Hausbesetzer Wie mich Al Bundy vor dem Knast rettete

Bürgerschreck zwischen Tränengasattacken und Dosenravioli: Als Hausbesetzer kann man sich fast wie ein moderner Robin Hood fühlen. Auch Mike Glindmeier probte als Jugendlicher seinen ganz persönlichen Aufstand gegen die Bourgeoisie. In Hamburg-Bergedorf. Und in Teilzeit.

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Die Pubertät setzt ungeahnte Kräfte frei. Anfang der neunziger Jahre, ich war kaum 13 Jahre alt, drückte mir eine Schulfreundin einen Stapel Kassetten mit Punkmusik in die Hand. Die deutschsprachigen, teilweise radikalen Texte von Bands wie Slime, Razzia oder Ton Steine Scherben elektrisierten mich. Gerade Rio Reiser und seine "Scherben" sprachen mir damals aus der Seele. In den Texten ging es darum, sich von seinem Elternhaus zu lösen, die Ungerechtigkeit des Kapitalismus zu hinterfragen, und darum, sich Freiräume in einer durchetablierten Gesellschaft zu schaffen.

Beispielsweise durch Hausbesetzungen. In Berlin wurde Anfang der siebziger Jahre das Haus Bethanien, ein ehemaliges Krankenhaus in Kreuzberg, zum Symbol der Hausbesetzerszene. Das Gebäude war 1970 stillgelegt und unter Denkmalschutz gestellt worden; ein Jahr später wurde dann ein Teil des Komplexes von Alternativen okkupiert. Sie benannten es in "Georg-von-Rauch-Haus" um, nach einem Philosophiestudenten, der 1971 von der Polizei erschossen worden war. Obwohl Rauch nie selbst ein Haus besetzt hatte, wurde er zum Märtyrer der Szene stilisiert; die Band Ton Steine Scherben widmete ihm 1972 den "Rauchhaus-Song". Im Refrain hieß es: Doch die Leute im besetzten Haus / riefen: "Ihr kriegt uns hier nicht raus!

Fasziniert von der Hafenstraße

Obwohl ich die Hymne der Hausbesetzerszene erst knapp 20 Jahre nach ihrer Entstehung hörte, wirkte sie auf mich wie eine Anleitung zum Widerstand. Zu dieser Zeit ging ich in Hamburg regelmäßig zu den Heimspielen des FC St. Pauli und entwickelte dadurch fast von selbst eine gewisse Solidarität zu den Besetzern der benachbarten Hafenstraße. Die dortigen Häuser der stadteigenen Wohnungsgesellschaft Saga waren seit 1981 von einer Gruppe Linksalternativer besetzt, und Teile von ihnen waren wie ich Dauergäste im St.-Pauli-Stadion am Millerntor. Die Totenkopffahne, die bis heute als Symbol für eine gewisse Andersartigkeit des Stadtteilvereins dient, war neben vielen menschlichen und politischen Werten einer der Exporte, die die Hafenstraßen-Bewohner dort etablierten. Und so nahm meine kurze Karriere als Hausbesetzer ihren Anfang.

Aufgewachsen bin ich in Reinbek, einem hellroten 25.000-Einwohner-Kaff in unmittelbarer Nachbarschaft des Hamburger Stadtteils Bergedorf. Anfang der neunziger Jahre stellte die Bergedorfer SPD ein Stadtteilzentrum für Jugendliche in Aussicht, in einer stillgelegten Autowerkstatt direkt gegenüber der SPD-Zentrale. Doch dann stand das avisierte Gebäude über Monate leer und wurde zum Spekulationsobjekt. Nach und nach wurden in den Jugendzentren des südöstlichen Hamburger Umlands bis hin zur "Roten Flora" - dem autonomen Zentrum im Hamburger Schanzenviertel - Pläne geschmiedet, das Gebäude in einer Nacht-und-Nebel-Aktion zu besetzen. Natürlich war mir damals klar, dass es sich um eine illegale Aktion handeln würde. Sollte ich mich an so etwas beteiligen? Ich erinnerte mich an das Lied der ostdeutschen Punkband Aufbruch auf dem legendären "Nazis Raus"-Sampler von 1991:

Verdammt, in dieser Straße steh'n so viele Häuser leer,

Und die Besitzer verdienen am Verfall noch viel, viel mehr.

Der kalte Wind lässt mich frieren, die Jacke hält den Wind nicht ab,

Heute muss was passieren, es ist Abend in der Stadt.

Also los zu meinen Freunden, wie immer ins feuchte Eck,

Die Häuser müssen bewohnt sein, das ist doch ihr Zweck.

Und wir wollen nicht länger bitten, haben die Behörden satt,

Heute zieh'n wir in die Häuser ein, es ist Abend in der Stadt.

Also los rein ins nächste Haus, Mensch, wie das hier verfällt,

Wir haben uns're Träume und das ist wichtiger als Geld.

