Deutschland der Ära Kohl Eine Jugend im schwarzen Loch

16 lähmende Jahre: Helmut Kohl war Kanzler des "Weiter so", Schutzheiliger des Bestehenden, Zielscheibe der Satiriker. Arno Frank wuchs in der Pfalz auf - eine Erinnerung an jugendliche Rebellion im Schatten des Dicken.

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Als Helmut Kohl abgewählt wurde, als es 1998 wirklich vorbei war, hörte ich die Nachricht im Autoradio, Bayern 3. Ich folgte dem ersten Impuls, fuhr rechts ran und lauschte dem aufgeregten Sprecher, der die Stimmverteilung im kommenden Bundestag verlas. Der Verkehr rauschte vorbei, es dämmerte, und die Freude wich einer eigentümlichen Leere.

Es war seltsam. Seit ich denken konnte, war die Sehnsucht nach einem Ende dieser Kanzlerschaft immer mitgelaufen, als Freude auf etwas, das sich früher oder später ganz sicher einstellen würde. Eher später, wie sich zeigen sollte. Und jetzt? Jetzt fasste mich keine klammheimliche Freude, eher eine klammheimliche Trauer an. Er war, wohl oder übel, auch mein Kanzler gewesen. Und jetzt war es vorbei.

Als er Bundeskanzler wurde, 16 Jahre zuvor, hatte ich gerade meinen elften Geburtstag gefeiert und interessierte mich mehr für "Star Wars" als für Politik. Dabei verfolgten meine Eltern gern die Debatten im Bundestag. Helmut Schmidt war jemand, den sie bewunderten, weil der "so gut reden konnte", womit sie sicher seinen scharfen hanseatischen Zungenschlag meinten. Franz Josef Strauß war jemand, den sie fürchteten, den fliegenden Speichel und den hohen Blutdruck.

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Ära Kohl: Ein Koloss der Gemütlichkeit

Helmut Kohl war jemand, den sie belächelten. Er kam aus der Pfalz, wie wir. Das hörte man nicht nur, man sah es auch.

In unserem Dorf in den Wäldern war die Welt damals noch ganz übersichtlich in zwei Hälften geteilt, repräsentiert durch die benachbarten Kirchen. Die Evangelischen machten ihr Kreuz zuverlässig bei der SPD, die Katholischen bei der CDU. Und CDU, das waren in meinen Augen die Dumpferen. Jene, die wollten, dass alles so bliebe, wie es schon immer war, was einem Elfjährigen durchaus ein gewisses Unbehagen einflößen kann - zumal es von den Eltern befördert wurde.

Dieser runde Mann mit der eckigen Brille

Das Misstrauensvotum gegen Helmut Schmidt fand in unserem Wohnzimmer statt. Das Seufzen und Ächzen meiner Erziehungsberechtigten vor dem Fernseher zeigte mir an, dass etwas ganz Dummes passiert sein musste. So reagierten sie normalerweise nur, wenn ich einen Teller heruntergeworfen oder eine neue Hose ruiniert hatte.

Danach tauchte der runde Mann mit der eckigen Brille nur dann in meinem Leben auf, wenn mal wieder ein SPIEGEL mit ihm auf dem Titel bei uns zu Hause herumlag. Meistens stand drin, dass dieser "Pfälzer" erneut etwas ganz Dummes angestellt hatte. Mir egal. Als Pfälzer fühlte ich mich ohnehin nicht, überdies kam Kohl aus Oggersheim bei Ludwigshafen, das ist schon Rheinebene. Er hätte ebenso gut aus Schlesien oder Pommern sein können. Oder aus Bayern, so weit weg war das.

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Helmut Kohl und der SPIEGEL: Von der Wende bis zur Kanzlerdämmerung

Interessant wurde es erst wieder, als ich nach Kaiserslautern auf die Schule ging. Dort begegneten mir erstmals Mitschüler, die sich für Politik interessierten. Oder es vorgaben. Wobei sie nur, wie ich, die Ansichten ihrer Eltern zur Schau trugen.

Auffällig waren in erster Linie die "Ökos" aus meist akademischem Hause, die ihre Haare lang und ungewaschen, ihre Konsumkritik auf der Stirn und deshalb auch ihre heidenteuren Markenjeans gewendet trugen, mit der Naht nach außen.

