Entfesselungskünstler Houdini Der Mann, der durch Wände ging

Er befreite sich aus vernagelten Kisten, knackte die verzwicktesten Schlösser und wand sich 1915 gar in der Luft hängend aus einer Zwangsjacke: Seine unfassbaren Tricks machten Harry Houdini zum ersten US-Superstar. Aufhalten konnte ihn nur ein Besenstiel.

Von

Corbis

Es ist exakt High Noon, als Harry Houdini sich öffentlich aufknüpfen lässt. Zwei Mitarbeiter der Psychiatrie fixieren ihn mit einer Zwangsjacke und binden seine Fußknöchel an ein dickes Seil. Dann wird er per Kran kopfüber in die Höhe gezogen. Scheinbar hilflos, in sich verpuppt, baumelt der gefesselte Körper in der Luft, über den Köpfen Tausender Schaulustiger.

Doch da, ein Raunen geht durch die Menge: Houdini windet sich, zuckt und zerrt, wie durch ein Wunder schafft er es, den rechten Arm zu befreien. Scheinbar mit den Zähnen löst er die Schnallen, Gurte, Riemen und zappelt wie ein Fisch, bis auch der linke Arm zum Vorschein kommt. Ein Trommelwirbel - und Houdini ist frei. Triumphierend schwenkt der Mann mit den stechend blauen Augen die Zwangsjacke, frenetischer Applaus brandet auf.

Genau vor 100 Jahren präsentierte Harry Houdini, der größte Entfesselungskünstler aller Zeiten, erstmals seinen spektakulären Zwangsjacken-Trick. Im September 1915, auf dem Höhepunkt seiner Karriere, überraschte er damit zunächst die Menschen in Kansas City und Minneapolis. Ab Herbst tourte er durch den Rest der USA. Wohin der Magier auch kam, liefen die Massen zusammen, stand der Verkehr still, waren ihm die Schlagzeilen sicher. Houdini war zum ersten Superstar Amerikas avanciert, mehr ging nicht - und das wusste er auch.

"Ich habe mein Limit erreicht. Und mir scheint, dass dies mein letzter Stunt sein wird", sagte der 42-Jährige im April 1916 einem Reporter der "Washington Times". Doch natürlich machte Marketing-As Houdini weiter, war sein Statement nichts als Gratis-PR, kokette Flunkerei. Das gesamte Leben des Illusionisten basierte auf Tricks und Täuschung. Bereits die Eckdaten seiner Biografie haben wenig mit der Wahrheit zu tun.

Nadeln mit den Wimpern aufgelesen

So wurde Houdini nicht in Appleton, Wisconsin, geboren, wie der glühende US-Patriot der Welt stets vorgaukelte, sondern in Budapest. Und das nicht als Sohn eines gelehrten Rabbiners, sondern eines bitterarmen jüdischen Seifenmachers. Vier Jahre alt war Ehrich Weisz, so Houdinis wirklicher Name, als seine Familie in die USA emigrierte - auf der verzweifelten Suche nach einem besseren Leben. Ehrgeiz und Perfektionismus katapultierten den jungen Ungarn Ehrich aus der Gosse nach ganz oben.

"Ich möchte immer der Erste sein. Das ist es, wofür ich lebe und meine ganze Kraft gebe. Wenn ich das nicht länger schaffe, möchte ich mich aus dem Leben verabschieden", erzählte er 1910 einem Journalisten. Da nannte sich der Autodidakt bereits Harry Houdini - als Hommage an seine Idole, den berühmten US-Illusionisten Harry Kellar und den französischen Magier Jean Eugène Robert Houdin. Seinen ersten Künstlernamen indes gab er sich bereits als Kind.

"Erich, Prinz der Lüfte" hieß er da, verzauberte als Trapezkünstler die Nachbarn und kassierte mit neun Jahren 35 Cent für seine erste Performance: Kopfüber las er mit seinen Wimpern Nadeln vom Boden auf. Später tingelte Houdini mit Zirkusleuten durch die Lande, verkaufte angebliche Wundertinkturen, versuchte sich als Hellseher. Ein armloser Mann brachte ihm bei, die Zehen zu benutzen, als seien es die Finger. Freunde berichteten, dass Houdini in jeder freien Minute übte, Knoten mit den Füßen zu lösen und Faden in eine Nadel einzufädeln.

Schlüssel per Kuss zugesteckt?

