Hausbesuch bei der Boxlegende Mein Fight mit Ali

Hausbesuch bei der Boxlegende: Mein Fight mit Ali Fotos

Thrilla in der Villa: Als Jürgen Neffe 1997 eines der seltenen Interviews mit Muhammad Ali führen sollte, wollte der plötzlich 10.000 Dollar. Zu Alis 70. Geburtstag erzählt der ehemalige SPIEGEL-Korrespondent, wie er den Champ auf seine Seite brachte - und plötzlich dessen Faust vor dem Gesicht hatte. Von

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Ali greift sofort an. "Was will der Mann hier?" nuschelt er genervt aus der dunklen Tiefe seines Wohnzimmers. Nicht gerade sicher steht er da in seinen großen schwarzen Schuhen, ein bedrohlich wankender Riese, unübersehbar im roten Wollhemd. Offenbar hat er sich eben erst aus seinem Sessel erhoben, vielleicht als er das Schlagen meiner Autotür hörte. Das Parkinson-Leiden lässt seine Hände schlottern. Seine Augen funkeln Feindseligkeit.

Ich bleibe in der Haustür stehen. Seine Frau Lonnie steht in der offenen Küche, sie kocht Kaffee und strahlt Ruhe aus. "Das ist der Reporter aus Deutschland", ruft sie. "Du weißt doch, dass wir ihn erwarten." Er kommt näher und mustert mich. Dann zieht er die Oberlippe unter die breite Nase, als wollte er mich beschnuppern.

Die Einladung auf sein Anwesen am Rande von Berrien Springs im US-Bundesstaat Michigan im Mai 1997 habe ich mir auf Umwegen verschafft. Über die offiziellen Wege der Manager und Presseleute war nicht an ihn heranzukommen. Da fiel mir, ich war damals SPIEGEL-Korrespondent in New York, eine Verlagsanzeige in die Hände: Ali hatte ein kleines Buch mit religiösen Merksprüchen geschrieben. Titel: Healing. Der Dame vom Verlag sagte ich am Telefon, ich wolle etwas über das Buch machen. Ob ich dazu den Autor interviewen könne. Niemand hatte das Bändchen bis dahin beachtet. Jeder wusste, wie wichtig Muhammad Ali seine Religion war. Er sagte zu.

Der Schalk hinter der Maske

Das Schwergewicht holt zum zweiten Schlag aus. "No money, no interview." Jetzt wird auch Lonnie unruhig. Ich wäre nicht der erste Reporter, den er hinauswirft. Dass er Geld für Interviews nimmt, ist bekannt. Und auch, dass er es für wohltätige Zwecke hergibt. Ali grinst, grausam maskenhaft, er schaut mir in die Augen. Hinter der Maske meine ich so etwas wie Schalk zu erkennen.

"Was kostet es denn?", frage ich ihn. Gestenreich versucht Lonnie abzuwinken.

"Zehntausen Do'ar", lallt Ali. Da ziehe ich meine Geldbörse aus der Gesäßtasche, klappe sie auf, halte sie ihm vors Gesicht und sage: "Sorry, so viel habe ich nicht dabei. Ich gehe wohl besser jetzt." Kaum habe ich mich umgedreht, höre ich ihn lachen, ein tiefes, wieherndes Lachen.

"Hohohohoho." Lonnie nickt mir zu. Offenbar habe ich einen Punkt gemacht. "Komm", sagt er und wankt zurück zu seinem Sessel.

Wir setzen uns. Lonnie stellt zwei Tassen Kaffee auf das Tischchen zwischen unseren Sesseln. Dann lässt sie uns allein. Nachdem Ali unter großer Mühe mit zitternder Hand seine Tasse an die Lippen geführt, einen Schluck genippt und das Gefäß sicher wieder auf den Tisch zurückbefördert hat, fährt er den nächsten Angriff: Er formt seine Hände zu Fäusten, hebt sie vor sein Gesicht, zieht die Lippen auseinander, er kriegt diesen herrischen, durchdringenden Blick, diese gekräuselten Augenbrauen, unverkennbar Ali, wie wir ihn in den Nächten unserer Kindheit am Fernseher erlebten. Allein für seine Fights wurden wir geweckt, um bis nach 3 Uhr morgens in Decken gewickelt von einem Gong zum nächsten zu wachen. Unmöglich, sich am nächsten Morgen in der Schule zu zeigen, ohne ihn live gesehen zu haben.

