Scharfrichter Johann Reichhart Henker im Dienst der Nazis

Er tötete schnell, effizient und ohne Gewissensbisse. Unter dem NS-Regime richtete Johann Reichhart im Akkord Verbrecher und Widerstandskämpfer hin, nach Kriegsende hängte er Nazis für die Alliierten. Bis an sein Lebensende glaubte er fest an den Nutzen der Todesstrafe.


Johann Reichhart fand keinen Schlaf. Voller Unruhe gab er schließlich auf. Mitten in der Nacht machte er sich auf den Weg, um seinen Gehilfen auf die Finger zu schauen. Im Arbeitshof des Landgerichtsgefängnisses Landshut hatten die beiden ganze Arbeit geleistet. Eine ordnungsgemäß zusammengebaute Guillotine erwartete Reichhart, als er den Platz in der Nacht vom 23. auf den 24. Juli 1924 betrat. Doch nur ein Test konnte ihn wirklich beruhigen. Ein Griff zum Sperrhebel und das Fallbeil sauste herunter - messerscharf und tödlich. Entspannt konnte sich Reichhart wieder zur Ruhe begeben. Am nächsten Morgen sollte er zum ersten Mal einen Menschen hinrichten. Zwar hatte Reichhart bereits mit Puppen und einer Leiche "geübt". Doch nun kam der Ernstfall.

Rupert Fischer hieß sein erster Todeskandidat. Zusammen mit seinem Kumpan Andreas Hutterer, der bald nach Fischer den Gang auf Reichharts Guillotine antreten sollte, war er wegen gemeinschaftlichen Mordes an seiner Frau zum Tode verurteilt worden. Am 24. Juli 1924 eskortierten Gefängnisbeamte, Polizisten und Henkersgehilfen Fischer auf seinem letzten Gang. Ein Schreiber des Gerichts verlas das Urteil, ein Geistlicher betete für den Delinquenten, schließlich fesselte man Fischer die Hände auf den Rücken. Nun ging alles ganz schnell: Am senkrecht stehenden Kippbrett schnallten die Henkersgehilfen Fischer fest, brachten ihn in eine waagerechte Position und positionierten ihn mit großer Präzision unter dem Fallbeil. Kaum war der Nackenbügel geschlossen, sauste bereits das überdimensionale Fallmesser aus zwei Meter Höhe hinunter. Reichhart hatte den Sperrhebel gelöst.

Fischers Kopf fiel in den bereitstehenden Korb, das Blut schoss hinterher. Holzspäne saugten es auf. Nun verhallte auch der Klang der Glocke, die seit dem Beginn der Hinrichtung unablässig geläutet hatte. Ein Arzt stellte den Tod fest, Johann Reichhart war erleichtert: Premiere bestanden. "Das Urteil ist vollstreckt!", verkündete der Henker. Etwa vier Minuten hatte das Ganze gedauert.

Der Staatsanwalt war zufrieden. Er beglückwünschte Reichhart herzlich zur "Feuertaufe". Und wünschte ihm "viel Erfolg" für die weitere "Karriere".

Henker aus Familientradition

Das blutige Handwerk war Johann Reichhart in die Wiege gelegt worden. Am 29. April 1893 erblickte der zukünftige Henker in einer winzigen Ortschaft nicht weit von Regensburg das Licht der Welt. Als Spross einer Dynastie von Scharfrichtern, in der die meisten männlichen Angehörigen seit dem 18. Jahrhundert ihren Lebensunterhalt als Henker verdient hatten - verachtet und gefürchtet von ihren Mitmenschen. Reichhart selbst schlug sich in jungen Jahren als Metzger, als Soldat im Ersten Weltkrieg, als Wirt und als Fuhrunternehmer durch - alles mit wenig Erfolg.

