Hendrix in Hamburg Als Gott auf den Bus warten musste

Hendrix in Hamburg: Als Gott auf den Bus warten musste Fotos
Bildagentur GoodTimes-Photo

Er steht grinsend an der Bushaltestelle, blinzelt in die Sonne, pfeift ein Liedchen: Wenige Tage vor seinem plötzlichen Tod legte Jimi Hendrix einen Kurzstopp in Hamburg ein. Jetzt sind Fotos von dem Tag aufgetaucht - die den Gitarrengott als ganz normalen Reisenden zeigen. Von

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Der Sound Gottes: Jimi Hendrix beim Spielen zuhören
Jimi Hendrix war früh aufgestanden an diesem Tag. Sehr früh, schon gegen 7 Uhr morgens saß er im Foyer des Berliner "Kempinski Hotels" und wartete darauf, dass der Rest seiner Band und seine Tourmanager aus ihrem komatösen Tiefschlaf erwachten, um den Ablauf der folgenden Tage zu besprechen.

Es war Samstag, der 5. September 1970.

Jimi und seine "Cry of Love"-Band - bestehend aus Mitch Mitchell am Schlagzeug und seinem ehemaligen Armeekumpel Billy Cox am Bass - waren mal wieder auf kurzer Europa-Tournee. Seit sechs Tagen waren sie nun unterwegs. Eigentlich nicht der Rede wert, sie hatten schon viel strapaziösere Konzertreisen hinter sich gebracht. Viel Lust auf diesen kleinen Abstecher nach Europa hatte Jimi trotzdem nicht gehabt, er war müde vom ständigen Unterwegssein - doch die finanziellen Belastungen, die er sich mit dem Bau seines Tonstudios "Electric Ladyland" in New York aufgehalst hatte, zwangen ihn dazu. Die geplanten Stationen: Isle of Wight Festival, Stockholm, Göteborg, Århus, Kopenhagen, Berlin, Fehmarn, danach Wien, Paris und schließlich Rotterdam. Danach würde er dringend eine Pause brauchen, das war klar.

Das Konzert am Vortag in der Berliner Deutschlandhalle hatte Jimi nicht zufriedengestellt, außerdem ging es seinem Bassisten Billy von Minute zu Minute schlechter, nachdem ihm jemand auf einer Party in Göteborg die falschen Drogen ins Sektglas geworfen hatte. Während sich all die anderen am Vorabend an der Bar mit Hilfe von Alkohol und anderen Kleinigkeiten in den Orbit geschossen hatten, kümmerte sich Jimi lieber um seinen Freund und ging früh zu Bett.

20 Mark für puren Rock

Dabei hätte es sogar etwas zu feiern gegeben, denn am Tag zuvor war es sozusagen zur Kernfusion gekommen: Die große, von Fritz Rau organisierte "Super Concert ´70 Tournee" war aus Frankfurt kommend in Berlin durch Jimi Hendrix komplettiert worden, um nun weiterzuziehen nach Fehmarn - zum ersten wirklich großen Rockfestival auf europäischem Festland, dem "Love & Peace Open Air Festival". Die Teilnehmer dieser illustren "Reisegruppe": Jimi Hendrix mit seiner Band, Canned Heat, Ten Years After, Sly & The Family Stone, Procol Harum und viele mehr (der Eintritt zum kompletten Festival kostete damals an der Abendkasse übrigens gerade mal 20 Mark).

Die Tourmanager, die nun an diesem Freitag den Transfer der Herrschaften von Berlin auf eine schlammige Wiese auf Fehmarn organisieren mussten, konnten einem echt leid tun. Was für ein Stress! 30 Musiker, 20 Manager und eine Vielzahl an Journalisten. Bloß keinen verlieren!

Wir schreiben das Jahr 1970: Stretch-Limousinen oder riesige Nightliner-Busse, in denen man heutzutage manch bekannte Band hinter verdunkelten Scheiben durch die Lande kutschieren sieht, gab es damals noch nicht. Kleinere Bands, wie beispielsweise Embryo oder Amon Düül 2, fuhren im klapprigen VW-Bus durch die Lande - aber wie sollte man um Himmelswillen eine Gruppe von über 50 Rockern auf eine kleine Insel bugsieren? Es gab nur zwei Möglichkeiten: Flugzeug oder Bahn.

