Bodybuilding-Anfänge Die Pump-Pioniere

Geräte aus Leitungsrohren, Gewichte aus Abfall, selbst gemixte Kraftnahrung: Harry Gelbfarb, knapp dem Holocaust entronnen, zog ab 1956 das deutsche Bodybuilding groß. Nur mit den Muskelfrauen hatte er ein Problem.

Nachlass Gelbfarb

Der Muskelprotz stahl allen die Show. Auch Helmut Kager und seinen beiden Freunden, die 1952 im Schweinfurter Schwimmbad gerade Saltos vom Sprungbrett vollführten. "Plötzlich kommt einer aus der Dusche raus: Mordskörper, breite Schultern, schmale Hüfte. Wir sind gesprungen wie die Verrückten, trotzdem hat auf uns keiner mehr geschaut", erinnerte sich Kager später.

Der damalige Schlosserlehrling und seine Kumpels beobachteten den unbekannten Herkules eine Weile aus sicherer Entfernung. Dann schlossen sie Freundschaft und trainierten ihre Muskeln gemeinsam. Sein Name: Harry Gelbfarb, erfasst im Schweinfurter Einwohnermeldeamt mit dem Eintrag: "Masseur. Vertrieb von Sportgeräten, Graben 26, ab 1.1.1956".

Dort, in Unterfranken, gründete Gelbfarb vor 60 Jahren das erste deutsche Bodybuilding-Studio und trat einen Hype los, der bis heute anhält. Rund 8000 Fitnessstudios gibt es derzeit in Deutschland. Schuld daran ist ein einstiger US-Soldat mit österreichischen Wurzeln - der nur per Zufall dem Holocaust entronnen war.

Dank eines gefälschten Taufscheins überlebt

Gelbfarb wurde 1930 als uneheliches Kind einer jüdischen Mutter in Wien geboren, kam bald nach der Geburt in ein Waisenhaus und wurde mit vier Jahren adoptiert. Nach dem "Anschluss" Österreichs, dem Einmarsch deutscher Truppen, wurden seine Pflegeeltern 1941 in ein Konzentrationslager verschleppt. Auch Gelbfarb, mittlerweile im jüdischen Kinderheim, drohte die Deportation.

In letzter Sekunde rettete ihn die Sozialarbeiterin und Widerstandskämpferin Franzi Löw. Sie präsentierte der Gestapo einen gefälschten Taufschein, den ihr ein katholischer Geistlicher ausgestellt hatte - und durfte ihren Schützling behalten. Dennoch musste Gelbfarb später Zwangsarbeit in einem Arbeitslager leisten. Das Kriegsende erlebte er halb verhungert, tuberkulosekrank, mit Herzproblemen.

1947 wanderte er in die USA aus und entdeckte das Bodybuilding für sich. Dann zog die US-Armee Gelbfarb ein und schickte ihn Anfang der Fünfzigerjahre ausgerechnet in das Land, wo man ihn um ein Haar ermordet hätte. Im beschaulichen Schweinfurt lernte er die Liebe seines Lebens kennen, die neun Jahre ältere Sportlehrerin Elly Böttcher. Und er eröffnete seine erste Muckibude - winzig, ziemlich spartanisch.

"Adria-Muskel haben wir das genannt"

Bänke und Apparate bastelte Gelbfarb aus alten Wasserleitungsrohren, bei den Hanteln halfen ihm seine Schüler aus der Schweinfurter Industrie. Einer organisierte Schrauben zum Fixieren der Gewichte, ein anderer ließ die Scheibengewichte aus Abfallmaterial schleifen. Hinter einem Vorhang zog man sich um, eine Dusche gabs nicht.

Dennoch waren die jungen Burschen begeistert vom exotischen Sportangebot. Durch das Gewichtestemmen konnten sie Muskelmasse aufbauen und an ihrem Aussehen arbeiten. "Ich war totale Kriegsware", erinnert sich ein Ex-Ringer, dem man mit heute 70 Jahren seine sportliche Vergangenheit immer noch ansieht, "meine Mutter rechnete nach meiner Geburt nicht damit, dass ich überleben würde."

Ein anderer Gelbfarb-Schüler, pensionierter Industriekaufmann, zeigt Fotos, auf denen er Ende der Fünfzigerjahre mit durchtrainierten Oberarmen am italienischen Strand posiert. "Adria-Muskeln haben wir das genannt", kommentiert der damalige Gewichtheber Karl-Heinz Rüd spöttisch dieses frühe Posing.