1924 kam das rettende Angebot: Sein Onkel Franz Xaver Reichhart war mit über 70 Jahren in den Ruhestand getreten. Nun sollte Johann in seine Fußstapfen treten. "Nachdem der bisherige Nachrichter pensioniert ist, ist die Stelle für Bayern frei geworden und ich möchte mich für das vormerken lassen", bewarb sich Reichhart im März 1924 für den Posten des Henkers, auch Nachrichter genannt.

Wenige Tage später schloss der zuständige Erste Staatsanwalt des Landgerichtsbezirks München I einen Vertrag mit Reichhart: "Ab 1. 4. 1924 übernimmt Reichhart die Ausführung sämtlicher in dem Freistaat Bayern zur Vollstreckung kommenden Todesurteile, soweit Vollstreckung durch Enthauptung mit dem Fallbeil erfolgt", wie der Buchautor Johann Dachs in seiner Biografie über Johann Reichhart aus Archivmaterial rekonstruierte. Der vereinbarte Henkerslohn: 150 Goldmark pro Hinrichtung plus "Aufwandsentschädigung und Übernachtungsgeld von täglich 10 Mark" bei Hinrichtungen "außerhalb". Für den Transport der "Fallschwertmaschine" inklusive Messer, die zentral im Gefängnis München-Stadelheim aufbewahrt wurde, konnte Reichhart weitere Spesen geltend machen.

"Dein Vater ist ein Kopfabschneider"

In seiner neuen, blutigen Profession "blühte" Reichhart auf. Er hatte den Ehrgeiz, der beste Henker Deutschlands zu werden. Ein Foto zeigt ihn in seiner - vorgeschriebenen - Berufskleidung: Ein edler Zylinder auf dem Kopf, ein schwarzer Gehrock, geschmückt mit einer perfekt sitzenden Fliege. Reichharts Blick ist fest und selbstsicher. Reichhart wusste, so Dachs, dass er ein Meister seiner Kunst war. Keiner richtete Todeskandidaten schneller hin als er. Von seinem Handwerk leben konnte er in der Weimarer Republik dennoch nicht - die Hinwendung der Richter zu humaneren Strafen machte ihm wirtschaftlich zu schaffen: "Meine letzte Vollstreckung war am 20. Januar 1928 in Kempten", klagte er dem bayerischen Justizministerium 1929. "Da nun seit Letzterem sämtliche Mörder, die zum Tode verurteilt, begnadigt wurden, war ich in meinen geschäftlichen Reisen so gehindert, daß ich manche Woche keinen Pfennig verdient habe." Bis 1928 hatte er "nur" 23 Menschen hinrichten können.

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Scharfrichter Johann Reichhart: Henker im Dienst der Nazis

Er versuchte sich erneut als Wirt und prahlte vor jedem, der es hören wollte, von seiner Karriere als Scharfrichter, davon, wen er hingerichtet habe und wie effizient und sachkundig er in seiner Profession sei. Von Reichharts fragwürdiger Leidenschaft für seinen Beruf waren seine Gäste und Mitmenschen bald außerordentlich verdrossen, wie Johann Dachs berichtet: "An jedem Bierglas, das du in der Hand hältst, klebt Blut", soll einer seiner Gäste Reichhart angefahren haben. Und auch die Kinder des prahlerischen Henkers litten unter seinem grausigen Beruf und seinem Geltungsdrang. "Dein Vater ist ein Kopfabschneider, Kopfabschneider", riefen die Schulkameraden ihnen hinterher.

Bald aber wurde Johann Reichhart ein gefragter Mann. Im Januar 1933 übernahmen die Nationalsozialisten die Macht - fähige Henker waren plötzlich begehrt.

Henker im Dienste des Regimes

Als die Hinrichtungsmaschinerie der Nationalsozialisten auf Hochtouren lief, mussten die Behörden für den nunmehr gefragten Scharfrichter tief in die Tasche greifen. Einen Opel Blitz erhielt Reichhart als Dienstfahrzeug, um sich und die Guillotine von Hinrichtungsstätte zu Hinrichtungsstätte zu transportieren: München, Stuttgart, Frankfurt, Weimar, Dresden, später auch Wien und Prag.