In welcher Stadt Houdini auch aufkreuzte: Überall wickelte der Entfesselungskünstler sein Publikum mit der gleichen Masche um den Finger. Pressewirksam lobte er zunächst einen Preis für denjenigen aus, der es schaffen würde, dem "Handschellen-König" das Handwerk zu legen. Sodann ließ er sich in der örtlichen Polizeistation öffentlich fesseln, anketten und einsperren - um kurz darauf, bar jeder Ketten, wieder aufzutauchen. Niemand sollte die Prämie je kassieren - nicht einmal der britische Schmied Nathaniel Hart.

Fünf Jahre lang hatte dieser an speziellen Handschellen gewerkelt. "Die sind nicht zu knacken", verkündete der Mann. Und sollte sich täuschen: Mehr als 4000 Zuschauer waren zugegen, als Houdini am 17. März 1904 die vom "London Daily Illustrated Mirror" veranstaltete Herausforderung annahm. Sechs Mal drehte Hart den Schlüssel im Schloss herum - nach 70 Minuten war Houdini frei. Als die jubelnde Menge ihn wie einen siegreichen Gladiatoren auf den Schultern trug, brach er zusammen, weinte und murmelte immer wieder: "Gott sei Dank." Später gab Houdini zu Protokoll, dies sei der schwierigste Stunt seines Lebens gewesen.

Oder war alles nur eingefädelter Bluff? Hatte seine Assistentin und Ehefrau Bess ihm bei einem innigen Kuss den Schlüssel zugesteckt? So wie sie ihm in Russland eine kleine Säge und einen Dosenöffner in den Mund appliziert haben soll? Dort befreite Houdini sich 1903 aus einer "Carette": jener berüchtigten, mit Zinkblech ausgeschlagenen Transport-Zelle, mit der politische Häftlinge nach Sibirien verfrachtet wurden.

Die russischen Polizisten rauften sich die Haare, Zar Nikolaus war von den scheinbar übernatürlichen Kräften Houdinis so beeindruckt, dass er ihn zum persönlichen Vertrauten machen wollte. Houdini lehnte dankend ab - und steigerte seine Performance mit immer kühneren Darbietungen. Der Illusionist ging durch Wände und ließ Elefanten verschwinden. Er sprang gefesselt von Brücken und ließ sich in eine Holzkiste sperren, die vernagelt und zugeschnürt in einen Fluss geworfen wurde.

"Der mysteriöseste Mensch der Welt"

1911 ließ sich Houdini im britischen Chatham vor die Mündung einer geladenen, mit einem Zeitzünder versehenen Kanone binden. Im Jahr darauf befreite sich der Künstler in Berlin erstmals aus der "chinesischen Wasserfolterzelle": einer mit Wasser gefüllten, an allen Seiten verschlossenen Glasbox, in die er sich, kopfüber an den Füßen fixiert, sperren ließ. Und wenige Wochen vor seinem Tod hielt es der Extremtaucher 91 Minuten lang in einem angeblich luftdicht verschlossenen Sarg aus, der in einem New Yorker Hotelpool versenkt wurde.

"Houdini ist der mysteriöseste Mensch der Welt", brachte es ein "Popular Science"-Journalist 1925 auf den Punkt. Und der als cholerisch geltende Kontroll-Freak setzte alles dran, dass ihm niemand auf die Schliche kam: Wer mit ihm arbeiten wollte, musste per Eid schwören, niemals seine Tricks auszuplaudern - allzu neugierige Zuschauer wurden von seinen Assistenten kurzerhand mit Chloroform betäubt.

Wenn es jedoch darum ging, andere der Täuschung zu überführen, kämpfte Houdini an vorderster Front: Der glühende Geisterjäger setzte alles daran, selbst ernannte Medien als Scharlatane zu entlarven. Besonders hatte er es auf die Geisterbeschwörerin Mina Crandon abgesehen, die Tische zum Schweben brachte und zum Beweis ihrer Übersinnlichkeit waberndes Ektoplasma aus ihrer Vagina entließ: jene ominöse weißliche Geistersubstanz, die bei Crandon aus einem Schlitz in ihrem Kimono aufstieg. Houdini stellte die aufreizende Kanadierin als das bloß, was er selbst war: eine äußerst raffinierte Trick-Koryphäe.

Schmach in der Hotelhalle

Warum der Spiritisten-Hasser dennoch mit seiner Frau Bess ein Codewort ("Rosabell, believe") ausmachte für den Fall, dass sein Geist nach dem Tod mit ihr in Verbindung treten sollte? Warum der angeblich so rationale Künstler ihr jahrelang Briefe über einen nie geborenen Sohn schrieb, die erst in dem Moment abreißen, als der fiktive Filius zum US-Präsidenten gekürt wird? Die Nachwelt wird das psychologische Rätsel Houdini kaum lösen können - ebenso wie sie seine Tricks nie wirklich verstehen wird.

