Familientragödie im Zweiten Weltkrieg "Vati darf nicht weg, es sind noch nicht alle Russen totgeschossen"

Freiwillig meldet sich ein Arzt 1939 zum Krieg. Er riskiert sein Leben, weil er glaubt, nur so seine "halbjüdische" Frau und seine Kinder retten zu können. Verstörende Fotos und berührende Briefe erzählen nun von dem Drama.

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Eine kleine, gutgemeinte Lüge nur, kurz vor diesem schrecklich einsamen Weihnachten. Am 12. Dezember 1941 schreibt Helmut Machemer aus der Südukraine an seine Familie im Münsterland:

Mein Platz ist hier an der Front, und die vorderste Linie, in der ich stehe, ist mir gerade recht. Glaubt deshalb nicht, dass ich etwa leichtsinnig wäre und mich unnötig in Gefahr begäbe.

Das grenzt an Selbstbetrug. Natürlich muss Helmut Machemer sich in größere Gefahr begeben als andere. Nur deshalb ist er hier, in den eisigen Weiten Russlands.

Geschosse sind ihm um die Ohren geflogen. Er kann das harmlose Pfeifen entfernter Kugeln vom bösartigen Klatschen dichter Einschläge unterscheiden. Er hat zerrissene Körper verbunden und Sterbende zurücklassen müssen. Die Barbarei des Krieges hält er mit Hunderten Fotos und verstörenden Filmaufnahmen fest: abgetrennte Gliedmaßen, steifgefrorene Leichen, brennende Dörfer.

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Frontarzt Helmut Machemer: Aus Liebe in den Zweiten Weltkrieg

Seine drei kleinen Söhne tröstet er mit der martialischen Pädagogik der Zeit:

Vati darf jetzt gar nicht von hier wegfahren, denn es sind noch nicht alle Russen totgeschossen oder gefangen. Aber es dauert sicher nicht mehr lange.

Das alles hätte er sich sparen können. Helmut Machemer, Augenarzt aus Münster, wäre mit 36 Jahren nicht eingezogen worden, als der Krieg 1939 ausbricht. Er aber meldet sich freiwillig am ersten Tag. Sofern es freiwillig ist, wenn ein Mensch den einzigen Schutz seiner laut NS-Logik "halbjüdischen" Frau und seiner Kinder vor dem Rassenwahn der Nazis darin sieht, sein Leben im Krieg zu riskieren.

"Ich habe hier abzurechnen"

Machemers verwegener Plan fußt auf einer kaum bekannten Ausnahme in den NS-Rassengesetzen: Demnach kann ein "arischer" Mann beantragen, dass seine "halbjüdische" Frau samt Kinder als "deutschblütig" eingestuft werden, sofern er sich mit hohen Verdiensten fürs Vaterland ausgezeichnet hat. Machemer ist überzeugt: Erhält er das Eiserne Kreuz erster Klasse (EK I), ist seine Familie sicher. Pathetisch versucht er von der Front immer wieder, auch seine zweifelnde Frau Erna zu begeistern:

Ich habe hier draußen abzurechnen (...), denn das Endziel aller meiner Bemühungen ist die Ariererklärung meiner Kinder! Erst, wenn das erreicht ist, kann ich mir beruhigt sagen, meine Pflicht getan zu haben, und meinen Kindern alles das erspart zu haben, was Du und ich durchmachen mussten. (...) Mögen andere Arbeitsurlaub erhalten und zur Heimat zurückkehren. Ich bleibe hier.

Begonnen hatte dieses Drama im Juni 1932: Drei Jahre ist Helmut da schon mit Erna liiert, doch die Fragen in seinem Umfeld mehren sich nun. Könnte es nicht sein, dass seine Freundin mit ihren dichten, geschwungenen Augenbrauen...? Dass sie Jüdin ist?

"Leb wohl, Geliebter!"

Entnervt bittet Helmut Erna um Auskunft - und tritt eine Lawine los: Ernas Vater gibt in einem Brief zu, er habe seiner Tochter die jüdischen Wurzeln ihrer Mutter verschwiegen, um ihr das Leben einfacher zu machen. Nun hofft er, sie fühle sich nicht "gedemütigt" durch das "Judenblut" in ihren Adern.

Erna gerät in Panik. Sie fürchtet um die Karriere ihres Freundes, der an der Augenklinik der Uni Münster arbeitet, während sie in Kiel Medizin studiert. Ihm zuliebe will sie sich trennen:

Mein lieber Helmut, ich habe nur den einen Wunsch, noch einmal bei Dir zu sein. Der Du mein größtes Glück warst. Komm bald, dann will ich Abschied nehmen, so war's ein Stücklein Leben mit Freude und Leid. (...). Leb wohl, Geliebter! Deine Erna.

Helmut aber hält zu ihr. "Dass ich Dich immer lieb habe, daran zweifle nicht", schreibt er. Und heiratet sie im Oktober 1932.

