Henri Nannen und Hans Habe "Freundliche Grüße von Feind zu Feind"

Sie beschimpften sich als "aufgeblasener Immigrant" und als "Nazi": Die Journalisten Henri Nannen und Hans Habe lieferten sich im Nachkriegsdeutschland eine erbitterte Medienschlacht - bis Hildegard Knef eingriff.

Von Henning Röhl


Sie gehörten zu den journalistischen Urgesteinen im Nachkriegsdeutschland: Henri Nannen, Gründer, Chefredakteur und schließlich Herausgeber des "Stern", sowie Hans Habe, ursprünglich österreichisch-ungarischer Journalist und Romanautor mit US-Pass. Aber beide Journalisten verabscheuten einander - und sollten dennoch Freunde werden. Zumindest eine Weile lang.

Sie waren grundverschieden: Nannen, für seine cholerischen Temperamentsausbrüche berüchtigt, aber bewundert wegen seines Gespürs für Themen. Habe, Journalistenblut in den Adern, bienenfleißig und zugleich erfolgreich als Autor von Unterhaltungsromanen. Zugleich waren die beiden Männer berufliche Konkurrenten: Habe zeitweilig als Chefredakteur der "Neuen Münchener Illustrierten", Nannen konstant als Seele des erfolgreicheren "Stern". Ob sie auch Konkurrenten um die Gunst der schönen Hildegard Knef waren, lässt sich nicht mehr vollständig aufklären. Beide kannten die Diva jedoch gut. Auch bei ihr war Nannen erfolgreicher.

Habe, dessen Autorenname auf das Kürzel seines ungarischen Familiennamens Janos (deutsch: Hans) Békessy - also H. B. - zurückgeht, war es, der Nannen im "Stern" zu einer der bösartigsten Polemiken der deutschen Nachkriegspublizistik inspirierte. Selbst Herrmann Schreiber, Nannens ansonsten durchaus wohlgesonnener Biograph, nannte diesen Ausfall einen Artikel "von schwer zu überbietender Bösartigkeit".

Scheidungsdrama mit Folgen

Der Anstoß zu diesem Artikel kam von der vierten von Habes insgesamt sechs Ehefrauen - der deutschen Schauspielerin Ali Ghito. Vor seiner Emigration war Habe kurz mit ihr liiert gewesen. Sie war in Berlin geblieben, hatte in Ufa-Filmen mitgespielt, soll in dieser Zeit Beziehungen mit Nazigrößen gehabt haben. Nach Ende des Kriegs hatte Habe, inzwischen US-Major, seine alte Liebe ausfindig gemacht und 1946 in Luxemburg geheiratet. Die Beziehung war jedoch bald wieder erkaltet - angeblich, weil Habe von den Berliner Abenteuern seiner Angetrauten erfahren hatte. Tatsächlich wohl auch, weil er sich in Los Angeles in die Schauspielerin Eloise Hardt verliebt hatte. Mit ihr hatte er Ehe Nummer fünf geschlossen, dieses Mal in Mexiko. Zuvor hatte er sich dort von Ghito scheiden lassen - nicht ahnend, dass die Trennung in Deutschland nicht rechtsgültig war.

Ghito klagte gegen Habe wegen Bigamie und packte beim "Stern" aus: Für Nannen eine tolle Gelegenheit, dem Widersacher eins auszuwischen. Am 1. Juni 1952 erschienen dann im "Stern" Ghitos Angriffe gegen Habe, eingeleitet vom Chefredakteur persönlich: "Die am buntesten schillernde Seifenblase des politischen Nachkriegslebens in Deutschland ist geplatzt", begann Nannen. "Hans Habe, alias Janos Bekessy", "galizischer Immigrant" und "amerikanischer Propagandamajor" habe "nach vielen Jahren der Aufgeblasenheit plötzlich die Luft auslassen müssen." Nannens Feder strotzte von Giftigkeit. Es sei nichts als "galliger Speichel, der aus diesem Maule troff", wenn es darum gehe, "das Vorleben jedes Menschen zu begeifern, der im Dritten Reich irgendwann einmal einen Türsteherposten bekleidet hat".

Das Wort vom "galizischen Immigranten" saß. Jeder wusste, was gemeint war: Die weniger assimilierten, sogenannten "Ostjuden" der Vorkriegszeit kamen oft aus Galizien. Und "Immigrant" war in der unmittelbaren Nachkriegszeit noch ein Schimpfwort.

