Helmut Kohls Polen-Reise 1989 Problemfall Mauerfall

Helmut Kohls Polen-Reise 1989: Problemfall Mauerfall Fotos
dpa

Im Stolperschritt in die Geschichtsbücher: Als am 9. November 1989 überraschend die DDR-Grenzen öffneten, war Helmut Kohl in Warschau. Es ging um die Verbesserung der Beziehungen zu Polen. Die stand auf dem Spiel, als der Kanzler zurück nach Berlin aufbrach - nur, um dort ausgebuht zu werden. Von

  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 3 Kommentare
  • Zur Startseite
    3.3 (15 Bewertungen)

Es sollte eine historische Reise werden. Wochenlang war der Besuch von Bundeskanzler Helmut Kohl in Polen detailliert vorbereitet worden, und tatsächlich sollte der Trip in die Geschichte eingehen - allerdings völlig anders als geplant. Nicht weniger als "ein neues Blatt der Geschichte beschreiben" wollte Kohl, als er am 9. November 1989 zu einem fünftägigen Staatsbesuch nach Polen flog. Vor allem aber war der Besuch eine äußerst heikle Mission: Es galt, das traditionell schlechte, von gegenseitigem Misstrauen geprägte Verhältnis der einstigen Kriegsgegner zu entkrampfen.

Dabei hatte es schon im Vorfeld des Polen-Besuchs eine Kette peinlicher Pannen gegeben, die das Treffen schon belastete, bevor Kohl überhaupt einen Fuß auf polnischen Boden gesetzt hatte. Als erster konservativer Bundeskanzler wollte er die Gedenkstätte des NS-Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau besuchen - hatte sich dafür aber ausgerechnet einen Samstag ausgesucht, den jüdischen Feiertag Sabbat. Auch nachdem das Kanzleramt von jüdischer Seite vor der Reise diskret darauf hingewiesen wurde, dass ein Besuch am Sabbat unpassend sei, hielt die deutsche Seite zunächst an dem Termin fest.

Außerdem wollte Kohl einen gemeinsamen Gottesdienst auf dem Annaberg in Oberschlesien abhalten. Dort hatten jedoch deutsche Freikorpstruppen 1921 polnische Widerständler blutig niedergeschlagen. "Polen scheint auf dieser Aussöhnungstour vermintes Gelände zu sein", schrieb die "taz" und fügte süffisant hinzu: "Nur legen sich die Deutschen die Minen selbst." Dass dem geschichtsbewussten Kohl und seinem Planungsstab derartige Patzer unterliefen, war schlimm genug - am Ende warf aber die Geschichte selbst alle Planungen über den Haufen: Am Abend des 9. November fiel in Berlin die Mauer.

Mauerfall beim Staatsbankett

Am Nachmittag des 9. November traf sich Kohl mit dem polnischen Ministerpräsidenten Tadeusz Mazowiecki zu einer ersten Unterredung. Der Kanzler hatte für die Reise eine etwa 70-köpfige Delegation im Schlepptau, die das Gewicht seines Anliegens unterlegen sollte: Sieben Bundesminister sowie Dutzende Vertreter aus Wirtschaft, Gewerkschaften und Kultur begleiteten den Kanzler. Elf Abkommen und Vereinbarungen sollten unterschrieben werden, darunter ein gewaltiges Paket an Wirtschaftshilfen.

Am Abend lud Mazowiecki seine Gäste zum Staatsbankett im ehemaligen Palais der Fürsten von Radziwill ein. Hier sollte das Eis gebrochen werden, denn am nächsten Tag standen die politischen Gespräche und Vertragsunterzeichnungen an. "Es war eine höchst feierliche Stimmung", erinnert sich Ursula Lehr, damals Bundesministerin für Familie und Gesundheit und Mitglied der Reisegruppe an das Abendessen. "Doch plötzlich ging ein Raunen durch den Raum. Es hieß: Die Mauer ist gefallen!"

