Hawaii-Held Duke Kahanamoku Der König der Surfer

Er schwamm Weltrekorde, spielte in Hollywood-Filmen und vermittelte der Welt die Faszination des Surfens. Duke Kahanamoku war so etwas wie ein hawaiianischer Superheld - halb Mensch, halb Fisch.

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"Auf meinem Brett fühle ich mich wie ein König, dessen Königreich das Meer ist."
(Duke Kahanamoku)

Am 13. April 1920 empfängt Hawaii hohen Besuch: Edward VIII., Prince of Wales, gilt als Frohnatur der kreuzbiederen englischen Königsfamilie. Die Insulaner sind gute Gastgeber, schöne Frauen behängen ihn mit Blumenkränzen. Worauf er sich besonders freue auf Hawaii? "Ich würde gern Kahanamoku treffen", antwortet der lebenslustige Thronfolger. "Wo finde ich ihn?"

Der Prinz bittet um eine Audienz beim König von Hawaii - der nie gekrönt wurde, nie einen Thron hatte, auch keine Untertanen. Aber zahllose Bewunderer. Duke Paoa Kahinu Mokoe Hulikohola Kahanamoku, genannt "The Duke" oder auch "The Big Kahuna", gilt heute als Pate des modernen Surfens. Als der Mann, der den populären Strandsport über Hawaii hinaus in die Welt trug.

Der Prince of Wales findet den König der Wellen: "Ich würde gern in den Genuss kommen, von einem Großmeister das Surfen beigebracht zu bekommen." Duke Kahanamoku erwidert: "Es wäre mir eine Ehre. Hatte lange keinen Thronanwärter mehr auf meinem Brett."

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Duke Kahanamoku: Halb Mensch, halb Fisch

Nach den ersten bezwungenen Wellen ist es um den royalen Wassersportler geschehen. "Ich möchte hier nie wieder weg. Danke für ein Stückchen Freiheit", sagt er mit Blick auf den endlosen Ozean. Man darf sich Edward VIII. auf Hawaii als glücklichen Mann vorstellen.

Diese Begegnung hat der Journalist Joseph L. Brennan detailreich beschrieben, in seiner Biografie "Duke: The life story of Hawaii's Duke Kahanamoku". Zu dieser Zeit ist der Surfkönig 29 Jahre alt und schon weltberühmt. Sein Talent war früh erkennbar - "er lebte quasi im Wasser", so Brennan. Duke spielt Wasserball, fährt Kanu, angelt. Vor allem aber ist ein begnadeter Schwimmer und Surfer.

Kann denn Surfen Sünde sein?

Surfen ist auf Hawaii eine Jahrhunderte alte, beinah heilige Tradition. Als der Entdecker James Cook 1777 die Insel ansteuerte, beschrieb er in seinem Tagebuch, wie er einen Einheimischen auf einem Stück Holz durch die Wellen fliegen sah: "Ich konnte es nur vermuten, aber dieser Mann empfand sehr viel Vergnügen, während er so schnell und so sanft von den Wellen durch das Wasser getragen wurde."

Christliche Missionare im frühen 19. Jahrhundert indes verdammten das Surfen als gotteslästerlich und beendeten die Wellenreiterei. Vorübergehend. 1874 wurde David Kalakaua König und machte sich als Wasserfreund für die Surftradition stark. Bald waren die Strände wieder voll von jungen Frauen und Männern mit "alaia" (dünnen Brettern) oder "olo" (dicken Brettern), hergestellt aus edelstem Holz.

Pioniere wie der Hawaiianer George Freeth, den auch Abenteuerschriftsteller Jack London bei ersten Surfversuchen kennenlernte, zählten zu den frühen Stars der Szene. Der Duke, geboren 1890, wird rasch einer der besten Surfer. Sein größtes Brett ist fünf Meter lang und wiegt 114 Pfund. Gern lädt er schöne Strandmädchen auf einen Ritt ein. Die Damen liegen ihm nicht zu Füßen, sie sitzen.

International bekannt wird Kahanamoku aber zunächst als Schwimmer. Der groß gewachsene Schönling hat riesige Hände und Schuhgröße 48, dazu einen beeindruckend explosiven Stil, der ihm 1911 zu einer Sensation verhilft: In Honolulus Hafenbecken schwimmt er einen neuen Weltrekord über 100 Meter Freistil. Doch die Verantwortlichen auf dem Festland wollen die Fabelzeit eines Namenlosen nicht glauben und lästern im Antwort-Telegramm: "Habt ihr Wecker für die Zeitnahme benutzt?"