Schleifstein der jugendlichen Rebellion

Leiser und auch leichtfüßiger waren die Kameraden aus in erster Linie finanziell "besserem" Hause und in Klamotten von Benetton. Sie sahen immer aus, als kämen oder gingen sie gerade zum Golfen oder Reiten, mit einer lächelnden Leichtigkeit dem Leben gegenüber. Sie waren ja am Ruder. Bald würden sie wählen dürfen und studieren gehen, CDU oder FDP und Betriebswirtschaft oder Jura; bis dahin bildeten sie an der Schule einen pastellenen Block der Einverstandenen. Aus meiner bescheidenen Perspektive, von schräg unten also, glichen sich beide Gruppen in ihren Gewissheiten doch sehr.

Umso interessanter war der Schutzheilige des Bestehenden - Helmut Kohl. Wenn ich behaupten würde, dass er meine Jugend überschattet hat, müsste ich auch einräumen, dass er sie zugleich beschirmte. Sein Schatten war etwas, in dem man es sich bequem machen, aus dem man aber ebenso bequem heraustreten konnte ins Licht wohlfeiler Dissidenz.

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Helmut Kohl: Heimspiele in der pfälzischen Provinz

Nirgendwo fühlt der gesunde Adoleszente sich wohler als in Opposition zu den Autoritäten. Zumal es mir SPIEGEL und "Titanic" leicht machten, den Dicken zu belächeln - wie man meinetwegen einen reichen Onkel belächelt: vorgeblich, weil er keinen geraden Satz sprechen kann, tatsächlich aber eben wegen seines Reichtums, den man ihm insgeheim neidet.

Helmut Kohl war niemand, dessen Politik man misstrauen musste. Man konnte, im Gegenteil, gerade aus der Ferne darauf vertrauen, seine Politik missbilligen zu dürfen. Was von aristokratischeren Repräsentanten gleichwelchen Systems, also Weizsäcker, Mitterand oder Schmidt, tatsächlich zu halten sei, erfuhr ich erst später.

Der Butter-Buddha blieb

Der Blick darauf war verstellt durch die massige Gestalt eines Kanzlers, der alle Kritik ansaugte und zugleich absorbierte wie ein schwarzes Loch. Eine Eigenschaft, die speziell die jugendliche Überhebung so verführerisch machte. Er schien der perfekte Schleifstein für die eigene Weltanschauung zu sein.

Man musste freilich nicht notwendigerweise für oder gegen ihn sein. Es gab noch einen dritten Weg, und dazu luden seine Omnipräsenz und die monarchische Dauer seiner Regentschaft ein: Helmut Kohl durfte mir als jemand, der von den Folgen seiner Politik nicht direkt betroffen war, auch herzlich gleichgültig sein.

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Helmut Kohl in Karikaturen: Die Bergamotte-Birne und der Mantel der Geschichte

Hin und wieder beömmelte man sich über Details, "Birne", jaja. Oder das Gerücht, dass er unter Stress die gute deutsche Markenbutter pur verspeiste, mit dem Löffel, ein Butterbuddha. Natürlich hatte er diese Frau mit der Betonfrisur. Natürlich streichelte er gern Rehe in Österreich. Natürlich wirkte er wie eine gepanzerte S-Klasse auf zwei Beinen. Und natürlich würde er eines Tages verschwinden, durch ein anderes Modell abgelöst werden.

Das aber dauerte. Ich lebte für eine Weile in Frankreich; als ich zurückkam, war er immer noch da. Unser Welpe wurde ein ausgewachsener Hund, wurde alt und starb - Kohl war immer noch da. Als ich mich dem wahlfähigen Alter und seine Kanzlerschaft sich ihrem Ende näherte, fiel Helmut Kohl die DDR in den Schoß.

Meine roten Lenin-Sticker wanderten in die Schublade, auf meiner ledernen Schultasche klebte ein "Oskar!"-Aufkleber. Im Wahlkampf kamen sie alle in unsere kleine Stadt, es wurde ernst. Auf dem Marktplatz sprach Willy Brandt, es roch nach Bratwürsten, Luftballons versperrten mir die Sicht.