Zwangslösung im Hotelzimmer

Zwei Welten und Lebensgeschichten prallten hart aufeinander: Habe stammte aus einer gutbürgerlichen ungarischen Familie und war, wie auch sein Vater, protestantisch getauft. Er musste emigrieren, kämpfte in der französischen Armee, mit viel Glück gelang ihm die Flucht aus dem besetzten Frankreich. Nannen hingegen hatte auch Kriegsberichte für die Deutsche Wehrmacht geschrieben. Er war im Nachkriegsdeutschland erfolgreich. Habe hingegen scheiterte als Chefredakteur der "Neuen Münchener", dann beim "Echo der Woche". Wohl auch, weil ihm viele Anzeigenkunden seinen Kampf gegen die allzu schnelle gesellschaftliche Rehabilitierung von Nazigrößen verübelten.

Höhepunkt der "Stern"-Polemik, mit der Nannen über Habe herfiel, war ein abgewandeltes Karl-Kraus-Zitat: "Hinaus aus Deutschland mit dem Schuft!" Voll Eifer hatte Kraus im Wien der zwanziger Jahre gegen den Boulevardzeitungsgründer Imre Békessy gekämpft - Habes Vater. Immer wieder beendete Kraus seine Lesungen und Artikel mit der Forderung: "Hinaus aus Wien mit dem Schuft!" Er siegte: Unter Druck verkaufte Békessy 1926 sein Zeitungshaus und zog sich nach Budapest zurück.

Weil Habes Versuche, gerichtlich gegen den "Stern" vorzugehen, erfolglos blieben, rächte er sich mit einer Passage über Nannen in seinem Buch "Our Love Affair with Germany", das 1953 in den USA erschien. Als "früherer Nazi" wurde Henri Nannen darin charakterisiert. Die Lebensgeschichten von verurteilten Naziverbrechern seien eine besondere Spezialität des "Stern", fügte Habe hinzu. Nun mobilisierte Nannen seine Anwälte und erwog Gegenmaßnahmen.

Der Streit der beiden Alphatiere wurde schließlich im Frühjahr 1954 von Hildegard Knef vorläufig beendet. Sie kannte Habe aus Hollywood, mit Nannen war sie mehr als nur befreundet. Anlässlich eines Besuchs in Hamburg lud sie beide Streithähne, ohne den je anderen davon zu informieren, in ihr Appartement ins Hotel "Atlantic". Nannen war als erster da. Als zu seiner Überraschung auch Habe in der Tür erschien, forderte die Diva beide Kampfhähne auf, "vernünftig" miteinander zu sprechen, verließ den Raum - und schloss von außen ab.

"Ein unlösbares Rätsel"

Ihr Überraschungscoup gelang: Die Alleingelassenen formulierten handschriftlich auf Hotelpapier ihren "kleinen Atlantikpakt", um den Streit endlich beizulegen. Nannen hielt fest, dass "die seinerzeit von mir gegen Herrn Habe erhobenen Vorwürfe einer tatsächlichen Grundlage entbehrten". Habe räumte ein, dass die von ihm "gegen Herrn Nannen erhobenen Behauptungen nicht den Tatsachen entsprechen". Zunächst wurde der Pakt in der Münchener "Abendzeitung" abgedruckt, weitere Zeitungen zogen nach.

Die Freundschaft brauchte Zeit. Man schrieb sich gelegentlich als "sehr geehrter Herr" an, hatte jedoch wenige Berührungspunkte, auch wenn man neugierig aufeinander war: Habe, weil der "Stern" sich zur wichtigsten deutschen Illustrierten entwickelte - er suchte immer journalistische Bühnen. Nannen, weil der Autor mit amerikanischem Pass immer erfolgreicher wurde - er wollte ihn als "Stern"-Autor gewinnen.

Wie langsam und holprig sich die Annäherung der beiden Alphatiere vollzog, ist detailliert ihren diversen Briefwechseln zu entnehmen, die das Landesarchiv Berlin im Nachlass Hans Habe aufbewahrt: Im März 1957 schickte Nannen Habe etwa ein persönliches Schreiben, in dem er ihm ein Buch empfahl, das im "Stern"-Verlag erschienen war. "Freundliche Grüße von Feind zu Feind", war dieser Brief handschriftlich unterzeichnet. "Sie irren sich: von Feindschaft ist keine Rede", schrieb Habe zurück, "Versöhnungen meine ich wörtlich." "Stern"-Autor wurde Habe zunächst dennoch nicht. Ihm waren nach den öffentlichen Auseinandersetzungen Skrupel gekommen: "Weder in Ihrem, noch in meinem Interesse wäre es, den alten Leser vor ein so unlösbares Rätsel zu stellen."

