Das Mörderhotel des Henry Howard Holmes Bett, WC, Gaskammer

Tagsüber war er ein freundlicher Hotelier, nachts zog Henry Howard Holmes mordend durch die Gästezimmer. Erst tötete er Frauen mit Gas, dann schleppte er sie auf einen Eisentisch - und griff zum Skalpell.

AFP

Das Fest der Liebe stand vor der Tür. Aus diesem Grund dekorierte Julia Conner am Heiligen Abend 1891 im Hotelzimmer ihrer Freundin Sylvia Crowe einen Tannenbaum. Zusammen hängten die zwei Frauen Schmuck an die Äste und verpackten Geschenke. Alles sollte perfekt sein, wenn Julias achtjährige Tochter Pearl zur großen Bescherung am nächsten Morgen aufwachte.

Ein paar Zimmer weiter bereitete sich der Besitzer des Hotels ebenfalls auf den Abend vor. Henry Howard Holmes arrangierte Messer, Sägen, Nadeln, Haken und Bohrer. Einen Tisch bedeckte er mit einem weißen Tuch. Schließlich stellte Holmes noch einen Behälter mit Chloroform in Griffweite. Geduldig wartete er, bis Julia Conner nach den Weihnachtsvorbereitungen in ihre eigenen Räume zurückgekehrt war - und lockte sie dann in sein Horrorkabinett.

Schnell presste er der Frau ein mit Chloroform getränktes Tuch aufs Gesicht. Als sie das Bewusstsein verloren hatte, tränkte er ein weiteres Stück Stoff mit dem Betäubungsmittel - und schlich sich in das Zimmer ihrer schlafenden Tochter Pearl.

Am nächsten Morgen suchte Sylvia Crowe nach ihren Freundinnen. Die beiden seien spontan abgereist, antwortete Holmes.

"Ein Kaninchen, dem man das Fell abgezogen hatte"

Sein Gehilfe Charles Chappell sollte bald in den Kellergewölben zu sehen bekommen, was Holmes in Wirklichkeit mit der wehrlosen Conner angestellt hatte. "Der Leichnam erinnerte an ein Kaninchen, dem man das Fell abgezogen hatte", sagte er später aus. Die Überreste der kleinen Pearl sollten Polizisten erst Jahre später entdecken, als Holmes' Geheimnis gelüftet wurde - und die Öffentlichkeit die Bestie kennenlernte, die hinter der Fassade des sympathischen Hoteliers gelauert hatte.

Bereits während seiner Kindheit auf einer Farm in New Hampshire hatte Holmes kleine Tiere gefangen und bei lebendigem Leib aufgeschnitten. Seine strenggläubigen Eltern erzogen den am 16. Mai 1860 als Herman Webster Mudgett geborenen Sohn vor allem mit dem Rohrstock. Wenn er nicht in einer Kammer auf dem Dachboden eingesperrt war, entwickelte Mudgett kleine Apparate. Zum Beispiel eine Maschine, die mit ihren Geräuschen Vögel von den Feldern vertrieb.

Trotz seiner technischen Begabung entschied sich der Bauernsohn 1882 für ein Medizinstudium an der Universität von Michigan. Seine unnatürliche Begeisterung für Anatomie ermöglichte ihm immerhin einen durchschnittlichen Abschluss. Weil er als Kleinstadtarzt aber kaum etwas verdiente, verkaufte der Soziopath als Vertreter an der Haustür Bücher, arbeitete als Wärter in der Psychiatrie und leitete eine Zeit lang sogar eine Schule. 1886 beschloss er, in der aufstrebenden Metropole Chicago sein Glück zu suchen.

Fensterlose Zimmer, Treppen ins Nirgendwo

Sein erster Weg führte den Neuankömmling, der sich - samt erfundener Promotion - bald nur noch Dr. Henry Howard Holmes nannte, in den Stadtteil Englewood. Dort stellte ihn die Ehefrau des schwerkranken Apothekers Everett Holton in ihrer Drogerie an. Vor allem bei Frauen war der gut gekleidete, selbstbewusste Verkäufer mit den strahlend blauen Augen äußerst beliebt. Bald nach dem Tod von Mr. Holton hieß es, seine Witwe habe Holmes die Drogerie verkauft. Als die Leute fragten, wo die alte Dame geblieben sei, antwortete der neue Eigentümer nur, sie besuche Verwandte in Kalifornien….

Mit den Einnahmen aus der Drogerie und zahlreichen Hypotheken begann Holmes bald mit dem Bau eines großen Wohnkomplexes auf dem Nachbargrundstück. Allerdings gingen die Arbeiten schleppend voran. In immer kürzeren Abständen wechselte der Bauherr die Handwerker aus. Niemand sollte die eigenartige Bauweise des Hauses bemerken, das Holmes selbst entworfen hatte: Zimmer ohne Fenster und Treppen, die ins Nirgendwo führten. Dazu einen luft- und schalldichten Raum, in den über eine Düse Gas geleitet werden konnte. Eine versteckte Rutsche verband den ersten Stock mit dem Keller, wo die Arbeiter tiefe Gruben ausheben mussten. Stolz nannte Holmes das Haus nach der Fertigstellung seine "Burg".