Mit zwei Eierkartons über den Brenner

Gelbfarb leitete seine Jungs beim Training an und mahnte sie auch zur angemessenen Ernährung. "Du kannst trainieren, wie du willst - es nützt nichts, wenn du nicht vernünftig isst", schärfte er ihnen ein.

Als Kraftnahrung kaufte der Bodybuilder Bierhefe in der Brauerei. Eiweißpulver aus dem Schlachthof wurde mit Erdbeeren gemischt, um es genießbar zu machen. Helmut Kager fasste die Praxis von Ernährung und Training später so zusammen: "Wir haben kübelweise Milch getrunken und den Quark in uns hineingestopft, trainiert wie die Ochsen, und der Erfolg ist nicht ausgeblieben."

Gelbfarb wurde Chef der ersten deutschen Bodybuilding-Nationalmannschaft, als er 1959 an den Europameisterschaften in Turin teilnehmen wollte. Dazu gründete er flugs den ersten deutschen Verband, alle Gründungsmitglieder kamen aus seinem Studio. Im VW Käfer überquerte die Delegation den Brenner - unter der Haube zwei Schachteln Eier als Reiseverpflegung.

Einen Podestplatz konnte keiner der deutschen Muskelpakete in Turin erkämpfen. Bald darauf veranstaltete Gelbfarb im Münchner Bürgerbräukeller die erste deutsche Meisterschaft im Bodybuilding - mit 50 Teilnehmern im Alter von 14 bis 34 Jahren, vom Schmied bis zum Zahnarzt.

"Gehirn wurde nicht gewertet"

Mit fast 2000 Besuchern war der Bürgerbräukeller am 16. Oktober 1960 fast ausverkauft. Zufrieden war Gelbfarb jedoch nicht: "Im Saal herrschte vielfach eher spöttische Erheiterung als wirkliche Begeisterung", erinnerte er sich drei Jahrzehnte später in der Bodybuilding-Zeitschrift "Sportrevue". Es lag einiges im Argen: Weil Regeln für den Einsatz von Öl noch fehlten, verteilten die Athleten es so großzügig auf ihren Körpern, dass sie in den Lachen ausrutschten.

Entsprechend verheerend fiel das Medienecho aus. "Gehirn wurde nicht gewertet", witzelte der "Stern". Der "Münchner Merkur" urteilte: "Manche sahen aus wie appetitliche Mehlspeisen, andere wieder erinnerten mit ihren braungebrannten Oberteilen an saftige Steaks." Und die DDR-Wochenschau meldete: "So züchtet man Atommuskeln für die Nato."

1962 spottete DER SPIEGEL über den Bodybuilding-Boom: "Bei steigenden Unkosten und immer kleiner werdendem Horizont gedeihen die Muskeln, züchtet man die Männer, die auf dem Höhepunkt der Karriere mit Blitzlicht, Ehren und Gelächter überschüttet werden."

Zu dieser Zeit hatte Gelbfarb sich bereits aus der Verbandsarbeit zurückgezogen. Maßgeblichen Einfluss auf die deutsche Szene nahm er erst wieder Anfang der Achtzigerjahre, als immer mehr Frauen Bodybuilding entdeckten. Zum 25-Jahre-Jubiläum seines Studios veranstaltete er im Februar 1981 den wohl ersten Frauenwettbewerb in Deutschland. Um sich von reinen Schönheitswettbewerben abzugrenzen, sollten bei den Teilnehmerinnen trainierte Muskeln erkennbar sein.

Wenig beeindruckt von Arnies Muskelbergen

Doch genau deshalb bekam Gelbfarb Schwierigkeiten mit den Fitnessfrauen: Die meisten schreckten letztlich vor einem ernsthaften Bodybuilding-Training zurück - aus Angst, ihre schlanken weiblichen Formen zu verlieren. So verlief sich seine Frauentruppe rasch wieder.

1983 verkaufte Gelbfarb sein Schweinfurter Studio und zog nach Kalifornien. Als er Anfang der Neunzigerjahre auch seine amerikanische Fitnessbude veräußerte, war ihm das nur eine knappe Notiz im Tagebuch wert: "36 Jahre Studios", so der lakonische Eintrag vom 30. September 1991.

Immerhin konnte Gelbfarb in den USA regelmäßig mit Bodybuilding-Ikone Arnold Schwarzenegger trainieren. Den Polizistensohn aus der Steiermark hatte er bereits Mitte der Sechzigerjahre in München kennengelernt, war jedoch zunächst wenig beeindruckt: Von den deutschen Athleten sei er Besseres gewohnt gewesen, als dass ihn "Schwarzeneggers Körper damals allzu sehr beeindruckt hätte", erinnerte sich Gelbfarb 1993 rückblickend in der "Sportrevue".

