Helmut Schmidts Raucherkarriere Sie nannten ihn Smoky

Helmut Schmidt ohne Kippe? Nie. Rauchend wurde der Altkanzler zum beliebtesten Staatsmann außer Dienst. Die Zigarette blieb sein Markenzeichen, als Rauchen in Deutschland längst geächtet war.

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Der Scheitel messerscharf, das Haar tiefschwarz, ein Politiker am Beginn seiner Bonner Karriere. Als sich Helmut Schmidt 1966 den bissigen Fragen des ZDF-Journalisten Günter Gaus stellte, fielen seine knappen, flapsigen Antworten auf, die leichte Überheblichkeit und das Unnahbare, die langen Denkpausen - und die Zigarette, an der er tief und genüsslich zog, bis er sich eine Antwort zurechtgelegt hatte.

Sein Leben lang blieb Schmidt diesem Raucherhabitus treu. Über Jahrzehnte störte sich niemand an dem qualmenden Politiker. Warum auch? Als er sich vom SPD-Fraktionsvorsitzenden bis zum Bundeskanzler hocharbeitete, waren die Folgen des passiven Rauchens noch kein Thema. Dass in Kabinettssitzungen oder auf Gipfeltreffen, im Flugzeug oder im Fernsehen gequarzt wurde: normal. Schmidt war der berühmteste Kettenraucher der Republik - und doch nur einer von vielen.

Erst als Zigaretten Schritt für Schritt aus dem öffentlichen Raum verbannt wurden, eckte er mit seiner Nikotinsucht an. Und knurrte als nunmehr pensionierter Staatsmann in jener barschen Art, die ihm einst den Spitznamen "Le Feldwebel" eingetragen hatte: "Ich lass mir das Rauchen nicht verbieten."

Kippen, Schnupftabak, Kaffee: Schmidt auf Betriebstemperatur

Da kannte Schmidt keine Kompromisse. Als Einziger qualmte er schließlich ganz offiziell in Talkshows, auf SPD-Parteitagen oder in der Redaktion der "Zeit", die er bis zu seinem Tod mit herausgab. Schmidt war ohne Zigarette eben nicht Schmidt. "Zeit"-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo brachte es in einem SPIEGEL-Interview 2008 auf den Punkt: "Er raucht ja nicht nur Zigaretten. Jedes Mal bringt er Schnupftabak mit und trinkt dazu Kaffee mit Milch und extra viel Zucker. Unsereins würde angesichts dieser Dröhnung wie Rumpelstilzchen durch die Flure hüpfen. Schmidt dagegen ist dann überhaupt erst auf Betriebstemperatur."

Die Kippe wurde zu seinem Markenzeichen: Schmidt, das rußende Orakel. Der Altkanzler war als knurrig und arrogant gefürchtet, aber wegen seiner schnörkellosen Art und seines historischen Weitblicks als Talkshow-Gast, Redner und Autor begehrt. Ob Afghanistaneinsatz, "Raubtierkapitalismus" oder Innenpolitik - nach einem tiefen Zug aus der Mentholzigarette tat er seine pointierte Meinung kund, gewürzt mit einer Prise Besserwissertum.

"Willen braucht man. Und Zigaretten"

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Nie war Schmidt so populär wie als Staatsmann außer Dienst. Trotz der Raucherei - oder gerade deswegen? Er habe eine überraschende "Rauchereckenlässigkeit" gehabt, dank dieser absolute Unabhängigkeit ausstrahlenden Art plus Zigarette, schrieb der frühere "Zeit"-Chefredakteur Theo Sommer in seiner Schmidt-Biografie. In einer Forsa-Umfrage wählte die Bevölkerung Schmidt 2008 zum coolsten Kerl Deutschlands - einen 90-Jährigen, vor Til Schweiger.

Die Anstrengungen des Politiklebens habe er nur dank seines starken Willens und vieler Zigaretten überstanden, beteuerte Schmidt in der Dokumentation "Außer Dienst" von ARD-Moderatorin Sandra Maischberger. Abstinenz? Keine Option - "was sollen denn dann die Leute denken?"

Halb erstickt zählten die Redakteure mit

Über Jahrzehnte hatte sich Schmidt den Ruf des Sachverständigen erarbeitet, der stets mit Augenmaß und Vernunft an Dinge herangeht. Dass er sich trotz des Herzschrittmachers und seiner vier Bypässe eine derart "unbegreifliche Unvernunft" wie das Rauchen erlaubte, wunderte nicht nur den ehemaligen SPIEGEL-Reporter Hans-Joachim Noack in seiner Schmidt-Biografie. Schier unverwüstlich schien der Mann - ein Workaholic, der auch im hohen Alter noch zehn Stunden am Tag arbeitete, der in Qualmwolken allen medizinischen Erkenntnissen trotzte.

Nirgendwo kam diese menschliche Seite klarer zum Ausdruck als in den Kurzinterviews "Auf eine Zigarette mit Helmut Schmidt", die Giovanni di Lorenzo von 2007 bis 2009 jeden Freitag führte. Ein oft warmherziger, schnippischer, spontaner Schmidt plauderte auch über Persönliches: über seine Begeisterung für Greta Garbo, die Schulzeit mit seiner Frau Loki. Oder den einen Walzer, den er mit der bildschönen Grace Kelly tanzte, damals schon Fürstin von Monaco. Diese letzte Seite des "Zeit-Magazins" wurde bald zum Kult - trotz anfangs beißender Kritik von Nichtrauchern.