Wir woll'n zusammen leben und nicht im Schließfach, das'n Wohnklo hat,

Wir werden renovieren, es ist Abend in der Stadt.

Hausbesetzung mit Ghettoblaster und Veganer-Fresskorb

Zwei Tage später war es dann soweit. An einem Sommertag im Mai 1993 machten sich von mehreren Jugendzentren aus rund 80 Leute zum Sternmarsch nach Bergedorf und die alte Werkstatt auf. Schnell war dort das Transparent mit der Forderung nach dem versprochenen Jugendzentrum an der Fassade gehisst, gut lesbar für die SPD-Funktionäre gegenüber. Die Radikaleren machten derweil den Weg ins Innere frei, indem sie die Fensterscheiben einschlugen. "Es gibt klare Regeln: keine Drogen, kein Sex, kein Alkohol, keine Gewalt", verkündete dann einer. "Wir sind hier, um unsere politischen Forderungen durchzusetzen." Mit etwa 40 anderen schwarz gekleideten Gestalten lauschte ich auf dem Dach des alten Werkstattgebäudes mit einer Mischung aus Stolz und Entschlossenheit. Die weniger Entschlossenen zogen sich mit Bierdosen in der Hand zurück. Übrig blieben etwa 25 Besetzer, ein Ghettoblaster mit Revoluzzermusik und ein Veganer-Fresskorb.

Mich überkam eine Mischung aus Ungewissheit und Neugier. Plötzlich ertönten Martinshörner. "Die Bullen", rief der Oberautonome, ehe wir hinter dem Vordach in Deckung gingen, als lägen wir im Schützengraben vor Bagdad. Immerhin ein "Sixpack" - Autonomen-Jargon für einen VW-Bus der Polizei - hatte den Weg zum revolutionären Ableger der Hafenstraße im Hamburger Speckgürtel gefunden. Während der Oberautonome als Einziger in Che-Guevara-Manier seinen Körper heroisch über das Vordach beugte, appellierte einer der Polizeibeamten mit wenig aufgeregter Stimme durch eine Flüstertüte: "Hier spricht die Polizei. Wir fordern Sie auf, das Gebäude umgehend zu räumen. Ansonsten werden wir Zwangsmaßnahmen einleiten."

Diese Ansage wirkte etwa so bedrohlich wie eine Kindergärtnerin, die einer tobenden Gruppe Vierjähriger mit Streichung des Spinats droht. Trotzdem war ich erleichtert; meine Ahnungen von Wasserwerfern, Tränengaseinsatz und gepanzerten Polizisten, die mit einem Rammbock das Gebäude stürmten, verflüchtigten sich. Stattdessen folgte ein tagelanges, zermürbendes Katz-und-Maus-Spiel.

Raus aus der Schule, rein ins besetzte Haus

Und ich wurde zum Teilzeithausbesetzer: Morgens und meist auch am frühen Nachmittag lief ich brav in das bürgerliche Gymnasium, danach warf ich mir den Kapuzenpulli über, fuhr zu unserem Bergedorfer "Rauch-Haus" und stieg durch eines der eingeschlagenen Fenster von hinten in das Gebäude ein. Obwohl ich diese Mischung aus Veganern, Atomkraftgegnern und Antifaschisten eher nicht zu meinem Geburtstag eingeladen hätte, wurden wir von Tag zu Tag mehr zu einer eingeschworenen Gemeinde - immer in dem Ziel vereint, der SPD, der Staatsmacht und den Spießbürgern zu zeigen, dass man im Gegensatz zur Hafenstraße auch ohne Zwillengeschosse politischen Widerstand leisten konnte.

Nach einigen Tagen begann die Deeskalationsstrategie der Polizei uns sogar langsam zu beunruhigen. Allmählich dämmerte uns, dass unser Protest schwerlich die Dimensionen der legendären Mainzer Straße in Berlin annehmen würde, die am 14. November 1990 nach einer an Brutalität kaum zu überbietenden Straßenschlacht geräumt worden war.

Wie viele Tage wir aushielten - ich weiß es nicht mehr genau. Doch eines ist mir bis heute in Erinnerung: Wie jeden Tag machte ich mich an diesem sonnigen Nachmittag nach der Schule auf zu dem besetzten Haus. Auf dem Weg zum Bahnhof traf ich einen Kumpel, mit dem mich neben unserer Punkband die Leidenschaft zu dem Sitcom-Helden Al Bundy verband. "Aye, kommst du noch mit zu mir, Al Bundy gucken?", fragte mein Kumpel mich. "Na klar."

Todesstrafe für Al Bundy

Es war eine der besten Entscheidungen meines Lebens. Gegen 18.30 Uhr machte ich mich, von Al Bundy erheitert, auf zur besetzten Werkstatt. Wie immer ging es durch die Fenster auf der Hinterseite. Schon im Erdgeschoss wunderte ich mich: Die Schlafsäcke waren verwaist, auf den Bunsenbrennern warteten frisch gekochte, aber unangetastete Dosenravioli. Oben, auf dem zur Terrasse umfunktionierten Dach, wurde mir angesichts der verwaisten "Sixpack"-Parkplätze gegenüber klar: Das Haus war geräumt worden.

