Historische Tierfotos Ich glaub, mein Schwein modelt

Historische Tierfotos: Ich glaub, mein Schwein modelt Fotos

Videos von Auto fahrenden Hunden und albernen Katzen? Keine Erfindung des Internetzeitalters! Schon vor über hundert Jahren begeisterte sich ein Massenpublikum für Tiere, die auf Mensch machen. einestages zeigt die ersten Fotos von Vierbeinern im Herrchendress. Von Fabienne Hurst

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Das Schwein, ein unbeliebtes Fotomodell. Kurze, starre Gliedmaßen, keinerlei Charisma, borstig und fett. Harry Whittier Frees gelang in seiner Karriere nur ein gutes Schweinebild: Ein Ferkel mit Häkelmütze schiebt zwei Katzenbabys in einer Schubkarre. In einem Artikel des Magazins "Life" vom 1. März 1937 steht der trockene Kommentar: "Dies war ein schwieriges Foto, weil ein Schwein ein schwieriges Motiv ist."

Dabei war der Amerikaner ein Spezialist für die Ablichtung von Tierbabys in menschlichen Posen. Er knipste Katzenbabys beim Kaffeekränzchen, mit Zahnschmerzen oder im Pyjama auf dem Spielzeugpferd. Oft kamen auch Hundewelpen und kleine Karnickel vor die Linse. Seine Bilder gleichen jenen, die heute im Internet auf Fotoblogs, bei YouTube und Twitter für Klickrekorde und euphorische Kommentarstürme sorgen. Das Verblüffende: Sie stammen aus der Zeit der Jahrhundertwende. Die ersten dieser Fotos entstanden im Jahr 1906 - lange vor Digitalkamera und Photoshop.

"Solche Fotos erfordern neben Geduld, Sorgfalt und zärtlicher Aufmerksamkeit auch eine Menge verschwendete Negative", schrieb Frees 1929 in seinem Buch "Animal Land on the Air". Zwei Drittel des Materials musste er wegwerfen. "Sehr häufig ist man einfach nicht schnell genug", heißt es weiter. "Junge Tiere können genau wie Menschenbabys nicht lange in einer Pose verharren." Frees jedoch hatte die Eigenheiten der verschiedenen Tiere genau studiert. Er fand heraus, dass sie sich am besten im Alter von sechs bis zehn Monaten drapieren lassen, die Aufmerksamkeit von Katzen per Blickkontakt zu gewinnen ist und Hundewelpen nur auf Geräusche reagieren.

Katzen beim Rollschuhlaufen

Harry Whittier Frees' Karriere als Fotograf verkleideter Tiere begann bei einer Geburtstagsfeier: Ein Partyhut landete auf dem Kopf einer Katze, Frees drückte ab. Das Bild kam so gut an, dass der Amerikaner sich von nun an ganz der Tierknipserei widmete. Erfunden hat Frees die skurrile Fotogattung jedoch nicht. 30 Jahre vor ihm machte der Brite Henry "Harry" Pointer seine ersten Fotos von Tieren in Menschenposen. Der ehemalige Soldat fotografierte seine Katzen beim Rollschuhlaufen und auf dem Dreirad. Seine Geschäftsidee: Er versah die Bilder mit witzigen Schriftzügen und verkaufte sie als Postkarten. Allein im Jahr 1884 soll Pointer dem Fachblatt "The Photographic News" zufolge über 200 verschiedene Motive produziert haben.

Auch in den USA gab es vor Frees Fotografen, die Tiere auf diese Art ablichteten. Ein paar ganz besondere Exemplare schlummern in den Tiefen der Library of Congress. Vier Bilder eines unbekannten Urhebers zeigen adrett gekleidete Bulldoggen. Die Vierbeiner tragen Namen wie Old Heidelberg, The Missis oder Tommy Atkins und wurden Schätzungen zufolge im Jahr 1905 aufgenommen. Diese Modelle dürften dem oder den Fotografen allerdings keine großen Probleme bereitet haben: Zum Zeitpunkt des Shootings waren sie bereits tot und ausgestopft.

Als Harry Whittier Frees 1906 mit den speziellen Tierfotos anfing, führte er die skurrile Kunst auf ein höheres Level: Mit großer Hingabe und Liebe zum Detail fertigte er unter enormem Zeitaufwand unzählige Bilder. Die Modelle lieh er sich von Nachbarn, Tierhandlungen und Züchtern. Seine Arbeit sei so nervtötend gewesen, so Frees, dass er nur drei Monate im Jahr fotografierte. In der restlichen Zeit musste er ausruhen und sich neue Szenen ausdenken. Doch er lebte gut von den Bildern - Postkartendrucker, Kalenderhersteller, Frauenzeitschriften und Kindermagazine forderten ständig Nachschub.

Reich geworden ist Harry Whittier Frees dennoch nicht. Er nahm sich 1953 völlig verarmt in Clearwater, Florida, das Leben und wurde in einem namenlosen Grab beerdigt. Zwei Jahrzehnte später entdeckte die britische Postkartensammlerin Anne R. Bradford den Schatz der Tierpostkarten von Frees. Sie schrieb zwei Bücher über den Fotografen und kaufte von dem Gewinn einen Grabstein. Auf ihm prangt das Motiv einer Freesschen Postkarte mit der Unterschrift: "All is vanity" - alles ist vergänglich. Nur die Begeisterung für Fotos von Tieren in Menschenposen nicht.

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1.
Karl Heigl 30.12.2012
Das Ferkel sieht mir nicht besonders lebendig aus. Das wurde wohl getötet.
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