Helden meiner Pubertät Der späte Triumph eines männlichen A-ha-Fans

Magne oder Morten? Wer waren die Jungs, für die die schönsten Mädchen der Schule so schwärmten? Nachdem Andreas Abel das herausgefunden hatte, war auch er schwer begeistert - von der Musik. Doch für einen Zwölfjährigen war es Mitte der Achtziger nicht leicht, sich als a-ha-Fan zu outen.


Endlich. Das Warten hatte ein Ende. Sie waren wieder da. Im Jahr 1999 las ich im Internet davon, dass meine Lieblingsband aus Teenagerjahren wieder von den Toten auferstanden war. Bereits ein Jahr zuvor traten sie anlässlich der Nobelpreis-Verleihung in Oslo live mit einem neuen Lied auf. Die Helden meiner Pubertät planten ein Comeback. Ich war begeistert.

Im Internet schaute ich mir die verpixelte Version des Auftritts immer wieder an. "Summer moved on", der Sommer zog weiter, hieß das Lied. Passender konnte die Wiederkehr meiner Jugendidole nicht umschrieben werden.

Recherchen im Klassenzimmer

Ich erinnerte mich an ein Erlebnis auf dem Schulhof. Ich war in der sechsten Klasse - im Frühjahr 1986. Zwei Klassenschönheiten, mit denen ich morgens im Schulbus fuhr, stritten darüber, wer "der Süßere von beiden" sei: "Magne oder Morten?" Codewörter, eine Geheimsprache? Die Namen sagte mir nichts. Ich sah mich gezwungen, herauszufinden, wer die beiden Kerle waren.

Zwangsläufig stieß ich bei den investigativen Recherchen in meiner Klasse auf eine Ausgabe der "Bravo". Ein Magazin, das mir in meinem zarten Alter von 12 Jahren nur vom Hörensagen bekannt war, wurde zum Brockhaus meiner Jugend. Erstmals erblickte ich die beiden "Süßen". Aha, das waren also die Knilche, die das Interesse der Perlen unserer Schule gefunden hatten und die "so süß" sein sollten. Dort stand so etwas wie: "Das sind die niedlichen Typen aus dem geilen Video. Sänger Morten Harket, Keyboarder Magne Furuholmen und Gitarrist Pal Waaktaar. Take on me!"

Vor meiner Begegnung mit a-ha hatte ich meine außerschulische Freizeit damit verbracht, einem kleinen schwarz-weiß gefleckten Ball hinterherzulaufen und mit meinem Kassetten-Rekorder bei meinem Lieblingssender "SR1 - Europawelle" die neuesten Hits aufzunehmen. Der mühsame, zeitaufwändige aber legale Vorgänger des heutigen digitalen MP3-Raubs. Da war mir auch der große a-ha-Hit "Take on me" schon einmal untergekommen. Das Lied - heute würde man wohl eher sagen: der Song - war eigentlich ziemlich gut. Auch die Nachfolger-Single "The sun always shines on tv" traf meinen Geschmack, obwohl ich zuerst dachte, dass sich der Gesang doch stark nach der britischen Band Orchestral Manoeuvres in the Dark, kurz "O.M.D." anhörte.

Falsett-Stimme mit christlichem Hintergrund

Kurz gesagt: Ich fand die Musik gut. Die Mädels fanden die "Boys aus Norwegen" (so hieß das damals in der "BRAVO"), wohl eher optisch als klanglich süß. Mich beeindruckten neben der Akustik vor allem die Interview-Äußerungen der Band. In einer Zeitschrift wie der "BRAVO" waren die Jungs von a-ha neben Sternchen wie Samantha Fox, Sabrina oder ähnlichen Hupfdohlen intellektuelle Giganten und angenehm unangepasst.

Morten, der Sänger mit der Falsett-Stimme, fand in jedem Interview Gelegenheit, auf seinen christlichen Glauben hinzuweisen. Die Band berief sich auf die "Beatles" und die "Doors"- der Musik wegen, nicht des Starkults. Die Beatles hatte schon mein Vater gut gefunden. Der Kreis schloss sich. Auch wenn es mich irritiert, dass mein Vater inzwischen reges Interesse an den Kastelruther Spatzen zeigt. Aber das ist ein neues Thema...

Irgendwie fand ich mich in den Melodien und den Texten, die ich versuchte, ohne Englischkenntnisse zu übersetzen und zu interpretieren, wieder. Sie sprachen etwas in mir an, brachten etwas zum Klingen. Ich wurde zum heimlichen a-ha-Fan. Eine dunkle Obsession, denn die gleichaltrigen Jungs hörten "Slayer", "Manowar", "Die Toten Hosen" oder "Die Ärzte". A-ha galt als schwul. Und "Schwulsein" war in der achtziger Jahren kein Attribut für Coolness. Um es vorsichtig auszudrücken: Ich versuchte meinen Musikgeschmack nicht als leuchtende Monstranz vor mir her zu tragen, auch wenn ich sie nicht verleugnete.

Trennung zu Abizeiten

Der "BRAVO"-Hype um a-ha erkaltete um das Jahr 1989 - was mir sehr gelegen kam. A-ha wollten ihr Teenie-Image ablegen. Die Musik, die immer ernster wurde und immer weniger Synthie-Pop war, gefiel mir immer besser.

