Heimerziehung in der DDR Schläge mit dem Schlüsselbund

Heimerziehung in der DDR: Schläge mit dem Schlüsselbund Fotos
MDR

"Wenn du nicht brav bist, kommst du nach Torgau!", drohten Eltern in der DDR unartigen Kindern. In dem Elbestädtchen lag der einzige "Geschlossene Jugendwerkhof" der DDR - eine Art sozialistisches "Boot Camp", in dem unangepasste, verhaltensauffällige und straffällig gewordene DDR-Teenager zu "sozialistischen Persönlichkeiten" geformt werden sollten. Von

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"In der Regel benötigen wir drei Tage, um die Jugendlichen auf unsere Forderungen einzustimmen", schrieb der langjährige Direktor des geschlossenen Jugendwerkhofes Torgau, Horst Kretschmar, in seiner Diplomarbeit über die sehr spezielle Form der Kindeserziehung in seiner Anstalt. Euphemistischer hätte er es kaum formulieren können: Drei Tage - das war die Zeit, die Neuankömmlinge in der acht Quadratmeter großen, verdunkelten "Zuführungszelle" zubringen mussten. Ihre Einrichtung bestand lediglich aus einer harten Pritsche und einem Eimer.

Mehr als 4000 Jungen und Mädchen wurden in Torgau zwischen 1964 und 1989 hinter Hundelaufgräben, Stacheldraht und Wachtürmen einem brutalen Anstalts-Drill unterworfen. Aufstehen um 5.30 Uhr, dann Frühsport, waschen und Bettenbau, anschließend genau 15 Minuten Zeit für das Frühstück unter Aufsicht. Dann mussten die 14- bis 17-Jährigen zum Beispiel an veralteten Maschinen Lampen für die Volksmarine herstellen oder andere Metallarbeiten ausführen. Dazu gab es einmal pro Woche Unterricht in Fächern wie Staatsbürgerkunde, Mathe, Deutsch und Arbeitserziehung.

"Torgauer Dreier" bis zur totalen Erschöpfung

"Schikanen der Erzieher waren allgegenwärtig", erinnert sich der frühere Torgau-Insasse Stefan L.: "Allein der Druck, dass sie jederzeit willkürlich Strafen verhängen könnten, die ständigen Demütigungen und die ständige Demonstration der Macht, war Schikane genug." L. ist einer der wenigen, die über ihre Zeit in der Anstalt sprechen, die meisten schämen sich bis heute - und verzichten deshalb sogar auf Rehabilitierung und staatliche Entschädigungszahlungen. Die können sie beantragen, seit das Berliner Kammergericht die Einweisung nach Torgau als "grundsätzlich rechtsstaatswidrig" eingestuft hat. Egal, was ein Jugendlicher verbrochen habe - nichts rechtfertige die menschenunwürdige Behandlung im Geschlossenen Jugendwerkhof, entschied das Gericht.

Mit Spezialkinderheimen und Jugendwerkhöfen wollte DDR-Bildungsministerin Margot Honecker, Gattin des SED-Chefs, die "individuelle Gerichtetheit" von Problemkindern beseitigen - und dazu arbeiteten die Heimleiter mit militärisch strengen Disziplinierungsmaßnahmen. Wer in den regulären Jugendwerkhöfen durch allzu große Aufmüpfigkeit auffiel, kam nach Torgau. Wirkliche Verbrechen waren das selten, ein Gerichtsurteil war für die Einweisung auch gar nicht notwendig - es konnte schon reichen, dreimal beim heimlichen Zigarettenrauchen erwischt zu werden.

Im Umgang mit den Insassen erinnerte auch zu DDR-Zeiten vieles an die Vergangenheit der Torgauer Anstalt als ehemaliges Wehrmachts-Sondergefängnis. Machte etwa beim Sport jemand schlapp, musste seine ganze Gruppe Extrarunden drehen oder im Entengang die Treppen hoch und runter. Berüchtigt als Strafe war der "Torgauer Dreier" - eine Kombination aus Liegestütze, Hocke und Hockstrecksprung, der bis zur totalen Erschöpfung ausgeführt werden musste.

Kriminalität im klassenlosen System

Dazu kamen Schläge mit dem Schlüsselbund, Einzelarrest oder Putzdienste, bei denen die Zöglinge mit bloßen Händen und Kernseife den Boden blank zu scheuern hatten. Wer im Unterricht störte, musste seitenlange Aufsätze zu unsinnigen Themen wie "Der Schnürsenkel (Wie ich meinen Schnürsenkel auf und zu mache)" oder "Warum ich nicht genau weiß, wer die Zeitung zerrissen hat" verfassen.

Die Schicksale der Kinder von Torgau stehen beispielhaft für die enorme Strenge des Umgangs der DDR mit abweichendem Verhalten. Unangepasstheit, Kriminalität gar, durfte es laut herrschender Ideologie im Sozialismus eigentlich nicht geben, weil es in einer Gesellschaft ohne Privateigentum und Klassenunterschiede keinen Grund gab zur Unzufriedenheit oder gar zum Klauen, Rauben, Stehlen. Trat so etwas doch auf, wurde es von der SED-Propaganda als Überbleibsel des Klassenkampfes aus vorsozialistischen Zeiten gebrandmarkt, korrigiert werden sollte die "asoziale Lebensweise" in den Jugendwerkhöfen.

Jeder in der DDR wusste, dass ein Torgau-Aufenthalt kein Vergnügen war - dennoch glaubten viele Mütter und Väter den eigenen Kindern nicht, wenn sie später von den Zuständen im Jugendwerkhof berichteten. Und Einfluss nehmen hätten sie auch ohnehin nicht können - den Eltern der Torgau-Insassen war das Sorgerecht entzogen worden, ihre Sprösslinge der staatlichen Jugendhilfe unterstellt.

Mehr als zwanzig Jahre nach der Schließung der Torgauer Quälanstalt und dem Ende der DDR gehört die Forderung, auffällige Jugendliche hart anzupacken, auch bei demokratischen Politikern zum Standardrepertoire. Torgau allerdings lehrt, wohin von Ideologie und Gewalt geprägte Erziehung führen kann - heute beherbergt der ehemalige Jugendwerkhof in dem sächsischen Städtchen zur Mahnung ein Dokumentationszentrum.

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1.
Maik Lakeit, 18.07.2012
"Jeder in der DDR wusste, dass ein Torgau-Aufenthalt kein Vergnügen war......" So ein Quatsch, ich habe dort 18 Jahre gelebt, und Torgau war schon sehr angenehm und behütet.... Solche Pauschalaussagen sind doch einfach Mist! Jeder in der DDR wusste, das ein Aufenthalt im Jugendwerkhof Torgau kein Vergnügen war..... wäre auf jeden Fall richtiger gewesen!
2.
jacqueline sokoli, 09.11.2012
Aha pauschalaussagen. was verstehst du darunter? 18 jahre wo gelebt?
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