Schlagerstar Heintje "Ich war eine One-Man-Boygroup"

"Mama, du sollst doch nicht um deinen Jungen weinen!", schmachtete der Zwölfjährige Hein Simons alias Heintje 1967 - und wurde von erwachsenen Damen mit Heiratsanträgen überschüttet. Ein früher Erfolg, der später schwer auf ihm lastete.

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Ein Interview von


einestages: Herr Simons, Sie waren gerade mal 12 Jahre alt und hatten einen kleinen Talentwettbewerb in Holland gewonnen, als Sie im August 1967 in "Der Goldene Schuß" erstmals vor Fernsehpublikum singen durften. Was hat dieser Auftritt für Ihre Karriere bedeutet?

Simons: Danach war nichts mehr, wie es einmal war. Die Sendung war historisch, weil es die erste TV-Show war, die in Farbe ausgestrahlt wurde. Es war die Geburt des Farbfernsehens, eine Sensation.

einestages: Und Sie sangen dazu als Heintje Ihr Lied "Mama"…

Simons: …und bekam dafür nur 55 Sekunden Zeit, weil ich ja noch völlig unbekannt war. Aber das reichte mir.

einestages: Bei einer Einschaltquote von 70% kannte Sie danach jeder. Wie haben Sie den nächsten Tag erlebt?

Simons: Ich ging ganz normal zur Schule, bis nachmittags um vier. Als ich heimkam, war der Teufel los. Mein Manager und die Plattenfirma riefen an, alle waren total aus dem Häuschen. Die Nachfrage nach "Mama" war so groß, dass selbst konkurrierende Plattenverlage mit dem Nachpressen helfen mussten. Mir war damals noch gar nicht bewusst, wie gigantisch das alles war. Ich fand es einfach nur toll.

einestages: Ihr Entdecker, Produzent und Manager hieß Addy Kleijngeld. Der Name war allerdings nicht Programm.

Simons: (lacht) Nein! Wir haben großes Geld gemacht! Meine erste Platte ist mit über 3,5 Millionen verkauften Exemplaren noch heute die erfolgreichste Debüt-LP in Deutschland - ich hoffe, das klingt jetzt nicht überheblich. Addy war jedenfalls immer fair. Das kann nicht jeder über seinen Manager sagen.

einestages: Sie haben damals sogar Ihr Pony "Addy" getauft. Aus Dankbarkeit?

Simons: Sicher - das Pony bekam ich schließlich für mein Debütalbum geschenkt! Ich hatte die 12 Titel damals in der rekordverdächtigen Zeit von nur einem Tag eingesungen. Und mein Manager wusste, dass ich Pferdenarr bin.

einestages: Was haben Sie als kleiner Junge dann mit dem ganzen Geld gemacht, das Sie plötzlich verdienten?

Simons: Wir haben eigentlich ganz normal weitergelebt. Mir wurde ja auch nicht täglich mein aktueller Kontostand durchgegeben. Dafür hab ich mich erst so ab 15 interessiert. Die Anfangsjahre waren für mich wie ein Rausch, ich war ja noch so jung. Mir hat es einfach Spaß gemacht, auf der Bühne zu stehen, zu singen und vom Publikum gefeiert zu werden.

einestages: Dabei hatten Sie zuvor in relativ bescheidenen Verhältnissen gelebt.

Simons: Stimmt. Mein Vater schuftete als Köhler, und nach der Arbeit half er noch meiner Mutter in unserer Gastwirtschaft. Er hatte seine Eltern schon sehr früh verloren und hatte seine zwei Geschwister durchbringen müssen. Darum war er schon mit 14 unter Tage gegangen.

einestages: Wie war die Beziehung zu Ihrer Mutter Johanna?

Simons: Sehr gut, da war immer viel Liebe. Mutter ist heute 82, lebt fünf Minuten von mir entfernt, fährt Auto und ist noch ganz klar im Kopf. Wobei ich sagen muss, dass ich eher ein Papa-Kind bin.

einestages: Wie kommt's?

