Hausbesetzer und Autonome Die Zebras aus der Hafenstraße

Chaoten-Nest oder Oase der Unangepassten? Die Hamburger Hafenstraße sorgte in den Achtzigern für Zoff, Straßenschlachten inklusive. Ein Kompromiss beendete 1988 den Kampf um die besetzten Häuser - doch die Schwarzvermummten von heute haben damals ihre Lektion gelernt.

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Es ging auch um Symbolik. Da waren die bunt bemalten Häuser. Kreative Malereien mischten sich mit Sprüchen, die ins Mark der Republik gingen. "Keine Macht für Niemand" war noch einer der harmlosesten. Droben die schwarze Anarcho-Katze auf rotem Stern, eine schwarz-rot-goldene Banane als Persiflage auf den verhassten Staat. Es war die berühmteste Häuserfassade der Bundesrepublik Deutschland der achtziger Jahre. Adresse: Hafenstraße, Hamburg.

Insgesamt zwölf Häuser am Hafenrand waren das, oberhalb der Elbe zum berüchtigten Hamburger Kiez hin, gebaut um das Jahr 1900. Die stadteigenen, von der städtischen Wohnungsbaugesellschaft SAGA verwalteten Häuser waren ziemlich verfallen, sie sollten abgerissen werden. Stattdessen wurden sie zum Anlass für den Aufstand der linken Szene gegen das Establishment, zum Symbol für die Ohnmacht der Politik gegen den Willen widerständiger Freigeister, intellektueller Querdenker, Anarchos, Kommunisten, Politfreaks, auch sozial Gestrandeter. Kurzum: einer Gruppe buntscheckiger Gegner des Establishments, deren kleinster gemeinsamer Nenner es war, Eigentum zum Diebstahl zu deklarieren und durch Hausbesetzung dem Spekulantentum möglichst den Garaus zu machen.

Als Anfang Januar 1988 der mühsam ausgehandelte Mietvertrag zwischen den Hausbesetzern der Hafenstraße und der Stadt Hamburg rechtskräftig wurde, endeten damit sechs Jahre härtester Auseinandersetzungen. Im Herbst 1981 waren die leer stehenden Wohnungen besetzt worden, in den Jahren darauf folgten Auseinandersetzungen, die in ihrer Brutalität bis dahin einmalig in der Geschichte der Bundesrepublik waren. Dank dem damaligen Bürgermeister Klaus von Dohnanyi, der im November 1987 ein Ultimatum für den Abbau der Barrikaden stellte und mit seinem Amt für die Durchsetzung des Pachtvertrages bürgte, konnte eine Eskalation vermieden und der Streit beigelegt werden.

Schmelztiegel Volksküche

Die Konfrontationen zwischen Gesetzeshütern und Besetzern kulminierten Ende 1986, als nach mehreren regelrechten Straßenschlachten am 20. Dezember 12.000 Menschen durch die Hamburger Innenstadt zogen. Ihre Parole: "Solidarität mit der Hafenstraße. Keine Räumung, kein Abriss. Schluss mit dem Polizeiterror." An vorderster Front: Hunderte schwarz vermummter Autonomer, denen ihrerseits Hundertschaften einsatzbereiter, mit Helm und Schlagstock ausgerüsteter Polizisten gegenüberstanden. Wer waren diese so genannten Straßenkämpfer, was machen sie heute? Diese heterogene Gruppe lässt sich auch 20 Jahre später nur in Einzelfällen rekonstruieren.

Stefan W., der heute als Arzt in einem Krankenhaus praktiziert, war damals einer von ihnen, mit dabei von 1985 bis 1987. "Wir haben am Mönckeberg-Brunnen in der Innenstadt mit den Punks abgehangen, Bier getrunken und geschnorrt", erinnert er sich. Abends ging es dann in die "Volksküche" an der Hafenstraße. Die "VoKü" war der soziale Schmelztiegel der Szene, man traf sich im Erdgeschoss des Hauses Hafenstraße Nummer 116, um zu essen, zu trinken und zu schauen, was ging.

Als "jugendlichen Sozialaufstand, ein Auflehnen gegen die Eltern, das ganze etablierte System", erlebte der heute 37-Jährige W., damals Teenager, die Hafenstraße. Gleichzeitig war die Szene hoch politisiert. Offen solidarisierten sich Mitglieder mit der RAF. Der Verfassungsschutz behauptete Anfang Oktober 1985, in der Hafenstraße hätten sich zwei der RAF nahestehende Frauen eingenistet. Auch W. erinnert sich an eine "große Unterstützerszene der RAF", relativiert aber: "Fundiert waren bei den meisten die politische Gedankengänge nicht." Eher sei es wichtig gewesen, ordentlich auf die Pauke zu hauen. "Krawall war immer ein zentraler Punkt, gerade gegen die Polizei", so der einstige Aktivist.

