Helmut Kohl Die pfälzische Saumagen-Diplomatie

Für wichtige Treffen bevorzugte Helmut Kohl privates Ambiente, lotste führende Politiker nach Deidesheim und umgarnte sie in seinem Stammrestaurant, oft erfolgreich. Ein Staatsgast jedoch zeigte ihm die kalte Schulter.

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Von Ariane Stürmer


Als Helmut Kohl mit seinem Gast in dem Pfälzer Nobelrestaurant eintraf, stand das Rote Telefon längst bereit. Die Männer vom KGB hatten es in einem der Zimmer mit dunkler Holzverkleidung aufgebaut. Wappen alteingesessener Familien prangten an den Wänden. Michail Gorbatschow sollte auch in der deutschen Provinz nicht von der Weltpolitik abgeschnitten sein.

Ein Aufgebot wie an jenem 10. November 1990 hatte das 4000-Einwohner-Örtchen Deidesheim noch nicht erlebt. Die Tage vor der Ankunft der beiden Politiker prägten sich Artur Hahn, Besitzer des Deidesheimer Hofs, tief ein: Wochenlang hatte der russische Geheimdienst sein Haus, ein Fünf-Sterne-Hotel und Gourmetrestaurant am zentralen Marktplatz der Weinstadt, "auf den Kopf gestellt". Spürhunde hatten jeden Winkel von Hotelzimmern, Restaurantstuben und -kellern nach Sprengstoff durchsucht. Dann spähten Scharfschützen von den Dächern der umliegenden Häuser durch ihre Zielfernrohre und beobachteten jede Regung der Tausenden Neugierigen auf dem Platz vor dem Restaurant.

Als der blaue Reisebus mit Helmut Kohl und Michail Gorbatschow schließlich eintraf, stiegen die Männer zu den Klängen des alten Volksliedes "Ein Jäger aus Kurpfalz" aus. Eine Kapelle spielte live für den Staatsgast aus dem Osten. Die umstehenden Menschen jubelten den Männern der Einheit zu.

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Helmut Kohl: Heimspiele in der pfälzischen Provinz

Es war die Zeit der Gorbi-Manie, der Kalte Krieg war beendet, die Mauer ein Jahr zuvor gefallen. West- und Ostdeutsche blicken euphorisch in eine gemeinsame Zukunft. "Blühende Landschaften" hatte Helmut Kohl den DDR-Bürgern am 1. Juli 1990 versprochen, als die Währungs-und Wirtschaftsunion in Kraft trat. Gorbatschow richtete ein paar Worte an die Menge, dann zog er sich mit seinem Freund in das Gutshaus zurück - und feierte gemeinsam mit Helmut Kohl die erst wenige Wochen alte Einheit.

Taktiker der Kleinbürgerlichkeit

Helmut Kohl, der am Morgen des 16. Juni 2017 gestorben ist, hat die Idylle seiner Heimat oft für Staatsgespräche in privater Atmosphäre genutzt: Mit seinen Gästen tourte er einen Tag lang im Reisebus durch die Pfalz. Ein bisschen deutsche Geschichte im Speyrer Dom, Ausblicke in die liebliche Natur bei der Fahrt durch die Weinberge, Gemütlichkeit im Deidesheimer Hof. Und zum krönenden Abschluss manchmal sogar Kirschsahnetorte à la Hannelore bei Kohls zu Hause in Oggersheim.

Der Kanzler hoffte damit eine Atmosphäre zu schaffen, in der es sich unbeschwerter über schwierige Themen sprechen ließe als im offiziellen Ambiente etwa des Kanzleramts. Kohl verzichtete bewusst auf allen repräsentativen Pomp eines machtstrotzenden Bonns, er zog sich mit seinen wichtigsten Gästen in die Heimeligkeit der Provinz zurück.

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Der Politologe Gerd Langguth, 2013 verstorben, beschrieb Helmut Kohl als Taktiker, der die deutsche Kleinbürgerlichkeit gezielt für vertrauliche Unterredungen auf höchster politischer Ebene wählte. Abseits der sonst üblichen Hauptstadt-Gastronomie wählte Kohl mit Deidesheim einen Ort seiner Heimat - und eines Deutschlands, das die wenigsten Staatsgäste bis dahin kennengelernt haben dürften.

