Neustart der "Hexe" Historischer Digitalcomputer läuft wieder

Neustart der "Hexe": Historischer Digitalcomputer läuft wieder Fotos
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Haltbarer als jeder PC: Ein britisches Computermuseum feiert den Neustart des historischen Großrechners Harwell Dekatron, genannt "Witch". Mitarbeiter hatten das lange verschollene elektronische Wunderwerk aus Tausenden Einzelteilen wieder zusammengesetzt - binnen drei Jahren. Von

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Alle Augen in den Sitzreihen sind nach vorne gerichtet. Manche der Zuschauer lächeln erwartungsvoll, andere recken die Hälse, um besser sehen zu können. Hinten im Saal warten Journalisten mit Kameras und Notizblöcken auf das Schauspiel, auch ihre Gesichter gespannt auf die Stirnseite des Saals gerichtet. Aber dort ist keine Theaterbühne, hinter der Schauspieler ihrem Auftritt entgegenfiebern, kein Konzertflügel, der für den Auftritt eines Pianisten bereitgestellt wurde - sondern eine gigantische Maschine, ein Gewirr aus Zylindern, Schrauben und Kabeln, das die ganze Breite des Raumes einnimmt.

Da beginnt es: Ein Rasseln setzt ein, ein vielstimmiges Klickern. Unzählige kleine Lichter auf den Schalttafeln des elektrischen Monstrums erwachen zum Leben, die Zeiger auf den Anzeigetafeln beginnen zu zucken. Reihen von Lampen blitzen auf und erlöschen wieder. Ein rhythmisches Geräusch mischt sich unter das emsige Klicken: erst zögerlich, wie das Schnaufen wie einer weit entfernten Lokomotive, dann immer lauter, als würde ein Stenograf wie im Wahn auf seine Tasten einhacken. Die Laute stammen von einer sonderbaren Schreibmaschine, die ein Bündel bunter Drähte mit dem monströsen Apparat verbindet. Sie hat zu tippen begonnen: "*3.33333 33 *3.00000 00 *9.99999 99". Begeistert applaudiert das Publikum.

Was anmutet wie eine Mischung aus Science-Fiction-Film und Performance-Kunst, fand vergangenen Dienstag in den Räumen des National Museum of Computing (TNMOC) im britischen Bletchley statt. Vor den Augen eines interessierten Fachpublikums nahm das Ausstellungszentrum für historische Computer den Harwell Dekatron wieder in Betrieb - den ältesten funktionierenden Digitalcomputer der Welt.

Ursprünglich war das 2500 Kilogramm schwere Metallungetüm 1951 für das britische Hauptzentrum für Atomenergieforschung in Harwell konstruiert worden. Anstelle der heute in der Computertechnik verbreiteten Transistoren verwendete der Computer sogenannte Dekatron-Zählröhren, die durch Ablenkung eines Elektronenstrahls Zähloperationen ausführen. Für damalige Verhältnisse operierte der Computer mit atemberaubender Geschwindigkeit - der von zwei Mathematikern mit mechanischen Rechenmaschinen. Diese Rechenkraft wurde für die komplexen Kalkulationen genutzt, die zur Planung der damals neu aufkommenden Kernkraftwerke erforderlich geworden waren.

Doch bereits nach sechs Jahren war die Karriere des inzwischen veralteten Großrechners am Forschungszentrum beendet. Man stellte ihn als Preis in einem Hochschulwettbewerb zur Verfügung - und so landete er schließlich im Informatikfachbereich des nahegelegenen Wolverhampton and Staffordshire Technical College. Dort nutzte man den Rechner 15 Jahre lang als Lehrinstrument - und verpasste ihm den Spitznamen "Witch" ("Hexe") als Abkürzung für "Wolverhampton Instrument for Teaching Computing from Harwell". Doch irgendwann war das einstige Hightech-Gerät auch für diese Anwendung hoffnungslos überaltert. Er wurde erneut verschenkt, dieses Mal an das Museum of Science and Industry in Birmingham. Doch als das 1997 schließen musste, wurde der Harwell Dekatron in seine Einzelteile zerlegt - und verschwand als vermeintlicher Technikschrott in einer Lagerhalle.