Vom Flughafen Berlin Tempelhof ging es also mit dem Flugzeug nach Hamburg - und dann per Bustransfer zum Hauptbahnhof, von wo aus die Musiker und ihre Begleiter schließlich mit dem Zug nach Puttgarden weiterfahren sollten. Luxuriöses Rockstardasein? Von wegen! Ewige Wartezeiten und nerviges Rumsitzen in Bahnhofshallen und Check-In-Bereichen, das war die Realität von Rockstars abseits der Bühnen.

Wie Michael Jackson ohne Gesichtsmaske

Jimi hatte sich oft inspirieren lassen von diesem Nichts, diesem Sturz vom gefeierten Superstar zum ganz normalen, wegen seines exotischen Aussehens angegafften Reisenden. Sein Song "Burning of the Midnight Lamp" war in einer solchen nicht enden wollenden Nacht auf dem Flughafen entstanden, und auch sein Blues "I hear my train a coming" erzählte diese Geschichte:

I'm waiting at the train station, waiting for my train. Take me away, take me away... from this lonesome town.

I'm gonna leave this town, gonna leave this town, go out on the road and be a magic boy, be a vodoo child. And then I'll come back and buy this town, and put it all in my shoe..."

Umständlicher, als Jimi Hendrix reisen musste, ging es also kaum - doch weil er sich eben nicht in der Strech-Limousine oder im Luxusbus fortbewegte, besitzen wir heute einige wunderbare, einzigartige Bilder, die den "ganz normalen" Jimi zeigen. Denn dankenswerterweise hatte damals auf der Reise von Berlin nach Fehmarn, kurz vor Jimis Tod, ein Begleiter eine Kamera dabei und machte einige Schnappschüsse.

Man muss sich das mal bildlich vorstellen: Da steht nun Jimi Hendrix, für einige der Superstar aus Amerika schlechthin, für andere ein "perverser Urwaldneger", der seine Gitarre vergewaltigt, hinter dem Hamburger Hauptbahnhof in der Sonne und wartet auf die Abfahrt seines Zuges. Das ist ungefähr so, als ob heutzutage Michael Jackson ohne Gesichtsmaske und Begleitschutz die U-Bahn-Linie 1 betritt, um zum Lattenkamp zu fahren und dann zur Sporthalle zu spazieren.

Zugeraucht im Zug

Als die Rocker schließlich den Weg zu den Gleisen gefunden hatten, gab es allerdings Probleme: Die Verantwortlichen der Deutschen Bahn weigerten sich, dieses bunte Völkchen in dem Zug mitfahren zu lassen. Rockmanager Gerd Augustin, der damals als Begleiter von Canned Heat dabei war, erinnert sich noch heute lebhaft daran. Er vermutet, dass das "unorthodoxe Aussehen" einiger Musiker an der Verweigerungshaltung der Bahner Schuld gewesen sei.

Jimis Tourmanager Gerry Stickells kennt den wahren Grund: Jimi wollte sich nach der durchwachten Nacht doch noch mal kurz hinlegen, also befleißigten sich seine Jungs, kurzerhand eines der noch verschlossenen Schlafabteile in dem bereitstehenden Zug aufzubrechen. Schließlich wollte Gott ruhen! Natürlich bekam der Zugbegleiter einen kleinen Tobsuchtsanfall, und - nun ja - nur nach Tabak wird es in dem besagten Abteil wohl auch nicht gerochen haben.

Die Reise drohte zur Tour de Force zu werden - doch wie durch ein Wunder bekam die Gruppe prominente Unterstützung. Gerry Stickel war sich sicher: Die alte Dame, die mit einem Telefonanruf dafür sorgte, dass der Zug doch noch alle Rocker mitnahm, musste die Frau vom Bahnchef sein, wer sonst hätte solche Kompetenzen gehabt?

Diesmal kennt Gerd Augustin die wahre Antwort: Es war die Gattin von Bundespräsident Lübke, die entsetzt war über das flegelhafte Benehmen der Bahnangestellten - und das alte Telefonbuch ihres Mannes half ihr dabei, die richtigen Leute zu erreichen. Mit Hilfe von oberster Stelle ging es also weiter nach Puttgarden: "And I hear my train a coming..."