Simons: Mein Vater war immer mein Vorbild, vor allem charakterlich. Er war ein Mann mit großem Herzen, aber auch Ecken und Kanten. Er konnte sich mit seiner Meinung auch mal unbeliebt machen. Das hat mich geprägt. Wie oft habe ich meine Mutter sagen hören: Du bist genau wie dein Vater!

einestages: Dabei war Ihr Image als Superstar Heintje doch vor allem romantisch, sanft, verträumt…

Simons: …und lieb, lieb, lieb!

einestages: Geriet Heintje denn auch mal so richtig in Rage?

Simons: Na klar. Ich bin oft in Rage geraten, aber ich war immer so abgeschirmt, das hat dann keiner mitbekommen. Ich war ein genauso gutes oder schlimmes Kind wie alle anderen auch. Hab Bockmist gemacht mit Freunden oder mit Hansi Kraus, mit dem ich die "Lümmel"-Filme gedreht habe. Ich war schon öfter mal impulsiv. Image macht man ja auch nicht immer selbst.

einestages: Die Mädchen, heißt es, seien Ihnen damals in Scharen nachgelaufen - hatte Heintje Groupies?

Simons: Mädchen? Frauen!! Erwachsene Frauen schickten mir Heiratsanträge, als ich 14 war. Die Botschaft war immer: Warte auf mich! Wahnsinn…

einestages: Ihre Karriere verlief nach "Mama" steil. Mit "Du sollst nicht weinen" hatten Sie einen weiteren Hit, komponiert von Ralph Maria Siegel. Mit seinem Sohn Ralph Siegel junior haben Sie dann auch zusammengearbeitet.

Simons: Wir haben zwei Alben gemeinsam gemacht. Aber in der Firma von Ralph Siegel drehte sich immer alles nur um den Grand Prix d'Eurovision. Alles andere war zweitrangig. Das konnte schon nerven.

einestages: Wollte er Sie nie überreden, auch mal teilzunehmen?

Simons: Das hätte er nicht geschafft! Ich halte nicht viel von dieser Veranstaltung. Mir wurde damals auch von meinem Management davon abgeraten. Denn ein Flop beim Grand Prix konnte deine Karriere beenden. Ich war erfolgreich und hatte keine Not, da mitzumachen.

einestages: Verfolgen Sie heute dennoch den Eurovision Songcontest zu Hause auf der Couch?

Simons: Ganz selten. Mir ist das zu viel Gerechne und politisches Kalkül bei der Punktevergabe. Außerdem kommt es heutzutage mehr auf die Show-Inszenierung als auf die Lieder an. Das ist mir zu gekünstelt.

einestages: Manchen ist sicher gar nicht bewusst, dass Heintje früher auch weltweit erfolgreich war.

Simons: Ich bin durch die USA, Australien, Südafrika getourt und sogar in Indonesien aufgetreten. Ich habe immer in der jeweiligen Landessprache gesungen, auch in Afrikaans. Mit dem englischen "I'm your little boy" gelang uns ein internationaler Hit. Vor Kurzem bin ich übrigens in China gewesen und habe in deren größter TV-Show gesungen, Chinesisch, versteht sich.

einestages: Stimmt es, dass Sie sogar ein Angebot aus Hollywood hatten?

Simons: Ja. Nachdem ich ein paarmal in Las Vegas in der TV-Show "Coast to Coast" aufgetreten war, bot mir die Produktionsfirma MGM einen fetten Vertrag über sieben Jahre an. Den hat mein Manager abgelehnt.

einestages: Warum?

Simons: Bedingung war, dass ich fortan viermal im Jahr mindestens vier Wochen in den USA auftreten musste. Aufgrund unserer Verpflichtungen in Deutschland war dies nicht machbar. Nachdem wir den Vertrag abgelehnt hatten, war für mich in Amerika vom einen auf den anderen Tag Schluss. Ich wurde nie wieder eingeladen. Heute bereue ich diese Entscheidung. Man weiß nicht, wie es gelaufen wäre.

einestages: Bis 1971 haben Sie sechs Filme gedreht. Warum war damit dann plötzlich Schluss? Hat Sie eine Schauspielkarriere nie gereizt?

