Zilles Berlin "Man kann mit einer Wohnung töten"

Verfallende Hinterhöfe, Jahrmarktbuden, Latrinen: Um 1900 fotografierte der Karikaturist Heinrich Zille das Berlin der armen Leute - ganz ohne Spott.

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picture alliance/IMAGNO/Austrian Archives/Heinrich Zille

"Von's Vergnügen der reichen Leute ham wir Armen doch noch immer wat: von die Pferde die Wurscht, von die Zigarr'n und die Zigaretten die Stummel, von die Flieger die Notdurft un von die Automobile den Jestank", raunzte Heinrich Zille.

Um 1900 wurde in Berlin lieber geklotzt als gekleckert. Wohlhabende Bürger flanierten über den Prachtboulevard Unter den Linden und winkten dem Kaiser zu, wenn er hoch zu Ross oder im Daimler an ihnen vorbeikam. Bankiers und Industrielle residierten in vornehmen Villen im Grunewald und gaben Empfänge für die oberen Zehntausend.

Dies war ganz und gar nicht die Welt von Zille, der mit bissigen Karikaturen und Bonmots zu einem Chronisten des Arme-Leute-Berlins wurde. Malochende Arbeiter, verhärmte Frauen mit einer großen Schar verwahrloster Kinder, Saufgelage und pikante Bordell-Szenen gehörten zu seinen bevorzugten Sujets. Seine Gegner verspotteten ihn als "Pinselheinrich" oder "Raffael der Hinterhöfe", doch davon ließ er sich nicht irritieren.

Bilder vom Alltag der Armen

Zwischen 1890 und 1910 durchstreifte der korpulente Mann die Stadt nicht nur mit Block und Zeichenstift, sondern auch mit Fotoapparat und Stativ. Weniger aus Berufung als aus Notwendigkeit, denn die Anstellung bei der Photographischen Gesellschaft Berlin brachte ihm dringend nötige Einnahmen, mit denen er sich und seine Familie ernähren konnte. Prunkbauten und Sehenswürdigkeiten ließ er beiseite. Sein Objektiv richtete er auf das Alltagsleben der einfachen Leute: Frauen in Kittelschürzen schwatzend am Eingang einer Abfallhandlung, Männer mit Schiebermützen an vollbeladenen Möbelkarren und spielende Kinder, die auf morastigen Straßen in Pfützen herumhüpfen.

Heinrich Zille, der in Sachsen geboren wurde, war 1867 als Neunjähriger mit seinen Eltern ins preußische Berlin gekommen, das vier Jahre später Hauptstadt des neugegründeten Deutschen Kaiserreichs wurde. Der Vater, ein Uhrmacher, war stets auf der Flucht vor Gläubigern. In Berlin reichte das Geld nur für eine bescheidene Souterrain-Wohnung nahe des Schlesischen Bahnhofs. Der Vater kam wieder ins Zuchthaus, und die Familie nahm ihre Mahlzeiten meist in Volksküchen ein.

Heinrich musste als Schüler mit Zeitungsaustragen und Botendiensten zuverdienen, schnell lernte er die Schattenseiten der sich rasant entwickelnden Beamten- und Industriestadt kennen. Sein Vater wollte, dass er Schlachter wurde. Doch der Junge konnte kein Blut sehen und begann eine Zeichnerlehre.

Wie auf den Karikaturen aus dem "Milljöh" ist auch auf Zilles Fotos vom Glamour der Neureichen wenig zu bemerken. Die Dircksenstraße neben der Stadtbahnstrecke, die noch heute von der S-Bahn befahren wird, zeigt er als unschöne Baustelle. Seltsam deplatziert wirkt hier eine fein gekleidete Dame mit ausladendem Hut, die aus Richtung des Königlichen Polizeipräsidiums kommt.

Elend in überfüllten Mietskasernen

Zille dokumentierte das Unfertige und den Verfall. Auf seinen Fotos erkennt man bröckelnde Hausfassaden, Hinterhöfe, schmutzige Gassen und ein Beerdigungsinstitut mit dem beziehungsreichen Namen Thanatos - wie der Gott des Todes in der griechischen Mythologie. Im Gegensatz zu seinen gezeichneten Wimmelbildern ist auf manchen Fotos kein Mensch zu sehen.

Um die Jahrhundertwende hatte Berlin, die Vororte nicht eingerechnet, bereits um die 1,9 Millionen Einwohner. Laut einer Untersuchung von 1903 gab es dort mehr Mietskasernen als in anderen Städten der Welt. Von etwa einer Million Wohnungen hatten etwa 400.000 nur ein und weitere 300.000 zwei Zimmer. Große Familien drängten sich auf knappstem Raum. "Man kann mit einer Wohnung einen Menschen genauso töten wie mit einer Axt", fiel Zille dazu ein.

