Serienhelden der achtziger Jahre Hart, härter, "Hart aber herzlich"

Einmal mit Jonathan Hart durch die Straßen cruisen und Gauner jagen: Für die Buchautorin Simone Buchholz wurde die Serie "Hart aber herzlich" in ihrer Jugend so sehr zur Passion, dass sie selbst ins Geschehen eingriff - mit einem Eispickel.

Getty Images

Wenn mir jemand heute folgende Geschichte erzählen würde, ich würde sie nicht glauben: Es gibt da dieses Ehepaar, er ein Selfmade-Millionär, sie eine tolle Frau. Die beiden leben in einer riesigen Villa in Bel Air und müssen nie, nie, nie arbeiten. Er führt aus dem Handgelenk einen internationalen Konzern, sie ist offiziell Reporterin, aber vor allem damit beschäftigt, in einer Tour ihren Mann zu verführen.

Das Hobby dieses ultraglamourösen Paars ist mörderisch, denn rein zufällig geraten die beiden quasi täglich in mysteriöse Kriminalfälle, kopfüber und knietief, die sie dann komplett ohne Hilfe der Polizei oder eines Sondereinsatzkommandos lösen. Was sie da in ihrer großzügig bemessenen Freizeit tun, ist immer superriskant, und die zu jagenden Verbrecher sind immer supergefährlich, vorzugsweise Psychopathen oder feindliche Spione. Die Millionärshelden überleben ihre Abenteuer aber trotzdem, und am Ende jeder Geschichte befinden sie sich James-Bond-mäßig in einer flockigen Cocktailsituation.

Also wirklich, wenn mir das alles heute einer erzählen würde, ich würde sagen: Wer zum Teufel hat sich denn den Mist ausgedacht?

"Ich habe den Mist auch noch für bare Münze genommen!"

Und jetzt Achtung: Vor 25 Jahren fand ich den Mist nicht nur spitzenmäßig, ich hab ihn auch für bare Münze genommen. Ausgedacht hat sich den Mist ein echter Profi, Sidney Sheldon, dessen Romane und Thriller Großtaten der sexy Glamour-Kriminalistik waren, das Futter für Mütter und ihre Töchter in den frühen achtziger Jahren: "Blutspur", "Zorn der Engel", "Diamanten-Dynastie". Hammerbücher, heute würden sie womöglich kopfschüttelnd zur Seite gelegt, sogar von mir.

Als Zwölfjährige hingegen glaubte ich fest an die Kopfgeburten Sidney Sheldons. Ich war mir so sicher, dass Jonathan und Jennifer Hart dieses beknackte richy-sexy-criminal Leben führten, ich war so ein großer Fan, dass es für mich eines Tages nur eine richtige Entscheidung geben konnte: Ich nahm einen Flieger nach Los Angeles und tauschte Jennifer Hart kurzerhand gegen mich aus.

Es ging alles ganz schnell, Stefanie Powers hat es gar nicht großartig gespürt. Ein gezielter Schlag in den Nacken, dann das Betäubungsmittel in die Venen, dann die Lobotomie. Mit einem kleinen, spitzen Eispickel aus der Werkstatt meines Vaters, zack - genau in jenes Areal des Powerschen Gehirns, in dem die Rolle der Jennifer Hart abgespeichert war. Es hat auch kaum geblutet. Und als Stefanie wieder aufwachte, hatte sie alles vergessen. Lebte fortan glücklich und zufrieden als Hausfrau in Los Angeles, während ich an der Seite von Robert Wagner aka Jonathan Hart Millionärsabenteuer am Fließband erlebte.

Die Frisur, eine wahre Pracht - wie krass durchgestufte Zuckerwatte

Jonathan hat den Austausch überhaupt nicht kommentiert. Ich hatte aber auch stramm an meiner Frisur gearbeitet, geföhnt und gebürstet und toupiert und gesprayt, dass es eine wahre Pracht war, the Nest auf meinem Kopf sah aus wie krass durchgestufte Zuckerwatte. Außerdem bretthartes Jennifer-Make-up: mit Kajal Riesenaugen aufgemalt, dazu richtig viel von allem, vor allem Rouge, und die ganze Chose ein bisschen overacted. Klunker an die Ohren, Polster an die Schultern, glibberigen Satin drüber, fertig. Ehrlich, ich ging glatt durch, hat keiner was gemerkt.