Er tauchte auf wie ein Blauwal

Eines Tages dann kam Helmut Kohl, persönlich. Er sprach in der Fruchthalle, wo sonst Schulorchester ihre Konzerte gaben oder Terre des Hommes Flohmärkte veranstaltete. In die Halle kam ich nicht, aber ins Foyer, und drängte mich am Rand einer Treppe mit anderen Schaulustigen. Mehr war da nicht als Schaulust auf den Politiker, den man nur aus dem Fernsehen kannte, ergänzt vielleicht durch den gelinden Grusel, dieses Schlachtross der Reaktion mal aus der Nähe zu sehen.

Zuvor hatte ich auf Klassenfahrt nach München zufällig Franz Josef Strauß gesehen, als Teil einer Prozession in Tracht und mit grimmigem Blick, überraschend untersetzt, auf den flüchtigen Blick ohne Ausstrahlung. Nichts, was mich auf Helmut Kohl vorbereiten konnte. Jedenfalls warteten die Leute auf der Treppe, die Benetton-Fraktion war ebenso versammelt wie die "Ökos", alle waren gleichermaßen aufgeregt.

Und dann tauchte er auf, oben auf der Treppe, tauchte sprichwörtlich auf wie ein Blauwal. Alles an ihm war überdimensioniert, der Anzug, die Brille. Umschwärmt von botmäßigen Putzerfischchen aus Lokalpolitikern und Leibwächtern nahm er Stufe um Stufe, huldreich die Arme ausbreitend, ohne jemanden zu berühren. Er strahlte, und er strahlte eine patriarchale Gemütlichkeit aus. Seine kolossale Körperlichkeit hatte eine luxusdampferhafte Verdrängung und Unerschütterlichkeit.

Vielleicht war es dieser Augenblick, in dem ich zum ersten Mal realisierte: Er war auch mein Kanzler. Wohl oder übel.



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D. Koe, 19.06.2017
1. Schock
1981/82, gleich nach dem Abi, verbrachte ich 4 Monate in Israel. Ich war Voluntaerin auf einem Kibbutz. Während eines Ausfluges nach Jerusalem sah ich eine Bildzeitung mit grosser Aufschrift. Schmidt wurde abgesetzt, Kohl war der neue Bundeskanzler. Ich habe diesen Moment des Schick's nie vergessen. Dann kamen 16 Jahre Birne. Spiegel Titel und Artikel, Karikaturen, Empörung. Damals konnte ich wenigstens noch lachen. Lebe jetzt seit 30 Jahren in USA. Hier ist mir das Lachen in den letzten 6 Monaten gründlich vergangen. Ich kann heute nicht Mal mehr Radio hören weil mein Blutdruck sofort in die Höhe schiesst. Ich habe Kohl nie gemocht, aber jetzt weiss ich mit Bestürzen dass es auch viel Schlimmer kommen kann. R.I.P "Birne"
maurice schröder, 19.06.2017
2. H. Dr. Kohl
also mir ist der Beitrag zu negativ, sein wuchtiger Körper hat ihm sicherlich nicht geschadet... es stimmt, die Einheit ist ihm vor die Füße gefallen, aber danach? er hat schon viel gemacht... dann die spendenaffäre, seine demütigung... überall wird gemauschelt ohne ende, bloß nicht erwischen lassen... grüße aus kaiserslautern
Daniel Sonntag, 19.06.2017
3. Genauso war es
Großartiger Artikel!
Reinhard Schüßler, 19.06.2017
4. herrlich treffend
danke für diesen Artikel. Genau so war es. Die Ökos, die auf ihre Art genauso herausgeputzt waren wie die Benetton-Typen. Sehr oft mußte ich über die treffenden Formulierungen lachen.Der Block der Einverstandenen, der Schutzheilige des Bestehenden, die Putzerfischchen - herrlich. Das Bild mit Kohl, Hannelore und Reh ist Kult.
Nils Peer Clasen, 19.06.2017
5. Auch ich bin unter ihm...
...groß geworden. Obwohl aus konservativem Hause (und selbst auch eher konservativ eingestellt) konnte ich mit seiner Art nie etwas anfangen. Bei seinem ganzen peinlichen Gepatze war doch immer ein hoher Fremdschämfaktor mit dabei (was zu diversen Kontroversen mit meinem Vater führte, der alles immer kritiklos akzeptierte, was die CDU von sich gab). Ich war tatsächlich erleichtert, als endlich ein deutlich repräsentablerer Kanzler da war. Zwar kleiner und irgendwie bei der falschen Partei, aber doch viel staatsmännischer als der pfälzische Provinz-Honk.
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