Helgoland-Fotograf Franz Schensky Der Insel-Begabte

100.000 Bilder von Helgoland: Jahrzehntelang fotografierte Franz Schensky seine Heimat. Der Künstler wurde als Star gefeiert, als Verräter geschmäht, nach dem Tod vergessen. Bis man einen Keller entrümpelte.

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Der Kerl konnte einen in den Wahnsinn treiben. "Weiter nach links! Wieder zurück! Wir warten jetzt, bis die Wolke da drüben ist!" Noch mit 83 Jahren bellte der Fotograf seine Kommandos; wer ihn raus aufs Meer fuhr, brauchte starke Nerven. "Nichts habe ich richtig gemacht, ständig wurde ich beschimpft", brummt Kapitän Erich-Nummel Krüss, der den betagten Perfektionisten 1954 zur Pfingst-Regatta rund um Helgoland durch die Wellen kutschierte.

Die Qual lohnte sich: Niemand hat den Mythos der meerumtosten Insel am Rande Europas so eindrücklich eingefangen wie Franz Angelo Schensky. Rund 100.000 Helgoland-Fotos schoss er im Laufe seines Lebens, kaum ein Insulaner, der nicht mindestens einmal von ihm porträtiert worden wäre.

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Helgoland-Chronist Schensky: "Was ist schon Zeit, wenn man dafür das perfekte Foto bekommt?"

Schenksys Aufnahmen spiegeln die dramatischen Geschicke der Insel in allen Phasen - von der Deutschwerdung 1890 über den Ausbau zur kaiserlichen Seefestung und waffenstrotzenden NS-Marinebastion bis zur kompletten Zerstörung und dem Wiederaufbau.

Schenksy war der einzigartige Helgoland-Chronist. Zugleich steht sein Leben exemplarisch für das, was die Insel als mal dänischer, mal britischer, mal deutscher Spielball zwischen den Großmächten im vergangenen Jahrhundert durchlebt hat.

Im Doku-Drama "Heimat Helgoland - Der Fotograf und seine Insel" rückt der NDR ihn ins Zentrum: der Ausnahmefotograf (stark verkörpert von Schauspieler Michael Mendl) als Sinnbild für die Zerrissenheit der Helgoländer auf ihrem kleinen Sandsteinfelsen mitten im Meer - die nie darum gebeten hatten, deutsch zu werden.

Doku-Drama "Heimat Helgoland - Der Fotograf und seine Insel", am 3. Oktober 2017 ab 20:15 Uhr im NDR

Trotzdem wurde Helgoland ab 1890 zum Außenposten des Deutschen Kaiserreichs. Im Gegenzug erkannte Berlin britische Kolonialinteressen in Ostafrika an. Franz Schensky dokumentierte den Moment der feierlichen Übergabe vor dem Gouverneurspalast am 9. August, ein Meer aus Matrosenhüten und schwarzen Zylindern. Für sein Geschäft war Helgolands Deutschwerdung ein Segen: Fortan drängten noch mehr Urlauber auf die mondäne Ferieninsel und wollten vom "Kaiserlichen Hofphotografen" porträtiert werden.

Unter Spionageverdacht

Mit den neuen Herrschern konnte sich Gentleman Schensky, geboren 1871 als unehelicher Sohn des letzten britischen Gouverneurs der Insel, Sir Henry Berkeley Fitzhardinge Maxse, jedoch nicht anfreunden. Er war der deutschen Regierung höchst suspekt und galt gar als britischer Spion: ein Verräter "in direktem Depeschenkontakt mit England", so ein auf Helgoland tätiger Spitzel, der probritische Aktivitäten aufdecken sollte.

Dass der anglophile, hochgebildete Fotograf tatsächlich Agent war, hält Inselhistoriker und Helgoland-Museumsleiter Jörg Andres für unwahrscheinlich. Aber Schensky konnte es nicht recht sein, wie die Deutschen seine Heimat mit Kanonen pflasterten und zum Flottenstützpunkt hochrüsteten. Mit Kriegsbeginn 1914 mussten die Helgoländer ihr Eiland verlassen. Schensky schrieb damals:

"Friedlich lag die Insel im hellen Sonnenschein, und als nun der rote Felsen zum letzten Mal nach seinen Einwohnern hinüber grüßte, da wurde den Helgoländern die Trennungsstunde doch schwer, und heimlich feuchtete sich manches Auge."

Als die Helgoländer nach Ende des Ersten Weltkriegs zurückdurften, fanden sie ihre Häuser zerstört und geplündert von deutschen Soldaten. Entsetzt machte sich Schensky für eine Rückkehr zu Großbritannien stark, wie Historiker Jan Rüger in seinem Buch "Helgoland. Deutschland, England und ein Felsen in der Nordsee" herausstellt, das am 13. Oktober erscheint.

Heimweh nach Großbritannien

Im Januar 1919, so Rüger, schrieb Schensky gemeinsam mit dem Helgoländer August Kuchlenz an den britischen Premier David Lloyd George: "Die Einwohner von Helgoland denken immer an die ruhmreichen Zeiten zurück, die sie unter der britischen Flagge genießen konnten." Man sei "voll und ganz der Meinung, dass wir jetzt wieder zu unserer alten Fahne zurückkehren sollten".

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Jan Rüger:
Helgoland

Deutschland, England und ein Felsen in der Nordsee

Propyläen Verlag; 528 Seiten; 28 Euro.

Doch Helgoland blieb deutsch. Und bald wehte die Hakenkreuz-Flagge über der Insel, verfärbte sich der Rote Felsen tiefbraun. Mehrfach besuchte Adolf Hitler die nach dem Ersten Weltkrieg demilitarisierte Insel - in seinen Augen das perfekte Symbol für die "Schmach von Versailles". Schensky lichtete den "Führer" auf Helgoland ab, fing den Freudentaumel der Menschen ein.

Der Fotograf selbst jubelte nicht: "Noch am Tag der 'Machtergreifung' nahm sich Schensky aus Protest gegen Hitler sein Menjou-Bärtchen ab", erzählt Inselhistoriker Andres. Und schürte so den Hass der örtlichen Nationalsozialisten.

"Du sollst verrecken, Freund der Juden"

"Wir lebten in Angst und Schrecken", zitiert Schensky-Biograf Wilhelm Rösing die Tochter des Fotografen. Lotte Schensky berichtete, wie drei Tage nach der sogenannten"Reichspogromnacht" im November 1938 SA-Männer vor das Haus der Familie zogen, Haustür und Fenster einwarfen und brüllten: "Franz Schensky, komm herunter, du sollst verrecken, Freund der Juden."

International wurde der Fotokünstler gefeiert und mit Preisen überhäuft, in seiner Heimat schikaniert. Seinem Beruf nachgehen durfte er nicht mehr: Mit dem Ausbau Helgolands zur gigantomanischen Kriegsfestung wurde 1938 ein Fotografierverbot verhängt. Schensky setzte sich darüber hinweg.

Als britische Brandbomben am 15. Oktober 1944 sein Haus, sein Archiv, sein Lebenswerk in Schutt und Asche legten, stieg er auf den höchsten Punkt der Insel und hielt das Inferno im Bild fest. Nüchtern, sorgfältig komponiert, als würde er die Brandung oder eine Möwe im Sturzflug ablichten. Getreu seinem Motto: "Was ist schon Zeit, wenn man dafür das perfekte Foto bekommt?"

Die Heimat, ein Trümmerfeld

Noch als alter Mann zog Schensky mit seiner Glasplattenkamera über die Insel - die der letzte britische Bombenangriff des Zweiten Weltkriegs auf Deutschland im April 1945 in ein Trümmerfeld verwandelt hatte. "Seine Liebe zu seinem Beruf wurde Besessenheit", schrieben die "Schleswiger Nachrichten". Dank Ausnahmegenehmigung durfte Schensky das Eiland betreten, das den Briten seit Kriegsende als Bomber-Übungsplatz diente.

Die Rückkehr indes blieb ihm versagt: Beim "Big Bang" 1947 versuchten die Briten, die Nazi-Seefestung mit 6700 Tonnen Munition zu sprengen. Danach war Helgoland jahrelang unbewohnbar; bis 1952 blieb die Insel unter britischer Hoheit. Schensky starb dort, wo er nie leben wollte - im Exil in Schleswig. Unablässig erklang das Lied "Rolling Home", als sein Leichnam im Zinksarg nach Helgoland überführt wurde.

Von den Insulanern beweint, wurde der Fotograf vom Rest der Welt vergessen. Mit dem Siegeszug der Farbfotografie verblasste sein Ruhm, die Schensky-Aufnahmen wurden, so Biograf Rösing, als "Heimatfotografie" abgestempelt. Gerade gut genug als Postkartenmotive, wie sie Lotte und Maria Schensky im wiedereröffneten "Fotogeschäft Schensky" verkauften.

Foto-Schatz im Keller

Als die beiden Frauen Anfang der Siebzigerjahre von der Insel zogen, interessierte sich kaum jemand noch für ihren Vater. Dabei hatte dieser Pionier seiner Zunft das Leben riskiert, um im Auge des Sturms die perfekte Welle abzulichten - seekrank auf dem Boden des Ruderbootes liegend, ständig in Angst, dass die Gischt sein Negativ zerstören würde.

Schenskys sperriges Vermächtnis ließen die Töchter im Keller stehen: 1400 Glasplattennegative in unbeschrifteten Kartons. Der Fotograf hatte sie im Krieg heimlich von der Insel geschafft und so vor der Zerstörung bewahrt.

Jahrzehntelang schlummerte der Fotoschatz im Bauch der Insel - bis der Keller 2003 entrümpelt wurde und man die Platten entdeckte. Sie gingen in den Besitz des Fördervereins Museum Helgoland über und wurden in einem Speziallabor in Karlsruhe restauriert.

"Wenn mir ein gutes Bild im Jahr gelingt, bin ich ein glücklicher Mann", pflegte Schensky zu sagen. Nun ist zumindest ein Bruchteil seiner Fotokunst gerettet. Und damit die Erinnerung an einen der sonderbarsten Zipfel Deutschlands.

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Thomas Günzel, 03.10.2017
1. Kleiner Hinweis zum Foto Nr. 21
Entweder ist die Datierung des Fotos falsch oder die Zuordnung zu Franz Schensky, der im Januar 1957 verstarb. Die Aufnahme mit der Gaststätte stammt aber definitiv nicht aus dem Januar 1957 - entweder wurde sie schon 1956 gemacht oder sie stammt nicht von Franz Schensky! Davon abgesehen: Dankeschön für den informativen Artikel und die Wiedergabe dieser starken Fotografien aus einer vergangenen Zeit! Mit freundlichem Gruß Thomas Günzel
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