Helden meiner Kindheit Schabernack mit Luzie und Pan Tau

Helden meiner Kindheit: Schabernack mit Luzie und Pan Tau Fotos
Cinetext

Unsichtbare Pantomimen und lebende Knetfiguren: Die tschechoslowakischen Filmstudios Barrandov sind bekannt für fantasievolle Kinderserien. Florian Heiser erinnert sich an die schönsten Szenen, die seinen kindlichen Übermut inspirierte - zum Schrecken seiner Eltern. Von

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Bis 1989 waren Länder Osteuropas wie die Tschechoslowakei und die Sowjetunion im Westen vor allem wegen eines ganz speziellen Exportgutes bekannt: ihrer unvergleichlichen Kunst, Märchen zu verfilmen. Auch ihre Fernsehkinderserien waren äußerst beliebt. Umso mehr freute es mich, als ich erfuhr, dass einige meiner tschechoslowakischen Lieblingsserien endlich auf DVD erscheinen sollten.

Eine Begebenheit, die ich während meines Zivildienstes in einem Altersheim erlebte, illustriert, wie begeistert die Filme aus den siebziger und achtziger Jahren aufgenommen wurden: Ich hatte zusammen mit einem Pfleger einer alten Dame Frühstück zubereitet und ihr den Fernseher angestellt, dabei stießen wir auf die tschechoslowakische Serie "Die Märchenbraut". Die Frau, die nur an guten Tagen Regung zeigte, blühte geradezu auf, verrenkte den Hals, damit sie den Fernseher richtig sehen konnte und fing herzlich an zu lachen.

Für meine beiden Serienfavoriten "Pan Tau" und "Luzie, der Schrecken der Straße" war das Drehbuch- und Regie-Gespann Ota Hofman und Jindrich Polák verantwortlich. Milos Macourek und Vaclav Vorlicek bildeten ein weiteres Erfolgspaar, entwickelten sie doch nicht minder fantasievolle Serien wie "Der fliegende Ferdinand" und "Die Rückkehr der Märchenbraut". All diesen Serien ist gemeinsam, dass sie mit sehr eingängigen Titelmelodien beginnen, die aus der Feder des bekannten Film- und Fernsehkomponisten Karel Svoboda stammen. Seine bekannteste Melodie aber ist wohl die der "Biene Maja".

Pan Tau, der unsichtbare Lebenshelfer

Pan Tau wurde von Otto Simanek gespielt. Er war der Freund aller Kinder, auch meiner. Im schwarzen Anzug, mit Melone, Regenschirm und einer weißen Nelke im Knopfloch vermochte er Beachtliches: Er war für Erwachsenen unsichtbar. Denn Pan Tau konnte zaubern, sich ganz klein machen und sogar fliegen. Gesprochen hat Pan Tau in den ersten zwei Staffeln nicht. Seine Sprache war die Pantomime.

Auch ohne große Worte, oder möglicherweise gerade deshalb, hatten die Kinder ihren Spaß mit Pan Tau und erlebten viele lustige Geschichten. Einmal half Pan Tau seinem Schützling dabei, auf dem Rummel das Hau-den-Lukas-Spiel zu gewinnen. Ein Mann, der dem kleinen Jungen unterlegen gewesen war, wollte seine Stärke beweisen und verbog ein Stück Metall. Der Junge, seinen unsichtbaren Assistenten Pan Tau an der Seite, konnte mit dessen Hilfe triumphal mithalten und formte aus der verbogenen Stange ein Herz, das er einem Mädchen schenkte. Ach, das hätte ich in dem Alter auch nur zu gerne gekonnt! Aber meine Eltern rissen mich aus meinen Träumen. Sie bläuten mir ein, nie mit fremden Männern wie Pan Tau mitzugehen. In ihren Augen war es wohl zu wahrscheinlich, dass sie nicht so nett sein würden wie mein persönlicher Fernsehheld.

"Luzie, der Schrecken der Straße" war eine Miniserie in sechs Folgen, die 1980 - genauso wie "Pan Tau" - in Koproduktion mit dem WDR gedreht worden war. Luzie hatte Langeweile, was ich damals nicht recht nachvollziehen konnte, denn in unserer Nachbarschaft lebten viele Kinder, mit denen ich mich gut verstand. Aber Luzies Wunsch, einer Bande anzugehören, den kannte ich gut. Luzie wollte bei der Oswald-Bande mitmachen und mit ihr umherziehen. Doch für Anführer Oswald musste Luzie eine Aufnahmeprüfung bestehen. Sie sollte in einem Laden etwas stehlen.

Katastrophale Inspirationen

Natürlich gefiel das meinen Eltern ganz und gar nicht. Mutproben sind etwas Schlimmes, sagten sie. "Lass dich nie darauf ein!" Luzies Mutprobe hatte allerdings weitreichende und magische Folgen. Die Knetmasse, die sie gestohlen hatte, verwandelte sich nämlich in zwei Figuren, die Luzie auf Friedrich und Friedrich taufte. Die beiden sorgten für eine Menge Trubel, Spaß und Chaos.

Ich war so begeistert von Luzie, dass sie mich sogar zu dem ein oder anderen Scherz inspirierte: In einer Luzie-Folge wurde eine Wohnung überschwemmt und die Heldin schwamm auf einer Couch durch die häuslichen vier Wände. Insgeheim wusste ich zwar, dass so etwas nicht sein konnte und durfte, aber ich versicherte meinen Eltern glaubhaft, dass ich das auch probieren würde. Sie nahmen mir meine kindliche Naivität ab und sorgten sich tagelang um die Wohnung.

Als ich Jahre später auf einer Abi-Reise das erste Mal in Prag war und eine Stadtrundfahrt uns an den Filmstudios Barrandov vorbeiführte, war mir nicht klar, dass die Helden meiner Kindheit hier zum Leben erweckt worden waren. Die bewegte 75-jährige Geschichte der Filmstudios Barrandov war mir damals genauso wenig bekannt wie die Tatsache, dass ihr Gründer Vaclav Havel war, der Vater des gleichnamigen ehemaligen Präsidenten der Tschechischen Republik, und dass der berühmte Film "Yentl" mit Barbra Streisand hier gedreht wurde.

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Petra Wilhelmi 05.06.2009
Zauberhafte Kinderserien sind es. Damals, da war unser Sohn noch klein, gehörten die ins feste Familienrepertoire. Wenn "Lucie der Schrecken der Straße" oder "Pan Tau" im Fernsehen angesetzt waren, dann haben wir uns vor ihm und alle geschaut. Schön zu hören, dass sie als DVD aufleben.
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