Simons: Ganz ehrlich, ich habe einfach keine Angebote mehr bekommen. Als 1977 mein Manager Kleijngeld starb, hatte ich niemanden mehr, der sich professionell um meine Karriere kümmerte.

Mir war immer klar, dass ich die Rollen nicht aufgrund meiner schauspielerischen Fähigkeiten bekommen hatte, sondern wegen meiner Popularität. Egal, was man damals mit mir machte - es wurde zu Gold. Auf heute übertragen war ich eine One-Man-Boyband.

einestages: Wurde dieser frühe Erfolg später belastend?

Simons: Ich hatte immer mit "Heintje" zu kämpfen. Alle meine Veröffentlichungen wurden mit den großen Erfolgen von damals verglichen. Mein Manager und ich wussten, dass das, was war, nicht mehr zu toppen war. Als Kind war ich - ich bin jetzt mal überheblich - konkurrenzlos. Mit 20 war ich dann in einer Sparte mit anderen Sängern, unter denen der Kuchen aufgeteilt werden musste.

einestages: Sie haben sich dann ein überraschendes zweites Standbein geschaffen.

Simons: Ja, ich betreibe heute noch den Reiterhof in Belgien, unweit von Aachen, den ich seit meinem 18. Lebensjahr besitze. Dort stehen 60 Pferde, sechs davon gehören mir. Pferde sind meine große Leidenschaft. Ich bin früher viel geritten, habe auch schwierige Springprüfungen abgelegt. Heute reiten meine drei Kinder - und ich begleite sie zu Turnieren.



insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
Ralf Krasssek, 11.08.2015
1. Viel Erfolg !!!
Sie wurdrn mir immer als Beispiel vorgehalten, wie ich denn zu sein hätte. Eigentlich eine Hassliebe )))). Leider waren Sie nicht adoptierbar.
dieter lucks, 11.08.2015
2. Angenehmes Interview
Der Junge oder Mann hat das wahre Leben begriffen.
Hans Bilger, 11.08.2015
3. Die Musik von Heintje
dudelte immer bei meiner Großmutter. Wahrscheinlich war mein Verhältnis zu ihr deswegen sehr unterkühlt. Die Schnulzen waren einfach grauenhaft. Und diese Filme! Immer dasselbe... Naja, ich muss sie ja nicht ansehen. Allerdings: Respekt habe ich nach dem Lesen des Interviews vor Heintje bekommen. Einer, der trotz der frühen Erfolge auf dem Boden blieb, sein Hobby zur Existenzgrundlage machte und anscheinend nicht seine ganze Kohle zum Fenster rauswarf. Da könnten sich so manche andere ne Scheibe von abschneiden :-)
Andreas Kehrwald, 11.08.2015
4. Der Mief von 1000 Jahren
Heintje verkörpert die Friede Freude Eierkuchen Ära der 60er Jahre, die Schnulzenkultur des Vergessens, wo die bösen Buben noch mit dem Lineal in der Schule Prügel bezogen, die lieben hingegen ein Stück Schokolade vom Pastor. Dieser Kultur ist Herr Hein offensichtlich bis heute treu geblieben, geliebt von Bunte bis bild, schätze ich mal. Zum Glück gab es ab dieser Zeit auch andere Menschen und Musik, für die Geschichte nicht 1946 begann und die trotzdem oder deshalb auch in die Zukunft blickten. Nennt sich bis heute Rock n Roll und setzte sich gnadenlos ab von diesem grässlichen und verlogenen Schlagergedudel.
Jochen Hoffstätter, 11.08.2015
5. #3
Der Hype um Heintje war schon krass. Seinem Manager hat er offensichtlich weit mehr zu verdanken als das dieser das Geld zusammgehalten hat!
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