Das Gesicht von Olympia

Höchste Zeit, dass Duke der Welt sein Können beweist. Als Mitglied des US-Teams reist er mit dem Schiff zu den Olympischen Spielen 1912 von Stockholm; in großen Wassertanks halten sich die Schwimmer fit.

Vor dem entscheidenden Rennen über 100 Meter Freistil kommt es beinahe zu einer peinlichen Panne: Kahanamoku gönnt sich ein Schläfchen, ein Funktionär weckt ihn rechtzeitig - noch gerade pünktlich schafft er's an den Start. "Nie zuvor", schreibt sein Biograf, "war ein Olympiateilnehmer näher dran, sein Rennen zu verpassen, als der Duke."

Duke Kahanamoku: "Faher of Surfing"

Der schwimmt ganz lässig zum ungefährdeten Sieg, holt auch noch Silber mit der Staffel. Sein sympathisches Wesen, der exotische Look und die Goldmedaille machen aus dem unbekannten Hawaiianer das Gesicht der Spiele. Duke Kahanamoku ist jetzt weltberühmt.

Seine olympische Karriere hat damit erst begonnen. 1916 fallen die Spiele, nach Berlin vergeben, wegen des Ersten Weltkriegs aus; Kahanamoku reist als Rettungsschwimmer im Auftrag des Roten Kreuzes durch die USA. 1920 in Antwerpen holt er Gold über 100 Meter Freistil und in der Staffel, stellt sogar einen Weltrekord auf.

Er tingelt um die Welt

1924 reicht es noch einmal zu Silber über 100 Meter. Sieger ist ein gewisser Johnny Weissmüller, der spätere Tarzan-Darsteller; auf Rang drei landet Dukes Bruder Samuel. Und 1932, mit 42 Jahren, nimmt Duke noch einmal an den Spielen in Los Angeles teil und holt als Ersatzmann der US-Wasserballer Bronze.

Kahanamokus große Leidenschaft in all den Jahren bleibt aber das Surfen. Nach dem Erfolg von 1912 tingelt der Olympiasieger auf Einladung von "beinahe jeder Stadt auf der Welt, die ein Schwimmbecken besaß" (Brennan), umher. Sobald er in Küstennähe ist, bietet er den staunenden Gastgebern eine Show auf dem Brett.

Im Frühjahr 1914 verzückt er das Publikum an Kaliforniens Stränden. Und am 23. Dezember 1914 schmeißt Kahanamoku sich drei Stunden lang in die Brecher vor Freshwater Beach in Sydney, reitet eine Welle gar im Kopfstand. Die Australier sind infiziert. Heute erinnert eine Statue an den Pionier aus Hawaii.

In seiner Heimat gilt "The Big Kahuna" längst als heimlicher Botschafter der Insel. Touristen kommen, um sich mit dem blendend aussehenden Olympiasieger und seinen riesigen Surfbrettern fotografieren zu lassen. Oder um sich gleich eine Lehrstunde abzuholen - wie im April 1920 der Prince of Wales, der etwas später für ein knappes Jahr sogar König von England werden sollte.

"Viele Medaillen, nur leider keine Münzen"

Zwei Ereignisse machen Duke Kahanamoku endgültig unsterblich: Am 14. Juni 1925 beobachtet er am Strand von Corona del Mar, 50 Kilometer südlich von Los Angeles, wie ein vollbesetztes Fischerboot vor der Küste kentert. Mit seinem Brett stürzt sich der Duke in die Wellen und rettet acht Seeleute. Seine Freunde bewahren vier weitere vor dem Ertrinken, fünf sterben. J.A. Porter, Polizeichef von Newport Beach, erklärt: "Das war die Leistung eines Supermanns. Und vermutlich die größte Surfaktion aller Zeiten!"

Die vollbringt der Duke nach Meinung seiner Landsleute vier Jahre später, als er eine gigantische Welle ("Bluebird") erwischt und über knapp zwei Kilometer sechs Surfspots hinter sich lässt. Bis heute gilt dieser Auftritt als spektakulärster Wellenritt in der Geschichte der Surfer-Insel.