Hochzeit 1932
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Hochzeit 1932

Doch dem Glück stehen die NS-Rassengesetze entgegen. Beziehungen zwischen Juden und Nichtjuden werden verboten; viele Ehen daraufhin annulliert. Als "Mischling ersten Grades" darf Erna ihr Medizinstudium nicht beenden. Zudem verweigert die Kassenärztliche Vereinigung Helmut wegen Erna die Zulassung - und lässt seinen Traum von der eigenen Praxis platzen. Betrübt schreibt er 1937:

Was mich kränkt und was ich auf die Dauer nicht ertrage, ist, dass ich ausgestoßen bin aus meinem Volk. Ich merke es ja immer deutlicher. Wo ich hinkomme, verschließt man die Türen und - schlimmer - die Herzen.

Die erste Medaille

Er hat nun zwei Möglichkeiten: Sich ebenfalls scheiden zu lassen. Oder mit seiner Familie auszuwandern. Aber das kommt ihm, der zwar eher unpolitisch, aber tief patriotisch ist, wie Verrat vor. Als der Krieg ausbricht, glaubt Machemer plötzlich einen dritten Weg gefunden zu haben.

Chancen, sich zu profilieren, hat der Truppenarzt im rasch eroberten Frankreich kaum. Dann kommt der Feldzug gegen Stalin, in dem er bald mit einer Panzer-Aufklärungs-Abteilung an vorderster Front steht - und schnell ein erstes Ziel erreicht: Im September 1941 wird er mit dem EK II ausgezeichnet.

Von Beginn an hält er den Krieg akribisch fest. Dabei geht es ihm nicht nur darum, die eigene Tapferkeit für die Arisierung seiner Familie zu dokumentieren. Machemer beschreibt, filmt und fotografiert auch das, was die offiziellen Propaganda-Berichterstatter verschweigen: das einsame Sterben im Schnee, tote deutsche Landser, das Wüten der Wehrmacht.

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Der ganze Ort, hauptsächlich aus strohgedeckten Häusern bestehend, wurde angezündet. Schon am Abend vorher schlugen die Flammen aus den Häusern am Rande der Stadt und erleuchteten uns kilometerweit den Weg. Jetzt war es ein einziges Flammenmeer. (...). Für die Bevölkerung ist diese Maßnahme unerhört grausam.

Wären die "unzensierten Filme" oder "der eine oder andere Brief" in die falschen Hände geraten, sagt der Historiker Christian Hardinghaus, hätte Machemer auch im KZ enden können.

Hardinghaus hat das Material - mehr als 2000 Fotos, 160 Briefe und fünf Stunden Film - zusammen mit Hans Machemer, dem Sohn des Truppenarztes, ausgewertet. Einmal als Sachbuch, mit einer Auswahl an Briefen und kommentierten Filmszenen auf DVD ("Wofür es lohnte, das Leben zu wagen", Europa Verlag). Und einmal als Roman ("Ein Held dunkler Zeit").

Das passt. Nicht nur weil die Liebesgeschichte Stoff fürs Kino wäre. Da ist zudem ein Mann, der mitten im Krieg mit seiner Frau über Stilkunde diskutiert und ehrgeizig an seiner Schreibkunst feilt. Verglichen mit anderen Feldpostbriefen sind Machemers Schilderungen oft geschliffen, bildhaft, journalistisch. Mal kokettiert er, er könne daraus später ein Buch machen, dann zweifelt er wieder an sich.

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Hans Machemer, Christian Hardinghaus:
Wofür es lohnte, das Leben zu wagen

Briefe, Fotos und Dokumente eines Truppenarztes von der Ostfront 1941/42

Europa Verlag; 464 Seiten; 29,90 Euro.

Ergreifend lesen sich seine Briefe aber wegen ihrer zunehmenden Dramatik. Da beschreibt der Truppenarzt, wie ihn ein "Schlag im Nacken" trifft. Er ist angeschossen. "Doch der Kopf lässt sich noch drehen, also kann's nicht schlimm sein". Bloß tapfer bleiben! Sofort meldet er sich wieder dienstbereit, versorgt zitternde, um Luft ringende Soldaten mit Lungenschüssen.

Nur selten lässt sich seine eigene Verzweiflung erahnen. Etwa als er nach der Versorgung von Verwundeten fast allein zurückgelassen wird:

Der Arzt soll überall dabei sein, aber kaum jemand bekümmert sich um ihn. Er muss selbst sehen, wie er durchkommt.

Seine größte Angst aber bleibt, dass man ihn in ein Lazarett hinter die Frontlinien versetzt. Und auch die Tücken der NS-Bürokratie lassen ihn lange Briefe schreiben. Das EK I glaubt er nur bekommen zu können, wenn er zum Sanitäts-Offizier befördert wird. Dieser Beförderung aber steht die Abstammung Ernas entgegen - ein Teufelskreis.

Im März 1942 bittet Machemer daher Hitler per Gnadengesuch um seine Beförderung. An Erna schreibt er im April, trotz allem sehe er "günstige Zeichen" auch auf einem anderen Weg, nämlich über Parteidienststellen, die Arisierung seiner Familie durchzusetzen. Deshalb wäre es falsch, "kurz vor dem Ziele abzuhauen".