Anfang der Neunziger trennten sich die Wege der drei Norweger. A-ha als Teenie-Produkt funktionierte nicht mehr. Morten, Magne und Pal gründeten Familien, starteten Solo-Karrieren oder gründeten neue Bands. Ich hatte 1993 mein Abi in der Tasche. Auch für mich begann ein neuer Lebensabschnitt.

Ich entdeckte meine Liebe zu elektronischer Musik und lernte meine jetzige Frau kennen. Ich hörte anfangs Trance und später House, wurde zum semiprofessionellen DJ. Konzerte besuchte ich in den Neunzigern seit einem Guns'N Roses-Konzert in den Neunzigern keine mehr. stattdessen waren Elektronikgötter wie Sven Väth und durchtanzte Nächte in stickigen kleinen Clubs angesagt.

Bis zum Jahr 1999, als die drei Norweger mit "Summer moved on", einer klassischen a-ha-Ballade, ihr Comeback starteten.

Bunte statt Bravo

Im April 2000 folgte das Album "Minor earth major sky". Ich war richtig stolz, dass a-ha mit ihrem erwachsen gewordenen Pop, der zu Teilen rockiger und nachdenklicher geworden war, immer noch meinen Geschmack trafen. Endlich wurden sie so wahrgenommen, wie sie sich selber sahen: Als Alternative-Rock-Combo. Die neuen Lieder waren der Hammer.

Statt der "BRAVO" interessierten sich plötzlich Magazine wie "Bunte" oder das Feuilleton von "FAZ" und "Süddeutscher Zeitung" und "Der SPIEGEL" für die ehemalige Teenie-Band, die 1986 noch von der BILD-Zeitung als die Nachfolger der "Beatles" gefeiert worden waren. Es zeigte sich, dass die ehemaligen Fans mittlerweile auch in die Redaktionen seriöser Zeitungen aufgestiegen waren und sich der guten alten Zeiten gerne erinnerten.

Der erste umjubelte Fernseh-Auftritt nach dem erklärten Comeback war folgerichtig mit "Summer moved on" bei "Wetten, dass...?". Ich saß als 26-jähriger Rechtsreferendar vor dem Fernseher - aufgeregt wie ein Teenager. Der Auftritt führte dazu, dass die Single in der Woche danach sofort in ganz Europa in die Charts schoss.

Verschüttete Emotionen

Die Comeback-Tour erlebte ich im November 2000 in Frankfurt. Man glaubt nicht, was in einem erwachsenen Körper vorgeht, wenn Lieder erklingen, die so eng mit der eigenen Pubertät und den damit einhergehenden Erlebnissen und Gefühlen (erste Liebe, Kummer, Partys) verbunden sind. Plötzlich sind alle diese verschütteten und vergessen Emotionen wieder da.

Die Stimme von Morten Harket live geht einem tatsächlich immer noch durch Mark und Bein. Ich habe mal mitgestoppt: Er hält bei "Summer moved on" einen Ton - sage und schreibe - 17 Sekunden lang.

Aber das Live-Phänomen, das mir vorher völlig unvorstellbar war, und mir eine Gänsehaut verpasste, war ein ganz anderes: 5000-6000 Leute um die 30 sangen fünf Minuten lang "The living daylights", obwohl das Lied schon vorüber war. A-ha stieg noch einmal ein und spielte den Refrain weiter. Oder wer einmal die Gelegenheit hat "Hunting high and low" in einem a-ha-Konzert mitzuerleben, der weiß, was die Generation der achtziger Jahre im Innern verbindet. Unbeschreiblich...

a-ha als Trendsetter

Man konnte später lesen, dass a-ha selbst eine solche Resonanz vorher nie für möglich gehalten hätten. Man konnte es tatsächlich an diesem Abend an ihren Gesichtern ablesen.

Als a-ha im Zuge dieses Comebacks auch in den Medien wieder stattfand und in den Charts wieder auftrat, outeten sich plötzlich viele Freunde und Bekannte von früher als latente a-ha-Fans. Heute berufen sich sogar Bands wie "Coldplay" oder "Keane" bei der Frage nach ihre musikalischen Wurzeln auf a-ha.

U2 geben sogar zu, dass ihr "Beautiful day" aus "The sun always shines on tv" geklaut ist. Ich fühlte mich bestätigt und bestärkt. Frei nach dem Motto: "Ich hab's doch schon immer gewusst!"

Mit dem dritten und vorerst letzten Album im neuen Jahrtausend, "Analogue", schafften a-ha erstmals seit den 80er Jahren auch den Sprung in die UK Top 10. In England hatten sie mit einem Nummer-Eins-Hit in 1985 ihre Karriere gestartet.



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jessica neumann, 23.03.2008
1.
Hallo! Weiss nicht, ob ich das hier alles richtig mache, hab mich gerade erst registriert...Ich war auch ein grosser A-ha-Fan und war ganz ergriffen von dem Bericht.Wenn ich heute alte Songs höre, werde ich sofort in meine Teeniejahre zurückversetzt-diese wichtigen Jahre, in denen so viel passiert und A-ha hat mich begleitet, auch ich habe die Texte übersetzt, jeden Schnipsel ausgeschnitten und gesammelt... Allerdings war ich ein Mädchen und es war ok, Fan zu sein.Hab mich natürlich auch so gestylt und Norwegen fand ich auch ganz toll, war auch mal da.Ich fand übrigens Magne am Süssesten :-) Vielen Dank für diesen schönen Bericht!
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