Nobelhotel Ritz Paris Abdrehen wie Gott in Frankreich

Elefantenfüße zum Dinner? Das geht nur im Ritz! Das französische Hotel war dafür bekannt, dass es seinen Gästen jeden Wunsch erfüllte. 2012 wird die Luxusherberge für zwei Jahre geschlossen. Zeit für einen Rückblick - auf liebestolle Monarchen und bewaffnete Bewohner.

Ritz Hotel Paris

Von Sarah Levy


Georges Scheuer kannte etliche Anekdoten. Zum Beispiel die über den Herren, der sich für seine zwanzig Dinnergäste Elefantenfuß als Hauptgericht wünschte. "Wir kauften dem Zoo einen Elefanten ab und servierten seine Füße", erinnerte sich Scheuer. "Ich habe das Fleisch probiert, es schmeckte nach Schwamm und Flanellstoff." Oder als F. Scott Fitzgerald beschloss, sich den hoteleigenen Chauffeur für eine Weile auszuleihen - und auf der Fähre in Le Havre kurzerhand entschied, sich von Paris bis in die Vereinigten Staaten fahren zu lassen. "F. Scott Fitzgerald war einer der Menschen", erinnerte sich Scheuer später, "die sich in den zwanziger und dreißiger Jahren im Ritz wie zu Hause fühlten."

Als "Chef du Bar" arbeitete Georges Scheuer vier Jahrzehnte im Pariser Luxushotel Ritz. In diesen vierzig Jahren mixte der Barkeeper aber keinen einzigen Drink. Seine Aufgabe war es, seine Mitarbeiter zu beaufsichtigen, den Problemen der Gäste zu lauschen und ihre Wünsche zu erfüllen - wie extravagant sie auch sein mochten.

"Seht alles, ohne hinzusehen. Hört alles, ohne hinzuhören", bläute der Schweizer Hotelier César Ritz bei der Eröffnung seines Hotels 1898 seinen Mitarbeitern ein. "Seid aufmerksam, ohne unterwürfig zu sein. Lest dem Gast jeden Wunsch von den Augen ab, ohne aufdringlich zu sein. Wenn ein Gast sich über ein Gericht beschwert, entfernt es sofort und ersetzt es, ohne Fragen zu stellen." Ritz' Credo "Der Kunde hat immer Recht" war einzigartig in der damaligen Hotelwelt. Indem er die Allüren seiner Gäste vollends akzeptierte, sie gar pflegte, machte César Ritz sein Hotel zu einem Paradies für Stars und Sternchen, Minister und Royals, Exzentriker und Narzissten.

Ein Kronprinz in der Klemme

Ernest Hemingway, Marcel Proust, König Alfons von Spanien, Coco Chanel - sie alle waren Stammgäste im Ritz. Im Hotel am Place Vendôme blieb ihnen kein Wunsch verwehrt, ganz gleich, wie ausgefallen er war. "Wenn ich von einem späteren Leben im Himmel träume", schrieb Hemingway einst, "dann spielt sich immer alles im Ritz ab." Der Modezarin Coco Chanel gefiel es gar so gut in dem Luxushotel, dass sie von 1936 bis zu ihrem Tod 1971 eine Suite in dem Haus an der Rue Cambon bewohnte, direkt gegenüber ihrer Boutique.

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Wo Gott in Frankreich wohnen würde: Stars, Luxus, Ritz

Schon mit der Einrichtung hatte César Ritz die gängigen Standards revolutioniert. Als erstes Hotel gab es im Ritz Telefone und elektrisches Licht auf fast allen Zimmern. In den Suiten hingen prächtige Kristalllüster über riesigen, prunkvollen Betten. Dezentes, indirektes Licht sollte dem Teint der Damen schmeicheln. Für das Wohl seiner Gäste scheute César Ritz keine Mühen und Kosten. Als der etwas korpulente britische Kronprinz Edward VII etwa bei einem feuchtfröhlichen Liebesspiel mit seiner Gefährtin in der Badewanne feststeckte, reagierte das Hotel ganz nach seinem Credo. Zuerst wurde der moppelige Monarch mit Hilfe mehrerer Angestellter aus der Wanne gezerrt. Dann bestellte Ritz, damit ein solch peinliches Malheur sich nicht wiederholte, breitere Wannen für alle 210 Zimmer.

Der Ruf des extravaganten Hotelpalasts aber lockte auch unliebsame Gäste: Nach dem Einmarsch der Nazis in Paris quartierte sich die deutsche Luftwaffe in dem Nobelhotel ein. Charles Ritz, der Sohn des Gründers César, erzählte dem Biografen Aaron Edward Hotchner kurz vor seinem Tod 1976, dass er nur den Teil des Hotels, der zum Place Vendôme zeigte, den deutschen Offizieren zur Verfügung stellen wollte. Die andere Seite, an der Rue Cambon, sollte den Stammgästen erhalten bleiben. Der deutsche Kommandant stimmte zu - vier Jahre saßen sich Nazis und Gäste im Speisesaal gegenüber.