Die CDU-Politikerin, die für den Abschluss eines bilateralen Jugendabkommens mit nach Warschau gefahren war, spürte auch bei ihren polnischen Kollegen eine große Unruhe. "Doch während des Dinners kannte niemand die Details." Nur Kohl bekam ständig Nachrichten zugesteckt. Die meisten Gäste schlangen hastig und in Gedanken versunken ihr Essen hinunter. Die Stimmung schwankte zwischen Hoffnung, Unglauben und Unsicherheit. Was genau war passiert? "Jeder war froh, als das Essen endlich vorbei war", berichtet Lehr.

Jetzt wird Weltgeschichte geschrieben

Danach habe sich der politische Zirkel der deutschen Delegation zum Mokka-Trinken im Nebenraum getroffen. Es wurde eine Krisensitzung. Kohl berichtete über die aktuelle Lage, soweit er sie aus Bonn erfahren hatte. Auch der Kanzler war von den Ereignissen völlig überrollt worden. Zwar hatte er schon vor dem Abendessen von Günter Schabowskis sensationeller Pressekonferenz erfahren, wie er in seinen "Erinnerungen" schreibt. Aber erst Stunden später erfuhr er vom Mauerfall. Jetzt musste er schnell eine Entscheidung treffen. "Abbrechen können wir die Reise nicht - aber unterbrechen war möglich", erinnert sich Ursula Lehr an Kohls Haltung, die von der Delegation unterstützt wurde.

Für Kohl war es eine extrem unangenehme Lage, die er mit seinen Ungeschicktheiten bei der Reiseplanung noch verschärft hatte. "Der polnische Ministerpräsident wollte um jeden Preis verhindern, dass ich nach Berlin fuhr", hält Kohl in seinen "Erinnerungen" fest. Die Rede war von einem "Affront" gegenüber dem polnischen Staatspräsidenten. Selbst Kohls engster Berater Horst Teltschik war sich zunächst unsicher. "Zu viel ist hier in den Besuch in Warschau investiert worden", schreibt er in seinen Memoiren, "zu viel hängt davon ab für das künftige deutsch-polnische Verhältnis."

Um 23.20 Uhr stellt sich Kohl im überfüllten Ballsaal des Warschauer "Marriott"-Luxushotel den Fragen der ungeduldigen Journalisten. Jetzt werde Weltgeschichte geschrieben, prophezeit er den Reportern. Seine Entscheidung, abzureisen, verkündet er noch nicht, sondern sprach nur von einer "schwierigen Güterabwägung".

Ein gnadenloses Pfeifkonzert für Kohl

Dabei waren die Würfel längst gefallen. In einem persönlichen Telefongespräch versuchte Kohl den polnischen Staatspräsidenten Wojciech Jaruzelski zu beschwichtigen und ihm seine schwierige Lage verständlich zu machen. Der Platz des Bundeskanzlers müsse in dieser historischen Stunde in der Bundesrepublik sein. "Das Hauptproblem war", erinnert sich Familienministerin Lehr, "dass die polnische Seite uns nicht getraut hat. Sie wusste nicht, ob wir nach der Unterbrechung wirklich wiederkommen würden." Hinzu kamen tiefe Ängste auf der polnischen Seite vor einem möglicherweise bald mächtigen, vereinten Deutschland.

Als Kohl am nächsten Tag endlich die Rückreise nach Deutschland antrat, trug auch die chaotische Züge. Weil die Maschine der Bundesluftwaffe nicht einfach DDR-Territorium überfliegen und in Berlin landen durfte, musste die deutsche Delegation über Schweden nach Hamburg fliegen. Von dort flog Kohl schließlich mit einer amerikanischen Militärmaschine nach Berlin-Tempelhof und wurde mit Blaulicht gerade noch pünktlich zum Auftakt einer Großkundgebung vor dem Schöneberger Rathaus gebracht.

