Hauptstadtfrage 1949 Kampf der Möchtegern-Metropolen

Bamberg? Oldenburg? Braunschweig? Kassel? Als Regierungssitz der neuen Bundesrepublik war 1949 ziemlich jede deutsche Mittelstadt im Gespräch. Konrad Adenauer wollte Bonn, und er kriegte es - dank Intrigen und womöglich Bestechung.

dpa

Von Thomas Thiel


Eigentlich hätte Konrad Adenauer vor Wut kochen müssen. Der Präsident des Parlamentarischen Rates, der seit dem 1. September 1948 in Bonn tagte, um ein Grundgesetz für einen westdeutschen Teilstaat auszuarbeiten, war ein sehr lärmempfindlicher Zeitgenosse. Und nun, während der komplizierten und langwierigen Verhandlungen, das: Draußen schrien sich Arbeiter Anweisungen zu, dröhnte der Lärm von Sägen und Baumaschinen in den Ohren der Politiker. Doch Adenauer störte der andauernde Krach nicht, im Gegenteil: "Das schönste Jeräusch hier bei dem janzen Betrieb ist für mich das Hämmern und Klopfen am Neubau des Plenarsaals", verriet der alte Fuchs einem Vertrauten.

Die Mütter und Väter des Grundgesetzes tagten mitten in einer Baustelle. Seit Mitte Februar 1949 wurde die Pädagogische Akademie zu Bonn unter Hochdruck zum Parlamentsgebäude für den künftigen Deutschen Bundestag umgebaut -mit Adenauers Segen. Dabei war die angehende Volksvertretung ein Schwarzbau, in zweifacher Hinsicht: Eine Baugenehmigung gab es erst, als schon das Richtfest gefeiert wurde. Und auch politisch waren die Bauarbeiten nicht abgesegnet.

Denn das Rennen um den Regierungssitz für die geplante Neugründung eines eigenen Staates, der nur die Besatzungszonen der Westalliierten umfasste, war Anfang 1949 noch völlig offen. Klar war nur: Berlin würde es nicht sein können - das lag mitten im Einflussbereich der Sowjets, die der alten deutsche Hauptstadt seit Mai 1948 demonstrativ den Nachschub gekappt hatten. Seither wurde die Westzonen Berlins aus der Luft versorgt - kein Ort, um dort ein Parlament und eine Regierung unterzubringen.

Ansprüche aus allen Ecken

Aber wo dann? In den Monaten zuvor hatte es den Anschein gehabt, als könne so ziemlich jede deutsche Stadt den Hut in den Ring werfen. Der stellvertretende bayerische Ministerpräsident Josef Müller brachte Bamberg in Spiel, als Schnittpunkt der beiden großen Konfessionen. Auch der Stuttgarter Oberbürgermeister Arnulf Klett liebäugelte mit dem Regierungssitz. Die Namen von Oldenburg, Wiesbaden und Braunschweig geisterten durch die Zeitungen, und selbst in München wurden Ansprüche auf den Sitz der Bundesregierung laut.

Manche Politiker wollten hingegen gar keine Hauptstadt. Carlo Schmid, einer der SPD-Granden, schlug eine Barackenhauptstadt direkt an der Grenze zur sowjetischen Besatzungszone vor, "um klarzumachen, wie ernst es uns mit dem provisorischen Charakter der Bundesrepublik war."

Doch bald hatten sich drei ernsthafte Kandidaten aus der Masse der Möchtegern-Kapitalen herausgeschält: Frankfurt, Kassel und Bonn. Also gründete der Parlamentarische Rat am 27. Januar 1949 eine "Bundessitz-Kommission", der die Kandidaten besuchen und bewerten sollte. In die Endausscheidung ging als eindeutiger Favorit Frankfurt. Für viele Deutsche war die Mainmetropole die natürliche Wahl: Hier ihr schlug mit dem Wirtschaftsrat das Verwaltungsherz der "Bizone", dem Zusammenschluss der amerikanischen und der britischen Besatzungszone. Die US-Army lenkte vom riesigen IG-Farben-Komplex im Frankfurter Westend aus die Geschicke Süddeutschlands. Zudem blickte die ehemalige Freie Reichsstadt als Heimat der Paulskirchen-Verfassung 1848/49 auf eine stolze demokratische Vergangenheit zurück.

Wollt ihr eine Kasseler Republik?

Kassel hatte all das nicht. In seinem Bewerbungsschreiben betonte der Magistrat der Stadt deshalb seine geographische Lage im Zentrum Deutschlands und seine Funktion als "ausgesprochenes Brücken- und Verbindungsland" zwischen Nord und Süd, aber auch Ost und West. Doch das Angebot der nordhessischen Provinzstadt hatte keine Chance. Kassel war im Krieg zu stark zerstört worden, in der Stadt fehlten Wohnungen en masse, ein Umzug der Regierung hätte die Not der Kassler nur noch verschlimmert. Und was noch wichtiger war: Kassel hatte keine politische Lobby.