Der bald auch das Parteiabzeichen tragende Reichhart entwickelte die Hinrichtungstechnik mit Akribie und kalter Begeisterung weiter. Damit die Hinzurichtenden nicht mehr auf seiner Ansicht nach "entehrende" Weise mit einem Strick gefesselt werden mussten, erfand Reichhart die sogenannte "doppelte Kriminalpatentzange" - eine Fesselungsapparatur aus Metall. Ob die Todeskandidaten diese feine Unterscheidung zu schätzen wussten, ist fraglich. Um wiederum die Hinrichtungszeit zu beschleunigen, ließ er die Guillotine verändern. Eine fixe Bank ersetzte das alte Kippbrett, die Todeskandidaten mussten nun nicht mehr erst langwierig daran fixiert werden. Die Henkersknechte beugten die gefesselten Delinquenten nun schnell über die Bank - und schon schoss das Fallbeil hernieder. Etwa vier Sekunden dauerte die ganze Prozedur nur noch. Die Hinrichtung wurde zur optimierten Fließbandarbeit. Zehn bis zwanzig Menschen starben bisweilen pro Tag von seiner Hand - sein trauriger "Rekord" betrug 32.

Nur ein einziges Mal sollte der Meisterhenker Reichhart versagen. Mit einer fremden Guillotine hatte er 1940 in Wien einen Mörder hinzurichten. Der Todeskandidat lag bereits unter dem Fallmesser, alle Anwesenden hielten den Atem an. Reichhart zog den Hebel, das Messer sauste herab - nur um wenige Zentimeter vor dem Nacken des Mannes steckenzubleiben. Schockierte Gesichter überall. Bevor sich der Verurteilte allerdings Hoffnungen machen konnte, reagierte Reichhart. Er ließ das Seil mit dem Fallbeil wieder hochziehen ließ - und diesmal erfüllte es seinen grässlichen Dienst. Der Henker selbst war zutiefst verstört von dem Vorfall. Noch wochenlang zitterte er unkontrolliert.

"Sie leisten kriegswichtige Arbeit."

Ansonsten lief das "Geschäft" einwandfrei. Mörder und Pädophile, "Volksschädlinge" und Widerstandskämpfer wie die Geschwister Scholl - Johann Reichhart richtete sie alle hin. Jetzt verdiente er mit seinem Handwerk prächtig. 1943 bezog er ein festes Jahreseinkommen von 3000 Reichsmark, dazu kamen 35.790 Reichsmark Prämien für 764 Enthauptungen. Nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944 steigerte sich der Blutdurst des grausamen NS-Regimes abermals. Reichhart wurde nach Berlin beordert, um seinen dortigen Henkerkollegen zu unterstützen.

Ende Juli 1944 musste er jedoch wegen Überarbeitung eine Zwangspause einlegen: Reichhart und seine Gehilfen standen wortwörtlich bis zu den Knöcheln im Blut. Als sogar ihn angesichts der Massenmorde Gewissensbisse befielen, stärkte man ihm den Rücken: "Sie leisten kriegswichtige Arbeit".

Die "kriegswichtige Arbeit" endete mit der deutschen Kapitulation im Mai 1945. Mitte des Monats hämmerten die Gewehrkolben amerikanischer Soldaten gegen Reichharts Tür. "Verdammter Nazi", "Mörder" und "Bastard" verfluchten sie ihn.

So sehr die Alliierten ihn auch verachten mochten, sie hatten dennoch Verwendung für seine blutige Kunst. Bald tötete er auch in ihrem Auftrag: 156 Nazis starben durch Reichharts Hand am Strang.