Der Aufwand wurde ihm nicht gedankt. Anders als Willy Brandt, Außenminister Hans-Dietrich Genscher und Berlins Bürgermeister Walter Momper wurde Kohl von den 20.000 Teilnehmern der Kundgebung gnadenlos ausgepfiffen und niedergebrüllt, besonders als er am Ende seiner pathetischen Rede die Nationalhymne anstimmte. Es war wohl die Deutschtümelei und der ungeschickte Versuch, mit dem Mauerfall sofort die Wiedervereinigung zu erzwingen, der bei den Berlinern nicht gut ankam. Seine als historisch geplante Stippvisite war ihm gründlich vermiest worden.

Rückendeckung vom Gegner

Schon am nächsten Tag flog er nach Warschau zurück, um seine einst ebenfalls als historisch angelegte Polen-Reise fortzusetzen - mit größerem Erfolg als in der Nacht zuvor in Berlin: "Die polnische Delegation war überrascht und erleichtert, dass wir gekommen sind und unser Wort gehalten haben", erinnert sich Lehr.

Kohls heikler Besuch in Auschwitz am Ende der Reise dagegen wurde teilweise mit Befremden aufgenommen. Unter Zeitdruck habe Kohl das Programm in Auschwitz "im Geschwindschritt" erledigt, schrieb der SPIEGEL. "Vor der Gaskammer wartete bereits der Bus mit laufendem Motor", kritisierte auch die Reporterin der "taz". Durch die Hast habe der Besuch wie eine "Pflichtübung" gewirkt.

Als der vielfach Gescholtene Mitte November 1989 nach Bonn zurückkehrte, bekam er ausgerechnet Rückendeckung vom politischen Gegner. Altkanzler Willy Brandt lobte die großzügige Wirtschaftshilfe für Polen, konnte sich aber einen kleinen Seitenhieb nicht verkneifen: "Die eine oder andere Panne hat nicht verhindern können, dass dieser Besuch ein Erfolg war."

Artikel bewerten
3.3 (15 Bewertungen)
Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Guenter Yogi Lauke 09.11.2009
Woher weiß der AUTOR so genau Bescheid??? War er dabei???
2.
Ulrich Wagner 09.11.2009
Christoph Gunkel schreibt in seinem Artikel »Problemfall Mauerfall«: »Als Kohl am nächsten Tag endlich die Rückreise [aus Warschau] nach Deutschland antrat, trug auch die chaotische Züge. Weil die Maschine der Bundesluftwaffe nicht einfach DDR-Territorium überfliegen und in Berlin landen durfte, musste die deutsche Delegation über Schweden nach Hamburg fliegen. Von dort flog Kohl schließlich mit einer amerikanischen Militärmaschine nach Berlin-Tempelhof und wurde mit Blaulicht gerade noch pünktlich zum Auftakt einer Großkundgebung vor dem Schöneberger Rathaus gebracht.« Horst Teltschik in der Online-Ausgabe der Süddeutschen Zeitung »Große Freude und Sorge vor einem Blutbad« vom 9.11.09: »Kein westdeutsches Flugzeug, auch keine Kanzlermaschine, durfte damals Westberlin ansteuern. Dabei wäre es von Warschau ein Katzensprung gewesen. Zum Glück konnte uns der amerikanische Botschafter ein Flugzeug organisieren, mit dem wir nach Westberlin fliegen konnten.« Was stimmt nun?
3.
Michael Schmidt 16.11.2009
Herr Wagner, ich sehe keinen Widerspruch in den von Ihnen gegenübergestellten Aussagen. Der Kanzler flog außerhalb des Luftraums der DDR nach Hamburg und stieg dort in ein amerikanisches Flugzeug um, dass ihm (nach Teltschiks Erinnerung) der amerikanische Botschafter besorgen konnte. Genscher sprach übrigens auch davon, dass ein "amerikanisches Flugzeug gechartert werden musste", mit dem man die alliierten Luftkorridore benutzen durfte. Herr Lauke, das Tolle an Zeitgeschichte ist, dass man sie relativ einfach und manchmal sogar nur mit journalistischen Hilfsmitteln erforschen kann. Gerade die schiere Menge an zeitgenössischer Überlieferung bietet die Gelegenheit, widersprüchliche Aussagen herauszufiltern und ein recht sachliches Bild der Entwicklung dieser Stunden zeichnen zu können.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen