DDR am Ende Ich wollte Freiheit und bekam Kohl

Die Mauer war weg. Ostdeutschland erlebte ungeahnte Momente der Freiheit, alles schien möglich. Und dann kam ausgerechnet Helmut Kohl - wie der Leipziger Holger Dambeck die Wendezeit erlebte.

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Der 2. Dezember 1990 war ein Schock für mich. An diesem Tag hatte Helmut Kohl die erste Bundestagswahl gewonnen, bei der auch Ostdeutsche abstimmen durften. Ich hatte die Wende in Leipzig miterlebt, wollte die DDR wie viele andere kritische Bürger zu einem freien, demokratischen Land umbauen. Und dann bekam ich Kohl als Kanzler.

In den Monaten nach dem Zusammenbruch des SED-Staats herrschte in Ostdeutschland fast schon Anarchie. Die Menschen hatten plötzlich ungeahnte Freiheiten. Polizei und Behörden waren angezählt und trauten sich kaum noch, offensiv aufzutreten. In diesem Machtvakuum konnte man machen, was man wollte. Eine Kneipe in einem leerstehenden Haus aufmachen, ein Kulturzentrum gründen, eine Konzertagentur oder einen Gebrauchtwagenhandel. Alles war möglich - man musste es nur machen.

Mit Kohl als Kanzler, so dachte ich damals, war der Traum von einem besseren, freieren Land endgültig ausgeträumt. Die Stockkonservativen würden schon bald alle Projekte und Initiativen abwürgen, die ihnen nicht in den Kram passten.

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Helmut Kohl: In Leipzig gefeiert, in Halle beeiert

Heute weiß ich: Ich lag falsch. Meine Heimatstadt Leipzig blühte in den folgenden Jahren auf - auch dank der Vielfalt, die in dieser Stadt immer möglich war. Egal ob Kohl nun Kanzler war oder nicht.

Ich habe Kohl nur einmal persönlich gesehen. Aus sehr großer Entfernung am 14. März 1990, als er in Leipzig Wahlkampf für die "Allianz für Deutschland" machte. Dahinter standen neben der CDU noch zwei kleinere Parteien.

Der Protest verpuffte

Der Platz vor der Oper in Leipzig war mit etwa 300.000 Menschen gefüllt. Die Kohl-Euphorie war groß Anfang 1990. Praktisch jeder Ostdeutsche war mindestens einmal im Westen gewesen und hatte die vollen Läden gesehen, die man sonst nur aus dem Fernsehen und dem Intershop kannte. Das wollen wir hier auch, dachten viele, ein Leben wie im goldenen Westen - aber eben im Osten. Und Helmut Kohl war der Heilsbringer, der blühende Landschaften versprach.

Ich stand in einer Gruppe von Studenten weit entfernt von Kohls Bühne. Wir protestierten gegen die Kundgebung, wurden dafür beschimpft, es gab ein kleines Handgemenge. Genützt hat unser Protest kaum etwas. Die von Kohl unterstützte Allianz für Deutschland gewann die letzte Volkskammerwahl und stimmte später für die Wiedervereinigung nach Kohls Fahrplan.

Flugblatt für Kohl-Auftritt
Bürgerkomitee Leipzig

Flugblatt für Kohl-Auftritt

Die Ironie der Geschichte ist, dass ich als 20-Jähriger, der damals protestierte, letztlich von Kohls Politik profitiert habe. Die schnelle deutsche Einheit hat mir Chancen eröffnet, die ich womöglich in einer eigenständigen DDR niemals bekommen hätte.

Manche der lautstarken Kohl-Fans aber, die ihm im März 1990 in Leipzig noch zujubelten, wurden später schwer enttäuscht. Vor allem die Älteren erlebten dramatische Umbrüche. Ihr VEB wurde dichtgemacht, sie wurden mit Mitte 50 arbeitslos.

Eier auf den Einheits-Kanzler

Die Kohl-Euphorie im Osten war schon bald verflogen. Am 10. Mai 1991 wurde der Kanzler in Halle als Lügner beschimpft, Eier flogen auf den Mann, der die Einheit durchgeboxt hatte. Blühende Landschaften hatte er versprochen - davon war kaum etwas zu sehen.

Manager von zweifelhaftem Ruf übernahmen ehemals volkseigene Betriebe; oft ging es nur um eine schnelle Abwicklung. Die Ostdeutschen lernten die hässliche Seite des Kapitalismus kennen. Sie wurden von dubiosen Geschäftemachern betrogen. Dass Freiheit auch bedeutet, dass man ihnen ungestraft unnötige Versicherungen und überteuerte Produkte andrehen kann, hatte ihnen niemand erklärt.

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Helmut Kohl in Karikaturen: Die Bergamotte-Birne und der Mantel der Geschichte

Viele ältere Ostdeutsche erlebten in den Neunzigerjahren Enttäuschungen. Ihre Verbitterung gehört zu den Wurzeln der Pegida-Bewegung, die 20 Jahre später in Dresden entstand.

Kohl hatte 1990 das System Bundesrepublik über Ostdeutschland gestülpt. Bis heute fremdeln damit nicht wenige zwischen Zittau und Schwerin. Der Bundestag, die komplizierten Gesetze, die Medien - all das erlebten Ostdeutsche als ein westdeutsches System, in dem sie nicht vorkamen.