Mit der Maschinenpistole in die Bar

"Ihr" Hotel teilten die Stammgäste allerdings nur ungern mit den Deutschen. Der trinkfreudige Schriftsteller Hemingway rühmte sich damit, im August 1944 mit einer Maschinenpistole im Anschlag die Bar im Ritz gestürmt und von den Nazis befreit zu haben. Dass der Feind zu diesem Zeitpunkt schon auf dem Rückzug war, ist nebensächlich. Die heroische Tat wurde zur Legende, die Bar trug fortan den Namen ihres vermeintlichen Erretters.

Das Ritz lebt heute, 114 Jahre nach seiner Eröffnung, hauptsächlich von den wilden, romantischen Geschichten, die sich um das Haus und seine Gäste ranken. Eine Übernachtung in der königlichen Suite Imperial kostet zwar noch immer 14.000 Euro, das in die Jahre gekommene Hotel zählt jedoch schon lange nicht mehr zu den Top-Adressen von Paris. Als das französische Tourismusamt im vergangenen Jahr die edelsten Sternehotels auszeichnete, war das Ritz nicht darunter. Während in der ehrwürdigen Luxusherberge noch die altmodische Klimaanlage ächzte, liefen ihm seine jüngeren Konkurrenten mit modernster technischer Ausstattung den Rang ab.

Mit einem Renovierungsbudget von 140 Millionen Euro soll dies nun geändert werden. 33 Jahre nach der letzten Sanierung hat die hoheitliche Herberge vor einigen Wochen für zwei Jahre ihre gusseisernen Tore geschlossen. 2014 soll das Haus rundum erneuert wieder eröffnet werden. Wie viel von dem alten Charme übrig bleibt, wird sich zeigen. Immerhin, der neue Manager Christian A. Boyens versicherte der "New York Times": "Eine Sache steht fest: Wenn Sie im Ritz aufwachen, werden Sie wissen, dass Sie in Paris sind, und nicht in Shanghai oder Tokyo. Das Ritz bleibt das Ritz."

einestages zeigt trotzdem noch einmal Aufnahmen des Ritz aus mehr als hundert Jahren. Reisen Sie mit der Bildergalerie durch die Vergangenheit des Luxushotels!



insgesamt 4 Beiträge
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Siegfried Wittenburg, 10.09.2012
1.
Vor vielen Jahren habe ich diesen Luxus erfahren und mich in solchen Hotelzimmern, Restaurants und Bars fürchterlich gelangweilt. Ich vermisste meine Bücher, meine Schallplatten, die eigene Küche, meine Lieben um mich herum und meine Freunde. Heute bevorzuge ich auf meinen Reisen mehr die abenteuerlichen Übernachtungsmöglichkeiten in Landgasthäusern, Pensionen oder bei privaten Vermietern - und das Leben ist viel spannender.
Alex Kriegelstein, 10.09.2012
2.
Also im Ritz gibt es eine gar nicht schlechte Bibliothek, und Ihre Bücher, Platten und Lieben etc. werden Sie in Landgasthäusern ja auch nicht immer um sich haben. Ich konnte mir ein Wohnen dort nie leisten, aber einen Drink immer gern.
Frank Neumann, 11.09.2012
3.
Vor einigen Jahren ist es auf SPON (wie auch anderswo) in Mode gekommen, sämtliche deutschen Akteure aus der Zeit der Nazi-Herrschaft als "Nazis" zu bezeichnen. Die Unsinnigkeit scheint die Autoren nicht zu stören. Wenn sich die deutsche Luftwaffe im Ritz einquartiert hat, dann hat sich eben die Luftwaffe einquartiert, oder allgemeiner deutsches Militär, oder wie auch immer. Ob das Nazis waren oder nicht, wäre zu klären, ist in dem Zusammenhang aber eigentlich egal. Mir geht es gar nicht darum, die Luftwaffe oder sonstwen in Schutz zu nehmen, schließlich war das Militär im Wesentlichen williges Werkzeug Hitlers. Die Wortwahl zeugt nur von geistiger Schlamperei und Oberflächlichkeit.
Siegfried Wittenburg, 11.09.2012
4.
"Also im Ritz gibt es eine gar nicht schlechte Bibliothek..." Aber zu welchem Preis! Im Ritz war ich auch nicht. Doch in den Landgasthäusern etc. ist es nicht so langweilig und einen Drink gibt es dort auch. :-)
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