Zur Autorin
  • Gerald von Foris
    Simone Buchholz, geboren in Hanau, lebt in Hamburg. Sie arbeitet als Schriftstellerin und freie Autorin für verschiedene Magazine. 2013 wurde ihr neunter Roman, "Bullenpeitsche", veröffentlicht.

Und so knatterten wir endlos durch die Gegend, Leute, Jonathan und ich, in unseren Cabriolets dem Verbrechen und dem Sonnenuntergang entgegen, es war ein Fest. Meine Föhnfrisur klappte im Wind nach vorne und nach hinten, Jonathans Scheitel und Nackentolle zitterten nur minimal, unser Lächeln saß bombenfest. Jonathan lenkte den roten Ferrari Dino, ich den gelben Mercedes 450 SL, und zwischen uns wuchs ein Herz aus der Straße.

Ansonsten waren unsere Tage schlicht strukturiert. Morgens flanierten wir in dicken weißen Frotteebademänteln über unser Anwesen, 3099 Mandeville Canyon, Los Angeles, während unser lieber Butler Max uns das Frühstück, die Lage da draußen, unsere Frisuren und unseren Hund Friedwart servierte. Das Knuddelchen. Konnte man übrigens sowohl zu Friedwart als auch zu Max sagen, denn der war mit einem debilen Dauergrinsen gesegnet, den störte gar nichts.

Spätestens ab Mittag im Schlamassel

Nach einem ausgiebigen Pfannekuchen-Frühstück servierte Max uns auch noch unseren Look für den jeweiligen Tag, wir hatten ja so viel zu tun mit Reichsein und Detektivspielen. Für Jonathan hatte Max meistens einen schmalen Anzug mit breiter Krawatte in der Ziehung oder einen sportlichen Overall oder eine dunkle Hose mit Dinnerjacket oder eine knappe Badehose oder einen Skianzug. Wenn wir vorhatten, in unserem Privatjet zu fliegen, konnte es auch mal ein Smoking sein. Ich zog für solche Fälle ein Abendkleid an, meist mit irgendeinem komplizierten, asymmetrischen Träger-Ausschnitt-System, keine Ahnung, wozu das eigentlich gut gewesen sein soll. Ansonsten einfach nur Gabardine und Satin, wadenlang und eng, damit war ich immer gut am Start.

Jonathan saß dann am Vormittag nonchalant an seinem Chefschreibtisch und versuchte, die Sekretärinnen von A bis Z rumzukriegen, natürlich nur zum Spaß, er war ja mit mir verheiratet. Ich schritt währenddessen ein bisschen durch Los Angeles und machte mir Notizen. Journalistin, you know.

Spätestens gegen Mittag steckten wir üblicherweise im schönsten Schlamassel: Ein verrückter ägyptischer Professor, der seine Mumie auf uns hetzte. Eine Stalkerin, die in Jonathan verliebt war und mich umbringen wollte. Ein kolumbianischer Polizist, für den wir die Drogenkuriere spielen mussten. Ein hawaiianischer Croquetspieler mit einem Faible für Messerwerferei. Und so Zeug halt. Aufregend! Bösewichte mit bösen, bösen Absichten!

Wir fuhren Auto oder Yacht oder Jet

Wir wurden bis zum Abend hundertmal gefesselt und geknebelt und fast erschossen und erstickt und kamen wieder frei. Und dann tranken wir Bourbon und Martini und lachten mit Max und Friedwart und fuhren ein bisschen Auto oder Yacht oder vögelten im Jet durch die Gegend. Am nächsten Tag: alles wieder von vorne. Wir genossen unser Leben, fünf Staffeln lang, quer durch die Achtziger, auf allen Programmen.