Durch reinen Zufall stolperte Kevin Murrell, Sachverwalter des TNMOC, über den geschichtsträchtigen Rechner. Als Teenager hatte er ihn in den siebziger Jahren im Museum von Birmingham bestaunt und diesen Anblick nie wieder vergessen. Dann, im Jahr 2009, blieb er beim Stöbern durch Archivfotos an einem Detail hängen, wie er am 21. November der "Wired" erzählte: "In der Ecke des Bildes war ein kleines Bedienfeld zu sehen. Ich schaute es mir genauer an und irgendwie kam es mir bekannt vor." Er traute seinen Augen nicht: Das war tatsächlich ein Teil der Maschine, die er vor so vielen Jahren in Birmingham gesehen hatte! Murrell initiierte die Instandsetzung des Rechners. Drei Jahre kostete es die Mitarbeiter des TNMOC, den Computer zu restaurieren, seine Einzelteile zu reinigen, Defekte auszumachen und zu reparieren. Das Ergebnis dieser mühseligen Arbeit ist nun in den Räumlichkeiten des Museums zu bestaunen - als neuestes Exponat der ständigen Sammlung.

Seinen festen Platz in den Geschichtsbüchern hat der Harwell Dekatron indes längst errungen: Als langlebigster Computer der Welt wurde er ins "Guinness-Buch der Rekorde" eingetragen - bereits im Jahr 1973.

Sehen Sie hier den Harwell Dekatron in Aktion

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1.
Hellmut Scholtz, 27.11.2012
Die Z3 war der erste funktionsfähige Digitalrechner weltweit und wurde 1941 von Konrad Zuse in Zusammenarbeit mit Helmut Schreyer in Berlin gebaut. Die Z3 wurde in elektromagnetischer Relaistechnik mit 600 Relais für das Rechenwerk und 1600 Relais für das Speicherwerk ausgeführt.[1] Die Z3 verwendete wie die Z1 die von Konrad Zuse in die Rechnertechnik eingeführte binäre Gleitkommaarithmetik und war der erste universell programmierbare (turingmächtige) Rechner. Im Gegensatz zum ENIAC war die Z3 noch nicht als turingmächtiger Computer entworfen worden. Erst 1998 fand man heraus, dass sie rein theoretisch gesehen durch trickreiche Nutzung aufwendiger Umwege dennoch diese Eigenschaft hatte. Die Z3 gilt daher als erster funktionsfähiger Computer (Rechner) der Welt. Am 21. Dezember 1943 wurde sie bei einem Bombenangriff zerstört.
2.
Peter Neuhaus, 27.11.2012
Der Zuse Z1 von 1937 war auch schon ein Digitalrechner, da er im Gegensatz zu Analogrechnern mit diskreten Zahlenwerten in einem auf logischen Gattern basierenden Rechenwerk arbeitete.
3.
Hugo Waldem, 27.11.2012
Ja ja Herr Scholtz, die Deutschen gerade aus der Zeit waren natürlich immer die Ersten. Nur hier geht es nicht darum, wer nun der Erste war, sondern, wer immer noch funktioniert. Und das ist THE WITCH.
4.
Michael Arnoldt, 27.11.2012
Stimmt, es geht um den "am längsten lebenden" Computer, obwohl das auch nicht stimmt, denn er musste rekonstruiert werden, s. Artikel. Insofern rangiert er nicht vor dem Zuse. Da aber rd. 95 % der Leser nichts vom Zuse und seiner Geschichte wissen, hätte der Artikel darauf hinweisen müssen. So ist das Ganze nur die übliche Geschichtsklitterei.
5.
Hugo Waldem, 28.11.2012
Herr Arnold, halten Sie die Leser für dumm? Konrad Zuse ist zumindest den meisten deutschen Computerinteressierten durchaus ein Begriff. Insofern ist diese reflexartige verbissene Forderung nach Erwähnung eines deutschen(tm) Computers in einem Artikel über die Wiederauferstehung von The WITCH wohl eher unnötig. Übrigens, das Modell der Z3, das es gibt, wurde -rekonstruiert-, also aus neuen Teilen nach gebaut, The WITCH wurde renoviert (was etwas anderes ist). Und aus den Originalteilen wieder zusammen gebaut. Welche Geschichte hier geklittert worden sein soll, müssen Sie mal erklären. Am Besten ohne dass der Eindruck entsteht, Sie wollen unbedingt ausdrücken "Deutsche sind besser". Es wurde über einen bestimmten Computer berichtet, der heute wieder Dienst tut, mehr nicht. Dahinter steckt weder eine Verschwörung gegen das deutsche Ingenieurwesen noch eine Missachtung von Konrad Zuse. Er hatte mit diesem Computer nichts zu tun, also kam er in der Story auch nicht vor, weiter nichts.
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