Ganz im Gegensatz zu Bonn. Als der Parlamentarische Rat am 1. September 1948 in der alten kurfürstlichen Residenzstadt am Rhein seine Arbeit aufnahm, hatte noch keines seiner Mitglieder daran gedacht, das beschauliche Bonn zur Bundeshauptstadt zu machen, auch nicht Adenauer. Doch in den folgenden Wochen wurde der Ratspräsident und CDU-Vorsitzende zum Bonn-Fan. "Es jeht janz ausjezeichnet", schwärmte er von der Arbeit in der Universitätsstadt. "Die Leute fühlen sich hier so wohl, dass sie jar nich' mehr wegwollen."

Die große Nähe zu Adenauers Domizil im rechtsrheinischen Örtchen Rhöndorf dürfte da nicht geschadet haben. Jeden Tag brauchte der begeisterte Rosenzüchter nur 1,50 D-Mark für die Fähre und zehn Minuten, um zu seinem Domizil im Schatten der Weinberge am Drachenfels zu gelangen.

Proletarische Metropole gegen bürgerliche Provinz

Wichtiger waren Adenauer aber politische Gründe, die für Bonn sprachen. "Bonn und das Rheinland waren traditionell stärker mit den westlichen Nachbarn Deutschlands verknüpft als Frankfurt", erklärt Antje Winter, Archivleiterin des Adenauer-Hauses in Rhöndorf. "Und die Anbindung der westdeutschen Demokratie an die Westalliierten war ein zentrales Ziel Adenauers." Mitte September 1948 stand die Marschrichtung des 72-Jährigen fest: Bonn muss Regierungssitz werden.

So lief ab Februar 1949 alles auf einen Zweikampf zwischen Frankfurt und Bonn hinaus. Der Zwist der Städte war gleichzeitig ein Wettkampf der beiden großen Parteien: Die SPD stand hinter Frankfurt mit seiner "politischen Atmosphäre einer Stadt mit großer Industriearbeiterschaft", während die Union sich für Bonn einsetzte, "eine unpolitische und durch und durch im bürgerlichen Lebensgefühl wurzelnde Stadt", wie Carlo Schmid, der führende SPD-Politiker im Parlamentarischen Rat, schrieb.

Der Ausgang dieses Duells, das war klar, würde auch das politische Klima im neuen Staat mitprägen. Für die Frankfurter war Bonn pure Provinz: Kein Telefonkabel, über das man direkt Ferngespräche führen konnte, ein mickriger Hauptbahnhof, kein großer Flughafen weit und breit. Überall fehle es an Infrastruktur. Dies alles aufzubauen würde immense Summen kosten. Deshalb solle der Regierungssitz am besten dort hinverlegt werden, wo bereits alles vorhanden sei, inklusive Verwaltung und kurzen Wegen zu den Alliierten: nach Frankfurt.

Teilstaat in der Warteschleife

Das sahen die Bonner natürlich ganz anders. Sie drehten den Spieß einfach um: Frankfurt sei durch die dort ansässige US-Militärverwaltung zu eng mit den Alliierten verbandelt, eine deutsche Regierung bräuchte Luft zum Atmen abseits der zigtausend amerikanischen Besatzungssoldaten. In Bonn ginge das: Die Briten hatten bereits zugesichert, Bonn zu räumen, falls die Stadt deutscher Regierungssitz werden sollte.

Was auch noch für Bonn sprach: Es ging 1949 in den Augen der allermeisten Deutschen nur um eine Zwischenlösung und gar nicht um eine dauerhafte Hauptstadt. "Man kann die ganze Diskussion nicht ohne die Berlin-Problematik verstehen", erklärt der Kölner Zeithistoriker Otto Dann. Für fast alle Deutschen war Berlin weiterhin die Hauptstadt Deutschlands. Die Bundesrepublik - und mithin ihr Regierungssitz - war als Provisorium gedacht, als Teilstaat in der Warteschleife für die Wiedervereinigung. Ein Provinznest wie Bonn verkörperte diesen provisorischen Charakter viel besser als Frankfurt, das eine eigenständige wirtschaftliche, kulturelle und politische Strahlkraft besaß.

Kurz vor der entscheidenden Abstimmung im Parlamentarischen Rat am 10. Mai 1949 sah es dennoch nicht gut für Adenauers Favoriten aus. Die SPD hielt geschlossen an Frankfurt fest, und bei der CDU/CSU machten die hessischen Abgeordneten Probleme. Bei einer geheimen Probeabstimmung erhielt Bonn nur 21 der 27 Stimmen - das würde nicht reichen. Die Frankfurter waren siegessicher, ihr Oberbürgermeister Walter Kolb hatte bereits eine Dankesrede bei Radio Frankfurt aufnehmen lassen.

Intrige gegen Frankfurt

Dann überschlugen sich kurz vor der Abstimmung die Ereignisse. Adenauer präsentierte seinen Abgeordneten eine "vertrauliche Meldung" der Presseagentur dpd über eine Vorstandssitzung der SPD in Köln am Vormittag. Dort habe sich der SPD-Vorsitzende Kurt Schumacher schon vorab darüber gefreut, dass es eine "sichere Niederlage" der Konservativen beim Hauptstadtvotum geben werde. Die Empörung unter den Abgeordneten war groß, die Frankfurt-Unterstützer fielen um und die Abstimmung ging mit 33 zu 29 Stimmen zugunsten Bonns aus.