Fest steht, dass der Mann, der die Welt mit immer neuen Beinahe-Toden in Atem hielt, nichts so sehr fürchtete wie den ganz banalen Kontrollverlust: Im Frühjahr 1900 sah ein Geschäftsmann den Ausbrecherkönig in einer Telefonkabine des Savoy-Hotels von Kansas City stehen. Er nahm einen Besen und steckte ihn so zwischen die Kabinengriffe, dass Houdini eingesperrt war. Außer sich vor Panik trommelte der Entfesselungskünstler von innen gegen die Wände, trat gegen die Tür und schrie so lange, bis ein Hotel-Mitarbeiter sich erbarmte und den gedemütigten Houdini befreite.

Just ein solcher Augenblick des Unvorbereitetseins war es auch, der 1926 zu seinem Tod führen sollte: Mit voller Wucht schlug der Student Jocelyn Gordon Whitehead dem Entfesselungskünstler am 22. Oktober in den Bauch. Houdini, der stets damit geprahlt hatte, jeden Schlag in den Unterleib durch Anspannung der Bauchmuskulatur zu überstehen, war auf die plötzliche Attacke nicht gefasst - und sackte in seiner Garderobe zusammen. Neun Tage später war er tot. Der 52-Jährige starb mit den Worten: "Ich bin zu müde, um weiterzukämpfen. Ich glaube, diese Sache ist zu viel für mich."

Oder befreite sich der Meister der Selbstinszenierung am Ende selbst aus dieser letzten Fessel? In dem Moment, in dem der Bronzesarg mit dem Leichnam Houdinis von zehn Illusionisten aufgehoben wurde, wisperte einer seiner Freunde: "Ich wette, dass er nicht mehr drin ist."



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insgesamt 7 Beiträge
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Ulrich Grepel, 18.09.2015
1. Schade, dass kein Verweis auf Kate Bush enthalten ist
Kate Bush hat 1982 auf Ihrem Album "The Dreaming" ein Lied namens "Houdini" veröffentlicht, dass Harry Houdini zum Thema hat. Es gibt dort u.a. folgende Textzeilen: "With a kiss, I'd pass the key" und "Rosabel, believe!", beides ist im Einestages-Artikel enthalten. Ebenso stellt das Cover-Bild des Albums "The Dreaming" die Kuss-Szene dar, in der Kate Bush als Bess ihrem gefesselten Mann Houdini einen kleinen auf der Zunge liegenden Schlüssel überreicht.
Manuel Kammermeier, 18.09.2015
2. Natürlich...
Ist das alles nur eine Show und geblufft, auch heutzutage noch. Trotzdem lassen wir uns gerne damit verzaubern, denn wir können uns es nicht so einfach erklären. Heutzutage ist es natürlich schwerer, die Leute sind viel skeptischer, aber nicht unmöglich. Bei Dynamo frag ich mich immer, wie er es macht. Den jungen Kerl sollte man gesehen haben.
Sam DiCamillo, 18.09.2015
3. Authenticjazzman
Er ist in meiner geburtsstadt Detroit gestorben.
Abel Frühstück, 18.09.2015
4.
@1: Na ja, die Verweise auf Houdini in der Popkultur sind ja endlos. Patti Smith hat in den 70ern ein ganzes (wenngleich schmales) Lyrik-Büchlein mit dem Titel "Ha! Ha! Houdini!" geschrieben. Usw usf. Das wäre eine ausufernde Zitiererei. Schöner Artikel, nun möchte ich aber was über Mina Crandon lesen.
Dieter M. Schulz-Hoos, 19.09.2015
5. Großes Jugendbuch
In meiner Jugend gab es das GRoße Jugendbuch und da war auch ein Kapitel über Houdini drin und seine Künste. Zum Schluss stand da noch, dass er verfügt habe, dass eine Kiste, in der er all seine Tricks beschrieben hatte, erst x Jahre nach seinem Tod geöffnet werden dürfe. Ich konnte es damals kaum erwarten, alt zu werden, so sehr hat mich das fasziniert. Jetzt bin ich halbwegs alt, habe Houdini längst vergessen und weiß nicht, ob es die Kiste je gegeben hat und was draus wurde. Mal googlen ...
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