Mein Herz pochte. Ich stellte mir vor, wie meine Arme unter lauten Rufen von "Auf den Boden, Sie sind verhaftet" überkreuz auf meinem Rücken verknotet würden. Reflexartig hechtete ich durch den leeren Fensterrahmen, eine Glasscherbe riss mir die rechte Hand auf. Ich rannte. Wenn dich die Polizei zu Hause abliefert, dachte ich, kannst du gleich einen Heimplatz buchen. Trotzdem fühlte ich mich mies. Ich hatte unsere verschworene Gemeinschaft im Stich gelassen - und lieber eine TV-Serie geguckt, deren Hauptdarsteller bei einem imaginären Political-correctness-Plenum von Hausbesetzern wohl zum Tode verurteilt worden wäre.

Im "Café Flop", dem Wohnzimmer der alternativen Szene in Bergedorf, herrschte an diesem Abend eine Mischung aus Verzweiflung und Empörung. Rund 20 Besetzer, darunter auch zwei gute Freunde von mir, waren auf die Polizeiwache am Berliner Tor gebracht wurden. Anwälte würden sich um ihre Freilassung kümmern, hieß es. Eigentlich hätte ich längst zu Hause sein müssen, aber dennoch fuhr ich die rund 30 Minuten mit der S-Bahn zur legendären Wache in der Nähe des Hamburger Hauptbahnhofs. Mit mir waren rund 80 Alternative vor dem Anmeldetresen versammelt und nervten die Polizei mit renitenten Fragen und Freilassungsforderungen. Nach einer Weile dann die erlösende Nachricht von den Anwälten: "Morgen früh sind alle wieder frei." Jubel brach aus, Punks lagen sich in der Polizeiwache in den Armen und verspritzten Bier. Ich war erleichtert.

15 Jahre später ist die Hafenstraße legalisiert. In der Mainzer Straße in Berlin residiert das Bürgertum. Das "Rauch-Haus" ist ein Kulturzentrum. Rio Reiser ist tot. Und ich wohne in einer Saga-Wohnung.

insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
Alexander Rüstau, 03.06.2008
1.
Hausbesetzungen sind illegale Schaffungen rechtsfreier Räume; Hausfriedensbruch; Diebstahl. Von besetzten Häusern geht nicht selten linksextremistisch motivierte Gewalt aus. Vor dem Hintergrund von Räumungen besetzter Häuser gehen Autos in Flammen auf, werden Polizisten mit Steinen beworfen und oft schwer verletzt, werden Geschäfte geplündert etc. Ihre schwelgend-nostalgische, verharmlosende Art der Berichterstattung über diesen gewaltlastigen linksextremistischen Spuk (nach dem Motto: "Weißt du noch, damals? Mann, waren wir revolutionär!") ist ein Skandal! Würden Sie vielleicht über "Jugendsünden", die sich im rechtsextremistischen Umfeld abgespielt haben, genauso berichten? Nein, das würden Sie nicht, und das ist auch richtig so! Aber wenn der Gesetzesbruch von links kommt, ist ja wie immer im heutigen politisch-korrekten Alltag alles nicht so schlimm...
Michael Sontheimer, 03.06.2008
2.
Zwei kleine Korrekturen aus Berlin: In der Mainzer Straße residiert heute keineswegs das Bürgertum, sondern die Hartz IV-Quote liegt deutlich über dem Durchschnitt. Und das Rauch-Haus in Kreuzberg haben nicht Künstler übernommen, sondern es ist nach wie vor das Domizil eines Selbsthilfe-Wohn-Projekts für Jugendliche.
Wiebke Junk, 29.06.2009
3.
Zu dem Kommentar von Alexander Rüstau: Ein Zeitzeugenbericht, der ganz persönliche Motive aufzeigt, muss nicht als Verharmlosung gelesen werden. Dieser hier wirkte auf mich als Eingeständnis, dass "politischer Widerstand" von Faktoren wie Solidarität und Idealen aber auch jugendlicher Neugierde und der Suche nach der eigenen Identität angetrieben wird. So ein Bericht legitimiert dadurch nichts, jedoch kann er die Vielschichtigkeit der Motivation deutlich machen, die sowohl zu fruchtbarem Widerstand gegen vorherrschende Strukturen in unserem System als auch zu ausgearteten Gewalttaten führen kann. In der Tat bin ich überzeugt, dass auch ein ehrlicher Bericht über persönliche Erfahrungen aus ehemals rechtsextremen Umfeld in dieser Weise fruchtbar sein kann: Keinesfalls als Legitimation sondern als Aufarbeitung und Erklärung.
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