Einmal, ich war vielleicht seit einem halben Jahr an Jonathans Seite, stand plötzlich Stefanie Powers vor der Tür. Mit ihrer Lobotomie musste wohl doch etwas schiefgegangen sein. Sie wusste selbst nicht genau, was sie von uns wollte, stand da aber nun mal. Ich schickte Jonathan, Max und Friedwart in den Garten, wo sie fröhlich Softball spielten, ich legte blitzschnell noch mal Hand an Stefanie und brachte sie dann frisch lobotomiert in die Schönheitsklinik eines psychopathischen Pärchens, die unter uns Fernsehgrößen berüchtigt war, weil man dort sehr, sehr lange blieb. Es hat funktioniert, Stefanie erschien erst 2011 wieder auf der Bildfläche, im britischen Dschungelcamp.

Ach, was für eine abenteuerliche Sache das alles war. Sehr geliebt habe ich auch diese funky jazzy US-Fernsehmusik der frühen achtziger Jahre. So was hört man ja heute nur noch in Fahrstühlen. Jonathan und ich hörten es immer im Vorspann und im Abspann, wenn wir Auto fuhren oder rannten oder spät dran waren oder uns lachend mit Softeis bekleckerten.

Tränchen zum Abschied

Inzwischen bin ich schon einige Jahrzehnte zurück in meinem richtigen Leben, so richtig lange hab ich es in Bel Air dann doch nicht ausgehalten. Ich hab den Schnee an Weihnachten vermisst, auch wenn es Diamanten geregnet hat. Außerdem wuchs Robert Wagner langsam ein zweites Kinn aus dem Hemdkragen.

Gewichtszunahme und Alterserscheinungen hin oder her, es war mir nicht leichtgefallen, Jonathan Hart zu verlassen. Aber ich musste es tun, erstens wegen des Doppelkinns, zweitens, weil die Serie längst abgedreht war. Einer musste doch den Schlussstrich ziehen. Jonathan selbst hätte es nie getan, ist ja auch verständlich, bei dem Knallerleben, das wir führten. Als hätte er es geahnt, hatte er just für den Tag meines Ausscheidens aus seiner Welt eine Handvoll unserer besten Bösewichte ins Haus bestellt. Die er allesamt mit bloßen Händen und einem frechen Lächeln niederrang.

Ich sah mir die vorzüglichen Schlägereien eine Weile an, drehte in meinem gelben Mercedes ein paar Runden um den Block, vergoss ein paar Tränchen, fuhr Jonathan im Geiste ein letztes Mal über den unbeweglichen Scheitel - und stieg aus.

Mein Mann kannte mich damals noch nicht, aber er wirft mir bis heute täglich vor, dass ich den Ferrari nicht habe mitgehen lassen.

Dieser Artikel ist eine gekürzte Version aus der Neuerscheinung "Colt Seavers, Alf und ich". Nächste Woche in der einestages-Serie "Helden unserer Jugend": Hulk.

Lesen Sie hier Teil 1 über "Miami Vice" der einestages-Serie "Helden unserer Jugend".

Anzeige



insgesamt 4 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
McFly4270, 02.05.2014
1. Glück gehabt
Da haben Sie nochmal Glück gehabt Frau Buchholz. Als Sie der guten Stephanie die Erinnerung gelöscht haben, war ich grade mit Jonathan fertig. Und ob Sie das Ganze mit einem pubertierenden, leicht übergewichtigen, süddeutschen, männlichen Fancounterpart hätten erleben wollen...
Hans-Gerd Wilken, 02.05.2014
2. Mörder ?
Der schöne Robert Wagner Mörder oder nicht Mörder. Man weiß es nicht
Katja Schreiber, 02.05.2014
3. abgekuckt
... bloss ist der Plot (jedenfalls das Lobotomie-Element) geklaut: von Tama Janowitz, Slaves of New York...
Stefan Barisch, 08.03.2015
4.
Simone Buchholz schreibt einen irren Blödsinn über "Hart aber herzlich" Dies ist die beste Serie aller Zeiten!! Stefan Barisch
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.