Nur langsam, über Jahre hinweg, taute das Eis zwischen den Journalisten allmählich. Nachdem Habes Roman "Ilona" erschienen war, schrieb Nannen ihm im Mai 1960, es sei "ein großartiges Buch". Habe antwortete mit einer Beschwerde über die Hamburger "Zeit" und deren Feuilletonchef Rudolf Walter Leonhard. Die Presse überschlage sich mit positiven Kritiken, "nur 'Die Zeit' hüllt sich 'Ilona' gegenüber in tiefes Schweigen". Als die "Zeit" das Buch drei Monate später dann doch - wenig gnädig - zur Kenntnis nahm, antwortete Nannen auf die Rezension mit einer scharfen Attacke: "Wenn hier einer Vorbehalte hat, dann scheint es mir Herr Leonhardt zu sein, dessen geistiger Hochmut - verbunden mit einem gewissen Armeleutekomplex - mir schon hin und wieder auf die Nerven gefallen ist."

Der Admiral und sein Kapitän

Die Freundschaft wurde gepflegt, man besuchte sich gegenseitig und verschickte kleine Aufmerksamkeiten. Habe empfahl seinem norddeutschen "Freund" den besten Sliwowitz- und Barack-Destillator in der Steiermark. Nannen versuchte weiterhin, Habe als Autor zu gewinnen: "Ich höre, Sie hätten einen Roman für 100.000 Mark an die 'Quick' verkauft", schrieb er indigniert im Februar 1962. Habe antwortete, dass eine Leseprobe des neuen Romans "Die Gräfin Tarnowska" der "Stern"-Redaktion vorgelegen hätte - sie habe nur nicht gewollt.

Er bot Nannen an, ihm den Roman für "den Ausnahme-, Familien- und Occasions-Preis von Deutscher Mark 100.000" zur Verfügung zu stellen - und Nannen nahm an: "Wir werden den Namen Habe in 1,6 Millionen Exemplaren für mehr als 13 Millionen Leser so groß drucken, dass der Roman wirklich ein großer und nachhaltiger Erfolg wird."

So wurden dank des "kleinen Atlantikpakts" zwei Feinde zu Freunden. "Ich habe mir eine Geliebte angeschafft, und Sie wissen, was das für einen alternden Mann bedeutet", berichtet Nannen in die Schweiz. "Die Geliebte ist weiß und liegt im Hafen von Travemünde." Sie grüßten sich vom "Kapitän" zum "Admiral". Der eine schipperte auf der Ostsee, der andere auf dem Lago Maggiore. Hans Habe wurde "Stern"-Autor.

Es blieb jedoch keine Freundschaft auf Dauer. Nur wenige Jahre später entwickelte sich Henri Nannen zu einem der eifrigsten Apologeten der neuen Ostpolitik von Willy Brandt. Hans Habe hingegen war als Kolumnist vor allem der "Welt am Sonntag" einer der schärfsten Kritiker dieser Politik. Und so waren am Ende trotz allem die alten Fronten wieder hergestellt.



insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Joachim Freitag, 27.12.2013
1.
Schmuddelstories noch einmal zum Schmuddeln aufgewärmt? Wen - who the fuck - interessiert denn Nannen, beim besten Willen, so ein ignoranter Ostfriese, der sich einen hamburger Blähbauchzulegte und in seiner Provinzialität vergaß, dass es noch mehr als ihn zwischen Himmel und Erde gibt. Intelligenz äußert sich anders, das blieb ihm fern.
Archibald Douglas, 27.12.2013
2.
Diese Geschichte war mir bisher noch unbekannt. Je mehr man liest über die damalige Zeit, um so deutlicher zeigt sich, wie tiefe Spuren der Nationalsozialismus in den bundesdeutschen Institutionen hinterlassen hat - staatlichen wie privaten, Wirtschaft, Medien, Justiz, Politik. Der "Stern" also auch. "Galizischer Immigrant" nannte der "Stern" mit klar antisemitischer Zielrichtung den Emigranten Hans Habe. Jetzt wird auch klarer, warum Nannen unbedingt die Hitler-Tagebücher in seinem Blatt haben wollte. Ekelhaft.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.