Schwulen-Ikone Harvey Milk Tödliche Schüsse, die bis heute nachhallen

Harvey Milk war der erste offen schwule Politiker der USA. 1978 erschoss ihn ein Rivale. Das Attentat machte San Franciscos furchtlosen Stadtrat zum Märtyrer - und zur bis heute wichtigsten LGBT-Legende.

AP

Von , New York


Harvey Milk hatte eine Vorahnung. Morddrohungen bekam er seit jeher, es wurden immer mehr - meist anonyme Briefe, die in seinem Büro eintrafen. Deshalb hielt Milk seine Gedanken auf Tonband fest.

"Sollte mich eine Kugel ins Gehirn treffen", sprach San Franciscos erster schwuler Stadtrat 1977 ins Mikrofon, "dann möge diese Kugel dazu führen, dass sich jeder outet."

Gut ein Jahr danach, am 27. November 1978, wurde Milks düstere Ahnung wahr: Ein Attentäter erschoss ihn. Über Nacht wurde er vom schwulen Helden zum schwulen Märtyrer - und damit zum Vorbild für etliche Männer und Frauen, ihre Homosexualität offen zu bekunden.

Die bittere Ironie: Milk fiel, wie sich später zeigte, nicht einer homophoben Bluttat zum Opfer, sondern einer banalen politischen Rivalität. 40 Jahre danach ist er trotzdem die wichtigste Ikone der LGBT-Bewegung, der Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender.

Toleranteste Stadt Amerikas

Warum? Es waren andere Zeiten. Schwulsein war gefährlich, wer sich outete (oder geoutet wurde), riskierte sein Leben. Was die Opfer der frühen Aktivisten umso bemerkenswerter macht - gerade für die heutige Generation, die auf ihren Schultern groß wurde und in der Ära Trump wieder Gegenwind spürt.

Harvey Milk war der erste offen Schwule, der in den USA in ein politisches Amt gewählt wurde. Er verdankte das seiner Beharrlichkeit, seinem Einfallsreichtum und einer einzigartigen Persönlichkeit, die Ansporn für viele bleibt, sich nicht dem Mainstream zu fügen.

Dabei hielt er seine Homosexualität lange geheim. Der Sohn konservativer Eltern auf Long Island wusste früh, dass er schwul war, verbarg jedoch seine Affären - ob in der Marine oder später in einer Abfolge unerquicklicher Jobs: Lehrer, Versicherungsfachmann, Wall-Street-Banker, Wahlkampfhelfer für den Präsidentschaftskandidaten Barry Goldwater, einen erzkonservativen Republikaner.

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Harvey Milk: "Du musst ihnen Hoffnung geben!"

Das änderte sich 1969. Milk ließ sich die Haare wachsen und wurde gefeuert. Dann zog er mit dem 18 Jahre jüngeren Scott Smith, den er in New York kennengelernt hatte, nach San Francisco. Die Stadt war ein Magnet für Aussteiger - für Hippies ebenso wie für Schwule und Lesben. Zentrum der Szene war die Castro Street, wo Milk und Smith ein Fotogeschäft aufmachten. Ihre kleine Wohnung lag direkt darüber.

Milk blühte auf. Er entdeckte seine kommunalpolitische Ader und sein Talent, Leute zu begeistern. Er engagierte sich im Viertel und darüber hinaus. Sein Laden wurde zum Treffpunkt - und er zum "Bürgermeister der Castro Street".

1973 kandidierte Milk für den Stadtrat und verlor. Sein nächster Wahlkampf lief schon besser, beim dritten Mal schaffte er es endlich - und zog 1977 als erster offen schwuler Stadtrat in die City Hall ein. Arm in Arm mit seinem neuen Freund führte Milk eine Prozession von der Castro Street zum Rathaus an. "Ihr könnt herumstehen und Steine werfen", rief er, "oder ihr könnt die Macht übernehmen!"