Duke Kahanamoku: Farbfilm von 1939

Kahanamoku ist ein Held. Aber ein armer Schlucker. Seine Popularität versucht er als Schauspieler in Hollywood zu vergolden. Richtig gelingt ihm das nicht, trotz Nebenrollen an der Seite von Stars wie John Wayne oder Jack Lemmon. In den späten Zwanzigerjahren arbeitet er gar als Tankwart - die Kunden können nicht glauben, wer ihnen da Benzin in die Autos pumpt. "Ich habe viele Medaillen, die ich in meiner Tasche klimpern lassen kann", sagt der Duke. "Nur leider keine Münzen."

Erst 1934 ändert sich das, der Polizistensohn wird zum Honolulu City and Council Sheriff ernannt und das Amt bis 1961 innehaben. Als 1959 Hawaii der 50. Staat der USA wird, ernennt die Inselregierung ihn zum offiziellen Botschafter.

Ein letztes "Aloha 'Oe"

Fortan darf der Kahanamoku tun, was er in all den Jahrzehnten zuvor ohnehin schon gemacht hat, nur nun eben bezahlt. Aus dem Schwimm- und Surfstar wird Hawaiis populärster Grüßonkel.

In seinen letzten Jahren darf Kahamanoku noch einmal sein Lebenswerk besichtigen: In Australien und Neuseeland begrüßt man ihn 1956 wie einen Helden. Surfen ist hier zum Volkssport geworden, der Duke gerührt. Und im September 1963 umringen ihn die jungen Teilnehmer der Westküsten-Surfmeisterschaften am kalifornischen Huntington Beach wie einen Popstar.

"Duke ist das größte Ding im Surfen, dem neuesten und am schnellsten wachsenden Sport der Welt", jubiliert ein örtlicher Reporter und vergleicht ihn mit einem legendären Baseballer: "Er ist der König des Sports der Könige. Und der Babe Ruth des Surfens!"

Am 22. Januar 1968 sucht Duke Kahanamoku auf dem Parkplatz des Waikiki Yacht Clubs seinen Autoschlüssel. Mit Herzinfarkt bricht der 77-Jährige zusammen, knallt mit dem Kopf auf die Motorhaube, dann auf den Asphalt. Jede Hilfe kommt zu spät.

Bei der Beerdigung eskortieren 30 Polizisten seine Asche bis zum Strand. Die Trauergäste singen "Aloha 'Oe", den traditionellen Abschiedssong der Insel. "Eine liebe Umarmung. Bis wir uns wiedersehen", heißt es da. Dann wird die Asche des Königs von Hawaii dem Ozean übergeben.

"Wenn die Welle kommt, dann nimm dir Zeit."
(Duke Kahanamoku)



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insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
Oli Misch, 16.01.2017
1.
Gestern in Kona am Strand. High surf advisory. Kinder 5h am Stück am surfen, 26 Grad Wassertemperatur und perfekten blauen Himmel. Canoe, Surfen, sponging, downwind-paddeln, swell-paddeln, freedive und windsurfen ist persönlichkeitsverändernd. Die Tiefenentspannung der Natur- und Selbsterfahrung hält wochenlang an. Macht mans oft - das Bodymemory begleitet einem für immer. Der Artikel ist kalifornische Erzählweise des Mythos Duke. Hier gibts unglaubliche Watermen and -women. Entspannte Geister in wunderschönen Körpern.
Benjamin Faensen, 16.01.2017
2. Da wünscht man sich...
...doch gleich ganz weit weg an so einem Strand in einer anderen Zeit zu sein. Schöner Artikel! - Nur ein kleiner Übersetzungsvorschlag am Rande: Water polo ist im angelsächsischen das, was wir Wasserball nennen. Vielen Dank für den Hinweis, wir haben den Fehler korrigiert. Die Redaktion.
Rolf Richard Spitzer, 16.01.2017
3. Captain James Cook
war in der Tat ein großer Entdecker, während Thomas Cook ein Reisebüro gründete, welches heute noch existiert. Laut Wikipedia erfolgte der erste Landung auf Kauai am 20. Januar 1778, so dass Capt. Cook wohl kaum im Jahr 1777 schon Surfer auf Hawaii beobachten konnte. Etwas mehr Genauigkeit wäre sehr wünschenswert.
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