Während oben Wohnungen eingerichtet wurden, sah der Bauplan unten Geschäfte vor. Junge Frauen sollten dort Arbeit finden. Vorsorglich erwarb Holmes große Mengen an Chloroform. "Manchmal verkaufte ich ihm neun-, zehnmal die Woche davon, und jedes Mal in großen Mengen", zitiert Holmes' Biograf Erik Larson einen Drogisten. "Ich habe ihn öfter gefragt, wofür er das Gas brauchte, aber er konnte mir keine zufriedenstellende Antwort geben." Bald fiel den Bewohnern der "Burg" der intensive Geruch von Chemikalien auf, der bisweilen durch die Flure des Gebäudes wehte. Zwei Männer blieben Holmes aus der Zeit des Baus verbunden. Sein Präparator Chappel und ein weiterer Handlanger namens Benjamin Pitezel. Das Trio hatte viel zu tun.

Je mehr Mieter in das Schreckenshaus einzogen, desto mehr Vermisstenanzeigen gingen bei der Polizei von Chicago ein. Verzweifelte Eltern schrieben Holmes Briefe mit der Frage, wo ihre Kinder geblieben seien. Dennoch verdächtigte niemand ihn selbst des Mordes - nicht einmal die überlebenden Bewohner. Schließlich verschwanden jedes Jahr zahlreiche Menschen in der riesigen Stadt.

Im Schlaf erstickt

Bald verfiel Holmes auf eine neue Methode, um noch mehr Opfer in sein Haus zu locken. 1890 wurde bekannt, dass Chicago die große Weltausstellung von 1893 ausrichten sollte. Millionen Menschen würden die Stadt besuchen, darunter Tausende alleinstehender Frauen, die eine Unterkunft benötigten. Wieder ließ Holmes Arbeiter anrücken, die das Gebäude in ein Hotel umbauten. Für den Keller erwarb der zukünftige Hotelier einen Ofen. Beim Aufbau wunderten sich die Monteure weder über die gewaltigen Ausmaße des Kellers noch über den merkwürdigen Eisentisch mit seinen vielen Lampen. Auch der eigentliche Zweck ihrer Arbeit war ihnen anscheinend unklar. "Eigentlich unterschied sich der Ofen kaum von einem Krematorium", gab später ein Handwerker zu Protokoll.

1895 wurde Holmes des Mordes an Benjamin Pitezel für schuldig gesprochen.
Toronto News

1895 wurde Holmes des Mordes an Benjamin Pitezel für schuldig gesprochen.

Derartig vorbereitet begann Holmes ein regelrechtes Blutbad, als die Weltausstellung am 1. Mai 1893 öffnete. Einsame Frauen waren bei Holmes stets willkommen, Männer erhielten die Auskunft, dass das Haus leider ausgebucht sei. In manchen Nächten zog der Soziopath dann mordend durch die Gänge. Entweder sperrte er die Opfer in die Gaskammer und berauschte sich an ihrem qualvollen Tod. Oder er schlich in das Zimmer eines Gasts und erstickte sie im Schlaf. Manchmal weidete Chappell die malträtierten Leichen aus, ihre Skelette verkaufte Holmes dann für viel Geld an Universitäten. Andere Körper schmiss er in Gruben mit Ätzkalk oder verbrannte sie im Ofen.

Nach Monaten des Mordens musste der Psychopath Chicago im Herbst 1893 Hals über Kopf verlassen. Gläubiger setzten ihm zu, die Angehörigen der Vermissten suchten immer energischer. Knapp ein Jahr später wurde Holmes schließlich in Philadelphia verhaftet. Er hatte seinen Spießgesellen Pitezel ermordet, um dessen Lebensversicherung kassieren zu können. Nebenbei erfüllte er sich damit einen lang gehegten Wunsch, wie der Killer später bekennen sollte: "Es sollte klar sein, dass ich seinen Tod seit der ersten Stunde unserer Bekanntschaft geplant hatte".

"Ich bin mit dem Teufel in mir geboren"

Vor allem beschäftigte die Behörden aber die Frage, wo Pitezels drei Kinder Alice, Nellie und Howard waren, die in Holmes' Begleitung gesehen worden waren. Dem mit der Untersuchung beauftragten Detektiv Frank Geyer kamen schnell Zweifel an der Geschichte des Hochstaplers, dass er nichts über den Verbleib der drei wüsste. "Holmes neigt dazu, seine Lügen mit blumigen Phrasen auszuschmücken und all seine Geschichten sind mit pompösem Beiwerk drapiert", schrieb der Ermittler später in seinen Erinnerungen.