Also bittet er Erna Anfang Mai - das EK I ist nun offiziell beantragt - fehlende Dokumente für sein Gesuch an Hitler nachzuschicken. Darunter: ein Stammbaum, diverse Passfotos und eine Erklärung, dass Erna keinen Kontakt zu ihren jüdischen Verwandten habe.

Erna hingegen verzweifelt zunehmend. Sie fühlt sich einsam. In einem Traum sieht sie ihren Mann mit einem "fremden, leidenden Gesicht". Besorgt schreibt sie:

Helmut, Du sollst Dich nicht erneut bewusst in Gefahr begeben, es kommt mir wie eine Forderung an das Schicksal vor.

"Kater vom zu vielen Feiern"

Doch wenig später hat er es tatsächlich geschafft. Am 14. Mai 1942 wird Machemer mit dem EK I ausgezeichnet, sogar vor der noch ausstehenden Beförderung zum Offizier. Beschwingt gönnt er sich eine Flasche Sekt.

Schon um 8 Uhr hatte ich einen in der Krone sitzen, legte mich ins Bett und erklärte mich für dienstunfähig.(...) Heute Morgen dachte ich, ich sei (...) krank. Aber es war nur ein Kater vom zu vielen Feiern. Jetzt geht es mir sogar ausgezeichnet.

Glücklich antwortet Erna am 1. Juni 1942:

Das war eine Freude, als Deine Nachricht eintraf. (...) Unsere Buben schreiben Dir noch. Sie sind so stolz! Darf ich sagen, wir danken unserem Soldaten-Vater?

Helmut Machemer aber wird diesen Brief nicht mehr erhalten, ebenso wenig wie das Frühlingsgedicht seines Sohns Hans. Ein wenig hat er es geahnt:

Die Gefahr kommt, wenn sie kommt, ganz plötzlich und ist ebenso schnell wieder vorbei.

"Großes Pech"

Am 18. Mai 1942, nur vier Tage nach seiner Auszeichnung, stirbt Machemer "durch großes Pech", wie sein Kommandeur der Witwe später mitteilt. Der Splitter eines "Granatzufalltreffers" habe ihn in einem Wagen an der Schläfe getroffen; alle anderen Insassen überlebten.

Auch auf diesen Fall war der Arzt eingestellt: "Sollte ich meinen Weg nicht zu Ende gehen können", schrieb er einmal, so werde er durch dieses "Opfer" sein Ziel dennoch erreichen.

Er behält Recht. Im März 1943 entscheidet Hitler, dass Erna Machemer den "deutschblütigen Personen" mit allen Rechten und Pflichten gleichzustellen sei. Dies gelte auch für ihre Kinder.

Es ist, so Historiker Hardinghaus, der einzige bekannte Fall einer solchen Arisierung.



insgesamt 18 Beiträge
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Jan Küthmann, 28.02.2018
1. Na wunderbar
dass ihr auch noch bewertet was er sich sparen kann oder nicht. srsly - das ist ein Brief der den umständen der Zeit geschuldet ist, jetzt auf Moralapostel zu machen ist unfair. Hinterher weiß man alles besser. Lasst den Mann in Ruhe.
Thomas Keferstein , 28.02.2018
2. Ein guter Artikel..
Warum aber das Eiserne Kreuz erster Klasse nur Offizieren vorbehalten sein soll erschließt sich mir nicht. EK II, EK I Klasse sowie das Ritterkreuz wurden an alle Mannschafts- und Dienstgrade verliehen. Ohne Unterschied.
der_holzhäuser, 28.02.2018
3. Eine bewegende Geschichte
aus einer sehr dunklen Epoche. Der Mensch wird Teil der Barbarei, um menschlich bleiben zu können. Möge uns dieses Schicksal erspart bleiben.
Florian Heimgärtner, 28.02.2018
4. Eine ergreifende Geschichte...
Aus Liebe zu einer Frau wird jahrelanges eigenes Leid und letztentlich auch der eigene Tod in Kauf genommen. Eine ergreifende Geschichte. Jedoch scheint bei der Recherche irgendetwas falsch verstanden worden zu sein. Das Eiserne Kreuz war seit seiner Einführung der Orden, den jeder Soldat unabhängig von seinem Dienstgrad oder seiner gesellschaftlichen Klasse nur durch persönliche Tapferkeit erlangen konnte. Das war die besondere neue Idee bei Stiftung dieses Ordens. Und natürlich konnte auch ein Santätsfeldwebel damit geehrt werden. Mein Großvater hatte auch als Sanitäter (Feldwebel) das EK I bekommen.
Wilfried Huthmacher, 28.02.2018
5. Nachher ist man immer klüger
"Das alles hätte er sich sparen können." Wenn seine Frau und seine Kinder andernfalls vergast worden wären, hat er genau das Richtige gemacht.Von daher klingt der Satz "Das alles hätte er sich sparen können." eher nach Nachtreten, denn nach journalistischer Objektivität.
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