Kampf gegen Vorurteile, Spekulanten, Hundekot

Milk erkannte früh, dass er, um als Aktivist erfolgreich zu sein, nicht nur krass und laut sein musste, sondern auch Koalitionen brauchte. Einen Partner fand er in George Moscone, dem demokratischen Bürgermeister von San Francisco. Gemeinsam weiteten sie die LGBT-Rechte aus, die damals landesweit unter Beschuss gerieten. Sie kippten ein Sodomiegesetz, das Schwulensex unter Strafe stellte, und machten San Francisco zur tolerantesten Stadt Amerikas.

Im Sommer 1978 nahmen in San Francisco mehr als 350.000 Menschen an der Gay Freedom Day Parade teil. Es war der Jahrestag der New Yorker Stonewall-Unruhen, die neun Jahre zuvor die amerikanische LGBT-Bewegung begründet hatten. Der gebürtige New Yorker Milk fuhr im offenen Cabrio voran und brüllte ins Megafon: "Wir werden unsere Rechte nicht durchsetzen, indem wir uns weiter verstecken!"

YouTube-Video: Stuart Milk über seinen Onkel Harvey

Milk kämpfte aber für ganz anderes - etwa gegen Hundekot auf Gehwegen, gegen Großkonzerne, gegen Bauspekulanten. Er war oft aufbrausend und verletzend und stimmte gern auch mal gegen die eigene Partei, womit er sogar die demokratische Stadtratschefin Dianne Feinstein irritierte.

Sein ärgster Widersacher war Dan White, 32, ebenfalls ein Demokrat. Ihr anfangs gutes Verhältnis zerbrach an einem dummen Streit über eine Reha-Anstalt für straffällige Jugendliche. White, ein Ex-Polizist mit psychischen Problemen, trat schließlich verbittert aus dem Stadtrat zurück.

Doppelmord mit Kopfschüssen

Am 27. November 1978 kletterte er, um Metalldetektoren zu umgehen, durch ein offenes Kellerfenster ins Rathaus. White erschoss erst Bürgermeister George Moscone, dann Harvey Milk. Er feuerte fünf Kugeln auf Milk ab, die letzten waren, wie schon bei Moscone, zwei Kopfschüsse aus nächster Nähe - Harvey Milk hatte es vorausgeahnt.

Dianne Feinstein fand Milks Leiche und verkündete den Doppelmord auf den Rathausstufen. Die Stadt stand ohnehin unter Schock: Neun Tage zuvor waren mehr als 900 Mitglieder der Volkstempel-Sekte beim Massenselbstmord von Jonestown in Guyana umgekommen, viele davon stammten aus San Francisco. Sektenführer Jim Jones war ein Unterstützer Moscones gewesen, Milk hatte mal für die Sekte geworben. Zunächst wurde sogar über eine Verbindung zwischen dem Massenselbstmord und dem Doppelattentat spekuliert.

Dan White kam mit einer milden Strafe davon: Ein Gericht sprach ihn wegen verminderter Schuldfähigkeit durch Depressionen nur des Totschlags schuldig und verurteilte ihn zu sieben Jahren Haft. Es war ein höchst umstrittenes Urteil und führte zu gewalttätigen Unruhen in San Francisco, den "White Night Riots".

White musste nur fünf Jahre absitzen, ging nach seiner Entlassung zunächst nach Los Angeles und kehrte dann nach San Francisco zurück. Dort nahm er sich am 21. Oktober 1985 durch Auspuffgase in seinem Auto das Leben.

Der Mord an Milk hatte weitreichende Konsequenzen. San Francisco änderte sein Wahlsystem, Kalifornien verschärfte die Urteilsvorschriften. Dianne Feinstein wurde zur Bürgermeisterin gewählt und stieg später zu einer der namhaftesten US-Politikerinnen auf. Seit 1992 vertritt sie Kalifornien im Senat.

Und Milk, der nur zehn Monate amtiert hatte, wurde zur Legende - spätestens 2008 mit dem Hollywood-Film "Milk", für den Sean Penn einen Oscar gewann. Milks Fotoladen in der Castro Street ist bis heute ein Wallfahrtsort für Aktivisten wie Touristen. Er beheimatet ein kleines Museum und ein Besucherzentrum der Human Rights Campaign, der größten LGBT-Bürgerrechtsbewegung Amerikas.

Eingraviert in eine Bronze-Plakette davor ist Harvey Milks Motto: "Du musst ihnen Hoffnung geben!"

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