Unermüdlich suchte Geyer im ganzen Land. Alice und Nellie fand er schließlich verscharrt im Keller eines Hauses in Toronto, Howard hatte Holmes im US-Bundesstaat Indiana umgebracht. Hiervon alarmiert, tat die Polizei von Chicago, was sie schon längst hätte tun sollen und stürmte das Mörderhotel. Im Keller fand sie die Hinterlassenschaften von Holmes' bestialischen Neigungen: die Gaskammer, einen blutverkrusteten Operationstisch, Säurefässer und die Überreste zahlreicher Ermordeter.

Angesichts der erdrückenden Beweislast sprach ein Geschworenengericht Holmes schuldig. Am 7. Mai 1896 wurde das Urteil vollstreckt. Traurig hatten ihn selbst seine Wärter auf das Schafott geführt. Mit seinem Charme, der zahlreichen Frauen zum Verhängnis geworden war, hatte er auch die Vollzugsbeamten eingewickelt - obwohl Holmes immerhin 27 Morde gestanden hatte. Wahrscheinlich war ihre tatsächliche Zahl viel, viel höher.

Reue hat Holmes nie empfunden. "Ich bin mit dem Teufel in mir geboren", rechtfertigte er sich vor seinem Tod. "Ich konnte nichts dagegen tun, dass ich zum Mörder wurde, so wenig wie ein Dichter etwas dagegen tun kann, dass die Muse ihn zum Singen verführt."

Sein mörderisches Hotel hat der Serienkiller lediglich um ein paar Monate überlebt. Im Sommer 1895 stand das Gebäude in Flammen - Brandursache unbekannt.



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Stefan Volakis, 28.07.2015
1. Klingt wie die Serie
Wenn man es nicht besser wüsste könnte man es für einen Horror-Roman halten. Unglaublich, dass so etwas wirklich passiert ist.
Sebastian Wiemann, 28.07.2015
2. Mit dem Rohrstock erzogen und eingesperrt
Zitat: "Oder er schlich in das Zimmer einer Gästin und erstickte sie im Schlaf." Ist das nicht ein bißchen krumm? Liebe Gäste und Gästinnen. :) Also da scheint der Sprachfeminismus erste Opfer zu fordern. Davon abgesehen wird in diesem Artikel aber immerhin auf die grausame Erziehung dieses Menschen hingewiesen. Mithilfe seiner sadistischen Verbrechen konnte sich der erwachsene Mann seine verdrängten Kindheitsleiden weiterhin vom Leib halten, sein kindliches Opfersein verdrängen. Daß er schon als Kind Tiere gequält und getötet hat, spricht eine eindeutige Sprache über die traurige Realität dieses Kindes. Man scheut sich aber immer noch hinter den grausamen Taten von erwachsenen Menschen den Sinn zu sehen, der in ihnen steckt. Wenn er vornehmlich Frauen tötete, wird er wahrscheinlich von seiner Mutter stark mißhandelt worden sein. Auch George W. Bush quälte übrigens in seiner Kindheit Tiere. Er sagte über seine Kindheit und Mutter sinngemäß: Ich wurde häufig von meiner Mutter geschlagen. Sie wurde die Bezwingerin in unserer Familie genannt. - Tja, wird da jemand einen Zusammenhang zu Guantanamo und den forcierten Folterpraktiken sehen? Leider wollen die meisten Menschen nicht wissen, wie das Böse im Menschen entsteht, und man doktert weiterhin hilflos an den Problemen auf der Welt. Dabei wäre vieles einfacher, wenn man sich mehr auf eine gewaltfreie Kindererziehung konzentrieren würde.
karl mangeder, 29.07.2015
3.
Hätten seine strenggläubigen Prügel-Eltern sich besser um ihren Sohn gekümmert und sein unsoziales Verhalten frühzeitig erkannt und behandelt, hätte die Geschichte ganz anders verlaufen können.
Tony Permaneder, 29.07.2015
4.
Unglaublich geschmacklos und reißerischer Text, das hat nichts mehr mit Journalismus zu tun. Das habe ich im SPIEGEL nicht erwartet. Geben Sie bitte wenigstens Ihre Bildquellen an.
Hans Lemmuh, 29.07.2015
5. Da fehlt aber was...
Da fehlt aber ein wichtiger Punkt in Mudgetts Werdegang. Bereits während seines Medizinstudiums betrieb er in großem Maßstab Versicherungsbetrug indem er auf fiktive Personen Versicherungen abschloss und ihr Ableben dann mit Leichen aus dem Institut belegte. Es gibt vermutungen, dass er zu diesem Zeitpunkt bereits mordete um an ordentliche Leichen heranzukommen.
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