Das Ende einer Familientradition

Nachdem die Alliierten keine Aufgaben mehr für ihn hatten, internierten sie Reichhart in einem Lager. Später musste er sich in einem Spruchkammerverfahren rechtfertigen. Scheinbar völlig frei von jeglichen Gewissensbissen verteidigte Reichhart sich, wie Johann Dachs zitiert, mit den Worten: "Ich habe Todesurteile vollzogen in der festen Überzeugung, dem Staat mit meiner Arbeit zu dienen und rechtmäßig erlassene Gesetze zu befolgen." Aufgrund seines schlechten Gesundheitszustandes wurde ihm eine Strafe erlassen.

3165 Menschen hat Johann Reichhart in 23 Jahren hingerichtet, davon rund 250 Frauen. 2805 waren es allein zwischen 1940 und 1945. In Deutschland gilt er als der meistbeschäftigte Henker in der Geschichte des Landes. Erst mit Inkrafttreten des deutschen Grundgesetzes am 23. Mai 1949 sollte die Geschichte der Todesstrafe in West-Deutschland enden - und mit ihr eine blutige Familientradition. Reichhart jedoch blieb unbelehrbar: Noch in den sechziger Jahren plädierte er für die Wiedereinführung der Todesstrafe.

Zum Weiterlesen:

Johann Dachs: "Tod durch das Fallbeil. Der deutsche Scharfrichter Johann Reichhart". Ullstein Taschenbuch, 2001, 165 Seiten.



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Andreas Schadl, 09.12.2013
1.
Nun ja, er stand in Diensten eines inzwischen (und wohl zu Recht) als Unrechtsregime bezeichneten Staates, viel schlimmer sind doch diejenigen, welche heute im Namen der Freiheit und der Demokratie, u.a. auch von deutschem Boden aus, mittels Drohnen morden...
Georg Schmidt, 09.12.2013
2.
der Deliquent verspürt nur einen kühlen Hauch im Nacken-so beschrieb der Erfinder die Giuttine ??? oder so, naja, das stand schon im 3.Band 0815-im 3.Reich sperrte der Gefängniswärter Gegner des 3.Reiches ein, nach 1945 eben die Nazis, nicht die Überzeugung tats, sondern die Pflichterfüllung eines deutschen Beamten wars wohl ! Schmidt Georg, Lollar
Wolfgang Funk, 10.12.2013
3.
Hört sich sehr schaurig an . Aber ganz ehrlich , was wäre denn , wenn die Todesstrafe wieder eingeführt würde ? Ich bin sicher , es würden sich genügend "Bewerber" finden , und , falls zugelassen , auch genügend interessierte Zuschauer !
Frank Rieger, 10.12.2013
4.
"3165 Menschen hat Johann Reichhart in 23 Jahren hingerichtet, davon rund 250 Frauen." - Warum wird der geschlechtsspezifische Unterschied immer so betont? Müssen Frauen besser "dran" sein? 3165 Menschen starben ... reicht dies denn nicht schon so aus?
Johannes Möller, 10.12.2013
5.
Im Artikel heißt es: "Erst mit Inkrafttreten des deutschen Grundgesetzes am 23. Mai 1949 sollte die Geschichte der Todesstrafe in West-Deutschland enden - und mit ihr eine blutige Familientradition." Das hört sich so an, dals sei nach dem 23. Mai 1949 in Westdeutschland niemand mehr hingerichtet worden. Das Grundgesetz galt aber nur für die deutsche Staatsgewalt. Viele Kriegsverbrecherprozesse gegen Nazis fanden auf anderer Grundlage statt. Gerade der Massenmörder Otto Ohlendorf wurde erst 1951 in Landsberg am Lech hingerichtet. Wenn es stimmt, dass Reichhart sein Henker war (was ich nicht weiß), dann war dessen Familientradition 1949 noch nicht zu Ende. Ob der Ausdruck, Reichhart habe Ohlendorf "am Strick baumeln lassen" diesem Portal angemessen ist, könnte vielleicht einmal überprüft werden.
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