K.o. in der dritten Runde

Plötzlich schlägt Ali zu, hebt rechts, deckt links, verlagert das Gewicht von der einen Schulter in die andere und schickt die Rechte blitzschnell in Richtung meines Gesichts. Millimeter vor meiner Nase stoppt die Faust, so nah, dass ich sie nicht mehr fokussieren kann. Über der Faust sehe ich sein dämonisches Blinzeln. Ich habe nicht reagiert. K.o. in der dritten Runde. Er fixiert mich. Es scheint, als suche er Angst in meinen Augen. Boxer sind Herrscher. Und Spieler.

Da bemerke ich, dass seine Hände vollkommen ruhig sind. Sein gesamter Körper - fest und gespannt, frei von Schütteln und Schlottern, als habe er sich mit dem Faustkampf in den alten Ali zurückversetzt und sein Parkinson-Leiden für einen Moment einfach vergessen. Hinter der Starre seiner gelähmten Mimik scheint auf einmal seine eigentliche Stärke auf: Seine größten Fights hat Ali mit dem Kopf gewonnen, der sogar Angst und Zweifel in unbändigen Siegeswillen verwandelte. Nur so und nicht anders hat er 1974 in Kinshasa den haushoch überlegenen George Foreman in der achten Runde auf die Bretter schicken können.

Warum haben wir ihn damals so bewundert? Wegen seiner Kraft? Sicherlich auch. Aber er war auch fair, bei aller Großmäuligkeit. Als Foreman getroffen war und fiel, hat Ali nur noch gestaunt und keinen einzigen Haken mehr platziert. Und vor allen Dingen war er mutig. Als Boxer und als Bürger, als Schwarzer in den USA der sechziger Jahre, der seinen Sklavennamen ablegte und zum Islam übertrat. Der seine Teilnahme am Vietnam-Krieg verweigerte und dafür bitter bezahlte, mit einer dreijährigen Sperre, mit der Aberkennung seines Weltmeistertitels, mit dem Bruch in einer der größten Sportlerkarrieren des 20. Jahrhunderts.

Mut macht Mut. Ich sage "stop", greife mit beiden Händen die Bügel meiner Brille, setze sie ab, lege sie auf das Tischchen zwischen uns und erkläre: "Mein Gesicht kannst du treffen, aber nicht meine Brille. Die ist 90 Jahre alt, unersetzlich, eine Antiquität." Ali stutzt, nimmt die rechte Faust zurück, legt beide Hände in den Schoß, die sofort wieder zu schlottern beginnen. Dann schaut er die Brille neben meiner Tasse an, schließlich blickt er mir ins Gesicht - und beginnt zu lachen, heftiger und ausgiebiger als vorher. "Hohohohoho-hoho-hohohoho." Wichtige Punkte, für mich.

Der grimmige Bär tänzelt

Nun habe ich ihn auf meiner Seite. Erst nach drei Stunden werde ich wieder abfahren. Die Dame vom Verlag hatte höchstens eine halbe Stunde zugesagt. Wenn es nach Ali gegangen wäre, hätte ich noch bis zum Abendessen bleiben können. Lonnie hat Hühnchen auf dem Herd, geschmort nach Südstaaten-Art, das Haus duftet.

Lange haben wir über seinen Glauben gesprochen, sein Büchlein und seinen Kampf gegen die Bibel. Schließlich sind wir auch aufs Boxen gekommen. Und auf seinen Ruhm. Wir sind über die Wiese zum Bürohaus gegangen, wo Lonnie saß und Post beantwortete. Waschkörbe voller Briefe. An Ali.

Oben in dem Bürohaus haben sie eine Art Asservatenkammer für die Insignien und Souvenirs aus den sieben Leben des Muhammad Ali alias Cassius Clay eingerichtet. Pokale und Siegergürtel, Urkunden und eine Unzahl von Fotos von Ali mit den Weltgrößen seines Zeitalters. Mit dem Papst und mit der Queen, mit Castro und Clinton, mit Indira Gandhi und Gaddafi, mit Malcolm X und den Beatles.

Er reicht mir einen Boxhandschuh, angeblich jenen, mit dem er Foreman niedergestreckt hat. Kaum habe ich ihn übergestreift, baut er sich erneut auf, die Fäuste geballt, jetzt tänzelt er auch noch, der grimmige Bär, der sich zurückboxt in die Erinnerung vor seiner Schüttellähmung, vollkommen beherrscht, rechts, rechts, links, und wieder macht die nackte Faust nur einen Hauch von meinem Kinn entfernt halt.