Kalkulierter Krawall

Andreas Blechschmidt ist Sprecher der "Roten Flora", ein linksalternatives Veranstaltungszentrum im Hamburger Schanzenviertel, nur zwei Kilometer von der Hafenstraße entfernt. Hier sollte Ende der Achtziger ein kommerzielles Musical-Theater entstehen, doch bald protestierte auch in der "Schanze" die linke Szene. "Wir haben den Schwung der Hafenstraße mitgenommen", meint Blechschmidt und verweist auf einen der Eckpunkte der Auseinandersetzung: "Ein Großteil der Szene war gewaltbereit, das schlug ihr aber auch seitens der Exekutive entgegen."

So lebt der rebellische Geist der Hafenstraße weiter, auch wenn die Häuser selbst längst zu alternativen Idylle geworden sind: Gerade erst vor Weihnachten tummelten sich wieder Hunderte schwarz vermummter junger Leute in den vorderen Reihen eines Demonstrationszuges gegen den Strafgesetzbuch-Paragraphen 129a ("Bildung terroristischer Vereinigungen") durch die Hamburger City. Die Autonomen pauschal zu kriminalisieren sei ungerecht, findet Blechschmidt: "Es gibt keine einheitliche politische Linie."

Einen Grundkonsens sieht er dennoch: "Es ist eine politische Plattform, die sich über eine systemkritischen Haltung definiert". Opposition gegen Globalisiserung, Rassismus oder faschistische Tendenzen gehören dazu, und konkret eben der Widerstand gegen die "Gentrifikation", also die Aufwertung und Kommerzialisierung einst einfacher Stadtteile, die zu steigenden Mieten und der Verdrängung der Alteingesessenen führt.

Schwarzer Block als Lebensgefühl

Heino Vahldieck, Leiter des Hamburger Amtes für Verfassungsschutz, schätzt die Zahl gewaltbereiter Autonomer in Hamburg auf etwa 500, von bundesweit vielleicht 5000. Auch er kann bei ihnen keine ideologische Gleichförmigkeit ausmachen, das sei "eben das Autonome". Übereinstimmung sieht der Staatsschützer nur in der Bereitschaft, politische Ziele mit Gewalt durchzusetzen und in der "Kleiderordnung", in der Formulierung des Beamten, das "Bestreben, durch Tücher, Sturmhauben, Kapuzenpullover und Sonnenbrillen, dazu natürlich schwarze Kleidung, so wenig individualisierbar zu sein, dass es praktisch unmöglich ist, Leute zu identifizieren."

Der Ex-Hausbesetzer W., der erklärt, "sich nie geprügelt, aber Flaschen geworfen zu haben", sieht eine direkte Verbindung zwischen der Hafenstraße und der aktuellen autonomen Szene. "Nachdem es in den Neunzigern keine Barrikadenkämpfer mehr gab, alle in die Partyszene abgerutscht sind, hat sich die Szene über die Anti-Globalisierungsbewegung neu aufgestellt", sagt er. Als Schlüsselereignis sieht er die Proteste gegen die Konferenz der Welthandelsorganisation WTO in Seattle 1999.

Aber wie zu Hafenstraßenzeiten sind die Rituale auch Ausdruck jugendlicher Abgrenzung. "Man hat sich schon anhand der Klamotten erkannt und die Einstellung nach außen transportiert", erinnert sich W. Verfassungsschützer Vahldieck hält es für "unangemessen", den meisten Autonomen keine politischen Motive zu unterstellen. Aber auch er weiß: "Es gibt immer auch einige, die üben Krawall als Event, als Selbstzweck aus."

Den Event-Charakter manches Autonomen-Aufmarschs muss auch Aktivist Blechschmidt zugeben - obwohl er darauf beharrt, dass das genuine Anliegen stets politisch sei: "Die autonome Szene ist auch immer Teil einer Jugendbewegung", so der 42-Jährige. Es ginge einst wie jetzt um einen Stil, eine Tradition, ein Lebensgefühl. Blechschmidt: "Es ist wie bei den Zebras. Wenn sich alle gleich kleiden, kann niemand identifiziert werden."



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David Berg, 28.08.2014
1. Hafenstraße?
Wer die Hafenstraße in einem Stadtplan sucht, wird sie nicht finden, heißt sie doch richtig "St. Pauli Hafenstraße". Gibt man allerdings bei Google Maps "Hafenstraße, Hamburg" ein, kommt als Vorschlag "St. Pauli Hafenstr. ..." Mit diesen Autonomen und Besetzern konnte ich nie viel anfangen, treten sie das System, welches sie doch sehr genießen, mit Füßen. Und grade weil wir dieses demokratische System haben, wurden die Häuser eben nicht brutal geräumt, wie es zB in Diktaturen üblich wäre. Die Freiheit, die unsere Eltern nach 1945 erkämpften gilt es, zu erhalten. Auf allen Seiten gibt es leider jene, die diese Freiheit zu frei auslegen. Daher sehe ich diese Randgruppe als eher als gutartiges, aber ekelhaftes Geschwür. Klar, man darf sich nicht alles gefallen lassen, aber bitte nicht mit Gewalt und schon gar nicht gegen Dritte, wie zB Ladenbesitzer, öffentliche Einrichtungen etc.
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