Im Krögel, einer schon im Mittelalter angelegten Gasse im heutigen Bezirk Mitte, schauen Kinder in lichtarmen Hinterhöfen freudlos in das Objektiv des Fotografen. Angesichts von Elend und Schicksalsschlägen bewies dieser einen eher schnoddrigen Humor."Jibt dir det Leben een Puff, denn weine keene Träne! Lach dir'n Ast und setz dir druff und baumle mit de Beene", reimte er.

Aus dem proletarischen Osten zog Zille, mittlerweile Ehemann und mehrfacher Familienvater, 1892 in das besser situierte Charlottenburg im Westen, wo er bis zu seinem Tod 1929 wohnen bleiben sollte. Auch da beobachtete er weiterhin die einfachen Leute, etwa Dienstmädchen, die an Markttagen gegenüber vom Charlottenburger Schloss auf dem Friedrich-Karl-Platz, dem heutigen Klausenerplatz, für ihre Herrschaften einkauften.

Rummelplatz von hinten

Wenn Jahrmärkte aufgebaut wurden und die Schausteller in ihren Wagen campierten, blickte Zille hinter die Kulissen. Während das neugierige Volk auf großen Plakaten Ankündigungen eines "Riesen-Programms", unter anderem mit einem "wandernden Leichnam", studierte, knipste Zille die Rückseiten von Rummelplatzbuden und hölzerne Karussellpferde, die noch aus ihren Transportwaggons herausschauten. Auf der Suche nach dem Abseitigen entdeckte er hinter einem Haus sogar eigens für Damen aufgestellte Latrinen.

Mancherorts zeigt sich Berlin in seinen Aufnahmen von einer dörflichen Seite. Von seinem Fenster aus blickte Zille auf das Ringbahngelände im Westend, vor dem auf einer großen Brachfläche Wäsche zum Trocknen aufgehängt war. Reisigsammlerinnen ziehen schwere Karren, schieben vollbeladene Kinderwagen oder tragen die Bürde auf dem Rücken. Am Horizont erkennt man auf einem Bild die Westend-Villenkolonie, in die auch Schauspieler, Schriftsteller und Komponisten zogen.

Bei Besuchen in den Ateliers von Künstlerfreunde fotografierte Zille, dessen zeichnerisches Werk auch vor deftigen pornografischen Darstellungen nicht Halt machte, offensichtlich gern junge, attraktive Aktmodelle. Und erklärte ironisch: "Wenn die Frauen verblühen, verduften die Männer."

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insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
Max Super-Powers, 29.01.2015
1.
Ganz toller Artikel! Wer sich übrigens für das "alte Berlin" interessiert, dem seien auch die ganzen 7-8-9 Bücher der "Matuschewski"-Reihe von Horst Bosetzky ans Herz gelegt, vor allem die, die vor dem Krieg spielen.
Meineid Bauer, 29.01.2015
2.
Sehr schöne Aufnahmen! Zille war nicht nur ein phantastischer Zeichner sondern auch ein guter Fotograf. Das "Graffiti" ist allerdings nicht in Sütterlin sondern Kurrentschrift geschrieben und lautet "Das ist Grete Löwe und ihr Brautigam Max". Sütterlin wurde erst ein paar Jahre später "erfunden". Wir können wohl davon ausgehen, dass dieses Motiv auch Zille zum Schmunzeln gebracht haben dürfte :-)
Kalle Schönfeld, 29.01.2015
3.
Der heute bekannte lustige-Postkarten-Zille wurde erst durch Max Liebermann erfunden, der Zille als proletarisches Schoßhündchen des Besitzbürgertums erfand und herumreichte. Vor dieser Phase waren Zilles Werke von schonungslosen Naturalismus und beißender Sozialkritik geprägt. Auch die Zeichnungen aus dieser frühen Schaffensphase sind sehr gut!
Peter Hartung, 29.01.2015
4. Kinderzeichnung?
Kann jemand Sütterlin - und den Text von Foto 18 übersetzen? Mir scheint vom Stil her, dass die "Kinderzeichnung" wie es in der Bildunterschrift heißt, von einem Erwachsenen stammt und wohl eher eine erotische Komponente hat (die Frau trägt eindeutig Schuhe mit hohen Absätzen).
Harald Jenner, 29.01.2015
5. Bild 18 Bildunterschrift
Völlig unabhängig von der Qualität der Bilder, sollten sie korrekt beschriftet werden. Die Bildunterschrift von Photo 18 behauptet, daß es sich um ein "Graffiti" in Sütterlinschrift handelt. Die sog. Sütterlinschrift wurde aber erst 1911 von dem Graphiker Sütterlin entwickelt und ab etwa 1915 als Schulschrift genutzt. Vorher kann also nicht von Sütterlin gesprochen werden. Es wäre vielleicht gut, Ihre Bildunterschriften und Artikel vorher von einem Historiker gegenlesen zu lassen. Aber für eine Änderung ist es ja noch nicht zu spät. Harald Jenner, Berlin
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