"Ist das nicht verrückt", sagt der Schwergewichtler, "ein einziger Treffer kann dich zum Helden machen."

Nein, ein Angeber war das Großmaul nie. Jemand wie er, der Niederlagen braucht, um Siege erringen zu können, immer wieder und immer bitterer, hat längst begriffen, dass er sich seinen Ruhm nur geliehen hat. Vom Publikum. Ali ist - bis heute - einer der bekanntesten Menschen der Weltgeschichte.

Ein langer Abschied. Draußen, auf der endlosen Wiese seines 30 Hektar großen Anwesens. Jetzt hat er sogar sein unbetontes Lallen und Nuscheln hinter sich gelassen. Spricht fast klar. Erzählt, wie er einmal in der indonesischen Hauptstadt Jakarta landete und die Menschen ihn empfingen wie einen Heiligen. Oder wie er - inkognito - auf dem New Yorker Times Square für Fotoaufnahmen seinen Mann stand und die Leute ihn erkannten und binnen einer Stunde eine Million Menschen zusammenliefen und "Ali! Ali!" riefen und in ganz Midtown der Verkehr zusammenbrach. "Das kann doch nicht sein", sagt er, fassungslos. "Ich bin doch ein Mensch, nur ein Mensch, nicht mehr als ein guter Boxer."

"Nein", sage ich.

Da legt er seine Pranken um mich, zitternd nun wieder, und ich zittere mit ihm, zwangsläufig.

Zum Weiterlesen:

Hier finden Sie den SPIEGEL-Artikel "Ich habe niemals Schmerzen" , den Jürgen Neffe, damals New-York-Korrespondent des SPIEGEL, 1997 über sein Treffen mit der Boxlegende Muhammad Ali geschrieben hat.

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1.
Volker Altmann, 18.01.2012
Beim Lesen dieses Artikels hat mich ein seltsames Gefühl beschlichen. Irgendwie erscheint er mir respektlos und sehr narzisstisch geschrieben. Die Parkinson-Krankheit lässt Ali´s Hände schlottern, beeinflusst seine Mimik und seine Sprache. Das ist sicher bedauerns- und mitteilenswert. Warum aber, ist der ganze Artikel gespickt mit Bemerkungen, wie: ?nuschelt er genervt?, ?Ali grinst, grausam maskenhaft?, "Zehntausen Do'ar", lallt Ali?, usw.? Da beobachtet einer die krankheitsbedingten Ausfälle, seziert sie geradezu. Und er schreibt gerne über sich selbst. Offenbar findet er sich mindestens so interessant, wie seinen Interviewpartner.
2.
Siegfried Wittenburg, 18.01.2012
Schade, dass das so bei Ihnen ankommt, Herr Altmann. Für mich ist es die Schilderung der persönlichen Eindrücke von Jürgen Neffe und sie beantwortet schlicht und menschlich die Frage: Wie geht es dem größten Boxer aller Zeiten?
3.
Henning Sittel, 18.01.2012
ich sehe es ähnlich Herrn Wittenburg. Ali war und ist eine Größe als Sportler und Mensch. Ich sehe die Schilderung auch als eine Art Betroffenheit von Herrn Neffe Ali gegenüber, was die Krankheit aus einem Menschen machen kann. Was mich positiv verwundert und ich den Hut davor ziehe, ist die mentale Stärke, die ihn seine Krankheit überwinden läßt.
4.
Volker Altmann, 18.01.2012
Sehr geehrter Herr Wittenburg, für mich ist es zum einen die Frage der Wortwahl und zum anderen die Frage, wie oft man auf den Umstand seiner Krankheit hinweisen muss. Ich sehe Ali in diesem Bericht in gewisser Weise vorgeführt. Auf seine Krankheit hinzuweisen ist legitim. Aber ist es wirklich nötig, den ganzen Bericht mit den Beobachtungen von Ali´s ?Ausfällen? zu spicken ? und das in einer Weise, die, meines Erachtens nach, nicht unbedingt von Feingefühl geprägt ist?
5.
Siegfried Wittenburg, 18.01.2012
"...wie oft man auf den Umstand seiner Krankheit hinweisen muss." Das ist ja das Große an diesem Menschen, Herr Altmann, er kann mit seiner Krankheit souverän umgehen.
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