun mit allen verfügbaren Soldaten gegen die alliierten Fronten in Frankreich an. Dass sie dabei scheiterten, war auch der Verdienst der schwarzen Soldaten aus Harlem: Das 369. Infanterie-Regiment wich nie zurück, verlor keine Schlacht und war so lange im Einsatz wie keine andere US-Einheit während des Ersten Weltkriegs.

"Diese Männer sind Teufel"

Für ihren kühnen Kampfeinsatz heimsten die Afroamerikaner eine Ehrung nach der anderen ein: Ende September 1918 erhielt die Einheit das Croix de Guerre, eines der höchsten französischen Kriegsabzeichen des Ersten Weltkriegs. 171 Männer wurden außerdem für ihre "außergewöhnliche Tapferkeit" geehrt - und selbst die Deutschen zollten den New Yorkern Respekt: Nachdem die "Höllenkämpfer" aus Harlem am 18. November 1918 als erste Alliierte den Rhein erreicht hatten, soll ein preußischer Offizier von der Front gesagt haben: "Wir können diese Männer nicht aufhalten. Das sind Teufel! Sie lächeln, während sie töten, und sind lebend nicht zu fassen." Diese Erfahrung soll den New Yorker Infanteristen auch zu ihrem Spitznamen verholfen haben: Harlem Hellfighters.

Regimentschef Hayward fand seine ganz eigene Beschreibung für seinen Soldatentrupp: "Sie sind eindeutig die stoischsten und rätselhaftesten Männer, die ich je kennengelernt habe", schrieb er 1918 in die Heimat. Als er mit den Hellfighters im Februar 1919 nach New York heimkehrte, setzte er sich bei den Behörden für die schwarzen Kämpfer ein - mit Erfolg: Seine Soldaten, die wegen ihrer Hautfarbe nicht an den Siegesparaden in Paris und New York teilnehmen durften, hatten zumindest die Erlaubnis erhalten, ihren eigenen Umzug organisieren. Am 17. Februar 1919 zogen die tapferen Krieger durch die Fifth Avenue in New York, begleitet vom Jubel Abertausender Schaulustiger. Was in dem Freudentaumel unterging: 1500 der mutigen Hellfighters sollten nie nach Hause zurückkehren.

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1.
Thopmas Gunkel 24.09.2013
Will nichts schmälern oder schlecht reden. Gegen wen hätten sie denn in den letzten 191 Tagen verlieren sollen? Die deutsche Armee war seit Ende 1916 zu nichts mehr fähig.
2.
Rolf Radicke 24.09.2013
Und als der Jubel vorueber war, holte der Alltag diese Leute wieder ein. Und dieser Alltag war weiterhin rassistisch. Die Schwarzen duerften fuer die (weisse) Gesellschaft ihren Kopf hinhalten, doch bis sie zu akzeptierten Mitgliedern der Gesellschaft werden sollten, vergehen nicht Jahre sondern Jahrzehnte.
3.
Markus Krause 24.09.2013
"Ressentiments im Süden ist ein etwas schwcher Ausdruck für Rassentrennung. Genauso wie die Feststellung, "Das deutsche Reich habe Mit Rußland Frieden geschlossen" die Sache nicht trifft: Es hat Rußland geschlagen. Und ob das Zitat des Preußischen Offiziers wirklich als Respektsbezeugung gemeint war, weiß ich nicht. Ich lese das eher als rassistisch.
4.
Michael Elstermann 24.09.2013
"...hatte sechs US-Soldaten verhaftet und lief nun zurück zu den eigenen Linien..." Dieser Satz steht exemplarisch für die Qualität des Artikels. Seit wann verhaften Soldaten andere Soldaten ? Und die Höllentruppe hat das Deutsche Reich besiegt. Sicher ? Leider fehlt dem Artikel der Tiefgang.
5.
Julian Göhren 24.09.2013
Zum kämpfen und sterben waren der weißen amerikanischen Elite Schwarze gut genug, alles darüber hinaus wollte man ihnen aber nicht zugestehen. 1945 kehrten schwarze GIs aus Europa zurück, wo sie gegen einen rassistischen Apartheidstaat gekämpft hatten. Wieder in der Heimat schlug ihnen der gleiche Hass entgegen, welchen man in Deutschland vorher Juden entgegengeworfen hatte. Typisch amerikanische Doppelmoral...
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