Die Sensation war perfekt - doch der Sieg war mit einem schmutzigen Trick erkauft worden: Die entscheidende Agenturmeldung war nämlich nie veröffentlicht worden. Der CDU-nahe Reporter Franz Hange hatte zwar die Nachricht in den Fernschreiber getippt, jedoch nie an die dpd-Zentrale geschickt. Stattdessen wurde sie Adenauer zugespielt, der sie sofort für seine Zwecke benutzte. So lag die "Frankfurter Rundschau" durchaus richtig, als sie am 13. Mai argwöhnte: "Wahlbeeinflussung in Bonn?"

Aber noch gaben sich die Frankfurt-Anhänger nicht geschlagen. Sie setzten durch, dass die endgültige Entscheidung beim Bundestag selbst liegen müsse. Die Abstimmung stand am 3. November 1949 an. Diesmal musste es klappen - allein schon, weil im Frankfurter Stadtteil Dornbusch bereits ein Plenarsaal für den Bundestag nach Plänen des Bauhausarchitekten Gerhard Weber in Bau war und weiter fleißig Wohnungen und Büros für Abgeordnete, Regierung und Ministeriumsmitarbeiter errichtet wurden.

War Bestechung im Spiel?

Doch auch diesmal wurde es nichts mit den großen Plänen: Mit 200 zu 176 Stimmen entschied der Bundestag, in Bonn zu bleiben. Ein knappes Jahr später veröffentlichte der SPIEGEL Gedächtnisprotokolle des Vorsitzenden der Bayernpartei, Josef Baumgartner, von Gesprächen mit mehreren seiner Parteifreunde. Auf einer Zugfahrt von München nach Bonn habe ihm ein Fraktionskollege gebeichtet, dass rund 100 Abgeordnete aller Fraktionen mit insgesamt 2 Millionen Mark gekauft worden seien, damit sie für Bonn stimmten.

Die Fäden dieser großangelegten Bestechungsaktion sollten laut einem anderen Abgeordneten bei Bundesfinanzminister Fritz Schäffer zusammengelaufen sein. Monatelang beschäftigte der Fall einen Untersuchungsausschuss - die Hauptzeugen beschuldigten sich gegenseitig der Lüge, Schäffer stritt alles ab, am Ende konnte der Regierung nichts nachgewiesen werden. Endgültig aufgeklärt wurde der Bestechungsvorwurf nie.

In der Hauptstadtfrage waren die Würfel nun gefallen: Bonn blieb Regierungssitz der neugegründeten Bundesrepublik Deutschland. Nur vorläufig natürlich, trösteten sich die Bonn-Gegner, bald würde die Wiedervereinigung dieses Missverständnis beenden und Berlin seinen angestammten Platz als deutsche Hauptstadt einnehmen. Aus dem Provisorium allerdings wurde doch ein halbes Jahrhundert: Erst 1999, zehn Jahre nach dem Mauerfall, zog die Regierung vom Rhein an die Spree. Ein paar Ministerien residieren dort immer noch, und Bonn heißt noch heute "Bundesstadt Bonn".



insgesamt 3 Beiträge
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Edgar Doll, 11.02.2009
1.
Hallo, in meiner Heimatstadt Celle wir immer wieder erzählt das auch sie im Gespräch bzw. sogar in der Endabstimmung gewesen sei. Die Grundvoraussetzungen waren auch nicht schlecht: Nahezu unzerstört Große Kasernenanlagen, an einer großen Bahnlinie gelegen und sogar ein Flugfeld waren vorhanden. Auch der Celler Ortschronist RWLE Möller bestätigt diese Tatsache in seinem "Celle Lexikon" mit Hinweis auf die Erinnerungen von Carlo Schmid
Wilfried Jonas, 16.02.2009
2.
Celle war nah genug an Hannover. Also leicht für Kurt Schumacher zu erreichen. Celle war Britische Besatzungszone. Und die SPD besaß enge Beziehungen zur englischen Labour-Regierung. Da sich die SPD aber auf Frankfurt/M. als Bundeshauptstadt geeinigt hatte, war Celle meines Wissens auch kein Kandidat mehr in der Endabstimmung. In meiner Heimat (Niedersachsen, Grenze zur Niederlande) habe ich aber auch mal davon gehört, daß Celle grundsätzlich im Gespräch war. Von Oldenburg habe ich allerdings noch nie etwas als Kandidatenstadt gehört. Was aber nichts heißt, denn es waren wohl wirklich viele Städte, die sich Hoffnungen gemacht hatten.
Markus Dorst, 11.05.2017
3. Es gibt keinen Ort
Bei Adenauers Wohnsitz handelte es sich um einen Ortsteil der Stadt Bad Honnef, das war auch damals schon so.
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