Darin gab Gelbfarb auch sein Lebensmotto preis: "Ich möchte niemals den Fehler begehen, mein Leben künstlich zu verkürzen, indem ich die Hände in den Schoß lege und beginne, auf den Tod zu warten." 2005 starb der Vater des deutschen Bodybuildings in seinem Haus bei Schweinfurt.

Zum Autor
  • Peter Steinmüller ist Journalist und erforscht seit mehreren Jahren das Leben von Harry Gelbfarb. Die Ergebnisse veröffentlicht er auf der Website harry-gelbfarb.de Obwohl seit 15 Jahren regelmäßiger Gast im Fitnessstudio, hat der Zeitvertreib kaum körperliche Spuren hinterlassen. Seine Kinder langweilt Peter Steinmüller gerne mit Kurzreferaten zu Schwarzenegger- Filmen.


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Seite 1
Jannis Varolos, 29.04.2016
1.
Das witzige am Bodybuilding ist, dass man die Veränderungen an sich selber gar nicht so sehr registriert. Nur alle nicht trainierten Menschen sehen immer schwächlicher aus mit der Zeit... Ist eine witzige Erfahrung kann ich nur empfehlen. ;)
Bjoern Obrecht, 29.04.2016
2. Tja....
...Schweinfurt kann also nicht nur Kugellager! Schon Wahnsinn wie such das alles entwickelt hat. Die Bilder von damals...Das war noch Natural Bodybuilding...heute sind das alle mit Steroiden aufgepumpte Möchtegerns.
Kornelius Ruks, 29.04.2016
3. Mit Muskeln gegen Dämonen
Solche Geschichten kann sich keiner ausdenken. Ein von der Mutter als Säugling verstoßener Mann, entgeht als Kind der Vergasung und kehrt als Archetypus des muskulösen Kriegers einer siegreichen Besatzer-Armee in das Land zurück, dessen Bewohner ihn wenige Jahre zuvor als Untermenschen diffamiert und eiskalt umgebracht hätten, wenn da nicht ein Schutzengel sein Leben gerettet hätte. Was aber tut der junge Mann ? Anstatt Rache am Volk der Täter zu nehmen und vielleicht Nazis zu jagen, unternimmt er alles um den Beifall von deren Nachfahren zu erlangen. Schutzlos und verwundbar trägt er beinahe nackt seine Haut zu Markte und entwirft mitten in der Fresswelle ein klassisches Körperideal, das die Skulpturen eines Arno Breker als grobe Wahnfiguren verspottet. Natürlich erntet er Häme und ignoranten Spott als als armer Irrer, für seine irren Arme, doch er weiß es besser und die Geschichte gibt ihm recht. Harry Gelbfarb ist eine Heldenfigur und zugleich ein tragisches Vorbild. Seine Geschichte zeigt, dass Gemeinheit nicht durch Schönheit zu besiegen ist. Elite ist nichts für die Masse und wieder bleibt der junge Mann ein Ausgestoßener. Die Dämonen der Vergangenheit, die ihn nachts heimsuchen, kann er mit Muskeln zwar fern halten. aber nicht besiegen. Die Anerkennung, die er verdient, beleibt ihm bis heute versagt und der Ruhm geht an Schwarzenegger, den besseren Geschäftsmann. Zumindest einen Hollywood-Film mit Mark Wahlberg in der Hauptrolle sollte man ihm widmen, besser aber noch einen deutschen Autorenfilm unter der Regie von Pepe Dankquart, denn dann wird die Geschichte erst rund. Harry Gelbfarb hat ein solches Denkmal verdient. Kornelius Ruks; Baunatal
Max Bauer, 29.04.2016
4.
Ja das Gehirn ist kein Muskel, leider! Ich fand es früher doof weil ich keine regelmäßige sportliche Betätigung kannte. Jetzt kenne ich fast jeden Muskel in meinem Körper (auch die im Gesicht) und fühle mich komplett. Nur nicht übertreiben, Sucht Gefahr.
manfred kaese, 30.04.2016
5. ..und die Steroide?..
ich weiss nicht genau, wann dass nun aufgekommen sein muss, aber die achziger-Werster sind mittlerweile zu drei vierteln tot umgefallen, dass dürfte bei dr hier präsentierten #Gang auch nicht so viel ander aussehen..
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