Auf der Fahrt durch die Pfalz blickten Gorbatschow, Mitterrand, Chirac, Jelzin und Bush senior durch die großen Fenster des Reisebusses hinaus in eine Hügellandschaft voll knorriger alter Mandelbäume und Weinreben, aus denen hier und da jahrhundertealte Herrenhäuser ragen.

In der pfälzischen Provinz wirkte Deutschland ganz harmlos

Unter diesem Eindruck sprach Helmut Kohl mit seinen Gästen in den Achtziger- und frühen Neunzigerjahren über Abrüstung, Wiedervereinigung - und die Idee von Europa. Wenn mancher Staat eines fürchtete, dann war es ein allzu mächtiges Deutschland in Europas Mitte. Wer aber wollte in der Deidesheimer Idylle, bejubelt von ein paar Hundert freundlichen Pfälzern, und später in der gemütlichen Weinbibliothek mit ihrer Holzvertäfelung daran denken, dass von diesem Deutschland Gefahr ausgehen könnte?

Keiner - bis auf Kohls ewige Widersacherin Margaret Thatcher. Ein halbes Jahr vor der Maueröffnung hatte der Bundeskanzler auch sie in sein Lieblingsrestaurant gelotst, sein zweites Wohnzimmer. Auch ihr gab er ein Stück Deutschland mit auf den Weg, ließ schließlich gar den veredelten Saumagen kredenzen. Vergebens.

"Hitzig" sei es zugegangen bei ihrer Unterredung im April 1989, schrieb Thatcher Jahre später und erwähnte im kühlen Ton der kulinarischen Herablassung, der Saumagen habe "dem Bundeskanzler offensichtlich gemundet". Kohl bezeichnete das Treffen in seinen "Erinnerungen" als "mühsames Geschäft" und Thatcher als eine Politikerin, die ihm "einiges Kopfzerbrechen" bereitet habe. Denn während Deutschland die Europäische Gemeinschaft favorisierte und die Supermächte zu Abrüstungsgesprächen drängte, blockierte Großbritannien sämtliche Bemühungen des Kanzlers.

Die Lady bleibt eisern

Dass Helmut Kohl mit Maggie Thatcher Zeit seines Lebens nie auf einen persönlichen Nenner kam, lag der Eisernen Lady zufolge daran, dass sie und Kohl "völlig unterschiedliche Ansichten" vertraten. Kohl dazu in seinen Erinnerungen: "Mein Eindruck war, dass Margaret Thatcher bei allen Themen, die wir besprachen, grundsätzlich nur die Interessen ihres Landes im Auge hatte und auf Empfindlichkeiten anderer Länder kaum reagierte."

Ein Videonachruf:

Ein Streitthema blieb beim Treffen in Deidesheim - deutlich vor der Wiedervereinigung - die Rolle Deutschlands in Europa. Thatcher schrieb später, Kohl habe nur deswegen nach einem einheitlichen europäischen System gestrebt, "weil die Deutschen eine Scheu davor haben, sich selbst zu regieren". Also versuchten sie, "ein europaweites System zu schaffen, in dem sich keine Nation mehr selbst regiert".

Was Thatcher aber eigentlich fürchtete, das war etwas Größeres. Es war der Horror einer Frau, die den Zweiten Weltkrieg miterlebt hatte: ein übermächtiges Deutschland, ein deutsches Europa. Und so blieb Thatcher bei ihrem Besuch im April 1989 unnachgiebig, da half auch nicht die liebliche in Weiß und Rosa getauchte Pfalz in der Zeit der Mandelblüte. Von Anfang an habe es "an Herzlichkeit" gefehlt, sagte Artur Hahn, der Hausherr des Deidesheimer Hofes.

Saumagen für den Kreml

Kohl mochte zu zahlreichen Mächtigen der Weltpolitik scheinbar mühelos eine Verbindung geschaffen haben - an Maggie Thatcher prallte er ab wie ein Tennisball vom Wimbledon-Court. Laut Gerd Langguth mag es schlicht auch daran gelegen haben, dass Thatcher kein Mann war. Denn ob Saunafreund Jelzin, Duzfreund Gorbatschow oder Mauerfallfreund Bush senior: Der Machtmensch Kohl war gut darin, Männerfreundschaften zu knüpfen. Als die Lady aber in das Gutshaus schritt, da wehte eine recht kühle Brise an Kohl vorbei.