Sie hätten sich nicht so beeilen müssen, Jimis Auftritt auf Fehmarn wurde später wegen katastrophalen Wetters auf den folgenden Tag verschoben, doch das ist eine ganz andere Geschichte.

Eines jedoch ist sicher: Es war die letzte Zugfahrt im Leben des Jimi Hendrix: Zwei Wochen später starb er in einem Londoner Hotel. Auf den Fotos von der Bushaltestelle deutet nichts auf diese Tragödie hin.

Anmerkung der Redaktion: In diesem Artikel wurden aufgrund von Hinweisen mehrerer einestages-Mitglieder nachträglich drei Korrekturen vorgenommen:

* Der geschilderte Tag war Samstag (nicht Freitag), der 5. September 1970.

* Jimi Hendrix starb zwei Wochen (nicht 19 Tage) nach dem Kurzstopp in Hamburg, nämlich am 18. September 1970.

* Bundespräsident Heinrich Lübke lebte zu diesem Zeitpunkt noch, seine Gattin war also nicht seine Witwe.

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insgesamt 15 Beiträge
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1.
Sascha Rudat 15.05.2008
Hallo, kleiner Hinweis: Der 5. September 1970 war ein Samstag...also, entweder Freitag, den 4. oder Samstag, den 5. Bin am 5.9.1970 geboren, daher... Gruß
2.
Frank Söhner 15.05.2008
Ein wenig mehr kritische Distanz wäre in einem Beitrag auf spiegel.de vielleicht ganz schön. Wenn jeder bekannte Musiker für seine Fans Gott ist, dann verstehe ich das zwar nicht, akzeptiere es aber in Fanforen. Hier könnte man aber vielleicht eine etwas differenziertere Betrachtung anstellen und Gott aus dem Spiel lassen.
3.
Volker Eichmann 15.05.2008
Hallo, Wilhelmine Lübke war allerdings 1970 noch lange nicht Witwe. Heinrich Lübke ist erst am 6.4.1972 verstorben.
4.
Olve Strelow 15.05.2008
>Hallo, > >kleiner Hinweis: Der 5. September 1970 war ein Samstag...also, entweder Freitag, den 4. oder Samstag, den 5. >Bin am 5.9.1970 geboren, daher... ja, stimmt! da ist wohl ein fehler im text. danke für den Hinweis!
5.
Olve Strelow 15.05.2008
>Ein wenig mehr kritische Distanz wäre in einem Beitrag auf spiegel.de vielleicht ganz schön. Wenn jeder bekannte Musiker für seine Fans Gott ist, dann verstehe ich das zwar nicht, akzeptiere es aber in Fanforen. Hier könnte man aber vielleicht eine etwas differenziertere Betrachtung anstellen und Gott aus dem Spiel lassen. Lieber Herr Söhner! Das Wort "Gott" kommt in diesem Artikel genau zweimal vor. Einmal in der Überschrift, und ein zweites Mal im Text. Diese Formulierungen stammen aus der Nachbearbeitung meines Textes durch die Einestages Redaktion. Ich persönlich sehe jedoch nicht den geringsten Grund, diese Formulierungen zu hinterfragen (auch wenn ich selber Jimi Hendrix nicht als meinen Gott bezeichnen würde). Ich wundere mich über ihre Verständnislosigkeit gegenüber des Gebrauchs des Wortes "Gott". Sehen Sie, es ist nicht so, daß Fans, die ihre Idole zuweilen als "Gott" bezeichnen, diese nun ins Gebet einschließen, oder eine real religiöse Beziehung mit ihm eingehen wollen, wie das vielleicht in der Kirche praktiziert wird. Vielmehr beschreibt diese Formulierung die tiefe Verehrung, Zuneigung und Dankbarkeit die man einem Künstler gegenüber verspürt. Was die kritische Distanz betrifft, so denke ich, daß eher dem Leser, den schon beim Lesen der Überschrift Unwohlsein überkommt, weil hier ein normaler Mensch mit dem lieben Gott, also wahrscheinlich mit dem, was dem Leser am heiligsten ist, verglichen werden soll, die kritische Distanz abhanden kommt, und er den ganzen Artikel unter einem falschem Eindruck liest.
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