Di Lorenzo ließ nach den Gesprächen das gesamte Wochenende die Bürofenster geöffnet, um den lästigen Geruch wieder loszuwerden. Zur Freitagskonferenz des "Zeit"-Politikressorts erschien Schmidt stets gut vorbereitet: unterm Arm die aktuelle Ausgabe mit vielen handschriftlichen Anmerkungen, dazu Schnupftabak, eine Packung Reyno. Bis zu 15 davon zog er in anderthalb Stunden durch. "Halb erstickt hat das Ressort mitgezählt. Eine Zigarette alle sieben Minuten. Das muss man erst mal überleben. Ihm scheint es gutzutun", so Matthias Naß, damals Vizechefredakteur, zu Schmidts 90. Geburtstag.

Loki und Smoky, der Doppelschlot

Im Januar 2008 zeigte eine Nichtraucher-Initiative Schmidt und seine Frau Loki an, weil sie sich auf dem Neujahrsempfang in Hamburgs Winterhuder Fährhaus genüsslich ein Kippchen angezündet hatten - trotz strengen Rauchverbots. Am Ende musste das vom WDR so oft auf Korn genommene Raucherehepaar "Loki und Smoky" lediglich ein symbolisches Bußgeld zahlen. Beim Neujahrsempfang 2010 blieben die Zigaretten aus.

Wurde Schmidt gefragt, ob er jemals ans Aufhören gedacht habe, antwortete er: "Ich bin doch nicht verrückt" - auch seine Ärzte rieten davon ab, weil der Entzug nach über 70 Jahren den Körper zu sehr stresse. Schmidt erzählte auch, wie er auf den Mentholgeschmack gekommen war. Als in den Sechzigern reihenweise Zechen im Ruhrpott schlossen, fuhr er öfter in die Schächte ein: "Damals habe ich von den Bergleuten gelernt, Schnupftabak zu nehmen, denn da unten durfte man wegen der Explosionsgefahr nicht rauchen. Und der Schnupftabak war mit Menthol parfümiert."

Die Diskussion über seine Rauchgewohnheiten fand Schmidt etwas hysterisch. "Wenn ich es für notwendig hielte, könnte ich morgen aufhören", sagte er einmal zu di Lorenzo. Dabei hatte er es mehrfach versucht - ohne Erfolg. So meldete der SPIEGEL 1966, auf ärztliches Anraten habe der von wiederkehrenden Ohnmachtsanfällen geplagte Schmidt aufgehört zu qualmen. Doch schon wenige Monate später gab er wieder Rauchzeichen.

Einen zweiten Versuch startete Schmidt Anfang 1982 als Kanzler. Jetzt sei endgültig Schluss, verkündete er laut "Hamburger Abendblatt" auf dem Neujahrsempfang des damaligen Bundespräsidenten Karl Carstens - "wer mich rauchen sieht, dem zahle ich 100 Mark". Wenige Monate später, kurz vor dem Sturz nach achteinhalb Jahren Kanzleramt, sah sich Regierungssprecher Klaus Bölling genötigt zu verkünden, Schmidt greife wieder gelegentlich zur Zigarette.

Selbst ganz zuletzt konnte er davon nicht lassen, als ihm im September 2015 ein Gefäßverschluss im rechten Bein entfernt wurde, landläufig bekannt als "Raucherbein". Auf der Intensivstation durfte Schmidt nicht rauchen und behalf sich mit Nikotinpflastern - jedenfalls kurzzeitig: Der Chef-Kardiologe sagte laut "Welt", es ergebe "überhaupt keinen Sinn, ihm mit 96 noch das Rauchen zu verbieten".

insgesamt 38 Beiträge
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Seite 1
Gisela Faller, 11.11.2015
1.
"Zur Freitagskonferenz des "Zeit"-Politikressorts erschien Schmidt stets gut vorbereitet: unterm Arm die aktuelle Ausgabe mit vielen handschriftlichen Anmerkungen, dazu Schnupftabak, eine Packung Reyno. Bis zu 15 davon zog er in anderthalb Stunden durch. "Halb erstickt hat das Ressort mitgezählt. Eine Zigarette alle sieben Minuten. Das muss man erst mal überleben. Ihm scheint es gutzutun", so Manfred Nass, damals Vize-Chefredakteur, zu Schmidts 90. Geburtstag." Man fragt sich beim Lesen dieses Texts, wie die Menschheit nur die Jahrtausende überlebt hat, in denen jede Möglichkeit, es im Winter warm zu bekommen, mit Rauchentwicklung verbunden war. "Halb erstickt", du meine Güte. War der gute Mann denn seiner Lebtag in keiner Kneipe?
Ralf Krasssek, 11.11.2015
2.
Smoke in peace !
Paula Richter , 11.11.2015
3. Jede einzelne Zigarette
habe ich diesem Mann gegönnt. Bin passionierter Nichtraucher.
Marco Pip, 11.11.2015
4. Konserviert
Seltsam, dass die ältesten Menschen dieses Planeten geraucht haben und viele bekannte ältere Prominente ebenso. Das Rauchen scheint zu konservieren.
Richard Cubek, 11.11.2015
5.
Schade. Helmut Schmidt hatte die Gene und das Gemüt, 105 oder gar 110 Jahre alt zu werden, denn so ungewöhnlich sind diese Altersklassen gar nicht (in Deutschland gibt es über 12.000 Hundertjährige). Es hätte der Nation gut getan.
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