Immerhin zeigte sich Thatcher vom Pfälzer Mahl so beeindruckt, dass sie es noch vier Jahre später in allen Einzelheiten benennen konnte: Es gab Kartoffelsuppe, Saumagen, Würstchen mit Sauerkraut und Leberknödel. Deftige Kost, freilich auf höchstem Niveau - Boris Jelzin ließ sich ein Rezept vom Küchenchef persönlich aufschreiben, um es im Kreml nachkochen zu lassen. Margaret Thatcher mag eine andere Küche bei Staatsbesuchen gewohnt gewesen sein.

Kohl jedenfalls hatte mit seinem bewussten Verzicht auf Hummer und Kaviar das harmlose Bild Deutschlands bis ins kulinarische Detail berechnet. Doch bei Thatcher ging die Rechnung nicht auf, die Lady blieb eisern. Abrüstung, deutsche Einheit, die Idee von Europa - alles schön und gut, aber nicht mit Großbritannien.

Ein halbes Jahr später war es dennoch so weit: Die Mauer fiel, die Einheit kam und 1993 mit dem Vertrag von Maastricht ein weiterer Schritt in Richtung EU. Und Helmut Kohl hat jenen Ort, an dem er mit Thatcher stritt und mit Gorbatschow feierte, auch nach seiner Kanzlerschaft noch zahlreiche Male besucht.

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lore heitmann, 17.06.2017
1.
Ein Überforderter, der mit viel Glück den richtigen Posten zu richtigen Zeit bekleidete um in die Gechichte (das "S" konnte er auch nicht) einzugehen. Er war ein peinlich provinzieller Mann. Das alles könnte man ihm noch durchgehen lassen, zumindest war er machtbewusst genug um auf diese Position zu kommen. Seine Verlogenheit um sein mutmaßlich kriminelles Verhalten nicht offen legen zu müssen bleibt ekelhaft. All die scheinheilig-verlogenen Nachrufe sind absurd.
Stefan Immanuel, 17.06.2017
2.
"Was Thatcher aber eigentlich fürchtete, das war etwas Größeres. Es war der Horror einer Frau, die den Zweiten Weltkrieg miterlebt hatte: ein übermächtiges Deutschland, ein deutsches Europa." Ich denke eher, Thatcher wusste, dass mit einem vereinten Europa, zumal wenn es nicht unter britischer Führung stünde, auch der letzte Hauch gefühlter (aber in der Realität ja schon damals vergangener) britischer Weltmachtherrlichkeit passé wäre. Dazu mag kommen, dass die Briten bewusst oder unbewusst nie überwunden haben, dass ausgerechnet Deutschland sich nach '45 schneller und nachhaltiger erholt hat als das United Kingdom (v.a. England). Das muss für die Briten umso bitterer sein, als WK I und WK II ja eigentlich die letzten Nägel im Sarg des untergehenden Empires waren. Letzten Endes dachte Thatcher da nicht anders als viele ihrer Mitbürger dachten & noch heute denken - wie man ja nun auch am Brexit gesehen hat. Ich bin mir ziemlich sicher, Thatcher wäre Brexiteer gewesen.
ph latundan, 18.06.2017
3. die zeiten haben sich nicht geaendert ............
"Mein Eindruck war, dass Margaret Thatcher bei allen Themen, die wir besprachen, grundsätzlich nur die Interessen ihres Landes im Auge hatte und auf Empfindlichkeiten anderer Länder kaum reagierte." die zeiten haben sich nicht geaendert ............
Stephan Bläsner , 18.06.2017
4. Mehr sein als scheinen
Kohl hatte ein feines Gespür für die Ängste, welche ein übermächtiges Deutschland in Europa auslöst. Und er tat gut daran, das provinziell-kleinbürgerliche zu betonen, das keinen Führungsanspruch kennt. Er war stets bereit, nationale Interessen zurück zu stellen wenn es um Europa oder eine nachhaltige Entspannung ging. Die europäische Integration war mit Verzicht auf nationale Interessen verbunden und zugleich die Voraussetzung für die Einheit. Was nützt uns unser heutiges deutlich staatsmännischeres Auftreten, unser offen zur Schau getragener Führungsanspruch, mit dem wir wenig mehr erreichen, als in ganz Europa nationale Egoismen zu befeuern? Man mag heute den provinziellen Habitus Kohls belächeln . Das könnte ihm sogar gefallen, denn er hatte das provinzielle Understatement zur politischen Waffe perfektioniert. Der Erfolg gab ihm recht.
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