Die Wende initiierten ein paar hundert mutige DDR-Bürger

Und dass in Stuttgart, Frankfurt oder Kiel ziemlich viele Einwanderer teils schon seit Jahrzehnten leben, dass diese Deutschland auch nicht mehr verlassen würden: Kohl hatte es bei der Kundgebung 1990 in Leipzig nicht erwähnt.

Mit dem Beginn der Wende in der DDR hatte der Einheitskanzler kaum etwas zu tun. Sie wurde von ein paar hundert mutigen DDR-Bürgern initiiert, die man im Westen als Öko-Spinner, Querulanten und Aussteiger beschimpft hätte.

Diese Menschen standen eher den Grünen und Sozialdemokraten im Westen nahe als der CDU. Sie eröffneten Kohl die Chance, mit der schnellen Wiedervereinigung Geschichte zu schreiben. Er nutzte sie - dafür bin ich ihm heute dankbar.

Ich war aber auch froh, als er 1998 endlich abgewählt wurde. Denn Kohl stand irgendwann nur noch für Stillstand in der Gesellschaft. Und den wollte ich nach dem Ende der DDR möglichst nicht mehr erleben.



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Ulrich Ruecke, 19.06.2017
1. Ich habe auch profitiert, aber der Preis
war hoch. Mir geht es gut. Kann Reisen, habe ein gutes Gehalt. Aber ich bin nicht mehr im Osten. Das Rheinland freut sich, der Osten trauert. Wenn Kohl so sehr gefeiert wird (dafür, dass er zur richtigen Zeit am richtigen Ort war), dann muss ich trotzdem sagen, dass er den Osten ausbluten lassen hat. Meine Gegend ist tot und ohne Zukunft. Danke Helmut.
Stefan Grün, 19.06.2017
2. ohne DM und volle Warenhäuser völlig uninteressant
Die meisten Ossis dachten mit ihrer unwirtschaftlichen Arbeit könnten sie den gleichen Standard wie im Westen erreichen, aber das war ein Trugschluss. Nur die Rentner und die Stasi-/SED Intelligenzrenten haben profitiert, d.h. Leute, die für Folter und Unterdrückung, für Schießbefehl und Mauerbau, bekommen noch ein Sahnehäubchen obendrauf. Der Dicke hat es ihnen ermöglicht, obwohl möglicherweise bei vielen Verbrechen gegen die Menschlichkeit vollzogen wurden.
Robert Maier, 19.06.2017
3. Sympathischer Kommentar!
Als Wessi ohne Verwandte im Osten (die waren im Krieg nämlich alle bis in den amerikanischen Sektor geflüchtet) habe ich den Osten erst nach der Wiedervereinigung kennengelernt. Leipzig, das ich im Rahmen eines Projektes der dortigen Uni oft besucht habe, gehört heute zu meinen Lieblingsaufenthaltsorten in Deutschland. Man hat immer noch den Eindruck, dass diese Stadt wie eine Modelliermasse ist, aus der junge, kreative Leute immer neue Formen zaubern können. Ich hoffe, dass das so bleibt. Und unserer Kanzlerin bin ich natürlich dankbar, dass sie damals an der Moritzbastei mitgebuddelt hat ... ;-) Ach ja: aus Leipzig kamen auch die mutigen Leute, die die Wende in der DDR vorbereitet haben.
Manfred Aerger, 19.06.2017
4. Es ist in der Nachschau tatsächlich erstaunlich ...
Ich habe selbst vom Herbst 1988 bis in den Sommer 1989 (da tauchten dann die ersten Reichskriegsflaggen in den Montagsdemos auf) als Leipziger Student recht aktiv gegen das SED-Regime opponiert, obwohl mir die kirchlich initiierte "Friedensbewegung" eher nicht wirklich nahe stand. Aber ... together we're strong. Anfang 20 war man natürlich trotzdem "links" und wollte seine DDR erneuern. Und den Sozialismus. Hätten wir uns damals durchgesetzt ... es wäre ein Jammer gewesen. Heute geht es mir und meinem Umfeld mehr als nur gut - da muss ich mich posthum bei "Birne" entschuldigen, den wir ob seiner gut versteckten Intelligenz ( :-) ) damals geschmäht haben wie den sprichwörtlichen polnischen Autodieb. Heute vertrete ich IMHO die konservativen Standpunkte, die Kohl damals aufgrund seiner Lebenserfahrung propagiert hat - die Welt ist halt verrückt. R.I.P., Helmut Kohl. Und danke!
Harald Frick, 19.06.2017
5. Mir wurde die Heimat genommen
Jeder hat seine Erfahrungen und Einschätzungen und darf sie auch aussprechen. Ich habe viele tolle Leute kennengelernt nach 1990, aber dieses ureigene Empfinden des wir, des unser, das ist mir abhanden gekommen. Das ist kein Vorwurf an Kohl oder den Wessis und schon gar nicht die Glorifizierung der DDR- Politik. Nein, es ist ein Empfinden dass ich nur einmal entwickeln konnte. Ich hätte mir gewünscht, dass wir nicht unsere Wohnung aufgelöst hätten und gleich fein bei Nachbar rein. Egal, mir gehts gut, materiell und beruflich ging es immer aufwärts, aber eben dieses Gefühl, dieser Pathos für eine Sache, den vermisse ich schon.
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